Sep 082015
 

mann_ueber_wort_metal_iconVorwurf: „Ihr Metaller seid total intolerant und akzeptiert keinen anderen Musikgeschmack!“

Antwort: Ganz simpel – es gibt unter den Metalheads Starrköpfe und Aufgeschlossene. So wie überall. Punkt.

Metaller sind auch nur Menschen. Das ist Fakt. Und es gibt unter ihnen, wie schon in Lektion 2 angedeutet, wie in jeder anderen Bevölkerungsgruppe, natürlich auch die Starrköpfe/Puristen/Extremisten/Scheuklappenträger, die absolut gar nichts anderes als Metal – im Extremfall sogar nur eine einzige Spielart des Metal – gelten lassen. Keine Frage.

Ich kann mich noch an die große Zeit des Thrash Metal erinnern, als die „echten“ Thrasher teilweise verächtlich auf die Anhänger der nicht ganz so heftigen, „softeren“ Metal-Genres herabschauten. Bei so manchem Death Metal-Spezialisten sah es da nicht anders aus. Von reinen Black Metal-Jüngern will ich hier gar nicht reden… NOCH nicht.

Aber: es gibt – wie anderswo – eben auch die Aufgeschlossenen.

Es gibt z.B. solche, die innerhalb des Metal-Genres flexibel sind, was ja auch schon ein nicht gerade schmales Spektrum abdeckt. Und Metal, wie ich schon erwähnte, ist inzwischen ein noch weiteres Feld als noch vor 20, 30 Jahren. Und auch wenn mir da vielleicht der eine oder andere widersprechen wird: nach meiner Erfahrung schert sich ein Großteil der Metalheads relativ wenig um das jeweilige Subgenre-Etikett, das auf eine Band gepappt wurde, und ist durchaus mehreren Genres des Metal zugetan. Beim einen oder anderen kommt bzw. kam das erst mit der Zeit, aber das tut nicht wirklich was zur Sache. Gehört wird, was gefällt, das Etikett ist ziemlich schnuppe.

Ein Blick auf das jeweilige Billing des inzwischen im ganzen Universum berühmten Wacken Open Air und das dort stattfindende kollektive Abfeiern doch sehr unterschiedlich ausgerichteter Bands aus dem Metal-Lager mag auch als positives Beispiel dafür gelten, dass der Metal zwar relativ klar in Kategorien aufgeteilt ist, diese aber für die Hörerschaft unter’m Strich nicht unbedingt ideologisch bindend sind. Ausnahmen bestätigen wie üblich die Regel.

WACKEN, GERMANY, 2010

Wacköööön! Nächtliche Stimmung beim Wacken Open Air 2010.

Dann gibt es auch solche, die auch ganz anderen, teils sogar auch eher unrockigen Musikgenres gegenüber ein offenes Ohr haben – diese sind allerdings zugegebenermaßen unter den Metalheads nicht allzu häufig anzutreffen.

Und dann gibt es noch diejenigen, die sich offen und gerne zum Metal bekennen, die sich aber insgesamt als Rockfans betrachten und keine Probleme damit haben, Metal, Punk, Grunge, Alternative und sonstige Ausprägungen der heftigen Stromgitarrenmusik – natürlich nicht ohne persönliche Schwerpunkte – zu schätzen, und die das Motto „Geil ist es dann, wenn’s rockt!“ über Genregrenzen stellen.

Ach ja, falls Sie mitlesen, Sie wollen ja wohl hoffentlich nicht behaupten, dass es unter den auf Punkrock geeichten Hörern keine Intoleranz gibt, oder, Herr Dale? 😉

Ich kenne unfassbar sture Metalheads. Und ich kenne hoffnungslos sture Techno-Fans. Ich kenne verbissen sture Schlagerhörer. Ich kenne verdammt sture Hip-Hopper. Und ich kenne äusserst sture Punks. Eingeschränkter musikalischer Horizont bzw. eng gesteckte Geschmacksgrenzen sind keinesfalls auf die Metal-Szene beschränkt.

Ich selbst zählte in grauer Vorzeit zu jenen, die innerhalb des Metal durchaus flexibel waren. Ich hatte „damals“ keine großen Probleme damit (und habe heute noch weniger), z.B. melodischen Stoff wie Iron Maiden, progressives Hirnfutter wie Dream Theater, Thrash Metal wie Slayer, Death Metal a la Obituary und „Rollenspieler-Metal“ 😉 wie Blind Guardian in beliebiger Mischung und Reihenfolge in mich aufzusaugen.

Andere Gitarrenmusik-Genres gingen mir aber links wie rechts am Allerwertesten vorbei (Grunge habe ich damals ausschließlich als unverschämten Angriff schlapper Schrammel-Gitarristen auf mein geliebtes Schwermetall empfunden – was soll ich sagen, ich war jung…). Scheuklappen halt.

