Sep 082015
 

mann_ueber_wort_metal_iconBehauptung: „Metal? Die machen doch nur Krach!“

Antwort: Sechs. Setzen.

Ich starte mal mit einer Anekdote: anno 1993, ich war noch Gitarrenschüler. Mein damaliger Gitarrenlehrer stürmte in den Raum, riss eine CD aus der Tasche und stopfte diese hektisch in den Player. „Die Viertelstunde nehm‘ ich mir jetzt!“ ließ er mich gestreng wissen. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete. In besagter Viertelstunde spielte er mir zwei – wie man sich denken kann – ziemlich lange Songs von der CD vor. Und ich weiß noch, dass ich mit offenem Mund und ungläubig aufgerissenen Augen da saß, speziell beim zweiten Song, und dachte: „Das… gibt’s… doch… gar nicht! Wie zum Teufel kann man SO unfassbar gut sein? Wie kann diese ganze Band so von einem anderen Planeten sein?“

Am nächsten Tag rannte ich los und kaufte mir gleichermaßen pflichtbewusst wie begeistert das vom Gitarrenlehrer angespielte Album. Der Titel: „Images And Words“. Die Band: Dream Theater. Die Songs: „Pull Me Under“ und „Metropolis – Part I“. Mein Qualitätsempfinden – speziell in Bezug auf Können am jeweiligen Instrument – war nach der für mich inzwischen legendären Probehör-Viertelstunde (eigentlich waren es sogar 17 Minuten und 45 Sekunden) nie wieder das selbe. Die Band hatte mich in Herz UND Hirn getroffen. Mich sowohl emotional als auch intellektuell angesprochen. Nein, sogar regelrecht herausgefordert.

Dream Theater zählen zum Genre des Progressive Metal. Mehr oder weniger offiziell heißt es „Progressive Metal/Rock“ – Metal ist ein weiter Begriff, für eine Band wie Dream Theater allerdings wieder zu eng gefasst. Aber: Dream Theater sind ein anerkannter Teil des Subgenres des progressiven Metal. Metallischer Einschlag ist ihnen nicht abzusprechen (nur mal als Tipp: „Train Of Thought“ dürfte wohl ihr metallischstes Album sein). Und sie sind eine Band, die den Vorwurf des „Krachs“ völlig ad absurdum führt. Ausschließlich aus absolut herausragenden Musikern bestehend, sind Dream Theater natürlich auch ein Paradebeispiel – aber bei weitem nicht die einzigen brillianten Musiker im metallischen Bereich der Musik.

Die reine Gefühlsebene, auf der sich Musik abspielen kann, haben wir ja schon abgehandelt. Jetzt gehen wir mal einen Schritt in die andere Richtung und betrachten das Ganze ein wenig verkopfter: mit den Augen und Ohren eines Musikwissenschaftlers. Wie tickt der Metal? Warum ist Metal kein Krach, sondern im Gegenteil sogar spielerisch anspruchsvoll? Beim Studium der Fakten stellte sich übrigens auch einer der grundlegenden Unterschiede zwischen Metal und Punk heraus, bzw. im Selbstverständnis dieser beiden Musikrichtungen.

Der erwähnte Musikwissenschaftler hört in diesem Fall auf den Namen Dietmar Elflein. Dieser hat in seinem Buch „Schwermetallanalysen“ die musiktheoretischen Eigenheiten des Metal analysiert, indem er exemplarisch Bands wie Black Sabbath, Iron Maiden, Megadeth, Metallica oder Slayer unter die Lupe nahm.

Laut Elflein haben Metal-Songs zum Großteil eine „reihende Kompositionsstruktur“. Dies bedeutet grundsätzlich zunächst einmal das Gegenteil von „weniger ist mehr“: im Metal finden sich oft innerhalb eines Songs mehr unterschiedliche Gitarrenriffs als im „normalen“ Rock, in dem meist die konservative Struktur, das auch im Pop übliche Strophe-Chorus-Strophe-Chorus-Schema, zur Anwendung kommt. Sprich: wir haben es im Metal sehr oft eben NICHT mit den sprichwörtlichen „drei Akkorden für ein Halleluja“ zu tun.

