Jun 072016
 

mann_ueber_wort_midde_band_icon_300Eins ist mal klar – jedenfalls für mich (und ich darf das wohl so sagen, denn auch wenn es um eine sechsköpfige Band geht, ist das hier nach wie vor ein persönlicher Blog): man macht Musik, um auf der Bühne zu stehen. Um das Live-Erlebnis zu genießen, die Leute vor der Bühne bestmöglich zu unterhalten und daran selbst maximalen Spaß zu haben. Um die Musik an sich mit möglichst vielen Leuten zu feiern. Energieaustausch, gegenseitiges Hochschaukeln und so weiter.

Das gilt besonders dann, wenn man in einer Coverband spielt. Kreative Orgasmen durch Songwriting und epische Studiosessions, um die Früchte der eigenen Kunstfertigkeit zu verewigen, fallen für Coverbands ja nicht nur aus rechtlichen Gründen meist flach. Bleiben also „nur“ die Bühnenbretter. Wobei auf selbigen ja stets die Wahrheit liegt. Nix Autotune, nix „war daneben, aber wir basteln das zurecht“. Man ist der eigenen Tagesform, der Technik und zig anderen Faktoren praktisch ausgeliefert. Und man hat für alles nur einen Versuch. Hopp oder top. Ex oder Arschloch. Death or glory.

Das Geile daran: es wird nie langweilig. Mal ärgerst du dich über Begleitumstände (meist technischer oder organisatorischer Natur – und manchmal sowohl als auch), mal möchtest du vor Scham im Boden versinken, weil du ausgerechnet deinen Lieblingssong vor einer Menge von Leuten komplett versägt hast, obwohl du ihn schon drölfzig mal gespielt hast und du kein blutiger Anfänger bist. Und manchmal gibt es diese Gigs, von denen du tage- oder wochenlang positiv zehren kannst und die dir klarmachen, warum du dir das immer wieder antust und warum du trotz all der gequirlten Scheiße, die passieren kann, wenn du dich entscheidest, dich auf Bühnen herumzutreiben, einfach nicht damit aufhören willst. Weil du mal wieder die Essenz des Prinzips „Live-Musik“ zu schmecken bekommst. Die Essenz des Rock. Vergangenes Wochenende gab es wieder mal so ein Highlight. Und das alles Open Air.

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Wacköööön! Ach nee… WITTSTOOOOCK! 🙂

Dabei (und ab hier schweife ich mal für ein paar Absätze ein wenig vom eigentlichen Thema ab) legten sich an bewusstem Wochenausklang eigentlich im wahrsten Sinne des Wortes dunkle Wolken über die Welt der unter freiem Himmel gespielte Mucke. Das derzeitige Unwetterproblem hatte natürlich auch den gerade gestarteten Freiluft-Festivalsommer fest im Griff. Der negative Höhepunkt: die Blitzeinschläge bei Rock am Ring. Mehr als 70 Verletzte, zwei Menschen mussten sogar reanimiert werden. Das Festival soff insgesamt quasi im Regen ab und versank im Matsch, für den Sonntag wurde dem Veranstalter von behördlicher Seite die Spielgenehmigung entzogen.

Und der übliche Automatismus des World Wide Web setzte ein: „man“ stellte prinzipiell in Frage, ob es von den Göttern gewollt und mit freiheitlich-demokratischen Grundprinzipien vereinbar ist, dass Menschen sich versammeln, um „draußen“ gespielter Musik zu lauschen. Es fand sich wieder irgendein Politker (dessen Name mir gerade mit voller Absicht entfallen ist), der nach einem „Frühwarnsystem“ verlangte – wie das immer reflexartig der Fall ist, wenn „was passiert“. Diesmal sollte es eines für Starkregen und Blitzeinschläge sein. Soso. Gibt’s das nicht schon unter dem beliebten Hashtag #Wettervorhersage? Und war es nicht so, dass dieses „Frühwarnsystem“ nicht zu 100% verlässlich sein KANN, weil Mutter Natur in Sachen Wetter eben oft launisch ist – und das exakte Vorhersagen von Blitzeinschlägen schlicht unmöglich ist, und es da bestenfalls eine Risikoeinschätzung geben kann, die auch von den jeweiligen örtlichen Gegebenheiten abhängt?

Ich will weder irgendetwas verharmlosen, noch will ich mich hier hämisch über die Verletzten von Rock am Ring äußern – absolut nicht! Schließlich befanden sich nicht wenige meiner persönlichen Freunde und Bekannten auf dem Festival. Zum Glück kamen sie alle genervt, aber unverletzt nach Hause. Und Verletzte, ob durch Naturgewalten oder anderweitig, sind speziell bei Veranstaltungen, die dem puren Vergnügen gewidmet sind, immer tragisch. Fakt ist, dass die Veranstalter der großen Open Airs zwar die Gegebenheiten hinsichtlich möglicher Gewitter mit Blitzeinwirkung sicher verbessern könnten und auch sollten. Aktuell ca. fünf Kilometer Fußweg von der Center Stage bis zum blitzsicheren Auto bei Rock am Ring z.B. sind definitiv zuviel.

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Rock am Ring 2016: desaströs, aber Grund für generelle Open-Air-Konzertverbote? Jetzt ist aber mal gut!

Aber nicht zuletzt aufgrund der begrenzten Berechenbarkeit von Wetter wird es nie einen hundertprozentigen Schutz vor solch höherer Gewalt geben. Traurig, aber wahr. Und jetzt, wie teilweise tatsächlich geschehen, nach Verboten von Open Air-Veranstaltungen zu schreien – DAS ist der blanke Hohn. Typisch deutscher Michel. Sorry.

Ich könnte z.B. sagen: „3.475 Verkehrstote im Jahr 2015 müssen in totalem Verbot von Kraftfahrzeugen enden!“ Oder?

Wie bitte, deutscher Michel? Das ist aber jetzt sowas von übertrieben, sagst du? Ist aber genau deine Denkweise. „Schwer lösbare Problematik? Na dann: Verbot! Entmündigung! Nein, die Leute sind generell zu doof, um eigenverantwortlich entscheiden zu können, ob sie bei Unwetterwarnung trotzdem zu einem Open Air-Konzert gehen! Und überhaupt, diese ganzen Asis da!“

Weißte was, Michel… leck‘ mich. Kreuzweise.

Den Verletzten von Rock am Ring dagegen wünsche ich an dieser Stelle nur das Beste und vor allem schnelle Genesung. Mit den möglichen Langzeitfolgen von Blitzschlägen ist nicht zu spaßen. Get well soon!

Jetzt aber weg von Rock am Ring, denn da werden wir mit Green Ink Machine voraussichtlich im weiteren Verlauf unserer beispiellosen Karriere nicht auftauchen – zumindest nicht auf der Bühne. 😉

Nein, unser Reiseziel am Wochenende war ein anderes. Wie das Schicksal es wollte, waren auch wir am vergangenen Samstag, für den für das Bergische Land die Wetter-Apokalypse mit Starkregen und Gewittern vorhergesagt wurde, für einen Open Air-Auftritt gebucht. Auf einem Festival, das eigentlich niemand kennt und das es demzufolge offiziell eigentlich gar nicht gibt.

Hä? Wie? Was?

Erklärung: vor etwas mehr als einem Jahr begegneten wir Fabian Wittner, Freddy Meissner und Bianca Sevenig von Rock’U, bzw., die drei stolperten mehr oder weniger auf dem Solinger Dürpelfest über uns, bei dem wir auf der Bühne am Bremsheyplatz zocken dürften. Da wir trotz Regen-Gig (wir haben da also Erfahrung!) beim Dürpel nicht ganz so schlecht und wir uns gegenseitig auch nicht gänzlich unsympathisch waren 😉 , wurden wir irgendwann in die Existenz eines speziellen Events eingeweiht, das eigentlich Fabians Geburtstagsparty darstellt.

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Als wir den Grundstein für die Teilnahme am Wittstock legten: Green Ink Machine am 31.05.2015 beim Solinger Dürpelfest. Seinerzeit noch ohne Tim – der schaute aber immerhin schon zu. 😉

Da Fabian, auch bekannt als Fabs, aber aus dem Topfschlagen- und Blinde Kuh-Alter doch deutlich herausgewachsen ist, ist aus dem Geburtstag ein Event mit ca. 300 zahlenden Gästen geworden, die für ihren Obulus nicht nur mit mehr als ausreichend Flüssigem, sondern auch und besonders mit Live-Gigs mehrerer Bands auf einer schicken Bühne versorgt werden, die auf einer ausladenden privaten Grünfläche steht. Für die Hungerbekämpfung ist natürlich ebenfalls gesorgt. Also ist alles da, was man braucht, um ein richtiges, kleines Open Air-Festival hinzulegen, das inzwischen schon seit mehreren Jahren stattfindet. Herr Fabian „Fabs“ Wittner taufte das ganze sinnigerweise auf den Namen „Wittstock“. Aus Diskretionsgründen werde ich die Location, in der das Ganze stattfindet, natürlich nicht verraten. Die Veranstaltung ist nach wie vor privat. Kult sollte am Ende des Tages auch Kult bleiben. Ihr müsst halt jemanden finden, der euch einweiht. So wie uns.

Dieses Jahr durften wir als eine von sieben Bands erstmals mit am Start sein. Wir waren noch etwas angepisst, weil wir zwei Wochen zuvor erneut beim Solinger Dürpelfest gebucht waren und kurzfristig absagen mussten. Bock auf Rock hatten wir also auf jeden Fall.

Die Unwetterwarnungen für das gesamte Wochenende und speziell den Tag X – Gewitter, Starkregen, allgemeine Apokalypse – dämpften ein wenig die Vorfreude. Auch wenn Fabs uns damit zu beruhigen versuchte, dass es bisher „beim Wittstock immer trocken“ war.

Aber, ganz ehrlich: mir ging das allgemeine Austauschen der Daten verschiedenster Wetter-Apps und Dienste (die sich scheinbar alle gegenseitig im Ausmalen des Katastrophenszenarios überbieten wollten) und all das Panik schieben irgendwann so sehr auf den Senkel, dass ich mir dachte: „Scheiß drauf! Wenn Unwetter, dann Pech. Wenn nicht, dann Rock!“ Ganz simpel.

Die vorbereitenden Maßnahmen der vereinten Wittstocker – Opfer-Biertrinken, um die Gunst Odins zu erringen, auf dass es beim Wittstock trocken bleiben möge – waren von Erfolg gekrönt. Odin statt Jesus? War in dem Fall eine gute Wahl.

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So sah es aus, als wir eintrudelten. Relaxed, aber feuchtfröhlich, gute Band auf der Bühne – so soll’s sein!

Es blieb zwar tatsächlich den ganzen Tag über trocken, entgegen allen Wetter-App-Orakeleien und Unwetter-Vorhersagen, aber der Rasen war von der vorhergehenden Regennacht noch ordentlich genässt, so dass der Matsch, den man von „echten“ Open Airs kennt, auch beim Wittstock nicht fehlte.

Das war aber nicht das, was mir persönlich als erstes auffiel, als wir am Ort des Geschehens eintrafen. Erstens: es war sehr gut besucht (laut Fabs war das Wittstock 2016 das bisher bestbesuchte). Zweitens: es herrschte eine verdammt angenehme Atmosphäre. Verflucht viele nette, offensichtlich rock-affine Leute. Good Rock’n’Roll Vibes. Drittens, und das war für uns als Band ja nicht ganz unwichtig: was von der schicken Bühne kam, klang gut.

Und dann war da noch was: der Duft. Bzw. der Duftmix. Düfte können ja bekanntermaßen so einiges in Menschen auslösen. Und bei mir war das beim ersten Herumstolpern auf dem Wittstock mal wieder der Fall.

Ich meine, ich weiß, dass es nicht jedermanns Sache ist, den typischen Festivalduft einzuatmen. Diese Mischung aus Bier, Schweiß, Zigarettenrauch, Bratwurst vom Grill und sich langsam in seine Bestandteile auflösendem, feuchtem Rasen (und anderen duftigen Komponenten, die nicht so klar definierbar sind und die den Festivalduft vom ordinären Grill-/Campingplatzduft unterscheiden). Bei mir löst diese Mischung dieses ganz bestimmte Gefühl aus, das man all jenen, die weder als Zuschauer noch als Musiker an solchen Veranstaltungen teilnehmen, einfach nicht erklären kann. Oder denen man zumindest nicht erklären kann, was daran so geil ist. Fest steht: wenn ich diesen Duft in der Nase habe, weiß ich – ich bin zu Hause. Ich bin da, wo gerockt wird. Auch nach dreißig Jahren passiver wie aktiver Teilnahme am Live-Rock-Zirkus ist dieses Gefühl immer noch da.

Und ich liebe es, Leute. Ich liebe es wie bekloppt.

Auch geil, wie routinierte Organisation dank jahrelanger Erfahrung das ganze Event sehr geschmeidig ablaufen ließ. Endcool fand ich den Backstageraum in der Gartenlaube, in der wir unsere Klamotten/Instrumente vorübergehend parken (und nach dem Gig erst mal auf Stühle sinken) konnten.

Vor unserem Gig hatten wir leider nicht viel Zeit, um uns umzusehen. Gerade genug Muße, um Fabian, Freddy und Bianca zu begrüßen, ein schnelles Bier, ’ne schnelle Wurst, dann zur Bühne und nur eine Viertelstunde, um vor dem Startschuss um- bzw. aufzubauen.

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War schon vom Startschuss an in Topform: the one and only Fabs!

Ich bleibe übrigens dabei: der Tag, an dem mir vor einem Auftritt nicht mehr die Düse geht, wird der Tag sein, an dem ich mit der Musik aufhöre. Glücklicherweise ging mir die Düse. Wie gesagt, der heilige, wenn auch schon etwas angeschlagene Rasen war verdammt gut gefüllt. Und außer den dynamischen Drei kannte uns im Grunde keiner der anwesenden Wittstocker. Ein Gefühl wie beim Debütantinnenball. Klar, mir war bewusst, dass wir mit dem, was wir da machen, auf so ein Event passen müssten wie der sprichwörtliche Arsch auf den Eimer. Aber ohne ein bisschen Unsicherheit ist es irgendwie auch nicht richtig echt. 😉

Es gibt so eine bestimmte Art von Gig, die grundsätzlich geil ist: die Art, wo du dich bei den ersten Songs noch fragst, ob das wirklich hinhaut. Ob es ankommt. Und ob was zurückkommt. Und irgendwann bei Song Nr. 4 oder 5 klickt es. Und zwar mächtig. Und dann steppt der Bär. Und genau so war es beim Wittstock.

Einstieg wie desöfteren in letzter Zeit mit „Bulls On Parade“, dann „American Idiot“, dann „The Pretender“… lief gut. Und Matthes und ich konnten uns auf der Bühne tatsächlich hören, was keine Selbstverständlichkeit ist. Aber irgendwas fehlte noch. Es war gar nicht die Tatsache, dass in der Anfangsphase des Gigs irgendein Teil der Bühnentechnik zwischendurch öfter mal sehr laut und vernehmlich losbrummte und dröhnte. Es war was anderes, das noch bremste, zumindest habe ich das so empfunden. Als wären wir noch nicht richtig auf Betriebstemperatur, und die Leute vor der Bühne dementsprechend noch ein wenig skeptisch. Wie gesagt, fast niemand der Anwesenden hatte uns vor dem Gig schon mal live gesehen. Man muss sich halt jeden einzelnen erarbeiten, sozusagen.

Dann „Move“… da packten nicht nur mich bei den ersten Takten leichte Zweifel, ob die Nummer für diesen Abend die richtige Wahl war. Aber während des Songs wurde es langsam. Betriebstemperatur.

Dann „We’re not gonna take it“. Verdammte Axt, wenn du DIE Nummer versägst – also: wenn du die Leute nicht zum Mitsingen kriegst – kannst du eigentlich einpacken. Aber: Wittstock kann singen! Und wollte auch. \m/

Als nächste Nummer dann „Last Resort“ – und das war dann der endgültige Knackpunkt. Und ich glaube, das war beiderseits der Fall. Die sprichwörtliche Lampe fiel um – jetzt kam so richtig Bewegung in die Menge auf und rund um die immer größer werdende Matschgrube direkt vor der Bühne. Und holy fuck, der Rasen bekam noch richtig was auf die Zwölf!

Es ist schwer zu beschreiben, was einem da durch Kopf, Herz und Bauch schießt, wenn man sieht, wie die Leute vor der Bühne richtig steilgehen. Und dabei ist es komplett wumpe, ob man nun eigenes Songmaterial spielt oder covert (da ich beides gemacht habe bzw. noch mache, denke ich, kann ich es beurteilen, und Matthes, Anselm, Jan, Tim und Basti ebenso). Wenn du nicht gerade berufsmäßig jeden Abend vor einer verdammt partywilligen Menge rockst, stehst du da, staunst, freust dir den Allerwertesten ab und vergisst hier und da ein paar Basics. Aber du bist glücklich. Und wir waren, den Wittstockern sei Dank, an jenem Abend ganz eindeutig glücklich. 🙂

Nächste Nummer war „Take a Look Around“. Hammer! Was ich an dieser Nummer u.a. gefühlsmäßig so liebe: du kannst die Leute am Anfang locker einklatschen lassen, dann wird’s ziemlich tanzbar, und dann die Anspannung, die Vorfreude ab dem ersten „I know why you wanna hate me“, bis dann im Chorus der Topf vom Deckel fliegt und gepogt und gehüpft wird, bis der Arzt kommt.

Matthes hat spontan das immer wieder herrliche „Sit down and jump up“-Spielchen im Mittelteil eingebaut. Hat prima funktioniert, trotz Matsch. So fett, wenn beim „jump up“ in einem Moment dann sowohl vor als auch auf der Bühne so viel Energie freiwird. Geil. Einfach nur geil. Sex auf Toast ohne Penetration, sozusagen.

Matsch spritzte, Körper zuckten und flogen, und der arme Rasen muss das Ende seines Daseins sturzbesoffen erlebt haben, weil er mit gegenseitigen Bierduschen – Richtung Bühne und von der Bühne in die Menge – nochmal kräftig zwangsgetränkt wurde. Bier, Schweiß, Hartwurstmucke. Und eine fett abgehende Menge. Sah für Uneingeweihte teilweise sicher wüst aus und hat sicher den einen oder anderen blauen Fleck verursacht. Aber: es wurde nie gewalttätig oder aggressiv. Es war einfach das, was ein Konzert sein sollte. Ein gegenseitiges Hochschaukeln. Energie, die freigesetzt wird.

Oder, wie die Bay Area-Thrasher Exodus es in „Toxic Waltz“ einst so treffend formulierten: „Good friendly violent fun.“

Da hast du die Pipi in den Augen.

