Mrz 202016
 

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Und wieder ein intimes Geständnis: oh Mann, ich liebe Zombiefilme. Wirklich wahr.

Ich kann mich dem spröden Charme untoter Horden einfach nicht entziehen.

Seitdem ich, obwohl ich seinerzeit eigentlich noch viel zu jung dafür war, zum ersten Mal George A. Romeros Dawn Of The Dead (ja, das Original von 1978) gesehen habe, fasziniert mich dieses Genre.

Und das nicht zuletzt, weil es bei dieser Thematik so viel gesellschaftlichen Subtext gibt. Was nach dem Ausbruch einer Zombieapokalypse vor allem mit den ethisch-moralischen Grundsätzen der (Über-)Lebenden geschieht, die sich gegen die morschen Wiedergänger zur Wehr setzen müssen, lässt oft sämtliche zivilisatorischen Verhaltensgrundregeln dem reinen, gnadenlosen Überlebensinstinkt zum Opfer fallen.

Mein Musikgeschmack passt ziemlich gut zu dieser cineastischen Vorliebe, denn wenn ich diversen Propheten von innerhalb wie außerhalb der Musikszene Glauben schenke, bin ich als Metal-Fan (und Fan von Rockmusik ganz allgemein) vollautomatisch ein Verehrer eines Haufens von Untoten. Diese sind sich ihres Zustandes, ganz wie die Zombies aus Film und TV, nicht bewusst, und sie schlurfen, stöhnen und beißen sich ungerührt davon durch die Weltgeschichte und machen den Lebenden das Dasein schwer.

Denn immer wieder heißt es: „Rock ist tot“. Was natürlich bedeuten würde, dass damit auch Metal, da Teil der Rockmusik, tot wäre.

Dass das Ende von Musikgenres und Subgenres verkündet oder herbeiorakelt wird, ist natürlich kein neues Phänomen. Ab und an kommt ein solcher Nachruf auch aus der Rockwelt selbst, mit den verschiedensten Hintergründen. Mal soll es Selbstironie sein, mal ein Weckruf, mal eine Abrechnung mit dem Business, das das Genre am Laufen hält. Oder ein persönlicher Tritt in die Familienplanung. Marilyn Manson z.B. proklamierte anno 1999: „Rock Is Dead“ – der Song war allerdings eher als ein Kick ins Gemächt als Antwort auf das Statement von Smashing Pumpkins-Frontmann Billy Corgan zu verstehen, der zuvor den Rock und dessen Spirit für tot erklärte. Wie so viele vor ihm, und mindestens ebenso viele nach ihm.

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Da haben wir die Erklärung: in der Hölle ist einfach kein Platz mehr. 😉

Trotz der immer wieder geschalteten Todesanzeigen tauchten jedoch unablässig immer wieder diese totgesagten Gestalten auf, altbekannte und neue, die die doch so mausetote Musik unbeirrt weiterspielten. Und sie fanden auch immer wieder Opfer, die sich dieser Musik willig hingaben. Die Rock-Zombies erhoben sich wieder und wieder aus ihren herbeigeredeten Gräbern.

Mit einer einfachen Beschwörungsformel wie „Du bist tot!“ war der Rockmusik in all ihren Schattierungen bislang offenbar nicht beizukommen. In Zombiefilmen weiß man, wie man die Vertreter der Wiedergängerhorden dauerhaft ausschaltet: indem man, auf welche Weise auch immer, ihr Gehirn zerstört.

Welche Methode bei den Rock-Zombies für ähnlich endgültige Abhilfe sorgen könnte, hat aber offenbar noch niemand herausgefunden.

Zum Glück. 😉

Und trotzdem: es hat sich ja witzigerweise, wieder einmal, ein Zombie-Killer gefunden, der quasi per Dekret gleich die komplette Horde der Rockmusik-Zombies endgültig gestoppt, beerdigt und dazu auch noch auf ihr Grab gepinkelt hat. Behauptet er jedenfalls.

Eigentlich war dieser Artikel vollständig ohne die Erwähnung dieses selbst ernannten Reformators der Weltkulturlandschaft geplant, aber ich konnte letztenendes der Versuchung doch nicht widerstehen, ihn hier mit einzubeziehen. Auch wenn die hier zitierten Totalausfälle des Mannes schon wieder eine Weile her sind, sie passen einfach zu gut zum Thema.

Kanye West, Erretter der Popkultur von ganz eigenen Gnaden, formulierte seine Theorie… pardon, bestimmte vor nicht allzu langer Zeit, dass er die Lösung des Rockzombie-Problems gefunden habe. Herrn Wests Selbstverständnis ließ dabei natürlich nur ein wirklich wirksames Zombievertilgungsmittel zu: Herrn West selbst.

Herrn Wests Haltung gegenüber dem Rest der Musikwelt war schon immer von einer, sagen wir mal, leichten Ambivalenz geprägt. Das äußert sich nicht nur durch sein stets übernarzisstisches Verhalten oder verstörende Aktionen gegenüber Grammy-Gewinnern, deren Dankesreden er offenbar gerne crashed (so geschehen bei Taylor Swift und auch bei Beck, den er, wie Swift, dazu auffordern wollte, seinen Preis an Beyonce abzutreten). Herr West tut sich einfach sehr schwer damit, Musiker zu respektieren bzw. zu akzeptieren, die nicht Kanye West (oder Beyonce) heißen. Oder sonstigen Menschen, die nicht Kanye West (oder Beyonce oder Kim Kardashian) heißen (die in Relation zur Anzahl der real existierenden Kanye Wests und Beyonces und Kim Kardashians auf dieser Welt doch recht zahlreich vertreten sind).  Okay, West hat sich seinerzeit bei Beck entschuldigt. In völlig glaubwürdiger Manier natürlich. Und es waren ja, wie er beteuert, auch nur die Stimmen in seinem Kopf, die ihn dazu getrieben haben.

Wie auch immer, in Sachen Rock hat Kanye West vor nicht allzu langer Zeit das definitiv letzte Wort gesprochen (meint zumindest Kanye West).

Der Heilsbringer der Popularmusik stellte unmißverständlich klar:

„We culture. Rap is the new rock ‘n’ roll. We the rock stars… we the new rock stars and I’m the biggest of all of them. I’m the No. 1 rock star on the planet.“

Nun… darüber darf man geteilter Meinung sein, jedenfalls dann, wenn man nicht Kanye West heißt, und die meisten von uns, wie ich ja bereits feststellte, heißen eben nicht Kanye West – eine Tatsache, die der eine, einzige Kanye West dem Vernehmen nach eigentlich ziemlich dufte findet.

Meine damalige erste Reaktion auf Herrn Wests Statement, wo ich doch ein leidenschaftlicher Bewahrer der heftigen Stromgitarrenmusik bin und speziell für Metal brenne?

Erst „Grrrr.“ Dann „Gähn!“

Wie? Was? „Gähn“?!? Keine wutschnaubende Schimpftirade meinerseits?

Ich glaube, die muss ich mir und dem Rest der Welt gar nicht zwingend antun. Im Gegenteil, ich bleibe für meine Verhältnisse sogar höflich und sachlich. Herr West ist reicher, schöner und berühmter als ich – das steht außer Frage. Herr West ist aber auch jemand, der sich selbst als reich, schön und berühmt genug einschätzt, um seine Tweets öffentlich allen Ernstes als eine Form zeitgenössischer Kunst zu bezeichnen – was eigentlich keines weiteren Kommentares bedarf, wenn man sich dieser Kunst mal vorsichtig auf Lesereichweite nähert.

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Und so weiter und so ähnlich.

Die „Mark Zuckerberg, ich brauche eine Milliarde Dollar“-Nummer, die Herr West kürzlich auf die ahnungslose Medienlandschaft losließ, walze ich hier mal nicht aus, ein Link muss reichen.

Nun ist eine große Klappe an sich im Musikgeschäft ja nicht unbedingt ein Nachteil. Auf die Kacke hauen gehört ein wenig dazu, viele, die nicht Kanye West heißen (also, um es noch einmal zu betonen, statistisch gesehen ziemlich viele), sind in dieser Hinsicht auch keine Kinder von Traurigkeit. Auch z.B. die von mir hochverehrten Slipknot geben gerne mal verbal Knallgas – heutzutage allerdings doch deutlich weniger häufig als in den noch etwas manischeren Anfangszeiten. Kommt heute ein Spruch aus der Ecke der Band, bei dem man erst mal durchprustet, dann meist von Shawn Crahan, der ja auch mal in Bezug auf Slipknot den Spruch „We’re not a band, we’re a culture“ vom Stapel ließ… soviel sei fairerweise zugegeben.