Interessanterweise schaut Elflein dabei etwas über den Tellerrand hinaus und konstatiert, dass in diesen komplexeren Strukturen im Metal auch eine „rebellische Grundhaltung“ abgebildet wird. „Man will es eben anders machen, man will sich abgrenzen von der sogenannten Industriescheiße. Das, gepaart mit einer Wertschätzung für handwerkliches Können, führt zu komplexeren Strukturen“, so Elflein.

Und weiter: „Der frühe Metal entwickelte sich aus dem Blues, und Blues hat auch diese reihende Struktur. Die Reihung ist im Grunde eine afroamerikanische Idee, im Gegensatz zur europäischen Liedtradition.“

Rein Metal-historisch betrachtet waren es übrigens Judas Priest, die als erste den Blues-Einfluss der frühen Tage komplett aus ihrer Musik verbannten und den später so klassischen „reinen“ Heavy Metal spielten.

Elflein führt außerdem aus, dass der Metal den „Prollmusik“-Stempel nicht nur aufgrund von „Helden-Gitarrensoli“ oder der Songstrukturen zu Unrecht trägt, sondern auch aufgrund des virtuosen Zusammenspiels.

Im Metal herrscht ein „paralleles Ensemblespiel“ – die Band als Ganzes stellt ihre Energie und häufig eben auch ihre Virtuosität unter Beweis. Es findet „Energiebündelung im Kollektiv“ statt, als Hilfsmittel dienen z.b. Tempo- und Dynamikwechsel, Breaks oder Rhythmuswechsel. Bands demonstrieren auf diese Weise laut Elflein gerne „die volle Beherrschung der musikalischen Form.“

mann_ueber_wort_schwermetall_goodmusicDer Musikwissenschaftler spricht in diesem Zusammenhang noch einen anderen wichtigen Punkt an: die Kunstfertigkeit, die im Metal gerne demonstriert wird, stehe „im Gegensatz etwa zu einer Punk-Haltung, die mit der Industrie auch nichts zu tun haben will, sich aber auch nicht für das Handwerkliche interessiert.“

Damit will Elflein mit Sicherheit nicht sagen, dass es im Punk-Bereich keine guten Musiker gäbe. Denn das wäre ein ebenso dämliches Vorurteil wie die „Nur Krach“-Haltung den Metallern gegenüber und damit ebenso falsch. Elflein meint: im Punk gehört das Betonen (!) des Handwerklichen – das explizite Bestreben, nicht nur gute Songs schreiben, sondern auch ein guter Instrumentalist sein zu wollen – nicht unabdingbar zur Kultur der ganzen Musikrichtung, wie es im Metal der Fall ist. Gute technische Fähigkeiten sind im Punk keinesfalls Voraussetzung für Akzeptanz beim Publikum, also für Erfolg, wohingegen im Metal eine Band, die speziell live nicht auch durch gute Beherrschung ihrer Instrumente überzeugt, bei den Fans durchaus für Unmut sorgen kann.

So geschehen im Falle von DragonForce (dieser Name… ich weiß 😉 ), die auf ihren Alben hohe Spielkunst demonstrierten – speziell das Gitarrenduo Sam Totman und Herman Li – live aber immer wieder „durchfielen“ und einige furchtbare – und dummerweise zugleich vielbeachtete – Performances ablieferten. Was im Punk nicht einmal ein Schulterzucken hervorgerufen hätte, löste unter Metalheads eine regelrechte Kontroverse aus. Die Band verlor sogar viele Fans, die Betrug witterten und den Eindruck bekamen, dass DragonForce live nicht das umsetzen können, was ihre Alben versprechen – zu deutsch: dass die Band im Studio gewaltig trickst. Inzwischen zeigen DragonForce ihr auf den Studioaufnahmen demonstriertes Können als Instrumentalisten allerdings auch auf der Bühne – dem Verzicht auf Alkohol vor Gigs und besserem Equipment sei Dank. Ein bleibender Rest-Imageschaden für die Band durch die Technik-Kontroverse lässt sich allerdings nicht ganz wegdiskutieren.