Und es ging munter so weiter bis zum Abschluss mit „Killing In The Name“. Direkt vor der Bühne war es inzwischen komplett matschig und schlammig. Die Wittstocker haben es sich nicht nehmen lassen, den Matsch wahlweise zu umgehen, zu ignorieren oder zu nutzen und uns weiter zu unterstützen. Das war großer Sport!!! Dafür, für solche Abende, für so ein Publikum, für dieses unbeschreibliche Live-Gefühl, macht man Musik, verdammte Hacke! 😉

Natürlich lief nicht alles ganz glatt. Verhacker hier, da nicht ganz richtig rein in den Song, dort nicht ganz richtig raus. LIVE-Musik halt.

Bei „Smooth Criminal“ z.b. blieb mir im Chorus komplett die doch so wichtige Kopfstimme weg, und Matthes musste den „Rehfräng“ alleine singen. Es kam einfach kein hoher Kiekser aus meiner Kehle, als es nötig war. Also musste ich es komplett bleibenlassen. Sah sicher doof aus, fühlte sich noch doofer an. Das sind dann so die Dinge, die mich auch an einem ansonsten perfekten Abend noch ganz kurz ein minimales Bisschen ärgern. Ganz abschalten kann ich das vermutlich nie.

Und Matthes hatte nach eigener Aussage den ganzen Tag über, also auch während des Gigs, mit Magen-/Darm-Faxen der übleren Sorte zu kämpfen und war deshalb in Sachen Bühnenaction ziemlich eingeschränkt. Und sah am Ende zwar zufrieden, aber auch irgendwie bleich aus. „Ausgerechnet bei so ’nem Premium-Gig so ’ne Scheiße!“, so mein Sangesbruder sinngemäß. Er hat’s durchgezogen. Respekt, Großer!

Gestört haben die Ecken und Kanten, glaube ich, niemanden. Die Stimmung war großartig. Vielleicht sind wir manchmal auch einfach noch etwas unkonzentriert, wenn’s vor der Bühne so abgeht. Unter’m Strich: alles scheißegal. Es war ein Gig, der einem auf der Bühne das Rockerherz ganz gewaltig höher schlagen lässt. Musikalisch nicht perfekt, aber vom Feeling her: einfach… nur… geil!!!

Was mich außerdem hat strahlen lassen, war, dass wir nach dem Gig noch ein wenig mitfeiern und die Wittstock-Atmosphäre aufsaugen konnten. Ich ärgere mich im Nachhinein tierisch darüber, dass wir nicht früher vor Ort waren, was leider logistisch/terminlich an dem Tag nicht drin war. Nächstes Jahr sind wir definitiv früher am Start! Also, ich auf jeden Fall. 😉 (Und Jan… du bringst demnächst bitte Bandzigaretten mit! Ich liebe diese Abende mit euch, aber ich kann sie mir bald nicht mehr leisten! 😉 )

Aber auch so kam der Wittstock-Vibe rüber. Klasse natürlich auch, streng durch die Bandbrille betrachtet, das zahlreich bekundete persönliche Feedback zum Gig. Darauf stehe ich – direktes, ehrliches Feedback, Auge in Auge. Wir sind alle froh und glücklich, dass es den Wittstockern offensichtlich so gut gefallen hat! 🙂

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So ruhig war es nicht immer, aber dafür immer friedlich. Ja, da gibt’s ’nen Unterschied. 😉

Doof irgendwie auch, dass wir außer Sixty Pounds Of Dynamite (direkt vor uns – fand ich bärenstark!) und Mike and the Waiters (direkt nach uns – große Bandbreite, Chapeau dafür – und „Angus Old“ rules! 😉 ) keine weiteren Bands sehen und hören konnten – aber das können wir dank vieler, vieler privater Videos schon jetzt zumindest teilweise nachholen.

Ach ja… und die Wetter-Apokalypse? Kam nicht. Danke, Odin. 😉 Erst ca. 10 Minuten vor Schluss des Gigs von Mike and the Waiters, also ganz am Ende des Festivals, fing es an zu regnen. Von „Starkregen“ konnte aber keine Rede sein, und die Kollegen konnten ihren Gig locker-flockig abschließen.

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Geile Atmo bei Mike and the Waiters.

Als ich schließlich gemeinsam mit Basti unsere restlichen Klamotten aus der Backstage-Laube holte und wir uns mitsamt dem Publikum vom leidgeprüften Acker (Rasen) machten, und die Leutchen sich langsam auf den Weg nach Hause oder zur Aftershow-Party in der RED Rockbar begaben, stellten wir erfreut fest, dass es überall nur zufriedene, ja glückliche Gesichter gab. Und nix war’s mit nachträglicher, alkoholinduzierter Randale. Kein Gepöbel, kein Zerlegen von Bistrotischen. Einfach nur eine große, beseelte Rock-Familie, die einen geilen Tag hinter sich hatte. So heftig es auch teilweise nicht nur während unseres eigenen Auftritts rundging (und das ist ja auch irgendwo Sinn und Zweck der Übung, oder? 😉 ) – wieder mal hat sich gezeigt, dass „die Rock-Leute“ deutlich besser sind als ihr oftmals immer noch nicht ganz optimaler Ruf beim deutschen Michel. Das finde ich immer wieder geil, das finde ich immer wieder bezeichnend.

Und auch das gehört zu der Essenz des Erlebnisses Live-Musik, die ich hier ja schon angesprochen habe. Dieses „hart, aber herzlich“, mit Betonung auf Letzterem, das ich so liebe. Und das ich so nirgendwo, in keiner anderen „Szene“, in dieser Form vorgefunden hätte. Ich bin froh, immer noch in diesem Zirkus aus Bier, Schweiß und Starkstrommucke zu sein. Ach was, froh… glücklich. Und Abende wie dieser sind es, die mir das immer wieder klar und deutlich machen.

Danke, Wittstock! Danke, Wittstock-Publikum – ihr seid der Oberhammer! Danke, Fabian, dass wir dabei sein durften! Danke an Bianca, Freddy und das gesamte Team! Dieses blendend organisierte, private und deshalb semi-geheime Open Air-Geburtstags-Wahnsinns-Party-Konzert-Event fängt die Essenz des Live-Rock’n’Roll (da isse wieder) absolut ein. Ein kleiner, aber dafür umso feinerer Gegenpol zu den Megamassen-Veranstaltungen auf der ganz großen Wiese. Wittstock ist gelebte, mit Herzblut umgesetzte Rock-Kultur. Von allen Beteiligten: Gastgeber/Veranstalter, Helfern, Bands und natürlich Gästen/Publikum. Das ist so selten geworden, dass ein solches Juwel gar nicht genug gewürdigt werden kann.

„Das ist live! Ihr wisst, das ist live! Ihr werdet nicht beschissen!“ – Farin Urlaub

Weiter so! Auf ein mindestens ebenso geiles Wittstock 2017!

Meine Fresse, wie ich diesen Scheiß liebe. Wie gottverdammt unsterblich ich diesen Scheiß liebe. 🙂

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Mrz 202016
 

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Und wieder ein intimes Geständnis: oh Mann, ich liebe Zombiefilme. Wirklich wahr.

Ich kann mich dem spröden Charme untoter Horden einfach nicht entziehen.

Seitdem ich, obwohl ich seinerzeit eigentlich noch viel zu jung dafür war, zum ersten Mal George A. Romeros Dawn Of The Dead (ja, das Original von 1978) gesehen habe, fasziniert mich dieses Genre.

Und das nicht zuletzt, weil es bei dieser Thematik so viel gesellschaftlichen Subtext gibt. Was nach dem Ausbruch einer Zombieapokalypse vor allem mit den ethisch-moralischen Grundsätzen der (Über-)Lebenden geschieht, die sich gegen die morschen Wiedergänger zur Wehr setzen müssen, lässt oft sämtliche zivilisatorischen Verhaltensgrundregeln dem reinen, gnadenlosen Überlebensinstinkt zum Opfer fallen.

Mein Musikgeschmack passt ziemlich gut zu dieser cineastischen Vorliebe, denn wenn ich diversen Propheten von innerhalb wie außerhalb der Musikszene Glauben schenke, bin ich als Metal-Fan (und Fan von Rockmusik ganz allgemein) vollautomatisch ein Verehrer eines Haufens von Untoten. Diese sind sich ihres Zustandes, ganz wie die Zombies aus Film und TV, nicht bewusst, und sie schlurfen, stöhnen und beißen sich ungerührt davon durch die Weltgeschichte und machen den Lebenden das Dasein schwer.

Denn immer wieder heißt es: „Rock ist tot“. Was natürlich bedeuten würde, dass damit auch Metal, da Teil der Rockmusik, tot wäre.

Dass das Ende von Musikgenres und Subgenres verkündet oder herbeiorakelt wird, ist natürlich kein neues Phänomen. Ab und an kommt ein solcher Nachruf auch aus der Rockwelt selbst, mit den verschiedensten Hintergründen. Mal soll es Selbstironie sein, mal ein Weckruf, mal eine Abrechnung mit dem Business, das das Genre am Laufen hält. Oder ein persönlicher Tritt in die Familienplanung. Marilyn Manson z.B. proklamierte anno 1999: „Rock Is Dead“ – der Song war allerdings eher als ein Kick ins Gemächt als Antwort auf das Statement von Smashing Pumpkins-Frontmann Billy Corgan zu verstehen, der zuvor den Rock und dessen Spirit für tot erklärte. Wie so viele vor ihm, und mindestens ebenso viele nach ihm.

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Da haben wir die Erklärung: in der Hölle ist einfach kein Platz mehr. 😉

Trotz der immer wieder geschalteten Todesanzeigen tauchten jedoch unablässig immer wieder diese totgesagten Gestalten auf, altbekannte und neue, die die doch so mausetote Musik unbeirrt weiterspielten. Und sie fanden auch immer wieder Opfer, die sich dieser Musik willig hingaben. Die Rock-Zombies erhoben sich wieder und wieder aus ihren herbeigeredeten Gräbern.

Mit einer einfachen Beschwörungsformel wie „Du bist tot!“ war der Rockmusik in all ihren Schattierungen bislang offenbar nicht beizukommen. In Zombiefilmen weiß man, wie man die Vertreter der Wiedergängerhorden dauerhaft ausschaltet: indem man, auf welche Weise auch immer, ihr Gehirn zerstört.

Welche Methode bei den Rock-Zombies für ähnlich endgültige Abhilfe sorgen könnte, hat aber offenbar noch niemand herausgefunden.

Zum Glück. 😉

Und trotzdem: es hat sich ja witzigerweise, wieder einmal, ein Zombie-Killer gefunden, der quasi per Dekret gleich die komplette Horde der Rockmusik-Zombies endgültig gestoppt, beerdigt und dazu auch noch auf ihr Grab gepinkelt hat. Behauptet er jedenfalls.

Eigentlich war dieser Artikel vollständig ohne die Erwähnung dieses selbst ernannten Reformators der Weltkulturlandschaft geplant, aber ich konnte letztenendes der Versuchung doch nicht widerstehen, ihn hier mit einzubeziehen. Auch wenn die hier zitierten Totalausfälle des Mannes schon wieder eine Weile her sind, sie passen einfach zu gut zum Thema.

Kanye West, Erretter der Popkultur von ganz eigenen Gnaden, formulierte seine Theorie… pardon, bestimmte vor nicht allzu langer Zeit, dass er die Lösung des Rockzombie-Problems gefunden habe. Herrn Wests Selbstverständnis ließ dabei natürlich nur ein wirklich wirksames Zombievertilgungsmittel zu: Herrn West selbst.

Herrn Wests Haltung gegenüber dem Rest der Musikwelt war schon immer von einer, sagen wir mal, leichten Ambivalenz geprägt. Das äußert sich nicht nur durch sein stets übernarzisstisches Verhalten oder verstörende Aktionen gegenüber Grammy-Gewinnern, deren Dankesreden er offenbar gerne crashed (so geschehen bei Taylor Swift und auch bei Beck, den er, wie Swift, dazu auffordern wollte, seinen Preis an Beyonce abzutreten). Herr West tut sich einfach sehr schwer damit, Musiker zu respektieren bzw. zu akzeptieren, die nicht Kanye West (oder Beyonce) heißen. Oder sonstigen Menschen, die nicht Kanye West (oder Beyonce oder Kim Kardashian) heißen (die in Relation zur Anzahl der real existierenden Kanye Wests und Beyonces und Kim Kardashians auf dieser Welt doch recht zahlreich vertreten sind).  Okay, West hat sich seinerzeit bei Beck entschuldigt. In völlig glaubwürdiger Manier natürlich. Und es waren ja, wie er beteuert, auch nur die Stimmen in seinem Kopf, die ihn dazu getrieben haben.

Wie auch immer, in Sachen Rock hat Kanye West vor nicht allzu langer Zeit das definitiv letzte Wort gesprochen (meint zumindest Kanye West).

Der Heilsbringer der Popularmusik stellte unmißverständlich klar:

„We culture. Rap is the new rock ‘n’ roll. We the rock stars… we the new rock stars and I’m the biggest of all of them. I’m the No. 1 rock star on the planet.“

Nun… darüber darf man geteilter Meinung sein, jedenfalls dann, wenn man nicht Kanye West heißt, und die meisten von uns, wie ich ja bereits feststellte, heißen eben nicht Kanye West – eine Tatsache, die der eine, einzige Kanye West dem Vernehmen nach eigentlich ziemlich dufte findet.

Meine damalige erste Reaktion auf Herrn Wests Statement, wo ich doch ein leidenschaftlicher Bewahrer der heftigen Stromgitarrenmusik bin und speziell für Metal brenne?

Erst „Grrrr.“ Dann „Gähn!“

Wie? Was? „Gähn“?!? Keine wutschnaubende Schimpftirade meinerseits?

Ich glaube, die muss ich mir und dem Rest der Welt gar nicht zwingend antun. Im Gegenteil, ich bleibe für meine Verhältnisse sogar höflich und sachlich. Herr West ist reicher, schöner und berühmter als ich – das steht außer Frage. Herr West ist aber auch jemand, der sich selbst als reich, schön und berühmt genug einschätzt, um seine Tweets öffentlich allen Ernstes als eine Form zeitgenössischer Kunst zu bezeichnen – was eigentlich keines weiteren Kommentares bedarf, wenn man sich dieser Kunst mal vorsichtig auf Lesereichweite nähert.

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Und so weiter und so ähnlich.

Die „Mark Zuckerberg, ich brauche eine Milliarde Dollar“-Nummer, die Herr West kürzlich auf die ahnungslose Medienlandschaft losließ, walze ich hier mal nicht aus, ein Link muss reichen.

Nun ist eine große Klappe an sich im Musikgeschäft ja nicht unbedingt ein Nachteil. Auf die Kacke hauen gehört ein wenig dazu, viele, die nicht Kanye West heißen (also, um es noch einmal zu betonen, statistisch gesehen ziemlich viele), sind in dieser Hinsicht auch keine Kinder von Traurigkeit. Auch z.B. die von mir hochverehrten Slipknot geben gerne mal verbal Knallgas – heutzutage allerdings doch deutlich weniger häufig als in den noch etwas manischeren Anfangszeiten. Kommt heute ein Spruch aus der Ecke der Band, bei dem man erst mal durchprustet, dann meist von Shawn Crahan, der ja auch mal in Bezug auf Slipknot den Spruch „We’re not a band, we’re a culture“ vom Stapel ließ… soviel sei fairerweise zugegeben.

Aber mal eine konkrete Frage, Herr West: wenn Rap die neue Rockmusik sein soll und letztere damit tot/erledigt/überflüssig geworden ist, ebenso wie Rockstars, die nicht Kanye West heißen, wieso sehe ich dann überall Rockstars, die tatsächlich nicht Kanye West heißen, offenbar die Botschaft des musikalischen Erlösers Kanye West nicht mitbekommen haben und frecherweise immer noch Songs aufnehmen, vor vollen Rängen Konzerte geben und sich noch dazu erdreisten, ganze Sätze von sich zu geben, die teilweise sogar einen nachvollziehbaren Inhalt haben? Und wieso halten Sie es für nötig, den Begriff „Rockstar“ überhaupt noch zu verwenden, wo doch Rap die Rockmusik ersetzt hat? Warum haben Sie dann nicht wenigstens den Anstand, sich als Rapstar zu bezeichnen? Und ein wenig Respekt für die angeblich Toten zu zeigen?

Diese beiden Herren hier (einer von beiden ist selbstverständlich Herr West) haben sich ja aus der Ferne bereits etwas gekabbelt, aber heiliges Schwermetall, ich würde mir sehnlichst ein Live-Rededuell zwischen den Herren West und Corey Taylor (Slipknot, Stone Sour) wünschen:

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Hach, ich kann mich nicht entscheiden, wem ich lieber zuhören würde. Echt jetzt. Ich tendiere leicht zum echten Rockstar. Das ist übrigens der Herr rechts.

Klar, Herr West ist rein kommerziell gesehen tatsächlich ’ne große Nummer – in seinem Musikbereich. Das bestreitet niemand. Eine Menge Leute kaufen seine Musik. Das Maß an Arroganz und Ignoranz allerdings, das nötig ist, um ein komplettes, sehr wohl noch existentes, ein großes Publikum anziehendes Genre, dass zu allem Überfluss mit herausragenden Musikern nur so gespickt ist, quasi in die Bedeutungslosigkeit zu schwafeln bzw. es sich „Untertan“ zu machen, ist wirklich ziemlich beispiellos.

Wenn Sie einfordern, dass Kunst respektiert werden muss, Herr West – fangen Sie doch bitte langsam damit an, über die Spitze ihres musikalischen Schwanzes hinauszublicken. Danke.

Sorry, aber wenn mir ein Nicht-Rockkünstler auf der Welt absolut gar keine Angst davor einjagen kann, dass an der „Rock ist tot“-Theorie etwas dran sein könnte, dann ist das wohl Herr West.

Denn was war nicht schon alles angeblich tot. „Die Spaßgesellschaft ist tot.“ „PC-Games sind tot.“/“Der PC ist tot.“ „Fußball ist tot.“ „Flip-Flops sind tot.“ „Rassismus ist tot.“ „Sex ist tot.“ „Gott ist tot.“ „Karl Ranseier ist tot.“

Und es war wohl kaum irgendetwas auf dieser Welt schon so oft angeblich tot wie die Rockmusik im allgemeinen –  und Metal im speziellen. Und bisher galt jedesmal: nope. Fuck you very much.

„They called us a dead generation
They told us that we wouldn’t survive
They left us alone in the maelstrom
As you can see we’re all clearly alive“

– Stone Sour, „30/30 – 150“

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Eindeutig mausetot, interessiert wirklich kein Schwein mehr: Rockmusik (Bild: Wacken Open Air 2015. Kanye war nicht eingeladen. We subculture!)

Auch wenn es vielen nicht ins Weltbild passt: Rock ist nicht tot, und speziell Metal, als Teil der Rock-Familie, ist weder tot, noch ist er totzukriegen. Er ist quicklebendig, weil er nicht „cool“ sein muss, um erfolgreich zu sein. Weil er kein Trend ist und auch keinem solchen unterworfen ist.