Aber mal eine konkrete Frage, Herr West: wenn Rap die neue Rockmusik sein soll und letztere damit tot/erledigt/überflüssig geworden ist, ebenso wie Rockstars, die nicht Kanye West heißen, wieso sehe ich dann überall Rockstars, die tatsächlich nicht Kanye West heißen, offenbar die Botschaft des musikalischen Erlösers Kanye West nicht mitbekommen haben und frecherweise immer noch Songs aufnehmen, vor vollen Rängen Konzerte geben und sich noch dazu erdreisten, ganze Sätze von sich zu geben, die teilweise sogar einen nachvollziehbaren Inhalt haben? Und wieso halten Sie es für nötig, den Begriff „Rockstar“ überhaupt noch zu verwenden, wo doch Rap die Rockmusik ersetzt hat? Warum haben Sie dann nicht wenigstens den Anstand, sich als Rapstar zu bezeichnen? Und ein wenig Respekt für die angeblich Toten zu zeigen?

Diese beiden Herren hier (einer von beiden ist selbstverständlich Herr West) haben sich ja aus der Ferne bereits etwas gekabbelt, aber heiliges Schwermetall, ich würde mir sehnlichst ein Live-Rededuell zwischen den Herren West und Corey Taylor (Slipknot, Stone Sour) wünschen:

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Hach, ich kann mich nicht entscheiden, wem ich lieber zuhören würde. Echt jetzt. Ich tendiere leicht zum echten Rockstar. Das ist übrigens der Herr rechts.

Klar, Herr West ist rein kommerziell gesehen tatsächlich ’ne große Nummer – in seinem Musikbereich. Das bestreitet niemand. Eine Menge Leute kaufen seine Musik. Das Maß an Arroganz und Ignoranz allerdings, das nötig ist, um ein komplettes, sehr wohl noch existentes, ein großes Publikum anziehendes Genre, dass zu allem Überfluss mit herausragenden Musikern nur so gespickt ist, quasi in die Bedeutungslosigkeit zu schwafeln bzw. es sich „Untertan“ zu machen, ist wirklich ziemlich beispiellos.

Wenn Sie einfordern, dass Kunst respektiert werden muss, Herr West – fangen Sie doch bitte langsam damit an, über die Spitze ihres musikalischen Schwanzes hinauszublicken. Danke.

Sorry, aber wenn mir ein Nicht-Rockkünstler auf der Welt absolut gar keine Angst davor einjagen kann, dass an der „Rock ist tot“-Theorie etwas dran sein könnte, dann ist das wohl Herr West.

Denn was war nicht schon alles angeblich tot. „Die Spaßgesellschaft ist tot.“ „PC-Games sind tot.“/“Der PC ist tot.“ „Fußball ist tot.“ „Flip-Flops sind tot.“ „Rassismus ist tot.“ „Sex ist tot.“ „Gott ist tot.“ „Karl Ranseier ist tot.“

Und es war wohl kaum irgendetwas auf dieser Welt schon so oft angeblich tot wie die Rockmusik im allgemeinen –  und Metal im speziellen. Und bisher galt jedesmal: nope. Fuck you very much.

„They called us a dead generation
They told us that we wouldn’t survive
They left us alone in the maelstrom
As you can see we’re all clearly alive“

– Stone Sour, „30/30 – 150“

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Eindeutig mausetot, interessiert wirklich kein Schwein mehr: Rockmusik (Bild: Wacken Open Air 2015. Kanye war nicht eingeladen. We subculture!)

Auch wenn es vielen nicht ins Weltbild passt: Rock ist nicht tot, und speziell Metal, als Teil der Rock-Familie, ist weder tot, noch ist er totzukriegen. Er ist quicklebendig, weil er nicht „cool“ sein muss, um erfolgreich zu sein. Weil er kein Trend ist und auch keinem solchen unterworfen ist.

Speziell der Metal wurde schon unzählige Male totgesagt. Er lebt immer noch (und da sehe ich durchaus eine Parallele zum Punk, der sich durch eine absolut vergleichbare Unkaputtbarkeit auszeichnet). Und er ist immer noch verdammt erfolgreich. Er hat sämtliche musikalischen Modewellen überlebt. Alle „next big things“, von denen – ebenso wie vom zwangsläufig folgenden „even bigger thing“ – entweder keiner mehr spricht oder die inzwischen unauffällig in der Masse anderer populärer Musikformen herumdümpeln. Er hat gewaltige Skandale überlebt, auf die ich teilweise schon hingewiesen habe – und auch in Zukunft hinweisen werde.

Und: Metal hat sogar seinen eigenen vorübergehenden Ultra-Hype nebst Vollverwurstung durch den Mainstream überlebt.

„What doesn’t kill you makes you stronger“ – diese wunderbare Phrase, die sich auch in mehr als einem Metal-Songtext so oder ähnlich wiederfindet, passt zu dieser Musikrichtung wie der sprichwörtliche Arsch auf den Eimer.

Werfen wir einfach mal einen Blick zurück auf die Entstehung des Zustands, der dem Metal nach den Gesetzen des Musikbusiness eigentlich den Tod hätte bringen müssen und der ihn letztenendes doch „nur“ in ein relativ kurzes (und heilsames) Wachkoma versetzt hat.

Ende der 80er bis Anfang der 90er Jahre erlebte der Metal einen bis dahin so noch nicht dagewesenen Boom. Nicht nur die Glam-/Hair-Metal-Bands dieser Zeit, sondern auch die klassischen Schwermetaller wie Iron Maiden oder Judas Priest und sogar die Vetreter der härteren Schiene, die Thrash Metal-Bands, standen hoch im Kurs. Und Metallica spielten in kommerzieller Hinsicht sowieso längst in ihrer eigenen Liga.

Im sehr metal-affinen Deutschland z.B. vermeldeten auch einheimische, zuvor „kleinere“ Bands äußerst solze Verkaufszahlen ihrer Alben. Die Hamburger Jungs von Helloween, um mal ein Beispiel zu nennen, standen zeitweise ernsthaft an der Schwelle zum internationalen Rockstartum (wurden aber von internen Richtungsstreitigkeiten und Business-Bullshit letztendlich jäh gebremst – trotzdem gibt es sie heute noch, und das sogar ziemlich erfolgreich).

Der damalige Helloween-Gitarrist Kai Hansen stellte in einem Metal Hammer-Interview Ende der 80er erstaunt fest: „Heavy Metal hat ja inzwischen schon fast den gleichen kommerziellen Stellenwert wie Roland Kaiser!“ Wobei Roland Kaiser sicher froh gewesen wäre, hätte er seine Alben jemals in den absatzmäßigen Dimensionen der Iron Maidens und Metallicas dieser Welt verkauft. 😉 Herr Hansen untertrieb also sogar noch, was die kommerzielle Relevanz zumindest der Top-Bands des Genres anging.

Und sogar in den Massenmedien fand sich der Metal plötzlich prominent gefeatured wieder, wenn auch natürlich meist in Reservaten in Form von Spartensendungen. Im deutschen TV waren zu Spitzenzeiten gleich drei (!) Metal-Shows zu sehen: „Mosh“ bei RTL (ja, Kids! Eine Metal-Sendung! Auf Err! Teh! Ell! Das gab es!), „Hard’n’Heavy“ bei Tele 5 und „Headbangers Ball“ beim praktisch allmächtigen MTV. Später, als VIVA auf der Bildfläche erschien, kam auch dieser Sender in Form von „Metalla“ nicht ohne Quoten-Metalanteil aus (obwohl der Hype zu diesem Zeitpunkt längst vorbei war).

„Mosh“, an das sich heute nur noch Veteranen erinnern können, wurde dabei interessanterweise auch von echtem Fachpersonal moderiert: Sängerin Sabina Classen von den deutschen Thrashern Holy Moses und Journalist Götz Kühnemund (Metal Hammer, später Chefredakteur bei Rock Hard) ließen es beim damaligen „Tutti Frutti“- und „Der heiße Stuhl“-Sender ordentlich und kompetent krachen. Für diejenigen, die nicht glauben, dass es das tatsächlich mal gegeben hat:

Ein wenig verknallt war ich allerdings weder in Sabina Classen noch in Götz Kühnemund, sondern eher in Rotschopf (na klar) Annette Hopfenmüller („Hard’n’Heavy“) und natürlich MTV-Rockchick Vanessa Warwick (blond). Sie musste ja auch unbedingt ein Interview mit Maiden an einem portugiesischen Strand im Bikini moderieren! Und wirkte dabei sehr viel reizvoller als Steve Harris in Shorts… aber ich schweife mal wieder ab. Wie üblich. 😉

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When we were young… Annette Hopfenmüller (Tele 5, „Hard’n’Heavy“, links) und Vanessa Warwick (MTV, „Headbangers Ball“).