Um es gleich zu sagen: ich kann nachvollziehen, wenn diese qualitätsbejahende Grundhaltung speziell von der Punk-Szene als „Egogewichse“ oder „Gepose“ angesehen und oft als Snobismus oder gar Elitismus empfunden wird. In meiner eigenen musikalischen Laufbahn machte sich irgendwann auch eine gewisse Ermüdung bemerkbar, was die „Heldenverehrung“ herausragender Instrumentalisten und Sänger und auch komplexer Songstrukturen angeht. Während wir, als wir noch unter Noisegate firmierten, nicht zuletzt aufgrund von Keyboardeinsatz ziemlich deutlich unserer Verehrung für komplexeren Stoff wie Dream Theater freien Lauf ließen, gingen wir mit Soultrip irgendwann weg von den allzu metal-typischen Strukturen, wurden musikalisch kompakter, verzichteten sogar auf Gitarrensoli. Wir wurden rhythmischer, grooviger, „tanzbarer“. Und irgendwie nachvollziehbarer. Wir wurden im Prinzip zu einer Variante von dem, was später als „New Metal“, schlussendlich dann in hipperer Schreibweise als „Nu Metal“ bezeichnet wurde – letzteres mutierte dann unter nicht ganz so aufgeschlossenen Metalheads bald zu einem regelrechten Schimpfwort. Aber dazu später noch wesentlich mehr.

Ganz so außergewöhnlich ist eine derartige Entwicklung laut Dietmar Elflein allerdings auch im Metal gar nicht (wenn man hier mal den Progressive Metal-Bereich ausklammert): „Wenn man, gerade am Anfang, noch nicht so genau weiß, wie man einen Song baut, reiht man Riffs hintereinander und tobt sich aus. Man sieht das oft an Bands: im Laufe der Zeit, wenn sie professioneller werden, lässt das nach, und sie beschäftigen sich mehr mit existenten Songstrukturen.“

Bei allem Verständnis für diejenigen, die von der „Heldenverehrung“ von Musikern genervt sind und einen Dreck auf spielerische Fähigkeiten geben, trotz meiner eigenen Hinwendung zu straighteren Songstrukturen zu Soultrip-Zeiten und dem „Gespielt wird, was Spaß macht“-Motto nun bei Green Ink Machine: meine Bewunderung für musikalische Höchstleistungen allgemein hat nie nachgelassen. Auch wenn ich kein Dream Theater-Poster mehr anbete, ich kann es immer noch genießen, wenn John Petrucci & Co., oder welche Band auch immer, es schaffen, mich in Herz UND Hirn zu treffen. Ich lasse mich gerne zum Staunen bringen. Ich freue mich, „dass es sowas noch gibt“. Und ein grundsätzlicher Qualitätsanspruch an Musik ist da, war immer da und wird immer da sein.

Wenn ich allerdings einen Song höre, der keine „Ohs“ und „Ahs“ aufgrund hochentwickelter Spielkultur auslöst, bei dem aber für mich das Feeling stimmt, bin ich definitiv kein Snob – dann zeigt mein Daumen klar nach oben. Denn auch das ist Qualität. Es ist, ehrlich gesagt, sogar die Qualität, die letztendlich für den „normalen“ Musikhörer zählt. Trifft Musik nicht ins Herz, nützen ultrapräzise und geschickt gespielte Noten herzlich wenig. Womit wir beinahe schon wieder zurück bei der reinen Gefühlsebene wären.

Dem Metal, soviel steht jedenfalls fest, werde ich immer sofort zur Seite springen, wenn ihm bzw. den ausführenden Musikern pauschal die Qualität abgesprochen wird. Denn in diesem Musiksegment, und in seinem Dunstkreis, tummeln sich jede Menge wirklich großartige Musiker. Die tatsächlich nicht nur die Töne, sondern auch ins Herz treffen. Echte Virtuosen. Ob man diese Tatsache nun goutiert oder nicht, ob man ihr Bedeutung beimisst oder nicht oder ob es einen als „Egogewichse“ ankotzt – es ist Fakt.

Deal with it. 😉