Speziell der Metal wurde schon unzählige Male totgesagt. Er lebt immer noch (und da sehe ich durchaus eine Parallele zum Punk, der sich durch eine absolut vergleichbare Unkaputtbarkeit auszeichnet). Und er ist immer noch verdammt erfolgreich. Er hat sämtliche musikalischen Modewellen überlebt. Alle „next big things“, von denen – ebenso wie vom zwangsläufig folgenden „even bigger thing“ – entweder keiner mehr spricht oder die inzwischen unauffällig in der Masse anderer populärer Musikformen herumdümpeln. Er hat gewaltige Skandale überlebt, auf die ich teilweise schon hingewiesen habe – und auch in Zukunft hinweisen werde.

Und: Metal hat sogar seinen eigenen vorübergehenden Ultra-Hype nebst Vollverwurstung durch den Mainstream überlebt.

„What doesn’t kill you makes you stronger“ – diese wunderbare Phrase, die sich auch in mehr als einem Metal-Songtext so oder ähnlich wiederfindet, passt zu dieser Musikrichtung wie der sprichwörtliche Arsch auf den Eimer.

Werfen wir einfach mal einen Blick zurück auf die Entstehung des Zustands, der dem Metal nach den Gesetzen des Musikbusiness eigentlich den Tod hätte bringen müssen und der ihn letztenendes doch „nur“ in ein relativ kurzes (und heilsames) Wachkoma versetzt hat.

Ende der 80er bis Anfang der 90er Jahre erlebte der Metal einen bis dahin so noch nicht dagewesenen Boom. Nicht nur die Glam-/Hair-Metal-Bands dieser Zeit, sondern auch die klassischen Schwermetaller wie Iron Maiden oder Judas Priest und sogar die Vetreter der härteren Schiene, die Thrash Metal-Bands, standen hoch im Kurs. Und Metallica spielten in kommerzieller Hinsicht sowieso längst in ihrer eigenen Liga.

Im sehr metal-affinen Deutschland z.B. vermeldeten auch einheimische, zuvor „kleinere“ Bands äußerst solze Verkaufszahlen ihrer Alben. Die Hamburger Jungs von Helloween, um mal ein Beispiel zu nennen, standen zeitweise ernsthaft an der Schwelle zum internationalen Rockstartum (wurden aber von internen Richtungsstreitigkeiten und Business-Bullshit letztendlich jäh gebremst – trotzdem gibt es sie heute noch, und das sogar ziemlich erfolgreich).

Der damalige Helloween-Gitarrist Kai Hansen stellte in einem Metal Hammer-Interview Ende der 80er erstaunt fest: „Heavy Metal hat ja inzwischen schon fast den gleichen kommerziellen Stellenwert wie Roland Kaiser!“ Wobei Roland Kaiser sicher froh gewesen wäre, hätte er seine Alben jemals in den absatzmäßigen Dimensionen der Iron Maidens und Metallicas dieser Welt verkauft. 😉 Herr Hansen untertrieb also sogar noch, was die kommerzielle Relevanz zumindest der Top-Bands des Genres anging.

Und sogar in den Massenmedien fand sich der Metal plötzlich prominent gefeatured wieder, wenn auch natürlich meist in Reservaten in Form von Spartensendungen. Im deutschen TV waren zu Spitzenzeiten gleich drei (!) Metal-Shows zu sehen: „Mosh“ bei RTL (ja, Kids! Eine Metal-Sendung! Auf Err! Teh! Ell! Das gab es!), „Hard’n’Heavy“ bei Tele 5 und „Headbangers Ball“ beim praktisch allmächtigen MTV. Später, als VIVA auf der Bildfläche erschien, kam auch dieser Sender in Form von „Metalla“ nicht ohne Quoten-Metalanteil aus (obwohl der Hype zu diesem Zeitpunkt längst vorbei war).

„Mosh“, an das sich heute nur noch Veteranen erinnern können, wurde dabei interessanterweise auch von echtem Fachpersonal moderiert: Sängerin Sabina Classen von den deutschen Thrashern Holy Moses und Journalist Götz Kühnemund (Metal Hammer, später Chefredakteur bei Rock Hard) ließen es beim damaligen „Tutti Frutti“- und „Der heiße Stuhl“-Sender ordentlich und kompetent krachen. Für diejenigen, die nicht glauben, dass es das tatsächlich mal gegeben hat:

Ein wenig verknallt war ich allerdings weder in Sabina Classen noch in Götz Kühnemund, sondern eher in Rotschopf (na klar) Annette Hopfenmüller („Hard’n’Heavy“) und natürlich MTV-Rockchick Vanessa Warwick (blond). Sie musste ja auch unbedingt ein Interview mit Maiden an einem portugiesischen Strand im Bikini moderieren! Und wirkte dabei sehr viel reizvoller als Steve Harris in Shorts… aber ich schweife mal wieder ab. Wie üblich. 😉

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When we were young… Annette Hopfenmüller (Tele 5, „Hard’n’Heavy“, links) und Vanessa Warwick (MTV, „Headbangers Ball“).

Also: eine gemeinhin eher verfemte Musikrichtung bekam auch abseits der Hair Metal-Bands plötzlich etwas Glamour verpasst. Dicke Verkaufszahlen, volle Hallen, zuvor in dieser Breite noch nie dagewesene Medienpräsenz – Metal wurde teilweise regelrecht auf Teufel komm raus „entschmuddelt“. Was ihm mittelfristig nicht wirklich guttat. Denn es kam, was kommen musste: das „next big thing“. Es kam aus Seattle, Washington, USA. Und es hieß Grunge.

Bands wie Nirvana, Alice In Chains, Pearl Jam und Soundgarden traten eine neue Welle los – und dem Metal kräftig in den Arsch, was Publikumszuspruch und vor allem die Gunst der Musikmedien anging.

Was den Grunge so deutlich vom Metal unterschied, waren die eher im Punk liegenden musikalischen Wurzeln und die anti-kommerzielle Haltung, die die Musiker an den Tag legten. Ich weiß noch, dass ich beim Lesen von Interviews mit Eddie Vedder (Pearl Jam) oder Layne Stayley (Alice In Chains) Statements wie „Wir wollen gar nicht so viele Alben verkaufen“, „Wir wollen mit dem ganzen Rockstar-Zirkus nichts zu tun haben“ oder „Wir wollen eigentlich gar nicht auf Tour gehen, wir wollen kein Teil der Maschinerie sein“ sehr verwundert aufnahm. Auf den Bühnen der Rockwelt regierten nach und nach Holzfällerhemden statt Bandshirts einer- und Nietenkluft andererseits. Es herrschte wieder eine gewisse Bodenständigkeit statt des „larger than life“-Prinzips, das im Metal so oft zu finden ist.

Die Musik in Kombination mit der zur Schau gestellten Attitüde, deren Zeit wohl einfach gekommen war und nach einer (teilweisen) Rückbesinnung zum guten, alten, rotzigen, ursprünglichen Punk-Spirit aussah, funktionierte als Gegenpol zum Metal, der im Vergleich mit dem Grunge zunehmend als klischeehaftes, übertheatralisches, völlig durchkommerzialisiertes Relikt der Rockhistorie gesehen wurde – oder zumindest seitens der Musikmedien zunehmend so dargestellt wurde. Was Kurt Cobain mit Nirvana (unbewusst) losgetreten hatte, überrollte schon sehr bald die bisherige Rockwelt. Und war dann irgendwann kein Gegenpol mehr, sondern die Wachablösung. Im Zuge des Grunge erfuhren auch andere Bands der härteren Gangart, die mit Metal nichts am Hut hatten und auch nicht haben wollten, eine erhöhte Aufmerksamkeit. Sie waren cool. Sie waren neu. Sie waren „echt“. Sagte zumindest MTV.

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Hätte Kurt Cobain geahnt, was er da auslöst… (Krist Novoselic und Kurt Cobain von Nirvana).

Alle Angriffsflächen, die der Metal nun mal zweifellos bot und noch immer bietet, waren plötzlich wieder zum Abschuss freigegeben. Und es wurde fleißig gefeuert. Die Meinungsmacher und Geschmacksbestimmer, die es in der Prä-Internet-Ära leichter hatten als heute, wenn es darum ging, Trends zu erzeugen und notfalls auch zu steuern, allen voran MTV, ließen den kurz zuvor noch ansatzweise hofierten Metal fallen wie eine heiße Kartoffel.

Und auch wenn kurz nach dem Aufkommen des Grunge eine seinerzeit junge und hungrige Band wie Pantera mit ihrem Durchbruch namens „Vulgar Display of Power“ dafür sorgte, dass der Metal weiterhin Impulse erhielt, die für seine Zukunft noch immens wichtig sein sollten, und Machine Head mit ihrem 1994er Debut „Burn My Eyes“ dem von der genreweiten Sinnkrise heftigst gebeutelten Thrash Metal wieder Leben einhauchten bzw. ihm ein neues Gesicht gaben – Metal wurde von der breiten Masse teilweise wieder regelrecht geächtet.

Aber er starb nicht. Er wurde hochgehyped, dann den Wölfen zum Fraß vorgeworfen – aber er starb einfach nicht. Wie schon mehrmals zuvor, als er totgesagt wurde. Auch wenn die „Fallhöhe“ diesmal eine andere war als zuvor. Denn einen Hype hatte diese Musikrichtung zuvor noch nie in dieser Form erlebt. Und auf einen Hype folgte in der Musikgeschichte oft der Absturz in die völlige Erfolgs- und damit Bedeutungslosigkeit. Wäre der Metal nicht das wehrhafte Biest, das er nun mal ist – er hätte eben dieses Schicksal erleiden und verschwinden müssen. Aber dieser Fall trat nicht ein.

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Nahm die „Krise“ gelassen und behielt grundsätzlich Recht: Marty Friedman.

Kleine Anekdote: ich hatte während der „depressiven Phase“ des Metal in den ausgehenden 90ern mal das Vergnügen, dem damaligen Megadeth-Gitarristen Marty Friedman auf der Frankfurter Musikmesse zu begegnen (du erinnerst dich noch, Jan Ackermann? 😉 ). Oh Mann, warum war es damals noch nicht selbstverständlich, immer und überall ’ne Kamera in der Tasche zu haben?

Egal, nach dem obligatorischen Autogrammschreiben ergab sich ein kurzer Plausch, während dem wir auch auf das seinerzeit gerade aktuelle Thema der weitverbreiteten Ignoranz gegenüber dem Metal und das Image der Uncoolness zu sprechen kamen, das dieser Musik anhaftete.

Friedman bemerkte lässig: „If, one day, MTV says it to be cool again, you can be sure it will be.“

Friedmans Blick fügte allerdings stumm hinzu: „And if not… who gives a shit?“

Der Mann kannte sich nämlich mit den „inner workings“ des Metal aus und wusste, dass es keinen Grund zur Panik gab.

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Amen.

Tja, wie wir heute wissen, hat MTV den Metal nie wieder für cool erklärt. Und eigentlich auch sonst niemand. Wie sich herausstellte, hatte der Metal das auch gar nicht nötig. Hatte er eigentlich noch nie. Er musste nicht cool sein. Vielleicht darf er irgendwie auch gar nicht cool sein. Marty Friedman war das auch vollkommen klar. Und der Metal musste auch gar nicht „zurückkommen“. Er war nie weg. Er war nur aus dem Fokus der Musik-Massenmedien verschwunden, zumindest weitestgehend. Und das war letztenendes wohl sogar heilsam. Die Szene nutzte die Zeit quasi zur Konsolidierung. Und das erfolgreich.

Wie konnte der Metal sogar seine schlimmste Krise, die grassierende Grunge-Mania, überleben?

Möglicherweise war die Tatsache, dass der Grunge flugs zur (Jugend-)Bewegung hochstilisiert wurde, dem relativ raschen Ende des Trends zuträglich. Für mich war der Grunge rückblickend betrachtet auch keine Bewegung im allgemeingültigen Sinne – jedenfalls nicht so, wie es der Punk ursprünglich einmal war (und im Underground auch heute noch ist) – sondern eher eine dezidierte Haltung zur Musik an sich. Zurück zu den Wurzeln, zur Musik selbst, zur Emotion, ohne die großen Rockstar-Attitüden und ohne Verbeugungen vor dem „Kommerz“. Die Gesetze des Musikbusiness sorgten jedoch dafür, dass die kleine Revolution an eben den Dingen scheiterte, die sie eigentlich ablehnte und denen sie sich trotzdem nicht dauerhaft widersetzen konnte. Vor allem die gnadenlose Vereinnahmung/Kommerzialisierung („Original Grunge-Holzfällerhemden jetzt nur 19,99 bei H&M!“), die nicht lange nach dem kometenhaften Aufstieg von Nirvana & Co. einsetzte, machte den Grunge als Ausdruck von Rebellion, von „anders sein“, recht schnell obsolet. Dass die anti-kommerziellen Ideale irgendwann in den Mühlen der Maschinerie des Musikbusiness zermahlen werden würden, war absehbar – und es trat letztenendes auch ein.

Der Grunge hat die Rockmusik und deren Markt (Dreckswort) mit Sicherheit nachhaltig verändert. Seit der Grunge-Welle hat sich die Rockmusik im Allgemeinen in so viele Subgenres aufgespalten wie nie zuvor. Die stilistische Bandbreite unter dem großen Überbegriff „Rock“ ist enorm groß. Der Metal, der ja in sich wiederum in viele Subgenres aufgeteilt ist, hatte und hat aber das Kunststück fertiggebracht, trotz dieser Aufteilung stets „greifbar“ zu sein und ein erkennbares Profil zu haben. Grunge dagegen war trotz all der Umwälzungen, die er insgesamt in die Rockwelt gebracht hat, nicht in der Lage, als identifizierbare Stilrichtung mit Profil dauerhaft zu bestehen. Im Grunde hat er auch mit der Vielfalt, deren Entstehung und Verbreitung er angestoßen hat, zum Teil dazu beigetragen, seinen eigenen Boom zu beenden.

Und der Punk? Dieser hat sich von einer kulturellen Gegenbewegung ebenfalls teilweise zum Mainstream hin entwickelt. Dies begann in den 80ern mit den Vertretern der New Wave und setzte sich mit Bands wie Green Day oder The Offspring in den 90ern fort, die zu Millionensellern wurden und den ursprünglichen Begriff des Punk damit in weiten Teilen kommerzialisierten. Der Punk hat sich allerdings, soweit ich das beurteilen kann, seinen Underground, seinen „echten“ Kern, dessen Vertreter die ursprüngliche Geisteshaltung des Punk – und dessen ideologischen Grundprinzipien – weiterhin leben und verkörpern und diese auch muskalisch wie textlich ausdrücken, stets bewahrt. Nichtsdestotrotz blieb auch der Punk nicht gänzlich vom alten Prinzip der Revolution, die ihre Kinder frisst, verschont. Aber, wie der Metal, wie der Rock ganz allgemein, lebt er noch. Laut und vernehmlich. Und das ist verdammt gut so.

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Für viele „echte“ Metaller der Inbegriff von Nu Metal und damit ein Feindbild (für mich ausdrücklich nicht!): Limp Bizkit.

Bliebe noch die Frage, warum der Metal, bei all den Vorwürfen, die man ihm mit Sicherheit machen kann, diese unfassbare Langlebigkeit vorweisen kann. Vielleicht hatte der Metal einfach den Vorteil, nie als „Bewegung“ gesehen zu werden bzw. nicht so gesehen werden zu können, da er in sich künstlerisch doch recht breit aufgestellt ist. Und auch weil das, was ihm besonders aus dem Punk-Lager gerne als Schwäche vorgeworfen wird, und was absolut als einer der erwähnten Vorwürfe durchgeht – nämlich, dass er sich nicht explizit auf klare politische oder ideologische Grundsätze bzw. auf eine „einheitliche“ Linie beruft, die ihn als „Bewegung“ definieren könnte – sich in Sachen Resistenz gegen den jeweiligen musikalischen Zeitgeist und die Wellenbewegungen im Musikbusiness als Pluspunkt erwiesen hat.

Denn auch die Trends und Strömungen nach dem Grunge, bei deren Auftreten ebenfalls der Tod, das Ende, die Apokalypse des Metal heraufbeschworen wurde – ob man sie nun Crossover nannte oder Nu Metal, der bei vielen Metallern so verhasst war und ist – haben das alte Monstrum nicht bezwingen können.

Die großen Bands des Genres sind schon sehr lange im Geschäft. Sie sind sich selbst und ihrer Linie zumeist extrem treu. Und auch verdammt viele Bands, die jünger sind als die nach wie vor äußerst erfolgreichen alten Schlachtrösser von Iron Maiden, Judas Priest oder Metallica, und die deutlich nach der „Grunge-Krise“ enststanden sind, können heute auf eine bereits sehr lange Karriere verweisen. Auch wenn viele Bands, die vor dem großen Hype oder währenddessen aktiv waren und es heute noch sind, nicht mehr das kommerzielle Standing von damals haben – sie lieben offensichtlich das, was sie tun, und machen keine Anstalten, damit aufzuhören. Und das subgenre-übergreifend. Ob Hair Metal, ob Power Metal, ob Death Metal, ob Thrash Metal – ich glaube, in keinem Musikgenre darf man so oft feststellen, dass es „die immer noch gibt“. Metal ist definitiv kein Genre für „one hit wonder“.

Und diese Mischung aus Kampfgeist, Linientreue und einer gewissen Sturheit wird wiederum von den Metal-Fans honoriert. Selbst Metal-Hasser kommen oft nicht umhin zuzugeben, dass Metal-Fans die wohl treuesten und engagiertesten Musikfans überhaupt sind. Dass es eben doch eine Tugend sein kann, sich tatsächlich auch mit der Musik, die man hört, auseinanderzusetzen, dafür einzustehen und dass dies dazu führen kann, dass sich aktive Musiker und Fans gegenseitig und damit ihr ganzes Genre bzw. ihre ganze Szene gemeinschaftlich tragen, sieht man am Beispiel Metal ziemlich deutlich. Ist das nicht wunderbar retro? Oder ist retro gerade wieder uncool? Ich weiß es aktuell nicht. Und es ist vollkommen wurscht, wenn man sich dem Metal verbunden fühlt. Weil „cool“ oder „uncool“ praktisch keine Rolle spielen. Was für eine Wohltat.

Noch ein Clou dabei ist, dass Metal tatsächlich generationenübergreifend wirkt. Denn es sind keineswegs nur die „Altrocker“, die man nach Wacken pilgern oder Maiden-Konzerte besuchen sieht.

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Horns up, new generation!