Also: eine gemeinhin eher verfemte Musikrichtung bekam auch abseits der Hair Metal-Bands plötzlich etwas Glamour verpasst. Dicke Verkaufszahlen, volle Hallen, zuvor in dieser Breite noch nie dagewesene Medienpräsenz – Metal wurde teilweise regelrecht auf Teufel komm raus „entschmuddelt“. Was ihm mittelfristig nicht wirklich guttat. Denn es kam, was kommen musste: das „next big thing“. Es kam aus Seattle, Washington, USA. Und es hieß Grunge.

Bands wie Nirvana, Alice In Chains, Pearl Jam und Soundgarden traten eine neue Welle los – und dem Metal kräftig in den Arsch, was Publikumszuspruch und vor allem die Gunst der Musikmedien anging.

Was den Grunge so deutlich vom Metal unterschied, waren die eher im Punk liegenden musikalischen Wurzeln und die anti-kommerzielle Haltung, die die Musiker an den Tag legten. Ich weiß noch, dass ich beim Lesen von Interviews mit Eddie Vedder (Pearl Jam) oder Layne Stayley (Alice In Chains) Statements wie „Wir wollen gar nicht so viele Alben verkaufen“, „Wir wollen mit dem ganzen Rockstar-Zirkus nichts zu tun haben“ oder „Wir wollen eigentlich gar nicht auf Tour gehen, wir wollen kein Teil der Maschinerie sein“ sehr verwundert aufnahm. Auf den Bühnen der Rockwelt regierten nach und nach Holzfällerhemden statt Bandshirts einer- und Nietenkluft andererseits. Es herrschte wieder eine gewisse Bodenständigkeit statt des „larger than life“-Prinzips, das im Metal so oft zu finden ist.

Die Musik in Kombination mit der zur Schau gestellten Attitüde, deren Zeit wohl einfach gekommen war und nach einer (teilweisen) Rückbesinnung zum guten, alten, rotzigen, ursprünglichen Punk-Spirit aussah, funktionierte als Gegenpol zum Metal, der im Vergleich mit dem Grunge zunehmend als klischeehaftes, übertheatralisches, völlig durchkommerzialisiertes Relikt der Rockhistorie gesehen wurde – oder zumindest seitens der Musikmedien zunehmend so dargestellt wurde. Was Kurt Cobain mit Nirvana (unbewusst) losgetreten hatte, überrollte schon sehr bald die bisherige Rockwelt. Und war dann irgendwann kein Gegenpol mehr, sondern die Wachablösung. Im Zuge des Grunge erfuhren auch andere Bands der härteren Gangart, die mit Metal nichts am Hut hatten und auch nicht haben wollten, eine erhöhte Aufmerksamkeit. Sie waren cool. Sie waren neu. Sie waren „echt“. Sagte zumindest MTV.

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Hätte Kurt Cobain geahnt, was er da auslöst… (Krist Novoselic und Kurt Cobain von Nirvana).

Alle Angriffsflächen, die der Metal nun mal zweifellos bot und noch immer bietet, waren plötzlich wieder zum Abschuss freigegeben. Und es wurde fleißig gefeuert. Die Meinungsmacher und Geschmacksbestimmer, die es in der Prä-Internet-Ära leichter hatten als heute, wenn es darum ging, Trends zu erzeugen und notfalls auch zu steuern, allen voran MTV, ließen den kurz zuvor noch ansatzweise hofierten Metal fallen wie eine heiße Kartoffel.

Und auch wenn kurz nach dem Aufkommen des Grunge eine seinerzeit junge und hungrige Band wie Pantera mit ihrem Durchbruch namens „Vulgar Display of Power“ dafür sorgte, dass der Metal weiterhin Impulse erhielt, die für seine Zukunft noch immens wichtig sein sollten, und Machine Head mit ihrem 1994er Debut „Burn My Eyes“ dem von der genreweiten Sinnkrise heftigst gebeutelten Thrash Metal wieder Leben einhauchten bzw. ihm ein neues Gesicht gaben – Metal wurde von der breiten Masse teilweise wieder regelrecht geächtet.

Aber er starb nicht. Er wurde hochgehyped, dann den Wölfen zum Fraß vorgeworfen – aber er starb einfach nicht. Wie schon mehrmals zuvor, als er totgesagt wurde. Auch wenn die „Fallhöhe“ diesmal eine andere war als zuvor. Denn einen Hype hatte diese Musikrichtung zuvor noch nie in dieser Form erlebt. Und auf einen Hype folgte in der Musikgeschichte oft der Absturz in die völlige Erfolgs- und damit Bedeutungslosigkeit. Wäre der Metal nicht das wehrhafte Biest, das er nun mal ist – er hätte eben dieses Schicksal erleiden und verschwinden müssen. Aber dieser Fall trat nicht ein.

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Nahm die „Krise“ gelassen und behielt grundsätzlich Recht: Marty Friedman.

Kleine Anekdote: ich hatte während der „depressiven Phase“ des Metal in den ausgehenden 90ern mal das Vergnügen, dem damaligen Megadeth-Gitarristen Marty Friedman auf der Frankfurter Musikmesse zu begegnen (du erinnerst dich noch, Jan Ackermann? 😉 ). Oh Mann, warum war es damals noch nicht selbstverständlich, immer und überall ’ne Kamera in der Tasche zu haben?

Egal, nach dem obligatorischen Autogrammschreiben ergab sich ein kurzer Plausch, während dem wir auch auf das seinerzeit gerade aktuelle Thema der weitverbreiteten Ignoranz gegenüber dem Metal und das Image der Uncoolness zu sprechen kamen, das dieser Musik anhaftete.

Friedman bemerkte lässig: „If, one day, MTV says it to be cool again, you can be sure it will be.“

Friedmans Blick fügte allerdings stumm hinzu: „And if not… who gives a shit?“

Der Mann kannte sich nämlich mit den „inner workings“ des Metal aus und wusste, dass es keinen Grund zur Panik gab.

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Amen.

Tja, wie wir heute wissen, hat MTV den Metal nie wieder für cool erklärt. Und eigentlich auch sonst niemand. Wie sich herausstellte, hatte der Metal das auch gar nicht nötig. Hatte er eigentlich noch nie. Er musste nicht cool sein. Vielleicht darf er irgendwie auch gar nicht cool sein. Marty Friedman war das auch vollkommen klar. Und der Metal musste auch gar nicht „zurückkommen“. Er war nie weg. Er war nur aus dem Fokus der Musik-Massenmedien verschwunden, zumindest weitestgehend. Und das war letztenendes wohl sogar heilsam. Die Szene nutzte die Zeit quasi zur Konsolidierung. Und das erfolgreich.

Wie konnte der Metal sogar seine schlimmste Krise, die grassierende Grunge-Mania, überleben?

Möglicherweise war die Tatsache, dass der Grunge flugs zur (Jugend-)Bewegung hochstilisiert wurde, dem relativ raschen Ende des Trends zuträglich. Für mich war der Grunge rückblickend betrachtet auch keine Bewegung im allgemeingültigen Sinne – jedenfalls nicht so, wie es der Punk ursprünglich einmal war (und im Underground auch heute noch ist) – sondern eher eine dezidierte Haltung zur Musik an sich. Zurück zu den Wurzeln, zur Musik selbst, zur Emotion, ohne die großen Rockstar-Attitüden und ohne Verbeugungen vor dem „Kommerz“. Die Gesetze des Musikbusiness sorgten jedoch dafür, dass die kleine Revolution an eben den Dingen scheiterte, die sie eigentlich ablehnte und denen sie sich trotzdem nicht dauerhaft widersetzen konnte. Vor allem die gnadenlose Vereinnahmung/Kommerzialisierung („Original Grunge-Holzfällerhemden jetzt nur 19,99 bei H&M!“), die nicht lange nach dem kometenhaften Aufstieg von Nirvana & Co. einsetzte, machte den Grunge als Ausdruck von Rebellion, von „anders sein“, recht schnell obsolet. Dass die anti-kommerziellen Ideale irgendwann in den Mühlen der Maschinerie des Musikbusiness zermahlen werden würden, war absehbar – und es trat letztenendes auch ein.