Heute zähle ich klar zur Sorte „Hauptsache, es rockt!“ Die Mischung ist eine andere, bzw. eine erweiterte.

Incubus und Rage Against The Machine gemischt mit Slayer, einer Prise Kraftklub nebst einer großen Portion Slipknot nebst Green Day und Foo Fighters garniert mit einem Spritzer Deftones und abgewogenen Beatsteaks mit etwas Korn und einem Löffel Judas Priest nebst einer Messerspitze Rise Against und als Dessert Lamb of God mit Machine Head… kein Problem. Früher wäre es eines gewesen.

Ich liebe Metal nach wie vor, bin aber anderen Rock(!)-Genres gegenüber offen – und froh darüber, weil mir sonst doch einiges an guter Rock(!)-Musik durch die Lappen gegangen wäre, und meine eigene musikalische Weiterentwicklung sicher gelitten hätte.

Die Tatsache, einer Band wie Noisegate bzw. Soultrip angehört zu haben, die eine kontinuierliche musikalische Evolution durchmachte und stilistisch stets für Experimente offen war, und heute Teil einer „etwas anderen“ Coverband wie Green Ink Machine zu sein und dazu zu 100 Prozent stehen zu können, habe ich nicht zuletzt dem Umstand zu verdanken, meine Wurzeln nie verleugnet, aber auch irgendwann damit begonnen zu haben, mal über den Tellerrand zu schauen – und teilweise positiv überrascht zu sein, was sich da alles so tummelt.

Nichtsdestotrotz: Metal wird immer ein Teil von mir sein, und ich werde diese Musik immer lieben. Zu den konkreten Gründen kommen wir später noch. Und ich gestehe, dass meine Sympathien sich im Zweifelsfall stets Richtung Metal neigen.

Deshalb: obwohl ich das untenstehende Zitat von Bruce Dickinson, seines Zeichens Sänger von Iron Maiden, so nicht mehr bedenkenlos unterschreiben kann, ohne meine eigenen musikalischen Aktivitäten teilweise in den Dreck zu ziehen – ich kann mir ein Grinsen trotzdem nicht verkneifen, wenn ich es lese. Ein Grinsen mit zusätzlichem Augenzwinkern, lieber Herr Dale!
Alte Liebe rostet eben nicht. Auch und gerade nicht die zum Schwermetall.

mann_ueber_wort_schwermetall_vorurteile

Sep 082015
 

mann_ueber_wort_metal_iconVorwurf: „Thrash Metal, Speed Metal, Dingsbums Metal – bei Metalheads herrscht totales Schubladendenken!“

Antwort: Nö. Da findet Kategorisierung statt, Freunde. Und EUER Hirn macht das übrigens auch.

„Hey Arne. Mal ’ne Frage: was ist eigentlich Post Grunge Sour Fuzz Rock?“ – „Hä???“

„Und was ist Thrash Metal?“ – „Slayer.“

So einfach kann es sein. Band: Slayer. Kategorie: Thrash Metal. Slayer selbst würden es mir nicht übelnehmen und mich nicht als Schubladendenker brandmarken. Schließlich gehören Tom Araya & Co. zu den Bands, die maßgeblich daran beteiligt waren, dieses Metal-Subgenre zu definieren. Und Slayer spielen heute noch genau das: Thrash Metal. Ohne wenn und aber. Die Band gehört eindeutig in eine ganz bestimmte Kategorie. Das soll vorkommen.

Der Drang, Dinge unbedingt kategorisieren zu müssen, ist ein Teil der menschlichen Natur. Besser: der Arbeitsweise unseres Gehirns. Kategorisierung erfolgt automatisch und unbewusst. Wissen muss schliesslich organisiert werden, weil unsere Köpfe ansonsten voller wüstem Datenmüll wären. Kategorien schaffen also, einfach ausgedrückt, Ordnung im Kopf. Steffen Günther, du als Kopf-Experte darfst mir da gerne widersprechen, sollte ich falsch liegen.

Wir können uns natürlich gegen allzu engstirniges Denken wehren. Das sollten wir sogar. Glücklicherweise sind wir dabei manchmal sogar erfolgreich. Die Welt sähe sonst auch noch übler aus, als das ohnehin schon der Fall ist. Kategorisierung findet aber unweigerlich trotzdem statt – wie schon gesagt, automatisch und unbewusst.

Okay, aber was ist jetzt mit dem Schubladendenken, dessen die Metal-Szene im allgemeinen oft beschuldigt wird?