Ich grinse gerne geradezu väterlich, wenn ich Jungs und auch Mädels im Alter von 15 oder 16 stolz ihre Maiden-Shirts tragen sehe – so, wie ich es in dem Alter auch getan habe (und teilweise immer noch tue). Diese Kids hören wahrscheinlich auch eine Menge neuerer Metalbands, mit denen ich teilweise vielleicht gar nicht ganz so viel anfangen kann – aber der Spirit ist da, und ich kann mich nicht dagegen wehren, fast schon eine Gänsehaut zu bekommen, so ein wohliges Gefühl der Genugtuung, eine diebische Freude darüber, dass es trotz aller Bemühungen von vielen Seiten immer noch nicht gelungen ist, für völlige musikalische Stromlinienförmigkeit und die totale Weltherrschaft der Plastikmusik zu sorgen, und es einen beachtlichen Anteil der aktuellen Teenie-Generation einen Scheißdreck interessieren wird, welche Musik sie hören „soll“. Übrigens, Herr Christian J. Dale, fühle ich eine ähnliche Genugtuung, wenn mir junge Punks begegnen, die Ramones- oder Exploited-Shirts tragen, wie es z.B. mein Bruder vor zig Jahren schon tat. Das mal für’s Protokoll. 😉

Aber wie sieht die Zukunft konkret aus?

Ich habe mal ein wenig nachgeforscht – und dabei entdeckt, dass selbst Rock-Legenden wie Kiss-Bassist Gene Simmons in dieser Hinsicht scheinbar erstaunlich schwarz sehen.

In einem 2014er Interview äußerte sich Simmons so:

„There are still record companies, and it does apply to pop, rap, and country to an extent. But for performers who are also songwriters – the creators – for rock music, for soul, for the blues – it’s finally dead. Rock is finally dead.“

Aua!

Aber erst mal durchatmen. Ich habe dieses aus dem Zusammenhang gegriffene Zitat auch erst in den falschen Hals bekommen. Wie ich aus dem kompletten Interview herauslesen konnte, ging es Gene Simmons nicht darum, den sofortigen Schwanengesang auf die Rockmusik anzustimmen, sondern zum großen Teil um den besonders von altgedienten Musikern so oft beklagten „Tod“ der nicht-digitalen Musikverkäufe und die Folgen von Filesharing & Co. für das Musikbusiness, und auch um die Sorge um die Zukunft bzw. eine gewisse Angst davor, dass es dann, wenn die Heroen von heute eines Tages abgetreten sind, keine nächste Generation mehr geben wird, die die Fahne des Rock weiter hochhält, und dass die Rockwelt schon jetzt ein Nachwuchsproblem hat. Es sei quasi unmöglich, einen Plattendeal zu bekommen, wenn man mit einer Gitarre statt mit Elektronik bewaffnet antreten würde – der Fluch der allgemeinen technischen Entwicklung, so der „God of Thunder“.

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Sieht (teilweise) schwarz: Gene Simmons (Kiss).

Und: es ging ihm darum anzumerken, dass er eine gewisse Stagnation feststellt. Dass die alteingesessenen Bands zwar noch da seien, diese aber lieber auf Nummer Sicher gehen und keine Experimente wagen und noch dazu nichts Aufregendes, Neues mehr nachrücken würde.

Ich sehe es nicht so dramatisch wie Simmons, nicht nur wegen meiner Beobachtungen in Rockdiscos und auf Konzerten, die durchaus auf jüngere Generationen hinweisen, die mit elektronischer Musik bzw. 08/15-Chart-Tralala nichts am Hut haben, wie ich ja schon beschrieben habe.

Sicher, man sollte von den alteingesessenen Bands keine Innovationen mehr erwarten. Wobei dann auch die Frage wäre, was man denn bitteschön unter Innovation versteht. Wer erfindet das musikalische Rad neu? Iron Maiden z.B. werden es sicherlich nicht sein. Steve Harris und Co. sind um die 60 Jahre alt. Das sie plötzlich komplett neue musikalische Wege gehen, darf man wohl als ausgeschlossen ansehen. Aber das würde ich persönlich, als Maiden-Fan seit Jahrzehnten, auch gar nicht wollen. Ich mag auch die Konstanten in meinem musikalischen Universum. Das „Neue“ sollte man jüngeren Bands überlassen, die eine möglicherweise andere, frischere Herangehensweise an die Musik mitbringen.

Ob irgendwann mal jemand wirklich noch mal mit einer Idee um die Ecke kommt, die man tatsächlich als neue, aufregende, möglichst nicht komplett elektronisch verbrämte Richtung im Metal bzw. im Rock allgemein bezeichnen kann… ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Sicher, es gibt progressive, anspruchsvolle Bands, die „anders“ klingen – die aber im Grunde auch nicht viel anderes machen, als bereits bekannte musikalische Elemente neu zu kombinieren. Vielleicht ist die tonale Welt bereits so weit abgegrast, sind die Extreme schon alle so bis zum Erbrechen ausgereizt, dass die Neumischung von grundsätzlich Bekanntem die einzige Möglichkeit ist, die bleibt, um etwas „Neues“ zu schaffen. Man kann vielen neueren Metal-Bands durchaus den Vorwurf machen, dass sie „nur“ die alten Heroen zitieren. Diejenigen, die etwas weniger Traditionelles anbieten, werden von den ganz fest eingeschworenen Metallern teils auch geschnitten oder ignoriert. Wie sich diese Konflikte entwickeln, vermag meine Kristallkugel nicht zu sagen. Das kann nur die Zeit zeigen. Ich habe das Gefühl, dass die jüngere Generation der Metalheads sich da toleranter zeigt und die Metal-Szene sich da etwas öffnet. Aber: only time will tell.

Es ist natürlich legitim die Frage zu stellen, was passiert, wenn die „alte Garde“, die über Jahrzehnte die Fahne des Rock bzw. Metal hochgehalten hat, abtritt, und ob es nach ihnen möglicherweise keine Bands mehr geben wird, die der von Simmons prophezeiten totalen Dominanz elektronischer Musik etwas entgegenzusetzen haben. Was passiert, sollte der Strom an Nachwuchsbands, der jetzt noch keine Austrocknungserscheinungen zeigt, irgendwann doch versiegen. Aber ich sehe nicht, dass es jetzt schon soweit wäre. Ganz und gar nicht. Denn es rücken durchaus neue Bands nach, und es sind durchaus welche dabei, die ziemlich „anders“ sind. Es ist vielleicht ein wenig zu viel verlangt, Gene Simmons, den „God Of Thunder“ zu bitten, z.B. mal einer deutschen Artcore-Band sein Ohr zu leihen. In Bezug auf The Hirsch Effekt würde er dann wahrscheinlich anmerken, dass ihm da das kommerzielle Potenzial und die Möglichkeit zum Rockstardom fehlt. Manchmal kann man eben nicht alles haben, Gene. Warten wir’s ab.

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Müssten selbst von Gene Simmons als „anders“ empfunden werden: The Hirsch Effekt.

Meine Meinung ist: es hat zu einer wie auch immer gearteten „Leitkultur“ (Dreckswort), auch und gerade im Bereich der Popularmusik, praktisch immer auch eine Gegenkultur gegeben. Elektronische Musik wird, so Gene Simmons, bald uneingeschränkt herrschen? Okay. Der heftige musikalische Gegenwind als Antwort darauf ist damit nur eine Frage der Zeit.

Denn innovativ, neu oder besonders abwechslungsreich ist die elektronisch dominierte Dance-/Pop-/R&B-Masse, die die Charts beherrscht, nun wirklich nicht. Sollte es so kommen, dass die Visionen diverser SciFi-Autoren wahr werden und die Menschen der Zukunft größtenteils dazu verdammt sind, nur noch synthetisches Bummbumm zu hören – es wird sich eine Gegenbewegung formieren, um dem Einheitsbrei etwas entgegenzusetzen. Definitiv.

Klar, unser eigener Proberaumvermieter z.B. merkte neulich noch an, dass die Nachfrage nach Proberäumen derzeit nicht so groß sei. Sicher, es mag auch derzeit keinen speziellen Boom in Sachen lernwillige „Rockstars in Ausbildung“ geben, die den Gitarren-, Bass- und Drumlehrern die Türen einrennen. Aber: solange es junge Leute gibt, die sich für eine bestimmte Musikrichtung interessieren – und das ist derzeit in Sachen Rock defintiv „noch“ der Fall – wird es unter ihnen auch solche geben, die diese Musik auch selbst machen, die sie auch „leben“ wollen. Das ist meiner Meinung nach eine Art popkultureller Imperativ.

So weit, über weltweite Aufstände gegen elektronisches Musikdiktat nachdenken zu müssen, sind wir aber zum Glück noch lange nicht. Auch wenn, wie Simmons ja ebenfalls bemerkte, sich die Technologie gewandelt hat, durch die Musik verbreitet wird, auch wenn die geschäftliche Seite der Medaille durch Internet & Co. inzwischen eine ganz andere ist als „damals“ und es insgesamt nicht mehr so „leicht“ ist, mit der Musik Geld zu verdienen, wenn man nicht „cool“ und/oder trendy ist – Rock lebt. Metal lebt. Weil er nicht cool, nicht trendy, nicht hip sein muß und es noch nie sein musste. Und wenn er irgendwann doch wieder komplett in den Untergrund getrieben werden sollte, dann wird er dort weiterleben.

Schlussbemerkung zu Gene Simmons: er relativierte erst vor wenigen Tagen in einem neuen Interview mit dem Rolling Stone seine Aussagen zum Thema Rockmusik zumindest teilweise. Und versucht sich nun als Totengräber des Rap. Wenn das Herr West hört! 😉

Übrigens: neulich, nach einem Konzert mit Green Ink Machine im Rahmen der Remscheider Nacht der Kultur, wurde ich von einem offenbar noch sehr jungen Mann angesprochen, der seinem Look nach sehr offensichtlich durchaus der Rockmusik zugetan war. Es entwickelte sich ein interessanter Plausch über Musik, die allgemeine Situation für Rockbands, Konzerte und auch musikalisches Equipment. Wie sich herausstellte, war dieses Gespräch so eine Art Treffen der Generationen – der Bursche hätte mein Sohn sein können. Ich bin 43, der junge Mann war gerade mal 19. Also Vertreter einer nachrückenden Generation.

Mein Gesprächspartner hieß Tom Hunt und ist nicht etwa Knöpfchendrücker bei einem Dance-Projekt, sondern Sänger und Gitarrist bei der Band Pretty Useless. Die Jungs machen Rockmusik, wie ich eigentlich nicht zwingend hinzufügen müsste, es aber genüsslich trotzdem tue. Und sie machen es verdammt engagiert. Das zaubert ein Grinsen auf mein alterndes Metallergesicht. The spirit lives. Im Kleinen wie im Großen.

Ja, die Rockmusik ist ein wirklich widerstandsfähiges altes Biest. Und der Metal ist ein verdammt zäher Bastard. Und auch dafür liebe ich ihn.

Ach ja…

Herr West, da wollte Sie noch jemand auf das Thema „Kunst respektieren“ ansprechen… und Ihnen das gleiche Maß an Respekt entgegenbringen, das Sie anderen zugestehen. Bitteschön.

Mrz 152016
 

mann_ueber_wort_metal_iconBehauptung: „Rebellion? Pah! Metal ist doch totaler Mainstream! Kommerzkacke!“ – Antwort: Es gab noch keine Revolution, die nicht ihre Kinder gefressen hätte.

Es gibt nicht wenige, die behaupten, dass es gerade die spätestens mit dem Aufstieg des Grunge Anfang der 90er Jahre wieder aufgeflammte offene Ablehnung speziell im musikmedialen Bereich war, die den Metal gerettet und ihm den unwiderstehlichen Duft des Andersseins und des ausgestreckten musikalischen Mittelfingers zurückgegeben hat. Fakt ist, dass der Metal wohl tatsächlich ein Sonderfall ist. In kommerzieller Hinsicht ist er durchaus erfolgreich – und trotzdem haftet ihm etwas an, dass „anders“ ist, und das mit Sicherheit, neben anderen Aspekten, für das vielbeschworene Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Metalheads mitverantwortlich ist.

Metal ist, was seinen kommerziellen Stellenwert angeht, wesentlich größer, sprich: er hat, und das weltweit, mehr Anhänger, als vielen (selbst einigen Metallern) lieb ist. Trotzdem wird er sowohl von den Mainstream-Medien als auch vom „normalen“ Rest der Menschheit noch immer teils sehr argwöhnisch beäugt. Sowohl seine Bands und deren Musik als auch seine Fans lösen immer noch vielerorts Befremden aus oder rufen gar Ablehnung, auf Vorurteilen basierende Ängste und heftige Abwehrreaktionen seitens Max und Monika Mustermann hervor. Vielleicht nicht (mehr) in Wacken, aber insgesamt lässt sich immer noch ein nicht eben kleines Akzeptanzproblem der „Normalen“ feststellen, wenn es um härtere Klänge und deren Anhängerschaft geht.

Irgendwie bekommt der Metal das Kunststück hin, ein großes Publikum anzusprechen – und trotzdem bei den „Normalen“ immer noch auf genug Ablehnung zu stoßen, um nach wie vor den Reiz des „Andersartigen“ zu verströmen, das sich dem „Normalo“ nicht erschließt (und vor dem er vielleicht sogar ein wenig Angst hat). Bands aus dem Genre füllen riesige Hallen und auch Stadien, trotzdem ist Metal, wie Corey Taylor neulich noch einmal nicht ohne ein wenig trotzigen Stolz in der Stimme verkündete, irgendwie immer noch das „red headed stepchild“, sinngemäß übersetzt: das ungeliebte Stiefkind der Musikwelt.

Es lässt sich nicht verleugnen, dass der Metal trotz der ihm immer wieder von vielen Seiten entgegenschlagenden Ablehnung mit den Jahren durchaus einen Platz in der Musikwelt gefunden hat, der vielen als „zu Mainstream“ gilt und deshalb sauer aufstößt. Dabei geht es vielen Metal-Kritikern aber gar nicht um eine etwaige bewusst auf hohe Verkaufszahlen ausgerichtete Herangehensweise der Bands an ihre Musik und deren Komposition, sondern schlicht und ergreifend um die blanke Tatsache, dass Metal in der Vergangenheit äußerst erfolgreich war und immer noch ist. Erfolg ist ein Verdachtsmoment, volle Stadien bei Festivals oder ausverkaufte Hallen bei Tourneen sind vielen Musikfans grundsätzlich suspekt. Wie „anders“ kann eine Musik noch sein, die viele Menschen mobilisiert?

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Wie unrebellisch! Viele Menschen beim Slipknot-Konzert im Düsseldorfer ISS Dome. Kommerzkacke?

Man schaue mal auf das Billing von beispielsweise „Rock am Ring“, das Metal, Rap, Pop, Punkrock und vieles mehr mehr oder minder einträchtig und gleichberechtigt nebeneinander stellt. Und: es funktioniert. Auch mit nicht-radiokonformen Bands. Gutes Beispiel: Slipknot. Die neun Maskenträger aus Iowa sind keine 1Live-Lieblinge und finden in den „Kommerzkacker“-Massenmedien abseits der Metal-/Rock-orientierten Szeneorgane nicht gerade pausenlos statt. Trotzdem waren sie bereits mehrfach Headliner bei „Rock am Ring“. Und haben bei ihren Auftritten das Areal nicht etwa leergespielt, im Gegenteil. Sie haben das Publikum zu einem nicht gerade geringen Teil überhaupt erst angezogen.

Finde ich das als bekennender Slipknot-Fan schlimm? Ist mir das zu Mainstream? Bin ich enttäuscht, dass Slipknot bei vielen Nicht-Metallern nicht sofort Todesangst und Fluchtreflexe auslösen?

Nein. Ich sehe das vielleicht nur zu stark aus der Sicht eines aktiven Musikers, aber ich finde es persönlich nicht beklagenswert, dass Metal inzwischen trotz des Daseins als „red headed stepchild“ nicht mehr so konsequent ignoriert werden kann, als das sich große Festivals, die KEINE Nischen-Veranstaltungen sind, es sich erlauben könnten, keine Metal-Bands in exponierter Stellung vor einem Riesenpublikum spielen zu lassen. Nicht zuletzt, weil diese ihrerseits für jede Menge Publikum sorgen. Wenn Slipknot oder Iron Maiden oder andere große Bands aus dem Metal-Bereich ihre eigenen Touren durchziehen, füllen sie ebenfalls mühelos die Ränge und Innenräume. Maiden z.B. schaffen das bereits seit Jahrzehnten, rund um den Globus. Ich habe das nie als verabscheungswürdig empfunden. Wenn sich jemand dazu berufen fühlt, „Kommerzkacke“ oder „Mainstream-Scheiß“ zu rufen – und es gibt ja Ecken, aus denen diese Vorwürfe vollautomatisch und unreflektiert immer wieder kommen – kann und will ich ihm das nicht verbieten.

Mir persönlich ist es allerdings wesentlich lieber, wenn Slipknot oder Maiden Stadien füllen, als Millionen von Menschen zu (nach meinem Empfinden) gesichts- und identitätsloser Fließbandmucke abfeiern zu sehen. Denn die Tatsache, dass die „Kommerzkacker“ es unverschämterweise mit – das sei noch mal betont – nicht-mainstreamradiotauglicher Mucke und ohne ständiges Airplay auf breiter Ebene schaffen, ein großes Publikum zu erreichen,  zeigt mir schlicht und ergreifend, dass es viele Menschen da draussen gibt, die – wie ich – keinen Bock auf die stromlinienförmige Dauerberieselung mit R&B, Bumm-Bumm-Dancemusik oder Schlager haben. Und daran kann ich grundsätzlich nichts Schlechtes finden.

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Kommerzkacke oder einfach „Wer kann, der kann (nicht nur singen, sondern auch Flugzeuge steuern)“? Iron Maiden-Sänger Bruce Dickinson vor der bandeigenen „Ed Force One“, einer modifizierten Boeing 747.

Ja, Metal ist kommerziell in dem Sinne, dass Alben und Konzerttickets und auch Merchandise-Artikel gegen Geld den Besitzer wechseln, so wie in anderen Musikrichtungen auch. Dass es auch im Metal viele „große“ Bands gibt, die VIELE Alben und VIELE Konzerttickets und VIELE Merchandise-Artikel gegen Geld veräußern, weil VIELE danach verlangen, ist Tatsache. Iron Maiden haben ihre Ed Force One nicht mit Hosenknöpfen bezahlt, das ist mir schon klar.

Dies ist für mich aber kein Grund, diese Musik nicht (mehr) zu mögen. Es verändert die grundsätzliche Wirkung der Musik auf mich nicht. Musik gefällt mir oder sie gefällt mir nicht. Sie wird für mich nicht automatisch schlechter, wenn es plötzlich viele Menschen gibt, denen sie ebenfalls gefällt und die die gleichen Alben kaufen und die gleichen Konzerte besuchen wie ich. Der „Jetzt mögen es viele, es muss also Scheiße sein“-Reflex, den ich als jüngerer Metalhead zugegebenermaßen auch immer wieder mal gezeigt habe, ist heutzutage bei mir praktisch nicht mehr präsent. Die Musik an sich zählt, nicht die Anzahl der von ihr verkauften Einheiten. Und auch nicht die Zuschauerzahl bei Konzerten. Ich zähle bei einem Konzertbesuch nicht durch, wer ein „echter“ Metalhead oder ein „Poser“ ist. Weil es meinen eigenen Musikgenuss nicht schmälert. Höchstens dann, wenn ich es zulasse.