Der Grunge hat die Rockmusik und deren Markt (Dreckswort) mit Sicherheit nachhaltig verändert. Seit der Grunge-Welle hat sich die Rockmusik im Allgemeinen in so viele Subgenres aufgespalten wie nie zuvor. Die stilistische Bandbreite unter dem großen Überbegriff „Rock“ ist enorm groß. Der Metal, der ja in sich wiederum in viele Subgenres aufgeteilt ist, hatte und hat aber das Kunststück fertiggebracht, trotz dieser Aufteilung stets „greifbar“ zu sein und ein erkennbares Profil zu haben. Grunge dagegen war trotz all der Umwälzungen, die er insgesamt in die Rockwelt gebracht hat, nicht in der Lage, als identifizierbare Stilrichtung mit Profil dauerhaft zu bestehen. Im Grunde hat er auch mit der Vielfalt, deren Entstehung und Verbreitung er angestoßen hat, zum Teil dazu beigetragen, seinen eigenen Boom zu beenden.

Und der Punk? Dieser hat sich von einer kulturellen Gegenbewegung ebenfalls teilweise zum Mainstream hin entwickelt. Dies begann in den 80ern mit den Vertretern der New Wave und setzte sich mit Bands wie Green Day oder The Offspring in den 90ern fort, die zu Millionensellern wurden und den ursprünglichen Begriff des Punk damit in weiten Teilen kommerzialisierten. Der Punk hat sich allerdings, soweit ich das beurteilen kann, seinen Underground, seinen „echten“ Kern, dessen Vertreter die ursprüngliche Geisteshaltung des Punk – und dessen ideologischen Grundprinzipien – weiterhin leben und verkörpern und diese auch muskalisch wie textlich ausdrücken, stets bewahrt. Nichtsdestotrotz blieb auch der Punk nicht gänzlich vom alten Prinzip der Revolution, die ihre Kinder frisst, verschont. Aber, wie der Metal, wie der Rock ganz allgemein, lebt er noch. Laut und vernehmlich. Und das ist verdammt gut so.

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Für viele „echte“ Metaller der Inbegriff von Nu Metal und damit ein Feindbild (für mich ausdrücklich nicht!): Limp Bizkit.

Bliebe noch die Frage, warum der Metal, bei all den Vorwürfen, die man ihm mit Sicherheit machen kann, diese unfassbare Langlebigkeit vorweisen kann. Vielleicht hatte der Metal einfach den Vorteil, nie als „Bewegung“ gesehen zu werden bzw. nicht so gesehen werden zu können, da er in sich künstlerisch doch recht breit aufgestellt ist. Und auch weil das, was ihm besonders aus dem Punk-Lager gerne als Schwäche vorgeworfen wird, und was absolut als einer der erwähnten Vorwürfe durchgeht – nämlich, dass er sich nicht explizit auf klare politische oder ideologische Grundsätze bzw. auf eine „einheitliche“ Linie beruft, die ihn als „Bewegung“ definieren könnte – sich in Sachen Resistenz gegen den jeweiligen musikalischen Zeitgeist und die Wellenbewegungen im Musikbusiness als Pluspunkt erwiesen hat.

Denn auch die Trends und Strömungen nach dem Grunge, bei deren Auftreten ebenfalls der Tod, das Ende, die Apokalypse des Metal heraufbeschworen wurde – ob man sie nun Crossover nannte oder Nu Metal, der bei vielen Metallern so verhasst war und ist – haben das alte Monstrum nicht bezwingen können.

Die großen Bands des Genres sind schon sehr lange im Geschäft. Sie sind sich selbst und ihrer Linie zumeist extrem treu. Und auch verdammt viele Bands, die jünger sind als die nach wie vor äußerst erfolgreichen alten Schlachtrösser von Iron Maiden, Judas Priest oder Metallica, und die deutlich nach der „Grunge-Krise“ enststanden sind, können heute auf eine bereits sehr lange Karriere verweisen. Auch wenn viele Bands, die vor dem großen Hype oder währenddessen aktiv waren und es heute noch sind, nicht mehr das kommerzielle Standing von damals haben – sie lieben offensichtlich das, was sie tun, und machen keine Anstalten, damit aufzuhören. Und das subgenre-übergreifend. Ob Hair Metal, ob Power Metal, ob Death Metal, ob Thrash Metal – ich glaube, in keinem Musikgenre darf man so oft feststellen, dass es „die immer noch gibt“. Metal ist definitiv kein Genre für „one hit wonder“.

Und diese Mischung aus Kampfgeist, Linientreue und einer gewissen Sturheit wird wiederum von den Metal-Fans honoriert. Selbst Metal-Hasser kommen oft nicht umhin zuzugeben, dass Metal-Fans die wohl treuesten und engagiertesten Musikfans überhaupt sind. Dass es eben doch eine Tugend sein kann, sich tatsächlich auch mit der Musik, die man hört, auseinanderzusetzen, dafür einzustehen und dass dies dazu führen kann, dass sich aktive Musiker und Fans gegenseitig und damit ihr ganzes Genre bzw. ihre ganze Szene gemeinschaftlich tragen, sieht man am Beispiel Metal ziemlich deutlich. Ist das nicht wunderbar retro? Oder ist retro gerade wieder uncool? Ich weiß es aktuell nicht. Und es ist vollkommen wurscht, wenn man sich dem Metal verbunden fühlt. Weil „cool“ oder „uncool“ praktisch keine Rolle spielen. Was für eine Wohltat.

Noch ein Clou dabei ist, dass Metal tatsächlich generationenübergreifend wirkt. Denn es sind keineswegs nur die „Altrocker“, die man nach Wacken pilgern oder Maiden-Konzerte besuchen sieht.

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Horns up, new generation!

Ich grinse gerne geradezu väterlich, wenn ich Jungs und auch Mädels im Alter von 15 oder 16 stolz ihre Maiden-Shirts tragen sehe – so, wie ich es in dem Alter auch getan habe (und teilweise immer noch tue). Diese Kids hören wahrscheinlich auch eine Menge neuerer Metalbands, mit denen ich teilweise vielleicht gar nicht ganz so viel anfangen kann – aber der Spirit ist da, und ich kann mich nicht dagegen wehren, fast schon eine Gänsehaut zu bekommen, so ein wohliges Gefühl der Genugtuung, eine diebische Freude darüber, dass es trotz aller Bemühungen von vielen Seiten immer noch nicht gelungen ist, für völlige musikalische Stromlinienförmigkeit und die totale Weltherrschaft der Plastikmusik zu sorgen, und es einen beachtlichen Anteil der aktuellen Teenie-Generation einen Scheißdreck interessieren wird, welche Musik sie hören „soll“. Übrigens, Herr Christian J. Dale, fühle ich eine ähnliche Genugtuung, wenn mir junge Punks begegnen, die Ramones- oder Exploited-Shirts tragen, wie es z.B. mein Bruder vor zig Jahren schon tat. Das mal für’s Protokoll. 😉

Aber wie sieht die Zukunft konkret aus?

Ich habe mal ein wenig nachgeforscht – und dabei entdeckt, dass selbst Rock-Legenden wie Kiss-Bassist Gene Simmons in dieser Hinsicht scheinbar erstaunlich schwarz sehen.

In einem 2014er Interview äußerte sich Simmons so:

„There are still record companies, and it does apply to pop, rap, and country to an extent. But for performers who are also songwriters – the creators – for rock music, for soul, for the blues – it’s finally dead. Rock is finally dead.“

Aua!

Aber erst mal durchatmen. Ich habe dieses aus dem Zusammenhang gegriffene Zitat auch erst in den falschen Hals bekommen. Wie ich aus dem kompletten Interview herauslesen konnte, ging es Gene Simmons nicht darum, den sofortigen Schwanengesang auf die Rockmusik anzustimmen, sondern zum großen Teil um den besonders von altgedienten Musikern so oft beklagten „Tod“ der nicht-digitalen Musikverkäufe und die Folgen von Filesharing & Co. für das Musikbusiness, und auch um die Sorge um die Zukunft bzw. eine gewisse Angst davor, dass es dann, wenn die Heroen von heute eines Tages abgetreten sind, keine nächste Generation mehr geben wird, die die Fahne des Rock weiter hochhält, und dass die Rockwelt schon jetzt ein Nachwuchsproblem hat. Es sei quasi unmöglich, einen Plattendeal zu bekommen, wenn man mit einer Gitarre statt mit Elektronik bewaffnet antreten würde – der Fluch der allgemeinen technischen Entwicklung, so der „God of Thunder“.

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Sieht (teilweise) schwarz: Gene Simmons (Kiss).

Und: es ging ihm darum anzumerken, dass er eine gewisse Stagnation feststellt. Dass die alteingesessenen Bands zwar noch da seien, diese aber lieber auf Nummer Sicher gehen und keine Experimente wagen und noch dazu nichts Aufregendes, Neues mehr nachrücken würde.

Ich sehe es nicht so dramatisch wie Simmons, nicht nur wegen meiner Beobachtungen in Rockdiscos und auf Konzerten, die durchaus auf jüngere Generationen hinweisen, die mit elektronischer Musik bzw. 08/15-Chart-Tralala nichts am Hut haben, wie ich ja schon beschrieben habe.