Laut Duden bedeutet Schubladendenken „an starren Kategorien orientierte, undifferenzierte, engstirnige Denkweise“. Das heisst, beim Schubladendenken wird vorurteilsbehaftet abgeurteilt, anhand bereits vorhandener, festgefahrener Kategorisierungen. Genaue Prüfung von Fakten und Umständen oder gar das Erstellen einer neuen Kategorie mit neuen Bewertungsgrundlagen interessieren einen Schubladendenker nicht die Bohne. Schublade auf, Sache rein, Schublade zu, keine Chance auf Bewährung. Wir sind uns wohl alle der Tatsache bewusst, dass das nicht nur in Sachen Musik so läuft – leider. Aber bleiben wir beim Thema.

Wenn die Metal-Szene also ihre Musik in zahlreiche Subgenres unterteilt, hat das nichts mit Schubladendenken zu tun, sondern lediglich mit Kategorisierung. Ist also praktisch Natur pur. Thrash als Subgenre z.B. gab es in den Anfangszeiten des Metal nicht. Irgendwann spielten Bands wie die ganz (!) frühen (!) Metallica (das Debutalbum „Kill ‚em all“ wird allgemein als erstes richtiges Thrash-Metal-Album bezeichnet), Slayer, Exodus oder Anthrax aber in einem bis dahin so noch nicht dagewesenen Stil, der sich vom Rest der metallischen Musik deutlich unterschied. Also: neue Kategorie. Das neue Kind brauchte einen Namen: Thrash Metal (engl. to thrash; „dreschen“, „prügeln“, „verprügeln“), aufgrund der seinerzeit extrem schnellen und aggressiven Spielart, die diese Bands an den Tag legten.

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Vor dem Superstardom: Metallica in der Debutalbum-Besetzung.

Und so ging es mit allen Subgenres, die da noch folgen sollten. Es wurde also mit neuen Strömungen und stilistischen Entwicklungen im Metal differenziert umgegangen. Sortieren von neuen Daten eben. Ordnung im Kopf. Wenn man es komplett durch die metallische Vereinsbrille betrachtet, zeigte das Anwachsen der Zahl der Subgenres des Metal auch auf, dass sich in dieser Musikrichtung in kreativer Hinsicht etwas bewegte und kontinuierlich Neues entstand.

Das ist allerdings zugegebenermaßen schon ein paar Tage her. Heutzutage treibt der natürliche Drang zur Kategorisierung von Musik manchmal sehr seltsame Blüten – nämlich dann, wenn sich herausstellt, dass Musik stilistisch oft schwer greifbar sein kann, weil sie Genregrenzen einfach wegwischt und teils sogar scheinbar unvereinbare Stile, oft auch eher subtil, miteinander verschmelzen lässt.

Die Tatsache, dass es in diesen Tagen an wirklichen Innovationen in der Musik mangelt, in dieser Hinsicht wohl auch nicht mehr allzuviel zu erwarten ist und das Kombinieren bereits bekannter Stilelemente verschiedener Musikrichtungen ein beliebter Ausweg aus dem kreativen Loch ist (nicht wenige behaupten, es wäre sogar der einzige, der noch übrigbleibt), scheint insbesondere selig bekiffte Musikredakteure, hilflose Promoter oder übereifrige Streamingdienst-Mitarbeiter zu überfordern.

Diese nerven mich dann gerne mit Wortungetümen wie „Post Grunge Acid Punk Folk“, „Neo Pop Grind Jazz“ oder „Adult Shock Post-Semi-Fusion Rock“, unter denen sich selbst Sachverständige kaum noch etwas vorstellen können (oder wollen).

Auch in Bezug auf Metal gibt es ähnliche Körperverletzungen in Lettern. Neulich musste ich „Post Thrash Neocore Crustfunk Metal“ lesen. Äh, wie meinen?

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Mir persönlich wird bei sprachlichen Kopfschüssen wie den obenstehenden inzwischen einfach nur noch schlecht. Das Bedürfnis, musikalischen Output, der eben nicht so einfach zu kategorisieren ist wie z.b. „Slayer = Thrash Metal“, in irgendeinen verbalen Rahmen zu quetschen – und sei er noch so absurd – geht mir inzwischen ziemlich auf den Teebeutel.

Es gibt eine ganz einfache Methode, mit der ich Musik inzwischen für mich persönlich kategorisiere. Es gibt für mich nach der unabdingbaren Grundvoraussetzung „rockt“ eigentlich eh nur noch zwei entscheidende Kategorien: „Find‘ ich gut“ oder „Find‘ ich nicht gut“. Oder auch „Kickt mich“ oder „Kickt mich nicht“. Wie ich feststelle, in welche der beiden ein Song für mich gehört? Ich höre ihn mir an. Und lasse ihn auf mich wirken. Eine inzwischen sehr bewährte Vorgehensweise.

Qualifiziert mich das als Metalhead eigentlich schon ab? Und wie gehen Metaller eigentlich mit ihren ganzen schönen Kategorien um? Fragen zum Thema (In-)Toleranz also…

…die uns direkt zum nächsten Blogpost „Die Saga vom Scheuklappen-Metalhead“ führen.