Sicher, in grauer Vorzeit, zu Zeiten von Metallicas „Schwarzem Album“, als ich beim Tourkonzert in der Dortmunder Westfalenhalle all die Neu- und „Mode“-Fans („Das ruhige Lied von denen ist so schön!“) bestaunte, all diese Metal-Fremden, die da plötzlich „meine“ Musik für sich beanspruchten (so habe ich es jedenfalls damals empfunden) und die bei Songs wie „Creeping Death“ oder „Whiplash“ doch arg irritiert aus der Wäsche glotzten, war ich definitiv „not amused“. Aber dafür habe ich weder Band noch Album noch gleich die gesamte Musikrichtung verteufelt. Für mich hatte sich das Thema Metallica erst mit „Load“ quasi erledigt – weil mir die Songs einfach nicht mehr gefielen, weil sie mir nichts mehr gaben, und nicht etwa, weil sie vielen anderen gefielen und Metallica reich und berühmt waren, denn das waren sie schon deutlich vor „Load“.

Die hitzigen Diskussion um „Kommerzkacke“, Mainstream und Nicht-Mainstream unter Musikfans wird es wohl geben, solange es Musik und Musikfans als solche gibt. Und auch die Debatten darüber, ob eine bestimmte Musikrichtung noch „rebellisch“ oder „revolutionär“ ist, wenn sie kommerziell als erfolgreich bezeichnet werden kann oder die Vertreter dieser Musikrichtung offensichtlich den einen oder anderen Cent mit ihrer Kunst verdient haben.

Überhaupt: gab es jemals eine Revolution, die ihre Kinder nicht früher oder später zumindest zum Großteil gefressen hätte? Punk, Grunge, auch Rap/Hip Hop – das alles wurde auf die eine oder andere Art und Weise irgendwann mal durch den Kommerzwolf gedreht. Und fast alles davon ist irgendwie zwar immer noch da, aber revolutionär? Im tiefsten Underground der jeweiligen Szene vielleicht, da, wo der Idealismus noch über allem steht. Aber sonst?

Für mich kommt es nicht, oder meinetwegen auch nicht mehr, darauf an, ob „meine“ Musik den Soundtrack zu einer weltumspannenden Revolte liefern kann, sondern darauf, wie sie auf mich wirkt. Ob sie in mir etwas auslösen kann. Eine Revolution im Inneren, sozusagen. Für mich schafft der Metal das in weiten Teilen in seiner Funktion als von mir innig geliebtes „red headed stepchild“ immer noch.

Ich denke jedenfalls, es lässt sich immer noch besser mit einem Slipknot-Shirt rebellieren, zumindest in einem gewissen Rahmen, als z.B. mit einem Revolverheld-Leibchen. Oder einem Kanye West-Trinkbecher.

Und solange das noch so ist, und solange mir diese Musik das Gefühl gibt, das ich jetzt immer noch habe, wenn ich sie höre, höre ich die „Kommerzkacke“ ungerührt weiter. Und schäme mich dafür kein Stück.

Sep 132015
 

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Kommen wir zur Heldenverehrung, Teil Zwo, und zur Gesangsfraktion. Da sind bei der Vorstellung persönlicher Helden meinerseits bei einigen Herren etwas längere Elogen angebracht.

Bei dem einen, weil er nicht unmaßgeblich „Schuld“ daran trägt, dass ich vor Urzeiten begonnen habe, Metal zu lieben.

Bei dem anderen, weil er nicht unmaßgeblich dafür sorgt, dass es bei dieser Liebe bleibt.

Und beim dritten, weil er ein Naturereignis ist.

Aber der Reihe nach:

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Bruce Dickinson in den frühen 80ern. Der Mann, der mir das nachhaltigste musikalische Erweckungserlebnis meines Daseins bescherte.

Anfangen muss ich einfach mit Bruce Dickinson (Iron Maiden).

Dickinson war einer der Gründe, warum ich irgendwann in Erwägung zog, auch ein Mikro in die Hand zu nehmen und zu versuchen zu singen. Und auch einer der Gründe, warum der Metal mich irgendwann gepackt und nicht mehr losgelassen hat.

Anno 1983, das legendäre Metal-Festival in der Westfallenhalle Dortmund, präsentiert in der Reihe „Rockpop“ – im öffentlich-rechtlichen TV! Im ZDF! Mein Bruder warf eines Nachmitttags die Video 2000(!)-Cassette mit der Aufzeichnung des natürlich stark gekürzt ausgestrahlten Konzerts in den Recorder und drückte Play. Ich ahnte noch nicht, dass ich eine Art musikalisches Erweckungserlebnis vor mir hatte. Das gemeinsame Anschauen des Videos mit meinem damals stark dem Metal und auch dem Punk zugewandten Bruder war strenggenommen mein erster halbwegs bewusster Kontakt mit Metal. Ich hatte es zwar aus dem Zimmer meines Bruders immer wieder dröhnen hören und fand es nicht schlecht, aber noch hatte es mich nicht gepackt. Und auch das Konzert-Video hatte zunächst keine besondere Wirkung auf mich. Irgendwie kickten mich Def Leppard und Quiet Riot gar nicht (und haben es auch in der Folgezeit nie geschafft). Auch in Sachen Judas Priest klickte es bei mir erst später.

Aber dann kamen Iron Maiden. Da stand dieser Kerl auf der Bühne, mit langen, später äußerst schweißnassen Haaren, in verdammt engen Hosen und mit einer spannend aussehenden Gürtelschnalle, und der Typ sang so laut und trotzdem so klar und noch dazu ziemlich hoch, dann rannte er kreuz und quer über die Bühne, tobte, sprang, blickte manisch ins Publikum, heizte es an, dann rannte er wieder und sang dazu.

Der erste Song war vorbei, ich blieb gebannt sitzen.

Bei der nächsten Nummer machte der Sänger etwas, von dem ich noch nicht wusste, dass es „Headbanging“ heißt, stand breitbeinig auf einem Podest seitlich vom Drumkit, sang, gestikulierte, schwang eine britische Flagge, heizte das Publikum an.

„Sing it for me, Dortmund!“ schrie er. Und Dortmund sang für ihn. Der Typ in den engen Hosen hatte das Publikum komplett im Griff. Es regte sich zum ersten Mal der noch sehr zarte Ansatz eines „Ich will das auch!“ in meinem Hinterkopf.

„And as I lay there gazing at the sky / My body’s numb and my throat is dry / And as I lay forgotten and alone / without a tear I draw my parting groan.“

Ich verstand noch nicht so wahnsinnig viel von dem, was dieser hyperaktive Kerl da sang. Ich bekam nicht mit, dass ich in diesem Moment „The Trooper“ hörte und der Song schon ziemlich bald zu einem meiner persönlichen Evergreens werden sollte. Aber: ich war erstmals vom Metal fasziniert. So etwas kannte ich bis dahin noch nicht. Das war so weit weg von dem Zeugs, dass ich Dienstags abends bei „Formel Eins“ vorgesetzt bekam (die Älteren werden sich noch erinnern).

Und ich fand es geil. Die Musik an sich hat sich mir erst später wirklich erschlossen, anno 1983 – ich war 11 – waren es zunächst vor allem Bruce Dickinsons Gesang und seine Bühnenpräsenz, die mir nicht mehr aus dem Schädel gingen. Und meine Bewunderung für Mr. Dickinson ist bis heute ungebrochen.

 

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Je oller, je doller? Bruce Dickinson ist auch mit deutlich über 50 noch der Derwisch, der mich vor urlanger Zeit so begeistert hat.

Denn auch heute, mit 57 Lenzen, rennt und springt Dickinson noch über die Bühnen dieser Welt wie ein junges Fohlen, und zu allem Überfluss singt er dabei auch noch nach wie vor erstklassig.

Der Mann ist übrigens nicht „nur“ Sänger. Der leidenschaftliche Fechter und zwischenzeitliche Buchautor hat ein abgeschlossenes Geschichtsstudium vorzuweisen (was sich immer wieder auch in seinen Texten niederschlägt) und ist ausgebildeter Pilot. Dickinson besitzt seit den frühen 90er Jahren die Fluglizenz, und – was vielen gar nicht bekannt ist – war seitdem sogar hauptberuflich Pilot, und zwar bei der britischen Charterfluglinie Astraeus, bis diese 2011 Konkurs anmelden musste. Dieser Job war auch der Grund für Dickinsons Wechsel zur Kurzhaarfrisur. Für Aufnahmen und Tourneen mit Iron Maiden und seine Solo-Aktivitäten nahm er sich jeweils Urlaub. Unglaublich, aber wahr.

Heute bildet Dickinson selbst Piloten aus und ist Besitzer einer Firma, die verschiedenste Flugzeuge wartet (Cardiff Aviation).

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Von Captain Bruce Dickinson würde ich mich jederzeit um den Globus jetten lassen.

Bekannter ist da schon die Tatsache, dass Dickinson sich und seine Band bei ihren Tourneen seit einiger Zeit eigenhändig um den Globus fliegt. Auf der 2016 anstehenden Iron Maiden-Weltreise zum aktuellen Album „The Book Of Souls“ wird Dickinson eine Boeing 747-400 steuern, also einen ausgewachsenen Jumbo. Wenn das mal nicht so was von Metal ist! 😉

Dickinson ist übrigens gerade erst von einer Zungenkrebs-Erkrankung genesen, die den Release von „The Book Of Souls“ und den Tourneestart natürlich stark verzögerte. Aber Bruce Dickinson ist einfach nicht unterzukriegen.

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Einfach ein Hammertyp. Ein Hammersänger. Und in vielerlei Hinsicht auch ein Vorbild. Ich könnte Romane über Bruce Dickinson schreiben, vielleicht mache ich das sogar irgendwann mal. Ich schließe meine Lobeshymne hier und jetzt allerdings mit einem Song aus einem seiner Solo-Alben ab.

 

 

(AP Photo/Keystone, Sandro Campardo, File)

Ein kleiner Mann, eine gigantische Stimme – und eine Frittengabel, die um die Welt ging: Ronnie James Dio.

Ein Hoch auf Ronnie James Dio (Black Sabbath, Rainbow, DIO; verstorben 2010).

Der kleine, große Mann des Rockgesangs. Nicht groß an Statur, aber dafür umso größer in Sachen Stimme. Und der Mann, dem wir, wenn wir seinen Ausführungen Glauben schenken, die Verbreitung unseres heißgeliebten und berühmten Erkennungszeichens verdanken, die „Frittengabel“. Pardon, die „Hörner“. 😉

Wenn es jemanden gab, der dieses immer wieder geäußerte, völlig dummdreiste Vorurteil, dass Stimmgewalt von Körpermasse oder -größe abhängt, ad absurdum geführt hat, dann der kleine, äußerst drahtige Ronnie James Dio. Allein dafür gehört er für mich – aus relativ offensichtlichen Gründen, wenn man sich mal meine Körpermaße und meine bevorzugte Freizeitbeschäftigung anschaut 😉 – auf ein Podest.

Man sagte ihm nach, dass er „mit einer Erkältung auf die Bühne gehen und dann ein ganzes Stadion in Grund und Boden singen“ konnte – einfach aufgrund sowohl seines natürlichen Talentes als auch seiner großartigen Technik.

Ich muss ehrlicherweise zugeben, dass ich Ronnie James Dio erst relativ spät wirklich zu schätzen gelernt habe, gemessen an seiner Klasse und seiner Bedeutung für den Metal. Vielleicht habe ich zu sehr auf das Drumherum geachtet, dass er bei DIO kultivierte. Ich sah Videos von einem Kerl, der mit Plastikschwertern auf Gummidrachen eindrosch, und fand es einfach too much. Andererseits habe ich anderen Bands und Musikern aus dem Metal deren nicht unähnliche Albernheiten einfach durchgehen lassen. Ganz ehrlich, ich habe keine Erklärung, warum Ronnie James Dio mich nicht gleich schlicht und einfach durch seinen Gesang überzeugte. Ich konnte zu meiner Metal-Lehrlingszeit wirklich ein übler Vollpfosten sein.

Er packte mich letztenendes doch, und zwar auf die Art und Weise, die ich für die natürlichste und ehrlichste halte – nämlich live. Metallica waren 1990 auf der „Ehrenrunde“ ihrer „…and Justice for all“-Weltreise für zwei Gigs nach Deutschland zurückgekehrt, einen davon, in der Messehalle Hannover, habe ich gesehen. Als Support für Hetfield und Co. waren dabei: DIO. Allerdings ohne allzu große Show. Keine Gummidrachen, keine Schwerter. Dafür eine mehr als kompetente Band, und natürlich der große, kleine Mann selbst, die fleißig gezeigte Frittengabel und diese Stimme, die mich bei dem Konzert zum ersten Mal wirklich packte. Endlich wusste ich, was an einem Song wie z.B. „Holy Diver“ eigentlich dran war. Es war vor allem diese Stimme, und die scheinbare Mühelosigkeit, mit der Ronnie James Dio jede einzelne Note in den hinterletzten Winkel der riesigen Halle schmetterte. Ich hatte ein ernsthaft schlechtes Gewissen, weil ich so lange so taub gegenüber Dio war. Aber: in der Folgezeit habe ich mich wesentlich intensiver mit Ronnie James Dios Schaffen auseinandergesetzt. Und ich habe es alles andere als bereut.

Heute sehe ich Ronnie James Dio, wie übrigens fast jeder Metal-Musiker (und nicht nur die Sänger), den man danach fragt bestätigen wird, als das, was er war: einen der besten Rocksänger aller Zeiten und als eine DER Stimmen des Metal.

Und wie war das nun mit der Frittengabel? DEM Zeichen des Metal und inzwischen allgemein der härteren Rockmusik?

Ronnie James Dio hat stets steif und fest behauptet, als Erster im Metal dieses Handzeichen benutzt zu haben. Ich zitiere hier mal den Wikipedia-Eintrag dazu:

Ronnie James Dio hingegen war der Meinung, das Zeichen zu seiner Zeit als Sänger bei Black Sabbath als Erster benutzt und damit in die Metal-Szene eingebracht zu haben. Dio soll das Zeichen von seiner abergläubischen Großmutter gekannt haben, die es im Aberglauben […] angewendet haben soll, da es sie vor dem bösen Blick geschützt habe. In dem Dokumentarfilm Metal – A Headbanger’s Journey verwendet er dafür das Wort Maloik. Er benutzte das Zeichen anfänglich nach Bedeutung bei Textpassagen, wo es um den Teufel oder das Böse ging. Nachdem das Publikum ihm dieses Zeichen immer nachahmte und es sich auch bei anderen Konzerten des Bereiches Heavy Metal etabliert hatte, wurde es zu seinem Markenzeichen. Nach allgemeiner Auffassung innerhalb der Szene gilt er deswegen auch als der Mensch, der sie in die Szene eingebracht hat.“

Den kompletten Wikipedia Artikel dazu findet ihr hier.

Der große, kleine Mann mit der Frittengabel wird mich leider nicht mehr mit neuem Material rocken können.

Ronnie James Dio erlag am 16. Mai 2010 einem Krebsleiden.

 

 

Kommen wir zu Rob Halford (Judas Priest).

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Rob Halford zu frühen Judas Priest-Glanzzeiten.

Eine Ikone, eine Galionsfigur des Metal. Mit seiner umfangreichen 4 ½-Okatven-Stimme und besonders den extrem hohen „Rob Halford Screams“, Schreien mit sehr hohen Frequenzen, hat der Sänger von Judas Priest den Gesang im klassischen Heavy Metal nachhaltig geprägt.

Ich selbst versuche gerne, einen „Halford Scream“ zu imitieren, wenn ich unterstreichen will, dass ich von klassischem Metal spreche. 😉 Logischerweise kann ich den Maestro aber bestenfalls nur schlecht parodieren, die Höhen des Originals bleiben für mich unerreichbar.

Rob Halford ist einer der Pioniere des „opernhaften“ Gesangsstils, der im Metal so häufig vorzufinden ist und auch heute noch von jungen Bands gerne aufgegriffen wird, speziell im Power Metal-Bereich.

Obwohl ich selbst stimmlich in anderen Regionen beheimatet bin, war Halford einer der Sänger, die auch mich nicht unbeeinflusst ließen, allein aufgrund seiner Reichweite, zumal sich Halfords tiefere Stimmlagen stets weiterentwickelten, kräftiger und druckvoller wurden, und einen starken Gegenpol zu den charakteristischen Screams bildeten.

Rob Halford ist aber nicht nur aufgrund seines Gesangs und seiner Erfolge vor allem mit Judas Priest eine Galionsfigur im schwermetallischen Bereich. Er hatte noch auf einem ganz anderen Gebiet Neuland für den Metal zu erschließen, aber darauf komme ich in einem in Kürze erscheinenden, anderen Blogpost zu sprechen.

 

 

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Corey Taylor „in zivil“.

Und nun zu Corey Taylor (Slipknot, Stone Sour).

Ein Mann, viele Gesichter. Und damit beziehe ich mich nicht nur auf die von Album zu Album wechselnden Masken, die Corey Taylor in seiner Funktion als Slipknot-Frontmann trägt.

Wer mein Fratzenbuch-Profil verfolgt, wird wissen, dass Corey Taylor ein persönlicher Held für mich ist. Ich bin Riesenfan von Slipknot und stehe auch sehr auf Stone Sour, was vielen meiner Mit-Metaller sauer aufstößt, da sie Taylors „andere Band“ für zu gewöhnlich bzw. für zu wenig außergewöhnlich oder schlicht „zu kommerziell“ halten.

Mich stört all das nicht im Geringsten, da ich Corey Taylor eben nicht nur als den maskierten Wutbolzen von Slipknot sehe, der mit „der anderen Band“ unverschämterweise andere, „gewöhnlichere“ und „kommerziellere“ Musik macht. Taylors Vielseitigkeit, nicht nur in Sachen Musik, finde ich großartig – und maße mir an, nachvollziehen zu können, warum er diese weder verbergen kann noch will. Und wer kann schon von sich behaupten, in gleich zwei schwer erfolgreichen und dabei musikalisch deutlich unterschiedlichen Metal-Bands zu singen?

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Corey Talor in aktueller Slipknot-Maske.