Sicher, man sollte von den alteingesessenen Bands keine Innovationen mehr erwarten. Wobei dann auch die Frage wäre, was man denn bitteschön unter Innovation versteht. Wer erfindet das musikalische Rad neu? Iron Maiden z.B. werden es sicherlich nicht sein. Steve Harris und Co. sind um die 60 Jahre alt. Das sie plötzlich komplett neue musikalische Wege gehen, darf man wohl als ausgeschlossen ansehen. Aber das würde ich persönlich, als Maiden-Fan seit Jahrzehnten, auch gar nicht wollen. Ich mag auch die Konstanten in meinem musikalischen Universum. Das „Neue“ sollte man jüngeren Bands überlassen, die eine möglicherweise andere, frischere Herangehensweise an die Musik mitbringen.

Ob irgendwann mal jemand wirklich noch mal mit einer Idee um die Ecke kommt, die man tatsächlich als neue, aufregende, möglichst nicht komplett elektronisch verbrämte Richtung im Metal bzw. im Rock allgemein bezeichnen kann… ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Sicher, es gibt progressive, anspruchsvolle Bands, die „anders“ klingen – die aber im Grunde auch nicht viel anderes machen, als bereits bekannte musikalische Elemente neu zu kombinieren. Vielleicht ist die tonale Welt bereits so weit abgegrast, sind die Extreme schon alle so bis zum Erbrechen ausgereizt, dass die Neumischung von grundsätzlich Bekanntem die einzige Möglichkeit ist, die bleibt, um etwas „Neues“ zu schaffen. Man kann vielen neueren Metal-Bands durchaus den Vorwurf machen, dass sie „nur“ die alten Heroen zitieren. Diejenigen, die etwas weniger Traditionelles anbieten, werden von den ganz fest eingeschworenen Metallern teils auch geschnitten oder ignoriert. Wie sich diese Konflikte entwickeln, vermag meine Kristallkugel nicht zu sagen. Das kann nur die Zeit zeigen. Ich habe das Gefühl, dass die jüngere Generation der Metalheads sich da toleranter zeigt und die Metal-Szene sich da etwas öffnet. Aber: only time will tell.

Es ist natürlich legitim die Frage zu stellen, was passiert, wenn die „alte Garde“, die über Jahrzehnte die Fahne des Rock bzw. Metal hochgehalten hat, abtritt, und ob es nach ihnen möglicherweise keine Bands mehr geben wird, die der von Simmons prophezeiten totalen Dominanz elektronischer Musik etwas entgegenzusetzen haben. Was passiert, sollte der Strom an Nachwuchsbands, der jetzt noch keine Austrocknungserscheinungen zeigt, irgendwann doch versiegen. Aber ich sehe nicht, dass es jetzt schon soweit wäre. Ganz und gar nicht. Denn es rücken durchaus neue Bands nach, und es sind durchaus welche dabei, die ziemlich „anders“ sind. Es ist vielleicht ein wenig zu viel verlangt, Gene Simmons, den „God Of Thunder“ zu bitten, z.B. mal einer deutschen Artcore-Band sein Ohr zu leihen. In Bezug auf The Hirsch Effekt würde er dann wahrscheinlich anmerken, dass ihm da das kommerzielle Potenzial und die Möglichkeit zum Rockstardom fehlt. Manchmal kann man eben nicht alles haben, Gene. Warten wir’s ab.

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Müssten selbst von Gene Simmons als „anders“ empfunden werden: The Hirsch Effekt.

Meine Meinung ist: es hat zu einer wie auch immer gearteten „Leitkultur“ (Dreckswort), auch und gerade im Bereich der Popularmusik, praktisch immer auch eine Gegenkultur gegeben. Elektronische Musik wird, so Gene Simmons, bald uneingeschränkt herrschen? Okay. Der heftige musikalische Gegenwind als Antwort darauf ist damit nur eine Frage der Zeit.

Denn innovativ, neu oder besonders abwechslungsreich ist die elektronisch dominierte Dance-/Pop-/R&B-Masse, die die Charts beherrscht, nun wirklich nicht. Sollte es so kommen, dass die Visionen diverser SciFi-Autoren wahr werden und die Menschen der Zukunft größtenteils dazu verdammt sind, nur noch synthetisches Bummbumm zu hören – es wird sich eine Gegenbewegung formieren, um dem Einheitsbrei etwas entgegenzusetzen. Definitiv.

Klar, unser eigener Proberaumvermieter z.B. merkte neulich noch an, dass die Nachfrage nach Proberäumen derzeit nicht so groß sei. Sicher, es mag auch derzeit keinen speziellen Boom in Sachen lernwillige „Rockstars in Ausbildung“ geben, die den Gitarren-, Bass- und Drumlehrern die Türen einrennen. Aber: solange es junge Leute gibt, die sich für eine bestimmte Musikrichtung interessieren – und das ist derzeit in Sachen Rock defintiv „noch“ der Fall – wird es unter ihnen auch solche geben, die diese Musik auch selbst machen, die sie auch „leben“ wollen. Das ist meiner Meinung nach eine Art popkultureller Imperativ.

So weit, über weltweite Aufstände gegen elektronisches Musikdiktat nachdenken zu müssen, sind wir aber zum Glück noch lange nicht. Auch wenn, wie Simmons ja ebenfalls bemerkte, sich die Technologie gewandelt hat, durch die Musik verbreitet wird, auch wenn die geschäftliche Seite der Medaille durch Internet & Co. inzwischen eine ganz andere ist als „damals“ und es insgesamt nicht mehr so „leicht“ ist, mit der Musik Geld zu verdienen, wenn man nicht „cool“ und/oder trendy ist – Rock lebt. Metal lebt. Weil er nicht cool, nicht trendy, nicht hip sein muß und es noch nie sein musste. Und wenn er irgendwann doch wieder komplett in den Untergrund getrieben werden sollte, dann wird er dort weiterleben.

Schlussbemerkung zu Gene Simmons: er relativierte erst vor wenigen Tagen in einem neuen Interview mit dem Rolling Stone seine Aussagen zum Thema Rockmusik zumindest teilweise. Und versucht sich nun als Totengräber des Rap. Wenn das Herr West hört! 😉

Übrigens: neulich, nach einem Konzert mit Green Ink Machine im Rahmen der Remscheider Nacht der Kultur, wurde ich von einem offenbar noch sehr jungen Mann angesprochen, der seinem Look nach sehr offensichtlich durchaus der Rockmusik zugetan war. Es entwickelte sich ein interessanter Plausch über Musik, die allgemeine Situation für Rockbands, Konzerte und auch musikalisches Equipment. Wie sich herausstellte, war dieses Gespräch so eine Art Treffen der Generationen – der Bursche hätte mein Sohn sein können. Ich bin 43, der junge Mann war gerade mal 19. Also Vertreter einer nachrückenden Generation.

Mein Gesprächspartner hieß Tom Hunt und ist nicht etwa Knöpfchendrücker bei einem Dance-Projekt, sondern Sänger und Gitarrist bei der Band Pretty Useless. Die Jungs machen Rockmusik, wie ich eigentlich nicht zwingend hinzufügen müsste, es aber genüsslich trotzdem tue. Und sie machen es verdammt engagiert. Das zaubert ein Grinsen auf mein alterndes Metallergesicht. The spirit lives. Im Kleinen wie im Großen.

Ja, die Rockmusik ist ein wirklich widerstandsfähiges altes Biest. Und der Metal ist ein verdammt zäher Bastard. Und auch dafür liebe ich ihn.

Ach ja…

Herr West, da wollte Sie noch jemand auf das Thema „Kunst respektieren“ ansprechen… und Ihnen das gleiche Maß an Respekt entgegenbringen, das Sie anderen zugestehen. Bitteschön.

Sep 082015
 

mann_ueber_wort_metal_iconBehauptung: „Metal? Die machen doch nur Krach!“

Antwort: Sechs. Setzen.