Zunächst mal ist anzumerken, dass Taylor über einen ziemlich gewaltigen Stimmumfang von 5 ½ Oktaven verfügt. Diese Bandbreite wäre ziemlich verschwendet, wenn Taylor ausschließlich auf infernalisches Gebrüll setzen würde – was er strenggenommen auch bei Slipknot eigentlich nie getan hat. Taylor bot immer schon eine Mischung aus Growls, Shouts, Screams, Raps und eben auch melodischem Gesang dar. Dass der Anteil an „echtem“, melodischem Gesang zugenommen hat – was von vielen Die-Hard-Slipknot-Fans als ein Anzeichen von Verwässerung/Verweichlichung und ein auf Taylors Geheiß geschehenes Verwischen der musikalischen Grenzen zwischen dessen beiden Bands gesehen wird – ist eine meiner Meinung nach nur allzu natürliche Entwicklung eines Künstlers, dem stimmlich kaum Grenzen gesetzt sind. Und was Taylor gesanglich auch macht, ob er nun als extremer Zornesklumpen oder melodisch-gefühlvoller „echter“ Sänger unterwegs ist – er macht es einfach gottverdammt gut.

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Taylor live als Sänger von Stone Sour.

Was gerne ignoriert wird, ist die Tatsache, dass Stone Sour schon deutlich vor Taylors Einstieg bei Slipknot, vor deren erstem „richtigen“ Album, existierten. Taylor vorzuwerfen, er hätte Stone Sour aus rein finanziellen Überlegungen gegründet, um seinen mit Slipknot etablierten Namen zu vergolden, ist also ziemlich einfach zu widerlegen. Natürlich profitiert Stone Sour von Taylors Popularität, die er bei Slipknot errang. Geschenkt gab es da trotzdem nichts, der Erfolg mit Slipknot war hart erkämpft. Vor allem, wenn man bedenkt, dass – das lässt sich in mehreren Interviews mit Slipknot-Mitgliedern nachlesen bzw. -hören – sich bei Slipknot die Erfolge bis zum dritten Album finanziell praktisch nicht bemerkbar machten. Gitarrist Jim Root z.B. berichtete mehr als einmal, dass er nach dem zweiten Slipknot-Album „Iowa“ zwar in einer der aktuell größten Metal-Bands des Planeten spielte, aber trotzdem nicht wusste, wie er die Raten für sein Auto oder seine Hypothek abzahlen sollte. Es blieb für die Band nichts hängen, rein finanziell gesehen.

Hätte ich an Corey Taylors Stelle da möglicherweise auch nach einem zweiten Standbein gesucht bzw. mich daran erinnert, dass ich ja eigentlich längst eines habe? Mit Sicherheit.

Wie auch immer, Taylor hat es geschafft, Slipknot und Stone Sour parallel existieren zu lassen und mit seinen unterschiedlich gewichteten Performances in beiden Bands zu überzeugen.

Düster, aber trotzdem irgendwie immer sympathisch: Taylor in seiner 1999er-Slipknot-Maske.

Was ich an Taylor immer schon faszinierend fand ist die Tatsache, dass er auch bei Slipknot, bei all der Düsternis und dem extremen Image und auch unter der jeweiligen Maske, auf der Bühne stets das Gefühl vermitteln konnte, eine Art abgedrehter Kumpel zu sein. Einer „von uns“. Einer, der bei all dem, was Slipknot an Düsternis, musikalischer Härte und Aggression vermittelten, bei aller nötigen Rockstar-Attitüde während der Performance eines Songs, speziell zwischen den Songs immer sympathisch wirkte. In seinen Ansagen, im Umgang mit dem Publikum. „We’re no different from you! We’re just like you!“ Und man kaufte es ihm ab. Selbst unter der Maske konnte er stets Glaubwürdigkeit vermitteln. Das hat sich bis heute nicht wesentlich geändert. Taylor scheint mir trotz seiner Erfolge sehr gut geerdet zu sein. Ich mag und schätze das.

Das Bedürfnis, vorhandene stimmliche Bandbreite auch anwenden und zeigen zu wollen, kann ich nur zu gut nachvollziehen. Ich hätte auch etwas dagegen, mich zum reinen Brülläffchen degradieren zu lassen bzw. mich selbst so stark zu limitieren– natürlich ohne mich mit einem Spitzensänger wie Taylor auch nur ansatzweise messen zu können oder zu wollen, nur damit da keine Missverständnisse aufkommen! Aber ich kann die Bedürfnisse eines flexiblen Sängers wie Taylor zu 100 % verstehen und nachvollziehen.

Hier ein „2 und 2“-Videovergleich: zweimal Taylor mit Slipknot, zweimal mit Stone Sour. Wer einen ganz krassen Gegensatz braucht, vergleiche Slipknots „Left Behind“ mit Stone Sours „Bother“. Ein Sänger, verschiedene Welten. Ich kann nichts dafür, ich liebe das.

Was schätze ich ausser dem Gesang an Taylor?

Vielleicht fühle ich mich jemandem wie ihm, der praktisch gleichaltrig und mit der gleichen Musik wie meine Wenigkeit aufgewachsen ist und der in vielen Dingen des Lebens eine sehr ähnliche Einstellung an den Tag legt wie ich selbst, besonders verbunden. Einige Punkte in seiner Lebensgeschichte – vorübergehende Obdachlosigkeit, Suchtprobleme, Suizidversuche – tauchen so nicht in meiner Vita auf, lassen mich aber den Menschen Taylor und sein heutiges Aufgehen in einer Vielzahl an Aktivitäten, die für viele Aussenstehende sicher oft etwas hyperaktiv oder auch selbstverliebt wirken, und seine Leidenschaft, die er für alles, was er anpackt, an den Tag legt, nur allzu gut verstehen.

Taylor ist außerdem ein verdammt smarter Mensch. Ein kluger Kopf, der sagt, was er denkt. Und der es aufschreibt, wenn ihm danach ist.

Ich habe sein erstes Buch „Seven Deadly Sins: Settling The Argument Between Born Bad And Damaged Good“ gelesen, in dem Taylor die biblischen sieben Todsünden entmystifiziert und sie, anhand konkreter Beispiele aus seinem eigenen Leben, als reine menschliche Schwächen, vor denen kein Mensch gefeit ist, darstellt – und das auf äusserst unterhaltsame Weise. Taylor schafft es, dabei nicht platt über Bibel und Kirche herzuziehen, wie man es befürchten könnte. Wenn ihr ein Exemplar – möglichst im englischen Original – in die Hand bekommt, werft mal einen Blick rein.

Sein zweites Buch „A Funny Thing Happened On The Way To Heaven“ beschreibt seine Lebenserfahrungen mit Phänomenen, die man als „paranormal“ bezeichnen muss. Was man davon halten soll, bleibt jedem selbst überlassen, lesenswert ist das Buch auf jeden Fall.

Irdischer geht es in seinem aktuellen Buch zu: in „You’re Making Me Hate You“ rechnet Taylor auf höchst amüsante und herrlich bissige Weise mit der heutigen (Pop-)Kultur ab.

Taylors Solo-Auftritte, wie die aktuelle Tour zum neuen Buch, sind eine extrem unterhaltsame Mischung aus Lesung, freier Spoken-Word-Performance und Konzert. Ich poste hier mal einen dieser Auftritte in kompletter Form, zumindest mal reinzuschauen lohnt sich auf jeden Fall, wie ich finde. Wer noch einen Beweise braucht, dass Taylor zu allem Überfluss auch noch eine Menge Humor hat:

Wie ich viel weiter oben bereits schrieb, sind es Ausnahmekünstler wie Corey Taylor, die dafür sorgen, dass ich weiterhin eine Menge Gründe habe, auch und gerade den Metal von heute zu lieben.

Stone Sour perform at the House of Blues in Boston, MA on April

 

 

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Nicht von dieser Welt: Mike Patton.

Aus dem „Dunstkreis“, also nicht aus dem Metal, kommt ein von mir extremst bewunderter Mann, der ein gesangliches Naturereignis darstellt: der wirklich einzigartige und unfassbare Mike Patton u.a. (u.a. Faith No More).

Sechs Oktaven Stimmumfang – damit ist Mike Patton vor Corey Taylor der Mann mit der größten stimmlichen Reichweite in der Populärmusik. Stilistisch ist Patton eigentlich gar nicht greifbar, da es praktisch nichts gibt, was dieser Mann nicht singen kann.

Ob bei Faith No More, Mr. Bungle, Tomahawk, Fantômas oder einem anderen seiner zahlreichen Projekte – Patton ist ein regelrechtes Chamäleon des Gesangs, wie es wohl kein zweites gibt. Was Bühnenpräsenz, Ausstrahlung, Souveränität und all die anderen Dinge angeht, die einen Frontmann der Extraklasse ausmachen, egal ob in Rockkluft oder im Maßanzug, Patton hat stets die Aura des Unangreifbaren.

Und Asche auf mein Haupt – ich habe es fertiggebracht, Mike Patton zunächst zu verkennen. Er war allerdings auch ein wenig selbst schuld. Warum wurde auch Faith No Mores „Epic“ so ein Riesenhit? Warum musste es mich in Rockdiscos zwischen Slayer und Anthrax ständig stören, als es herauskam? Da rappte einer, was zum damaligen Zeitpunkt der Entwicklung meines Musikgeschmacks schon mal prinzipiell gar nicht ging, und dann auch noch diese nasale, quäkige Stimme! Durchgefallen. So war das damals, als ich noch ein abseits des Metal sehr intoleranter Musikhörer war.

Was war ich bloß für ein verbohrter Idiot.

Denn dann kam recht bald meine eigene Gesangs-“Karriere“, und ich musste mich gleich zu Anfang einer seinerzeit schier unmöglichen Aufgabe stellen: „Digging The Grave“ von, man fasst es kaum, Faith No More zu covern. Und ich wurde praktisch sanft dazu gezwungen, mich näher mit Faith No More auseinanderzusetzen. Und ich merkte sehr schnell, was für ein ignoranter Vollpfosten ich war. Speziell, was Mike Patton angeht.

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Der Maestro kann es auch elegant.

Mike Patton ist kaum in Worte zu fassen, und ein paar Videos mit Klangbeispielen reichen nicht im Geringsten, um seiner stimmlichen und stilistischen Bandbreite auch nur ansatzweise gerecht zu werden. Ein Sänger aus einer anderen Galaxis und in jeder Lage ein Irrsinns-Performer.

Ob er nun wie von der Tarantel gestochen über die Bühne springt und aus tiefster Seele schreit und kreischt, um im nächsten Moment wieder wie der weltgrößte Crooner loszuschmeicheln, um dann einen hymnenhaften Refrain zu schmettern und dann wieder Dinge aus seiner Stimme herauszuholen, die mit „abgedreht“ nur unzureichend umschrieben sind – Mike Patton ist ein anderer, ganz eigener Planet.

Ich könnte noch mehr Superlative auspacken, aber es ist schon spät und ich würde das Phänomen Mike Patton sowieso nicht mal ansatzweise erfassen. Nehmt die Videos unten als Grundlage, und googled und recherchiert euch bei Interesse am besten selbst schlau, was diesen Mann angeht. Er ist fast zu groß für eine schriftliche Heldenverehrung.

 

 

Damit wäre ich mit meinen herzallerliebsten Sängern und Gitarristen durch. Was die Bassisten und Drummer angeht, will ich mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, da ich weder Bass noch Schlagzeug spiele. Ich maße mir zwar an, hören zu können, ob ein Bassist oder Drummer sein Handwerk beherrscht, möchte aber hier nur jeweils drei Namen in die Runde werfen, die mir persönlich nachhaltig in Erinnerung geblieben sind bzw. die es bleiben werden. Ich beschränke mich dabei auch deutlich auf den Metal.

Im Schnelldurchlauf zunächst die Bassisten:

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So kennen wir ihn, so lieben wir ihn, und wir wollen ihn auch gar nicht anders haben: Steve Harris (Iron Maiden).

Steve Harris (Iron Maiden)

Ein wahrer Metal-Monolith.

Steve Harris wird gerade von Nicht-Metallern oft für eine gewisse musikalische Sturheit belächelt, bzw. dafür, dass er als musikalischer Leiter von Iron Maiden seit Jahrzehnten, um es mal so auszudrücken, ausgesprochen stilsicher unterwegs ist. Anders gesagt: dass Harris ein gewisses Scheuklappendenken nicht abzusprechen ist.

Lassen wir das einfach mal im Raum stehen – auffällig ist, dass Bassisten – vor allen Dingen solche,  die von sich sehr und von Maiden insgesamt weniger überzeugt sind – oft und gerne zusammenzucken, wenn man ihnen vorschlägt, doch mal eine Maiden-Nummer zu covern. Ist doch eine ganz simple Sache, Scheuklappen-Harris und so weiter. Oder?

„Muss ich üben…“, heisst es dann plötzlich. 🙂

Warum, lässt sich ganz gut nachvollziehen, wenn man sich mal Harris‘ pure Master-Bass-Tracks ohne andere Instrumente zu Gemüte führt – siehe unten.

 

 

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Tragischer Verlust für die Bass-Welt: Cliff Burton.

Cliff Burton (Metallica, verstorben 1986)

„Zu früh verstorben“ ist eine Klischeephrase, die ich eigentlich nicht gerne verwende, die aber immer wieder zuverlässig beschreibt, wenn jemand von uns gegangen ist, der der Welt noch einiges zu geben gehabt hätte.

Cliff Burton, ursprünglicher Bassist von Metallica, starb am 27. September 1986 auf tragische Weise: der Tourbus von Metallica geriet auf dem Weg nach Kopenhagen außer Kontrolle und kippte auf die Seite. Burton wurde dabei aus einem der Seitenfenster geschleudert und unter dem umstürzenden Bus begraben. Burton wurde gerade einmal 24 Jahre alt.

Burton galt als das wohl musikalischste Mitglied von Metallica, der Einflüsse aus der Klassik in sein Spiel einfließen ließ und der als einer der ersten Rockbassisten mit Verzerrern und Wahwah-Effekten arbeitete.

Dass Cliff Burton ein verdammt talentierter Vertreter seiner Zunft war, dürfte wohl unstrittig sein. Dass er der Musikwelt noch einiges hätte geben können, mit ziemlicher Sicherheit auch Innovatives, ebenfalls. RIP, Cliff.

 

 

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Steve DiGiorgio

Mal wieder jemand, der aus der ganz harten Metal-Ecke stammt und u.a. bei Sadus, Death, Autopsy, Control Denied, Obituary, aber auch bei z.B. Iced Earth und Testament aktiv war bzw. ist.

Steve DiGiorgios spieltechnische Fähigkeiten sind auch weit über die Grenzen des Metal hinaus bekannt. DiGiorgio selbst gründete übrigens mit Dark Hall zwischenzeitlich eine Jazz/Fusion-Band, ist also jemand, der sich gerne auch abseits der harten bis ganz harten Schiene austobt.

Seine Dreifinger-Technik ist besonders bemerkenswert. Im Regelfall setzen mit den Fingern spielende Bassisten nur Zeige- und Mittelfinger ein. DiGiorgio nimmt den Ringfinger hinzu, was ihm z.B. extrem schnelle Läufe ermöglicht.

DiGiorgio setzt zudem gerne Fretless-Bässe ein, was im härteren Musikbereich eher ungewöhnlich ist, und tritt, wenn er Death Metal und Artverwandtes spielt, gerne mit einem minimalistischen 3-String-Bass an (s. Foto), dem er trotzdem mit höchster Spielkunst Außergewöhnliches zu entlocken versteht.

Interessanter Typ, fantastischer Musiker!

 

 

Zum Abschluss drei meiner liebsten Drummer:

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KEIN Drecksack: Mike Portnoy.

Mike Portnoy (ex-Dream Theater)

Der erste Satz, den ich jemals von Mike Portnoy in in einem Interview gehört habe, war seine Antwort auf die Frage, wie lange er denn für das Einspielen des Dream Theater-Albums „Images And Words“ gebraucht habe.

„I did the entire album in… I think, two days. It was really quick.“

„Drecksack“, dachte ich. „Du bist fantastisch, aber musst du es so raushängen lassen?“

Da war ich wohl etwas vorschnell und einfach nur neidisch auf echtes, überbordendes handwerkliches Talent, denn in der Folgezeit kam Mike Portnoy für mich stets als sympathisch und keinesfalls selbstverliebt oder überheblich rüber.

Ich habe Dream Theater und damit Mike Portnoy x-fach live gesehen, jedes einzelne Mal war ich hin und weg, und auch wenn ich durch meinen etwas straighter gewordenen Geschmack heute manchmal das Gefühl habe, dass Mike Portnoy ab und zu sogar fast etwas zuviel von seinem Können zeigt – ich stehe auf sein Drumming. Und ich mag ihn als Typ, auch wenn er inzwischen nicht mehr bei Dream Theater trommelt. Das nur, bevor mir Horden von Drummern für mein Banausentum („Wie, zuviel?!? Geht’s noch?!?“) aufs Dach steigen. 😉

 

 

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Sympathieträger mit verdammt schnellem Fuß: Nicko McBrain.

Nicko McBrain (Iron Maiden)

Der stets fröhliche Brite erstaunt seit Jahrzehnten z.b. durch  seine schnelle Ein-Fuß-Technik. Wo andere Drummer schon zur Double Bassdrum greifen bzw. diese treten müssen, kommt Nicko McBrain mit dem Einsatz lediglich eines Fußes aus. Diese Spezialität, und natürlich das, was er mit den Händen zu veranstalten in der Lage ist, wird nicht nur von seinen Bandkollegen, sondern allgemein von anderen Drummern bewundert.

„Er hat sein Kit so aufgebaut, dass er die halbe Zeit lang nicht mal sieht, auf was er da einschlägt“, bemerkte Iron Maiden-Bassist Steve Harris einmal halb stolz, halb verwundert.

Der Iron Maiden-Song „Where Eagles Dare“ vom „Piece Of Mind“-Album verdeutlicht sehr schön, was Nicko McBrains Spiel unter anderem ausmacht. McBrain lehnte den Einsatz von Doublebass bei diesem Song als „undrummerish“ ab. Das sagt schon einiges aus.

 

 

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Mit und ohne Slipknot-Maske: Joey Jordison.

Joey Jordison (ex-Slipknot, Scar The Martyr)

Die Umstände seiner, ähem, „Trennung“ von Slipknot sind nach wie vor nebulös, und ich will an dieser Stelle auch nicht weiter darüber spekulieren. Fakt ist: am gewaltigen Erfolg von Slipknot hatte Joey Jordison als Songwriter, im gestalterischen Bereich (er entwarf unter anderem das ikonische „Tribal S“-Logo der Band) und eben in seiner Funktion als herausragender Drummer einen enormen Anteil.

Jordison wurde 2010 vom Musikmagazin „Rhythm“ zum besten Drummer der letzten 25 Jahre gewählt – vor Titanen wie Mike Portnoy, Neil Peart oder auch Dave Grohl. Eine Auszeichnung, die den seinerzeit noch bei Slipknot tätigen Jordison selbst völlig überraschte.

Ich habe jedenfalls auch als Nicht-Drummer einen Höllenspaß, wenn ich im Archiv krame und Joey zu seinen Slipknot-Zeiten brutal, präzise und nebenbei noch wild headbangend trommeln sehe.

 

So, dass soll es aber in Sachen persönlicher Heldenverehrung auch gewesen sein!

So langsam wird es Zeit, die Allgemeinplätze hinter mir zu lassen und mehr ans Eingemachte zu gehen, was das Thema Metal angeht. Und Dinge anzusprechen, die mit der Musik an sich oft nur am Rande zu tun haben.

Gleich im nächsten Blogpost starte ich da mal einen ersten Versuchsballon.

 

Sep 082015
 

mann_ueber_wort_midde_band_icon_300Spielste inner Band, kannste wat erleben.

Über die mal mehr, mal weniger glorreiche Vergangenheit, als ich bei Soultrip bzw. Noisegate das Mikro schwang, und die Erlebnisse mit halb-französisch nuschelnden Bühnentechnikern am Rande des Nervenzusammenbruchs, an kuriosen Orten vergessenen Instrumenten, fehlgeschlagenen Salti mit Gitarre oder grandiosen Auftritten als Salami im Hausflur könnt ihr euch in Kürze auf der Soultrip Memorial-Website amüsieren.

In „Midde Band“ geht’s ausschließlich um die Gegenwart und absehbare Zukunft, und die heißt Green Ink Machine.

Wann auch immer in meinem Bandleben mit meinen Rockbrüdern irgendetwas passiert, was einen Schreibdurchfall verursacht, wird dieser hier zu finden sein: ich denke da an Kuriositäten, Blicke hinter die meist gar nicht vorhandenen Kulissen oder ganz persönliche Betrachtungen von bandmäßigen Groß- und Kleinereignissen.

Warnhinweis: es kann durchaus vorkommen, dass die Beiträge in „Midde Band“ Muckerslang, Muckerhumor oder andere muckerspezifische Textelemente enthalten. Dies ist zu jeder Zeit und in jedem Fall volle und bewusst rücksichtslose Absicht. \m/

Sep 082015
 

mann_ueber_wort_metal_iconBehauptung: „Metal? Die machen doch nur Krach!“

Antwort: Sechs. Setzen.

Ich starte mal mit einer Anekdote: anno 1993, ich war noch Gitarrenschüler. Mein damaliger Gitarrenlehrer stürmte in den Raum, riss eine CD aus der Tasche und stopfte diese hektisch in den Player. „Die Viertelstunde nehm‘ ich mir jetzt!“ ließ er mich gestreng wissen. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete. In besagter Viertelstunde spielte er mir zwei – wie man sich denken kann – ziemlich lange Songs von der CD vor. Und ich weiß noch, dass ich mit offenem Mund und ungläubig aufgerissenen Augen da saß, speziell beim zweiten Song, und dachte: „Das… gibt’s… doch… gar nicht! Wie zum Teufel kann man SO unfassbar gut sein? Wie kann diese ganze Band so von einem anderen Planeten sein?“

Am nächsten Tag rannte ich los und kaufte mir gleichermaßen pflichtbewusst wie begeistert das vom Gitarrenlehrer angespielte Album. Der Titel: „Images And Words“. Die Band: Dream Theater. Die Songs: „Pull Me Under“ und „Metropolis – Part I“. Mein Qualitätsempfinden – speziell in Bezug auf Können am jeweiligen Instrument – war nach der für mich inzwischen legendären Probehör-Viertelstunde (eigentlich waren es sogar 17 Minuten und 45 Sekunden) nie wieder das selbe. Die Band hatte mich in Herz UND Hirn getroffen. Mich sowohl emotional als auch intellektuell angesprochen. Nein, sogar regelrecht herausgefordert.

Dream Theater zählen zum Genre des Progressive Metal. Mehr oder weniger offiziell heißt es „Progressive Metal/Rock“ – Metal ist ein weiter Begriff, für eine Band wie Dream Theater allerdings wieder zu eng gefasst. Aber: Dream Theater sind ein anerkannter Teil des Subgenres des progressiven Metal. Metallischer Einschlag ist ihnen nicht abzusprechen (nur mal als Tipp: „Train Of Thought“ dürfte wohl ihr metallischstes Album sein). Und sie sind eine Band, die den Vorwurf des „Krachs“ völlig ad absurdum führt. Ausschließlich aus absolut herausragenden Musikern bestehend, sind Dream Theater natürlich auch ein Paradebeispiel – aber bei weitem nicht die einzigen brillianten Musiker im metallischen Bereich der Musik.

Die reine Gefühlsebene, auf der sich Musik abspielen kann, haben wir ja schon abgehandelt. Jetzt gehen wir mal einen Schritt in die andere Richtung und betrachten das Ganze ein wenig verkopfter: mit den Augen und Ohren eines Musikwissenschaftlers. Wie tickt der Metal? Warum ist Metal kein Krach, sondern im Gegenteil sogar spielerisch anspruchsvoll? Beim Studium der Fakten stellte sich übrigens auch einer der grundlegenden Unterschiede zwischen Metal und Punk heraus, bzw. im Selbstverständnis dieser beiden Musikrichtungen.

Der erwähnte Musikwissenschaftler hört in diesem Fall auf den Namen Dietmar Elflein. Dieser hat in seinem Buch „Schwermetallanalysen“ die musiktheoretischen Eigenheiten des Metal analysiert, indem er exemplarisch Bands wie Black Sabbath, Iron Maiden, Megadeth, Metallica oder Slayer unter die Lupe nahm.

Laut Elflein haben Metal-Songs zum Großteil eine „reihende Kompositionsstruktur“. Dies bedeutet grundsätzlich zunächst einmal das Gegenteil von „weniger ist mehr“: im Metal finden sich oft innerhalb eines Songs mehr unterschiedliche Gitarrenriffs als im „normalen“ Rock, in dem meist die konservative Struktur, das auch im Pop übliche Strophe-Chorus-Strophe-Chorus-Schema, zur Anwendung kommt. Sprich: wir haben es im Metal sehr oft eben NICHT mit den sprichwörtlichen „drei Akkorden für ein Halleluja“ zu tun.

Interessanterweise schaut Elflein dabei etwas über den Tellerrand hinaus und konstatiert, dass in diesen komplexeren Strukturen im Metal auch eine „rebellische Grundhaltung“ abgebildet wird. „Man will es eben anders machen, man will sich abgrenzen von der sogenannten Industriescheiße. Das, gepaart mit einer Wertschätzung für handwerkliches Können, führt zu komplexeren Strukturen“, so Elflein.

Und weiter: „Der frühe Metal entwickelte sich aus dem Blues, und Blues hat auch diese reihende Struktur. Die Reihung ist im Grunde eine afroamerikanische Idee, im Gegensatz zur europäischen Liedtradition.“

Rein Metal-historisch betrachtet waren es übrigens Judas Priest, die als erste den Blues-Einfluss der frühen Tage komplett aus ihrer Musik verbannten und den später so klassischen „reinen“ Heavy Metal spielten.

Elflein führt außerdem aus, dass der Metal den „Prollmusik“-Stempel nicht nur aufgrund von „Helden-Gitarrensoli“ oder der Songstrukturen zu Unrecht trägt, sondern auch aufgrund des virtuosen Zusammenspiels.

Im Metal herrscht ein „paralleles Ensemblespiel“ – die Band als Ganzes stellt ihre Energie und häufig eben auch ihre Virtuosität unter Beweis. Es findet „Energiebündelung im Kollektiv“ statt, als Hilfsmittel dienen z.b. Tempo- und Dynamikwechsel, Breaks oder Rhythmuswechsel. Bands demonstrieren auf diese Weise laut Elflein gerne „die volle Beherrschung der musikalischen Form.“

mann_ueber_wort_schwermetall_goodmusicDer Musikwissenschaftler spricht in diesem Zusammenhang noch einen anderen wichtigen Punkt an: die Kunstfertigkeit, die im Metal gerne demonstriert wird, stehe „im Gegensatz etwa zu einer Punk-Haltung, die mit der Industrie auch nichts zu tun haben will, sich aber auch nicht für das Handwerkliche interessiert.“

Damit will Elflein mit Sicherheit nicht sagen, dass es im Punk-Bereich keine guten Musiker gäbe. Denn das wäre ein ebenso dämliches Vorurteil wie die „Nur Krach“-Haltung den Metallern gegenüber und damit ebenso falsch. Elflein meint: im Punk gehört das Betonen (!) des Handwerklichen – das explizite Bestreben, nicht nur gute Songs schreiben, sondern auch ein guter Instrumentalist sein zu wollen – nicht unabdingbar zur Kultur der ganzen Musikrichtung, wie es im Metal der Fall ist. Gute technische Fähigkeiten sind im Punk keinesfalls Voraussetzung für Akzeptanz beim Publikum, also für Erfolg, wohingegen im Metal eine Band, die speziell live nicht auch durch gute Beherrschung ihrer Instrumente überzeugt, bei den Fans durchaus für Unmut sorgen kann.

So geschehen im Falle von DragonForce (dieser Name… ich weiß 😉 ), die auf ihren Alben hohe Spielkunst demonstrierten – speziell das Gitarrenduo Sam Totman und Herman Li – live aber immer wieder „durchfielen“ und einige furchtbare – und dummerweise zugleich vielbeachtete – Performances ablieferten. Was im Punk nicht einmal ein Schulterzucken hervorgerufen hätte, löste unter Metalheads eine regelrechte Kontroverse aus. Die Band verlor sogar viele Fans, die Betrug witterten und den Eindruck bekamen, dass DragonForce live nicht das umsetzen können, was ihre Alben versprechen – zu deutsch: dass die Band im Studio gewaltig trickst. Inzwischen zeigen DragonForce ihr auf den Studioaufnahmen demonstriertes Können als Instrumentalisten allerdings auch auf der Bühne – dem Verzicht auf Alkohol vor Gigs und besserem Equipment sei Dank. Ein bleibender Rest-Imageschaden für die Band durch die Technik-Kontroverse lässt sich allerdings nicht ganz wegdiskutieren.

Um es gleich zu sagen: ich kann nachvollziehen, wenn diese qualitätsbejahende Grundhaltung speziell von der Punk-Szene als „Egogewichse“ oder „Gepose“ angesehen und oft als Snobismus oder gar Elitismus empfunden wird. In meiner eigenen musikalischen Laufbahn machte sich irgendwann auch eine gewisse Ermüdung bemerkbar, was die „Heldenverehrung“ herausragender Instrumentalisten und Sänger und auch komplexer Songstrukturen angeht. Während wir, als wir noch unter Noisegate firmierten, nicht zuletzt aufgrund von Keyboardeinsatz ziemlich deutlich unserer Verehrung für komplexeren Stoff wie Dream Theater freien Lauf ließen, gingen wir mit Soultrip irgendwann weg von den allzu metal-typischen Strukturen, wurden musikalisch kompakter, verzichteten sogar auf Gitarrensoli. Wir wurden rhythmischer, grooviger, „tanzbarer“. Und irgendwie nachvollziehbarer. Wir wurden im Prinzip zu einer Variante von dem, was später als „New Metal“, schlussendlich dann in hipperer Schreibweise als „Nu Metal“ bezeichnet wurde – letzteres mutierte dann unter nicht ganz so aufgeschlossenen Metalheads bald zu einem regelrechten Schimpfwort. Aber dazu später noch wesentlich mehr.

Ganz so außergewöhnlich ist eine derartige Entwicklung laut Dietmar Elflein allerdings auch im Metal gar nicht (wenn man hier mal den Progressive Metal-Bereich ausklammert): „Wenn man, gerade am Anfang, noch nicht so genau weiß, wie man einen Song baut, reiht man Riffs hintereinander und tobt sich aus. Man sieht das oft an Bands: im Laufe der Zeit, wenn sie professioneller werden, lässt das nach, und sie beschäftigen sich mehr mit existenten Songstrukturen.“

Bei allem Verständnis für diejenigen, die von der „Heldenverehrung“ von Musikern genervt sind und einen Dreck auf spielerische Fähigkeiten geben, trotz meiner eigenen Hinwendung zu straighteren Songstrukturen zu Soultrip-Zeiten und dem „Gespielt wird, was Spaß macht“-Motto nun bei Green Ink Machine: meine Bewunderung für musikalische Höchstleistungen allgemein hat nie nachgelassen. Auch wenn ich kein Dream Theater-Poster mehr anbete, ich kann es immer noch genießen, wenn John Petrucci & Co., oder welche Band auch immer, es schaffen, mich in Herz UND Hirn zu treffen. Ich lasse mich gerne zum Staunen bringen. Ich freue mich, „dass es sowas noch gibt“. Und ein grundsätzlicher Qualitätsanspruch an Musik ist da, war immer da und wird immer da sein.

Wenn ich allerdings einen Song höre, der keine „Ohs“ und „Ahs“ aufgrund hochentwickelter Spielkultur auslöst, bei dem aber für mich das Feeling stimmt, bin ich definitiv kein Snob – dann zeigt mein Daumen klar nach oben. Denn auch das ist Qualität. Es ist, ehrlich gesagt, sogar die Qualität, die letztendlich für den „normalen“ Musikhörer zählt. Trifft Musik nicht ins Herz, nützen ultrapräzise und geschickt gespielte Noten herzlich wenig. Womit wir beinahe schon wieder zurück bei der reinen Gefühlsebene wären.

Dem Metal, soviel steht jedenfalls fest, werde ich immer sofort zur Seite springen, wenn ihm bzw. den ausführenden Musikern pauschal die Qualität abgesprochen wird. Denn in diesem Musiksegment, und in seinem Dunstkreis, tummeln sich jede Menge wirklich großartige Musiker. Die tatsächlich nicht nur die Töne, sondern auch ins Herz treffen. Echte Virtuosen. Ob man diese Tatsache nun goutiert oder nicht, ob man ihr Bedeutung beimisst oder nicht oder ob es einen als „Egogewichse“ ankotzt – es ist Fakt.

Deal with it. 😉

Sep 082015
 

mann_ueber_wort_metal_iconFakt: Ich liebe diese verdammte Musik.

Diesmal wird es ziemlich persönlich… vorab: ich bin kein unkritischer Metalhead. Es gibt einiges am Metal, das ich nicht besonders schätze. Das will ich gar nicht leugnen, und kann es auch nicht. Es gibt z.B. das eine oder andere Subgenre, mit dem ich nichts oder nicht viel anfangen kann. Es gibt diverse Auswüchse, auf die ich noch zu sprechen kommen werde, die ich nicht gutheiße. Es gibt sogar Aspekte, die ich albern bis peinlich finde.

Was aber hat mich dazu gebracht, diese Musik trotzdem auch nach drei Jahrzehnten immer noch zu lieben? Überraschung: die Musik an sich. Und ihre Wirkung auf mich. Auf der Gefühlsebene. Vor allem anderen, was noch mit hineinspielt.

Musik muss mich zuallererst treffen. Sprich: sie muss Emotionen in mir wecken. Idealerweise hilft sie mir auch, mit meinen Emotionen umzugehen, sie zu verarbeiten, zu reflektieren. Das ist der ganz entscheidende Punkt: die Gefühlsebene. Ich muss Musik FÜHLEN können. Ist das nicht der Fall, prallt sie einfach an mir ab oder rauscht wirkungslos an mir vorbei. Dann regt sich nichts. Kein Körperteil zuckt, nix, nada, nothing.

Trifft Musik mich allerdings, kann sie eine Macht sein, eine positive, teilweise sogar regelrecht heilsame Kraft. Für mich hat dies praktisch ein ganzes Leben lang immer und immer wieder der Metal bewirkt.

Und bevor die Klischeekiste geöffnet wird: Metal ist nicht nur Aggression und Frust. Das natürlich auch. Aber er ist dank seiner Bandbreite komplexer, vielschichtiger in Bezug auf das Gefühlsspektrum, das er transportieren kann. Im Falle von Metal besteht das Transportmittel eben zum Großteil (aber eben nicht ausschließlich) aus lauten, verzerrten Gitarren – was ihm eine grundsätzliche Energie, Kraft und Wucht verleiht. Auf dieser Basis kann Metal den Hörer die unterschiedlichsten Dinge spüren lassen:

So z.b. das Kämpferische, Trotzige eines „Bulldozer“ (Machine Head). Das hymnenhaft-erhabene eines „Fear Of The Dark“ (Iron Maiden). Die manische Wut eines „Surfacing“ (Slipknot). Das fast schon kindlich fröhliche „Kopf hoch“ eines „I’m Alive“ (Helloween). Die pure Wucht eines „Walk“ (Pantera). Das „gemeinsam sind wir stark“ eines „In Union We Stand“ (Overkill). Mentalen Urlaub von der Realität, den ein „Somewhere Far Beyond“ (Blind Guardian) ermöglicht. Die Verzweiflung, die ein „Bother“ (Stone Sour) ausdrückt. Oder das Tröstende eines „Take The Time“ (Dream Theater).

All diese unterschiedlichen emotionalen Zustände, diese Stimmungen, und noch viele mehr, transportiert der Metal. Mitten in mein Herz und in meinen Kopf.

Danke, Metal. Du hast viele eigentlich unerträgliche Dinge in meinem Leben erträglich gemacht. Weil du mir geholfen hast zu verarbeiten, zu reflektieren – und zu überwinden. Und – und das darf keinesfalls ausgelassen werden – weil du auch stets mit den passenden Klängen zur Stelle warst, wenn es etwas zu feiern gab. In guten wie in schlechten Zeiten also.

mann_ueber_wort_schwermetall_metal_is_a_friend

Kurzer Einwurf: wie schon erwähnt, bin ich kein „purer“ Metalhead (mehr). Auch andere Spielarten der Rockmusik wecken starke Emotionen in mir – sonst würden sie schließlich an mir abprallen oder an mir vorbeirauschen. Nicht, dass wir uns falsch verstehen. Aber hier geht es primär um Metal, und diese Musik sorgt schon länger als jede andere für einen nicht unbeträchtlichen Teil meines persönlichen Wohlbefindens. Das nur mal zwischendurch.

Ich stelle übrigens immer wieder fest, dass „unrockbare“ Menschen enorme Schwierigkeiten haben, nachzuvollziehen, dass Musik, die nicht auf hochglanzpoliertem Tralala basiert oder sich nicht rein auf ihre Tanzbarkeit verlässt, Emotionen wecken kann. Es gibt viele Menschen, denen ich begegne und mit denen ich mich über Musik unterhalte, die unter „durch Musik ausgelöste Emotion“ offenbar ausschliesslich das imaginäre Herumschwirren ebenso imaginärer rosa Herzchen verstehen. Sprich: die nicht nachvollziehen können, dass andere Menschen Musik als Ventil nutzen, teils sogar brauchen, um mit ihrer etwas komplexeren Gefühlswelt besser zurechtzukommen.