Ich starte mal mit einer Anekdote: anno 1993, ich war noch Gitarrenschüler. Mein damaliger Gitarrenlehrer stürmte in den Raum, riss eine CD aus der Tasche und stopfte diese hektisch in den Player. „Die Viertelstunde nehm‘ ich mir jetzt!“ ließ er mich gestreng wissen. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete. In besagter Viertelstunde spielte er mir zwei – wie man sich denken kann – ziemlich lange Songs von der CD vor. Und ich weiß noch, dass ich mit offenem Mund und ungläubig aufgerissenen Augen da saß, speziell beim zweiten Song, und dachte: „Das… gibt’s… doch… gar nicht! Wie zum Teufel kann man SO unfassbar gut sein? Wie kann diese ganze Band so von einem anderen Planeten sein?“

Am nächsten Tag rannte ich los und kaufte mir gleichermaßen pflichtbewusst wie begeistert das vom Gitarrenlehrer angespielte Album. Der Titel: „Images And Words“. Die Band: Dream Theater. Die Songs: „Pull Me Under“ und „Metropolis – Part I“. Mein Qualitätsempfinden – speziell in Bezug auf Können am jeweiligen Instrument – war nach der für mich inzwischen legendären Probehör-Viertelstunde (eigentlich waren es sogar 17 Minuten und 45 Sekunden) nie wieder das selbe. Die Band hatte mich in Herz UND Hirn getroffen. Mich sowohl emotional als auch intellektuell angesprochen. Nein, sogar regelrecht herausgefordert.

Dream Theater zählen zum Genre des Progressive Metal. Mehr oder weniger offiziell heißt es „Progressive Metal/Rock“ – Metal ist ein weiter Begriff, für eine Band wie Dream Theater allerdings wieder zu eng gefasst. Aber: Dream Theater sind ein anerkannter Teil des Subgenres des progressiven Metal. Metallischer Einschlag ist ihnen nicht abzusprechen (nur mal als Tipp: „Train Of Thought“ dürfte wohl ihr metallischstes Album sein). Und sie sind eine Band, die den Vorwurf des „Krachs“ völlig ad absurdum führt. Ausschließlich aus absolut herausragenden Musikern bestehend, sind Dream Theater natürlich auch ein Paradebeispiel – aber bei weitem nicht die einzigen brillianten Musiker im metallischen Bereich der Musik.

Die reine Gefühlsebene, auf der sich Musik abspielen kann, haben wir ja schon abgehandelt. Jetzt gehen wir mal einen Schritt in die andere Richtung und betrachten das Ganze ein wenig verkopfter: mit den Augen und Ohren eines Musikwissenschaftlers. Wie tickt der Metal? Warum ist Metal kein Krach, sondern im Gegenteil sogar spielerisch anspruchsvoll? Beim Studium der Fakten stellte sich übrigens auch einer der grundlegenden Unterschiede zwischen Metal und Punk heraus, bzw. im Selbstverständnis dieser beiden Musikrichtungen.

Der erwähnte Musikwissenschaftler hört in diesem Fall auf den Namen Dietmar Elflein. Dieser hat in seinem Buch „Schwermetallanalysen“ die musiktheoretischen Eigenheiten des Metal analysiert, indem er exemplarisch Bands wie Black Sabbath, Iron Maiden, Megadeth, Metallica oder Slayer unter die Lupe nahm.

Laut Elflein haben Metal-Songs zum Großteil eine „reihende Kompositionsstruktur“. Dies bedeutet grundsätzlich zunächst einmal das Gegenteil von „weniger ist mehr“: im Metal finden sich oft innerhalb eines Songs mehr unterschiedliche Gitarrenriffs als im „normalen“ Rock, in dem meist die konservative Struktur, das auch im Pop übliche Strophe-Chorus-Strophe-Chorus-Schema, zur Anwendung kommt. Sprich: wir haben es im Metal sehr oft eben NICHT mit den sprichwörtlichen „drei Akkorden für ein Halleluja“ zu tun.

Interessanterweise schaut Elflein dabei etwas über den Tellerrand hinaus und konstatiert, dass in diesen komplexeren Strukturen im Metal auch eine „rebellische Grundhaltung“ abgebildet wird. „Man will es eben anders machen, man will sich abgrenzen von der sogenannten Industriescheiße. Das, gepaart mit einer Wertschätzung für handwerkliches Können, führt zu komplexeren Strukturen“, so Elflein.

Und weiter: „Der frühe Metal entwickelte sich aus dem Blues, und Blues hat auch diese reihende Struktur. Die Reihung ist im Grunde eine afroamerikanische Idee, im Gegensatz zur europäischen Liedtradition.“

Rein Metal-historisch betrachtet waren es übrigens Judas Priest, die als erste den Blues-Einfluss der frühen Tage komplett aus ihrer Musik verbannten und den später so klassischen „reinen“ Heavy Metal spielten.

Elflein führt außerdem aus, dass der Metal den „Prollmusik“-Stempel nicht nur aufgrund von „Helden-Gitarrensoli“ oder der Songstrukturen zu Unrecht trägt, sondern auch aufgrund des virtuosen Zusammenspiels.

Im Metal herrscht ein „paralleles Ensemblespiel“ – die Band als Ganzes stellt ihre Energie und häufig eben auch ihre Virtuosität unter Beweis. Es findet „Energiebündelung im Kollektiv“ statt, als Hilfsmittel dienen z.b. Tempo- und Dynamikwechsel, Breaks oder Rhythmuswechsel. Bands demonstrieren auf diese Weise laut Elflein gerne „die volle Beherrschung der musikalischen Form.“

mann_ueber_wort_schwermetall_goodmusicDer Musikwissenschaftler spricht in diesem Zusammenhang noch einen anderen wichtigen Punkt an: die Kunstfertigkeit, die im Metal gerne demonstriert wird, stehe „im Gegensatz etwa zu einer Punk-Haltung, die mit der Industrie auch nichts zu tun haben will, sich aber auch nicht für das Handwerkliche interessiert.“

Damit will Elflein mit Sicherheit nicht sagen, dass es im Punk-Bereich keine guten Musiker gäbe. Denn das wäre ein ebenso dämliches Vorurteil wie die „Nur Krach“-Haltung den Metallern gegenüber und damit ebenso falsch. Elflein meint: im Punk gehört das Betonen (!) des Handwerklichen – das explizite Bestreben, nicht nur gute Songs schreiben, sondern auch ein guter Instrumentalist sein zu wollen – nicht unabdingbar zur Kultur der ganzen Musikrichtung, wie es im Metal der Fall ist. Gute technische Fähigkeiten sind im Punk keinesfalls Voraussetzung für Akzeptanz beim Publikum, also für Erfolg, wohingegen im Metal eine Band, die speziell live nicht auch durch gute Beherrschung ihrer Instrumente überzeugt, bei den Fans durchaus für Unmut sorgen kann.

So geschehen im Falle von DragonForce (dieser Name… ich weiß 😉 ), die auf ihren Alben hohe Spielkunst demonstrierten – speziell das Gitarrenduo Sam Totman und Herman Li – live aber immer wieder „durchfielen“ und einige furchtbare – und dummerweise zugleich vielbeachtete – Performances ablieferten. Was im Punk nicht einmal ein Schulterzucken hervorgerufen hätte, löste unter Metalheads eine regelrechte Kontroverse aus. Die Band verlor sogar viele Fans, die Betrug witterten und den Eindruck bekamen, dass DragonForce live nicht das umsetzen können, was ihre Alben versprechen – zu deutsch: dass die Band im Studio gewaltig trickst. Inzwischen zeigen DragonForce ihr auf den Studioaufnahmen demonstriertes Können als Instrumentalisten allerdings auch auf der Bühne – dem Verzicht auf Alkohol vor Gigs und besserem Equipment sei Dank. Ein bleibender Rest-Imageschaden für die Band durch die Technik-Kontroverse lässt sich allerdings nicht ganz wegdiskutieren.

Um es gleich zu sagen: ich kann nachvollziehen, wenn diese qualitätsbejahende Grundhaltung speziell von der Punk-Szene als „Egogewichse“ oder „Gepose“ angesehen und oft als Snobismus oder gar Elitismus empfunden wird. In meiner eigenen musikalischen Laufbahn machte sich irgendwann auch eine gewisse Ermüdung bemerkbar, was die „Heldenverehrung“ herausragender Instrumentalisten und Sänger und auch komplexer Songstrukturen angeht. Während wir, als wir noch unter Noisegate firmierten, nicht zuletzt aufgrund von Keyboardeinsatz ziemlich deutlich unserer Verehrung für komplexeren Stoff wie Dream Theater freien Lauf ließen, gingen wir mit Soultrip irgendwann weg von den allzu metal-typischen Strukturen, wurden musikalisch kompakter, verzichteten sogar auf Gitarrensoli. Wir wurden rhythmischer, grooviger, „tanzbarer“. Und irgendwie nachvollziehbarer. Wir wurden im Prinzip zu einer Variante von dem, was später als „New Metal“, schlussendlich dann in hipperer Schreibweise als „Nu Metal“ bezeichnet wurde – letzteres mutierte dann unter nicht ganz so aufgeschlossenen Metalheads bald zu einem regelrechten Schimpfwort. Aber dazu später noch wesentlich mehr.