Das will ich niemandem zum Vorwurf machen. Ich kann es sogar verstehen, wenn Nicht-Metaller beim Hören der oben genannten Songs mit dem Kopf schütteln und konstatieren, dass das für sie „alles irgendwie gleich aggro“ sei und sie deshalb die Finger davon lassen. Ich ticke aber nun mal nicht so. Meine Wahrnehmung ist da anders gestrickt.

Diese „andere“ Wahrnehmung und das daraus resultierende „andere“ Empfinden von Musik unterscheidet mich vom unrockbaren Teil der Weltbevölkerung. Und anderen Metalheads und Rock-Hörern geht es zweifellos ähnlich – was uns empfänglich für laute, verzerrte Gitarren macht. Ich bin nicht immer dankbar fürs „anders sein“… aber wenn ich mal alles seit dem ersten Konsum einer Iron Maiden-Scheibe so Revue passieren lasse, muss ich sagen: in diesem Fall schon. 🙂

Soviel zur sehr persönlichen, emotionalen Seite. Und was ist mit dem Kopf? Und vielleicht ein wenig Musiktheorie? Siehe nächsten Post („Doch, es ist Kunst.“).

Sep 082015
 

mann_ueber_wort_metal_iconVorwurf: „Ihr Metaller seid total intolerant und akzeptiert keinen anderen Musikgeschmack!“

Antwort: Ganz simpel – es gibt unter den Metalheads Starrköpfe und Aufgeschlossene. So wie überall. Punkt.

Metaller sind auch nur Menschen. Das ist Fakt. Und es gibt unter ihnen, wie schon in Lektion 2 angedeutet, wie in jeder anderen Bevölkerungsgruppe, natürlich auch die Starrköpfe/Puristen/Extremisten/Scheuklappenträger, die absolut gar nichts anderes als Metal – im Extremfall sogar nur eine einzige Spielart des Metal – gelten lassen. Keine Frage.

Ich kann mich noch an die große Zeit des Thrash Metal erinnern, als die „echten“ Thrasher teilweise verächtlich auf die Anhänger der nicht ganz so heftigen, „softeren“ Metal-Genres herabschauten. Bei so manchem Death Metal-Spezialisten sah es da nicht anders aus. Von reinen Black Metal-Jüngern will ich hier gar nicht reden… NOCH nicht.

Aber: es gibt – wie anderswo – eben auch die Aufgeschlossenen.

Es gibt z.B. solche, die innerhalb des Metal-Genres flexibel sind, was ja auch schon ein nicht gerade schmales Spektrum abdeckt. Und Metal, wie ich schon erwähnte, ist inzwischen ein noch weiteres Feld als noch vor 20, 30 Jahren. Und auch wenn mir da vielleicht der eine oder andere widersprechen wird: nach meiner Erfahrung schert sich ein Großteil der Metalheads relativ wenig um das jeweilige Subgenre-Etikett, das auf eine Band gepappt wurde, und ist durchaus mehreren Genres des Metal zugetan. Beim einen oder anderen kommt bzw. kam das erst mit der Zeit, aber das tut nicht wirklich was zur Sache. Gehört wird, was gefällt, das Etikett ist ziemlich schnuppe.

Ein Blick auf das jeweilige Billing des inzwischen im ganzen Universum berühmten Wacken Open Air und das dort stattfindende kollektive Abfeiern doch sehr unterschiedlich ausgerichteter Bands aus dem Metal-Lager mag auch als positives Beispiel dafür gelten, dass der Metal zwar relativ klar in Kategorien aufgeteilt ist, diese aber für die Hörerschaft unter’m Strich nicht unbedingt ideologisch bindend sind. Ausnahmen bestätigen wie üblich die Regel.

WACKEN, GERMANY, 2010

Wacköööön! Nächtliche Stimmung beim Wacken Open Air 2010.

Dann gibt es auch solche, die auch ganz anderen, teils sogar auch eher unrockigen Musikgenres gegenüber ein offenes Ohr haben – diese sind allerdings zugegebenermaßen unter den Metalheads nicht allzu häufig anzutreffen.

Und dann gibt es noch diejenigen, die sich offen und gerne zum Metal bekennen, die sich aber insgesamt als Rockfans betrachten und keine Probleme damit haben, Metal, Punk, Grunge, Alternative und sonstige Ausprägungen der heftigen Stromgitarrenmusik – natürlich nicht ohne persönliche Schwerpunkte – zu schätzen, und die das Motto „Geil ist es dann, wenn’s rockt!“ über Genregrenzen stellen.

Ach ja, falls Sie mitlesen, Sie wollen ja wohl hoffentlich nicht behaupten, dass es unter den auf Punkrock geeichten Hörern keine Intoleranz gibt, oder, Herr Dale? 😉

Ich kenne unfassbar sture Metalheads. Und ich kenne hoffnungslos sture Techno-Fans. Ich kenne verbissen sture Schlagerhörer. Ich kenne verdammt sture Hip-Hopper. Und ich kenne äusserst sture Punks. Eingeschränkter musikalischer Horizont bzw. eng gesteckte Geschmacksgrenzen sind keinesfalls auf die Metal-Szene beschränkt.

Ich selbst zählte in grauer Vorzeit zu jenen, die innerhalb des Metal durchaus flexibel waren. Ich hatte „damals“ keine großen Probleme damit (und habe heute noch weniger), z.B. melodischen Stoff wie Iron Maiden, progressives Hirnfutter wie Dream Theater, Thrash Metal wie Slayer, Death Metal a la Obituary und „Rollenspieler-Metal“ 😉 wie Blind Guardian in beliebiger Mischung und Reihenfolge in mich aufzusaugen.

Andere Gitarrenmusik-Genres gingen mir aber links wie rechts am Allerwertesten vorbei (Grunge habe ich damals ausschließlich als unverschämten Angriff schlapper Schrammel-Gitarristen auf mein geliebtes Schwermetall empfunden – was soll ich sagen, ich war jung…). Scheuklappen halt.

Heute zähle ich klar zur Sorte „Hauptsache, es rockt!“ Die Mischung ist eine andere, bzw. eine erweiterte.

Incubus und Rage Against The Machine gemischt mit Slayer, einer Prise Kraftklub nebst einer großen Portion Slipknot nebst Green Day und Foo Fighters garniert mit einem Spritzer Deftones und abgewogenen Beatsteaks mit etwas Korn und einem Löffel Judas Priest nebst einer Messerspitze Rise Against und als Dessert Lamb of God mit Machine Head… kein Problem. Früher wäre es eines gewesen.

Ich liebe Metal nach wie vor, bin aber anderen Rock(!)-Genres gegenüber offen – und froh darüber, weil mir sonst doch einiges an guter Rock(!)-Musik durch die Lappen gegangen wäre, und meine eigene musikalische Weiterentwicklung sicher gelitten hätte.

Die Tatsache, einer Band wie Noisegate bzw. Soultrip angehört zu haben, die eine kontinuierliche musikalische Evolution durchmachte und stilistisch stets für Experimente offen war, und heute Teil einer „etwas anderen“ Coverband wie Green Ink Machine zu sein und dazu zu 100 Prozent stehen zu können, habe ich nicht zuletzt dem Umstand zu verdanken, meine Wurzeln nie verleugnet, aber auch irgendwann damit begonnen zu haben, mal über den Tellerrand zu schauen – und teilweise positiv überrascht zu sein, was sich da alles so tummelt.

Nichtsdestotrotz: Metal wird immer ein Teil von mir sein, und ich werde diese Musik immer lieben. Zu den konkreten Gründen kommen wir später noch. Und ich gestehe, dass meine Sympathien sich im Zweifelsfall stets Richtung Metal neigen.

Deshalb: obwohl ich das untenstehende Zitat von Bruce Dickinson, seines Zeichens Sänger von Iron Maiden, so nicht mehr bedenkenlos unterschreiben kann, ohne meine eigenen musikalischen Aktivitäten teilweise in den Dreck zu ziehen – ich kann mir ein Grinsen trotzdem nicht verkneifen, wenn ich es lese. Ein Grinsen mit zusätzlichem Augenzwinkern, lieber Herr Dale!
Alte Liebe rostet eben nicht. Auch und gerade nicht die zum Schwermetall.

mann_ueber_wort_schwermetall_vorurteile

Sep 082015
 

mann_ueber_wort_metal_iconVorwurf: „Thrash Metal, Speed Metal, Dingsbums Metal – bei Metalheads herrscht totales Schubladendenken!“

Antwort: Nö. Da findet Kategorisierung statt, Freunde. Und EUER Hirn macht das übrigens auch.

„Hey Arne. Mal ’ne Frage: was ist eigentlich Post Grunge Sour Fuzz Rock?“ – „Hä???“

„Und was ist Thrash Metal?“ – „Slayer.“

So einfach kann es sein. Band: Slayer. Kategorie: Thrash Metal. Slayer selbst würden es mir nicht übelnehmen und mich nicht als Schubladendenker brandmarken. Schließlich gehören Tom Araya & Co. zu den Bands, die maßgeblich daran beteiligt waren, dieses Metal-Subgenre zu definieren. Und Slayer spielen heute noch genau das: Thrash Metal. Ohne wenn und aber. Die Band gehört eindeutig in eine ganz bestimmte Kategorie. Das soll vorkommen.

Der Drang, Dinge unbedingt kategorisieren zu müssen, ist ein Teil der menschlichen Natur. Besser: der Arbeitsweise unseres Gehirns. Kategorisierung erfolgt automatisch und unbewusst. Wissen muss schliesslich organisiert werden, weil unsere Köpfe ansonsten voller wüstem Datenmüll wären. Kategorien schaffen also, einfach ausgedrückt, Ordnung im Kopf. Steffen Günther, du als Kopf-Experte darfst mir da gerne widersprechen, sollte ich falsch liegen.

Wir können uns natürlich gegen allzu engstirniges Denken wehren. Das sollten wir sogar. Glücklicherweise sind wir dabei manchmal sogar erfolgreich. Die Welt sähe sonst auch noch übler aus, als das ohnehin schon der Fall ist. Kategorisierung findet aber unweigerlich trotzdem statt – wie schon gesagt, automatisch und unbewusst.

Okay, aber was ist jetzt mit dem Schubladendenken, dessen die Metal-Szene im allgemeinen oft beschuldigt wird?

Laut Duden bedeutet Schubladendenken „an starren Kategorien orientierte, undifferenzierte, engstirnige Denkweise“. Das heisst, beim Schubladendenken wird vorurteilsbehaftet abgeurteilt, anhand bereits vorhandener, festgefahrener Kategorisierungen. Genaue Prüfung von Fakten und Umständen oder gar das Erstellen einer neuen Kategorie mit neuen Bewertungsgrundlagen interessieren einen Schubladendenker nicht die Bohne. Schublade auf, Sache rein, Schublade zu, keine Chance auf Bewährung. Wir sind uns wohl alle der Tatsache bewusst, dass das nicht nur in Sachen Musik so läuft – leider. Aber bleiben wir beim Thema.

Wenn die Metal-Szene also ihre Musik in zahlreiche Subgenres unterteilt, hat das nichts mit Schubladendenken zu tun, sondern lediglich mit Kategorisierung. Ist also praktisch Natur pur. Thrash als Subgenre z.B. gab es in den Anfangszeiten des Metal nicht. Irgendwann spielten Bands wie die ganz (!) frühen (!) Metallica (das Debutalbum „Kill ‚em all“ wird allgemein als erstes richtiges Thrash-Metal-Album bezeichnet), Slayer, Exodus oder Anthrax aber in einem bis dahin so noch nicht dagewesenen Stil, der sich vom Rest der metallischen Musik deutlich unterschied. Also: neue Kategorie. Das neue Kind brauchte einen Namen: Thrash Metal (engl. to thrash; „dreschen“, „prügeln“, „verprügeln“), aufgrund der seinerzeit extrem schnellen und aggressiven Spielart, die diese Bands an den Tag legten.

mann_ueber_wort_schwermetall_metallica_old_days

Vor dem Superstardom: Metallica in der Debutalbum-Besetzung.

Und so ging es mit allen Subgenres, die da noch folgen sollten. Es wurde also mit neuen Strömungen und stilistischen Entwicklungen im Metal differenziert umgegangen. Sortieren von neuen Daten eben. Ordnung im Kopf. Wenn man es komplett durch die metallische Vereinsbrille betrachtet, zeigte das Anwachsen der Zahl der Subgenres des Metal auch auf, dass sich in dieser Musikrichtung in kreativer Hinsicht etwas bewegte und kontinuierlich Neues entstand.

Das ist allerdings zugegebenermaßen schon ein paar Tage her. Heutzutage treibt der natürliche Drang zur Kategorisierung von Musik manchmal sehr seltsame Blüten – nämlich dann, wenn sich herausstellt, dass Musik stilistisch oft schwer greifbar sein kann, weil sie Genregrenzen einfach wegwischt und teils sogar scheinbar unvereinbare Stile, oft auch eher subtil, miteinander verschmelzen lässt.

Die Tatsache, dass es in diesen Tagen an wirklichen Innovationen in der Musik mangelt, in dieser Hinsicht wohl auch nicht mehr allzuviel zu erwarten ist und das Kombinieren bereits bekannter Stilelemente verschiedener Musikrichtungen ein beliebter Ausweg aus dem kreativen Loch ist (nicht wenige behaupten, es wäre sogar der einzige, der noch übrigbleibt), scheint insbesondere selig bekiffte Musikredakteure, hilflose Promoter oder übereifrige Streamingdienst-Mitarbeiter zu überfordern.

Diese nerven mich dann gerne mit Wortungetümen wie „Post Grunge Acid Punk Folk“, „Neo Pop Grind Jazz“ oder „Adult Shock Post-Semi-Fusion Rock“, unter denen sich selbst Sachverständige kaum noch etwas vorstellen können (oder wollen).

Auch in Bezug auf Metal gibt es ähnliche Körperverletzungen in Lettern. Neulich musste ich „Post Thrash Neocore Crustfunk Metal“ lesen. Äh, wie meinen?

mann_ueber_wort_schwermetall_schubladen

Mir persönlich wird bei sprachlichen Kopfschüssen wie den obenstehenden inzwischen einfach nur noch schlecht. Das Bedürfnis, musikalischen Output, der eben nicht so einfach zu kategorisieren ist wie z.b. „Slayer = Thrash Metal“, in irgendeinen verbalen Rahmen zu quetschen – und sei er noch so absurd – geht mir inzwischen ziemlich auf den Teebeutel.

Es gibt eine ganz einfache Methode, mit der ich Musik inzwischen für mich persönlich kategorisiere. Es gibt für mich nach der unabdingbaren Grundvoraussetzung „rockt“ eigentlich eh nur noch zwei entscheidende Kategorien: „Find‘ ich gut“ oder „Find‘ ich nicht gut“. Oder auch „Kickt mich“ oder „Kickt mich nicht“. Wie ich feststelle, in welche der beiden ein Song für mich gehört? Ich höre ihn mir an. Und lasse ihn auf mich wirken. Eine inzwischen sehr bewährte Vorgehensweise.

Qualifiziert mich das als Metalhead eigentlich schon ab? Und wie gehen Metaller eigentlich mit ihren ganzen schönen Kategorien um? Fragen zum Thema (In-)Toleranz also…

…die uns direkt zum nächsten Blogpost „Die Saga vom Scheuklappen-Metalhead“ führen.

Sep 082015
 

mann_ueber_wort_metal_iconBehauptung: „Metal? Das klingt doch alles gleich!“

Antwort: Bullshit.

Wenn man von „Metal“ spricht, spricht man dann überhaupt von EINER fest definierten Musikrichtung? EINEM Stil? Nein. Oh nein.

„Metal“ ist über die Jahre und Jahrzehnte zu einem weit gefassten Begriff geworden, nicht unähnlich dem allgemeinen Sammelbegriff „Rock“. Das ist auch der Grund dafür, dass ich hier nur den Begriff „Metal“ und nicht das klassische „Heavy Metal“ verwende. Letzteres ist heute die Bezeichnung für die ursprüngliche Form dieser Musikrichtung, begründet und geprägt von den „Urvätern“ Black Sabbath oder auch Judas Priest. Heavy Metal ist quasi zum Subgenre des Oberbegriffs „Metal“ geworden, vertreten durch die teils immer noch aktiven klassischen Bands und jene, die traditionsbewusst in die musikalischen Fußstapfen der Heroen der frühen Jahre treten.

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Noch sehr jung und sehr haarig: die Metal-Urväter Black Sabbath in Originalbesetzung (1970)

Überhaupt: Subgenres. Davon gibt es im Metal eine beachtliche Menge. Und auch wenn ich nachvollziehen kann, dass das ungeübte Ohr sich schwertut, die Unterschiede zwischen diesen Subgenres herauszuhören – im Metal herrscht eine musikalisch-stilistische Vielfalt, die für Außenstehende fast schon verwirrend sein kann. Und die Unterschiede sind teilweise erheblich.

Beispiel: Glam Metal, auch bekannt als Hair Metal – von mir übrigens mit der Ausnahme der grandiosen und extrem (!) augenzwinkernden Steel Panther abgelehnt – und Thrash Metal – von mir übrigens geliebt – sind so unterschiedlich wie Mahatma Gandhi und Conan der Barbar. Mindestens.

Ich persönlich bin eigentlich dazu übergegangen, stramme Gitarrenmusik, egal welcher Richtung, einfach nur noch als „Rock“ zu bezeichnen. Vor allem der Einfachheit halber, wenn unkundige Mitmenschen – stolz verkündeter Musikgeschmack: „alles, was gerade aktuell ist“ (WÜRG!) – mir ein Gespräch über Musik aufzwingen wollen. Es macht mir allerdings neuerdings wieder vermehrt Spaß, Plastik-Musikkonsumenten den Begriff „Metal“ ganz bewusst genüsslich um die Ohren zu hauen. Einfach um zu sehen: Unwissenheit und Klischeedenken sind noch nicht ausgestorben. Herrlich. Da haben wir hier ja einiges zu tun. 😉

Wie das Bildchen unten zeigt, wäre der eine oder andere Nichtmetaller mit den zahlreichen Ausprägungen von Metal höchstwahrscheinlich überfordert.

mann_ueber_wort_schwermetall_subgenres

Diese Liste der Subgenres erhebt noch nicht einmal Anspruch auf Vollständigkeit. Aber sind all diese Kategorien im Metal nicht der klare Beweis für Schubladendenken? Und Schubladendenken ist doch eigentlich bäh? Mehr dazu im nächsten Blog-Post („Schubladendenken is for Pussies“).

„Klassicher“ Heavy Metal: Judas Priest – „Breaking The Law“

Power Metal: Helloween – „Judas“

Metalcore (und nein, die Songs müssen in diesem Subgenre nicht zwingend mit Gebrüll anfangen): Killswitch Engage – „Beyond The Flames“

Thrash Metal: Slayer – „Raining Blood“