Ganz so außergewöhnlich ist eine derartige Entwicklung laut Dietmar Elflein allerdings auch im Metal gar nicht (wenn man hier mal den Progressive Metal-Bereich ausklammert): „Wenn man, gerade am Anfang, noch nicht so genau weiß, wie man einen Song baut, reiht man Riffs hintereinander und tobt sich aus. Man sieht das oft an Bands: im Laufe der Zeit, wenn sie professioneller werden, lässt das nach, und sie beschäftigen sich mehr mit existenten Songstrukturen.“

Bei allem Verständnis für diejenigen, die von der „Heldenverehrung“ von Musikern genervt sind und einen Dreck auf spielerische Fähigkeiten geben, trotz meiner eigenen Hinwendung zu straighteren Songstrukturen zu Soultrip-Zeiten und dem „Gespielt wird, was Spaß macht“-Motto nun bei Green Ink Machine: meine Bewunderung für musikalische Höchstleistungen allgemein hat nie nachgelassen. Auch wenn ich kein Dream Theater-Poster mehr anbete, ich kann es immer noch genießen, wenn John Petrucci & Co., oder welche Band auch immer, es schaffen, mich in Herz UND Hirn zu treffen. Ich lasse mich gerne zum Staunen bringen. Ich freue mich, „dass es sowas noch gibt“. Und ein grundsätzlicher Qualitätsanspruch an Musik ist da, war immer da und wird immer da sein.

Wenn ich allerdings einen Song höre, der keine „Ohs“ und „Ahs“ aufgrund hochentwickelter Spielkultur auslöst, bei dem aber für mich das Feeling stimmt, bin ich definitiv kein Snob – dann zeigt mein Daumen klar nach oben. Denn auch das ist Qualität. Es ist, ehrlich gesagt, sogar die Qualität, die letztendlich für den „normalen“ Musikhörer zählt. Trifft Musik nicht ins Herz, nützen ultrapräzise und geschickt gespielte Noten herzlich wenig. Womit wir beinahe schon wieder zurück bei der reinen Gefühlsebene wären.

Dem Metal, soviel steht jedenfalls fest, werde ich immer sofort zur Seite springen, wenn ihm bzw. den ausführenden Musikern pauschal die Qualität abgesprochen wird. Denn in diesem Musiksegment, und in seinem Dunstkreis, tummeln sich jede Menge wirklich großartige Musiker. Die tatsächlich nicht nur die Töne, sondern auch ins Herz treffen. Echte Virtuosen. Ob man diese Tatsache nun goutiert oder nicht, ob man ihr Bedeutung beimisst oder nicht oder ob es einen als „Egogewichse“ ankotzt – es ist Fakt.

Deal with it. 😉

Sep 082015
 

mann_ueber_wort_metal_iconVorwurf: „Ihr Metaller seid total intolerant und akzeptiert keinen anderen Musikgeschmack!“

Antwort: Ganz simpel – es gibt unter den Metalheads Starrköpfe und Aufgeschlossene. So wie überall. Punkt.

Metaller sind auch nur Menschen. Das ist Fakt. Und es gibt unter ihnen, wie schon in Lektion 2 angedeutet, wie in jeder anderen Bevölkerungsgruppe, natürlich auch die Starrköpfe/Puristen/Extremisten/Scheuklappenträger, die absolut gar nichts anderes als Metal – im Extremfall sogar nur eine einzige Spielart des Metal – gelten lassen. Keine Frage.

Ich kann mich noch an die große Zeit des Thrash Metal erinnern, als die „echten“ Thrasher teilweise verächtlich auf die Anhänger der nicht ganz so heftigen, „softeren“ Metal-Genres herabschauten. Bei so manchem Death Metal-Spezialisten sah es da nicht anders aus. Von reinen Black Metal-Jüngern will ich hier gar nicht reden… NOCH nicht.

Aber: es gibt – wie anderswo – eben auch die Aufgeschlossenen.

Es gibt z.B. solche, die innerhalb des Metal-Genres flexibel sind, was ja auch schon ein nicht gerade schmales Spektrum abdeckt. Und Metal, wie ich schon erwähnte, ist inzwischen ein noch weiteres Feld als noch vor 20, 30 Jahren. Und auch wenn mir da vielleicht der eine oder andere widersprechen wird: nach meiner Erfahrung schert sich ein Großteil der Metalheads relativ wenig um das jeweilige Subgenre-Etikett, das auf eine Band gepappt wurde, und ist durchaus mehreren Genres des Metal zugetan. Beim einen oder anderen kommt bzw. kam das erst mit der Zeit, aber das tut nicht wirklich was zur Sache. Gehört wird, was gefällt, das Etikett ist ziemlich schnuppe.

Ein Blick auf das jeweilige Billing des inzwischen im ganzen Universum berühmten Wacken Open Air und das dort stattfindende kollektive Abfeiern doch sehr unterschiedlich ausgerichteter Bands aus dem Metal-Lager mag auch als positives Beispiel dafür gelten, dass der Metal zwar relativ klar in Kategorien aufgeteilt ist, diese aber für die Hörerschaft unter’m Strich nicht unbedingt ideologisch bindend sind. Ausnahmen bestätigen wie üblich die Regel.

WACKEN, GERMANY, 2010

Wacköööön! Nächtliche Stimmung beim Wacken Open Air 2010.

Dann gibt es auch solche, die auch ganz anderen, teils sogar auch eher unrockigen Musikgenres gegenüber ein offenes Ohr haben – diese sind allerdings zugegebenermaßen unter den Metalheads nicht allzu häufig anzutreffen.

Und dann gibt es noch diejenigen, die sich offen und gerne zum Metal bekennen, die sich aber insgesamt als Rockfans betrachten und keine Probleme damit haben, Metal, Punk, Grunge, Alternative und sonstige Ausprägungen der heftigen Stromgitarrenmusik – natürlich nicht ohne persönliche Schwerpunkte – zu schätzen, und die das Motto „Geil ist es dann, wenn’s rockt!“ über Genregrenzen stellen.

Ach ja, falls Sie mitlesen, Sie wollen ja wohl hoffentlich nicht behaupten, dass es unter den auf Punkrock geeichten Hörern keine Intoleranz gibt, oder, Herr Dale? 😉

Ich kenne unfassbar sture Metalheads. Und ich kenne hoffnungslos sture Techno-Fans. Ich kenne verbissen sture Schlagerhörer. Ich kenne verdammt sture Hip-Hopper. Und ich kenne äusserst sture Punks. Eingeschränkter musikalischer Horizont bzw. eng gesteckte Geschmacksgrenzen sind keinesfalls auf die Metal-Szene beschränkt.

Ich selbst zählte in grauer Vorzeit zu jenen, die innerhalb des Metal durchaus flexibel waren. Ich hatte „damals“ keine großen Probleme damit (und habe heute noch weniger), z.B. melodischen Stoff wie Iron Maiden, progressives Hirnfutter wie Dream Theater, Thrash Metal wie Slayer, Death Metal a la Obituary und „Rollenspieler-Metal“ 😉 wie Blind Guardian in beliebiger Mischung und Reihenfolge in mich aufzusaugen.

Andere Gitarrenmusik-Genres gingen mir aber links wie rechts am Allerwertesten vorbei (Grunge habe ich damals ausschließlich als unverschämten Angriff schlapper Schrammel-Gitarristen auf mein geliebtes Schwermetall empfunden – was soll ich sagen, ich war jung…). Scheuklappen halt.

Heute zähle ich klar zur Sorte „Hauptsache, es rockt!“ Die Mischung ist eine andere, bzw. eine erweiterte.

Incubus und Rage Against The Machine gemischt mit Slayer, einer Prise Kraftklub nebst einer großen Portion Slipknot nebst Green Day und Foo Fighters garniert mit einem Spritzer Deftones und abgewogenen Beatsteaks mit etwas Korn und einem Löffel Judas Priest nebst einer Messerspitze Rise Against und als Dessert Lamb of God mit Machine Head… kein Problem. Früher wäre es eines gewesen.

Ich liebe Metal nach wie vor, bin aber anderen Rock(!)-Genres gegenüber offen – und froh darüber, weil mir sonst doch einiges an guter Rock(!)-Musik durch die Lappen gegangen wäre, und meine eigene musikalische Weiterentwicklung sicher gelitten hätte.

Die Tatsache, einer Band wie Noisegate bzw. Soultrip angehört zu haben, die eine kontinuierliche musikalische Evolution durchmachte und stilistisch stets für Experimente offen war, und heute Teil einer „etwas anderen“ Coverband wie Green Ink Machine zu sein und dazu zu 100 Prozent stehen zu können, habe ich nicht zuletzt dem Umstand zu verdanken, meine Wurzeln nie verleugnet, aber auch irgendwann damit begonnen zu haben, mal über den Tellerrand zu schauen – und teilweise positiv überrascht zu sein, was sich da alles so tummelt.

Nichtsdestotrotz: Metal wird immer ein Teil von mir sein, und ich werde diese Musik immer lieben. Zu den konkreten Gründen kommen wir später noch. Und ich gestehe, dass meine Sympathien sich im Zweifelsfall stets Richtung Metal neigen.

Deshalb: obwohl ich das untenstehende Zitat von Bruce Dickinson, seines Zeichens Sänger von Iron Maiden, so nicht mehr bedenkenlos unterschreiben kann, ohne meine eigenen musikalischen Aktivitäten teilweise in den Dreck zu ziehen – ich kann mir ein Grinsen trotzdem nicht verkneifen, wenn ich es lese. Ein Grinsen mit zusätzlichem Augenzwinkern, lieber Herr Dale!
Alte Liebe rostet eben nicht. Auch und gerade nicht die zum Schwermetall.

mann_ueber_wort_schwermetall_vorurteile

Sep 082015
 

mann_ueber_wort_metal_iconVorwurf: „Thrash Metal, Speed Metal, Dingsbums Metal – bei Metalheads herrscht totales Schubladendenken!“

Antwort: Nö. Da findet Kategorisierung statt, Freunde. Und EUER Hirn macht das übrigens auch.

„Hey Arne. Mal ’ne Frage: was ist eigentlich Post Grunge Sour Fuzz Rock?“ – „Hä???“

„Und was ist Thrash Metal?“ – „Slayer.“

So einfach kann es sein. Band: Slayer. Kategorie: Thrash Metal. Slayer selbst würden es mir nicht übelnehmen und mich nicht als Schubladendenker brandmarken. Schließlich gehören Tom Araya & Co. zu den Bands, die maßgeblich daran beteiligt waren, dieses Metal-Subgenre zu definieren. Und Slayer spielen heute noch genau das: Thrash Metal. Ohne wenn und aber. Die Band gehört eindeutig in eine ganz bestimmte Kategorie. Das soll vorkommen.

Der Drang, Dinge unbedingt kategorisieren zu müssen, ist ein Teil der menschlichen Natur. Besser: der Arbeitsweise unseres Gehirns. Kategorisierung erfolgt automatisch und unbewusst. Wissen muss schliesslich organisiert werden, weil unsere Köpfe ansonsten voller wüstem Datenmüll wären. Kategorien schaffen also, einfach ausgedrückt, Ordnung im Kopf. Steffen Günther, du als Kopf-Experte darfst mir da gerne widersprechen, sollte ich falsch liegen.

Wir können uns natürlich gegen allzu engstirniges Denken wehren. Das sollten wir sogar. Glücklicherweise sind wir dabei manchmal sogar erfolgreich. Die Welt sähe sonst auch noch übler aus, als das ohnehin schon der Fall ist. Kategorisierung findet aber unweigerlich trotzdem statt – wie schon gesagt, automatisch und unbewusst.

Okay, aber was ist jetzt mit dem Schubladendenken, dessen die Metal-Szene im allgemeinen oft beschuldigt wird?

Laut Duden bedeutet Schubladendenken „an starren Kategorien orientierte, undifferenzierte, engstirnige Denkweise“. Das heisst, beim Schubladendenken wird vorurteilsbehaftet abgeurteilt, anhand bereits vorhandener, festgefahrener Kategorisierungen. Genaue Prüfung von Fakten und Umständen oder gar das Erstellen einer neuen Kategorie mit neuen Bewertungsgrundlagen interessieren einen Schubladendenker nicht die Bohne. Schublade auf, Sache rein, Schublade zu, keine Chance auf Bewährung. Wir sind uns wohl alle der Tatsache bewusst, dass das nicht nur in Sachen Musik so läuft – leider. Aber bleiben wir beim Thema.

Wenn die Metal-Szene also ihre Musik in zahlreiche Subgenres unterteilt, hat das nichts mit Schubladendenken zu tun, sondern lediglich mit Kategorisierung. Ist also praktisch Natur pur. Thrash als Subgenre z.B. gab es in den Anfangszeiten des Metal nicht. Irgendwann spielten Bands wie die ganz (!) frühen (!) Metallica (das Debutalbum „Kill ‚em all“ wird allgemein als erstes richtiges Thrash-Metal-Album bezeichnet), Slayer, Exodus oder Anthrax aber in einem bis dahin so noch nicht dagewesenen Stil, der sich vom Rest der metallischen Musik deutlich unterschied. Also: neue Kategorie. Das neue Kind brauchte einen Namen: Thrash Metal (engl. to thrash; „dreschen“, „prügeln“, „verprügeln“), aufgrund der seinerzeit extrem schnellen und aggressiven Spielart, die diese Bands an den Tag legten.

mann_ueber_wort_schwermetall_metallica_old_days

Vor dem Superstardom: Metallica in der Debutalbum-Besetzung.

Und so ging es mit allen Subgenres, die da noch folgen sollten. Es wurde also mit neuen Strömungen und stilistischen Entwicklungen im Metal differenziert umgegangen. Sortieren von neuen Daten eben. Ordnung im Kopf. Wenn man es komplett durch die metallische Vereinsbrille betrachtet, zeigte das Anwachsen der Zahl der Subgenres des Metal auch auf, dass sich in dieser Musikrichtung in kreativer Hinsicht etwas bewegte und kontinuierlich Neues entstand.

Das ist allerdings zugegebenermaßen schon ein paar Tage her. Heutzutage treibt der natürliche Drang zur Kategorisierung von Musik manchmal sehr seltsame Blüten – nämlich dann, wenn sich herausstellt, dass Musik stilistisch oft schwer greifbar sein kann, weil sie Genregrenzen einfach wegwischt und teils sogar scheinbar unvereinbare Stile, oft auch eher subtil, miteinander verschmelzen lässt.

Die Tatsache, dass es in diesen Tagen an wirklichen Innovationen in der Musik mangelt, in dieser Hinsicht wohl auch nicht mehr allzuviel zu erwarten ist und das Kombinieren bereits bekannter Stilelemente verschiedener Musikrichtungen ein beliebter Ausweg aus dem kreativen Loch ist (nicht wenige behaupten, es wäre sogar der einzige, der noch übrigbleibt), scheint insbesondere selig bekiffte Musikredakteure, hilflose Promoter oder übereifrige Streamingdienst-Mitarbeiter zu überfordern.

Diese nerven mich dann gerne mit Wortungetümen wie „Post Grunge Acid Punk Folk“, „Neo Pop Grind Jazz“ oder „Adult Shock Post-Semi-Fusion Rock“, unter denen sich selbst Sachverständige kaum noch etwas vorstellen können (oder wollen).

Auch in Bezug auf Metal gibt es ähnliche Körperverletzungen in Lettern. Neulich musste ich „Post Thrash Neocore Crustfunk Metal“ lesen. Äh, wie meinen?

mann_ueber_wort_schwermetall_schubladen

Mir persönlich wird bei sprachlichen Kopfschüssen wie den obenstehenden inzwischen einfach nur noch schlecht. Das Bedürfnis, musikalischen Output, der eben nicht so einfach zu kategorisieren ist wie z.b. „Slayer = Thrash Metal“, in irgendeinen verbalen Rahmen zu quetschen – und sei er noch so absurd – geht mir inzwischen ziemlich auf den Teebeutel.

Es gibt eine ganz einfache Methode, mit der ich Musik inzwischen für mich persönlich kategorisiere. Es gibt für mich nach der unabdingbaren Grundvoraussetzung „rockt“ eigentlich eh nur noch zwei entscheidende Kategorien: „Find‘ ich gut“ oder „Find‘ ich nicht gut“. Oder auch „Kickt mich“ oder „Kickt mich nicht“. Wie ich feststelle, in welche der beiden ein Song für mich gehört? Ich höre ihn mir an. Und lasse ihn auf mich wirken. Eine inzwischen sehr bewährte Vorgehensweise.

Qualifiziert mich das als Metalhead eigentlich schon ab? Und wie gehen Metaller eigentlich mit ihren ganzen schönen Kategorien um? Fragen zum Thema (In-)Toleranz also…

…die uns direkt zum nächsten Blogpost „Die Saga vom Scheuklappen-Metalhead“ führen.

Sep 082015
 

mann_ueber_wort_metal_iconBehauptung: „Metal? Das klingt doch alles gleich!“

Antwort: Bullshit.

Wenn man von „Metal“ spricht, spricht man dann überhaupt von EINER fest definierten Musikrichtung? EINEM Stil? Nein. Oh nein.

„Metal“ ist über die Jahre und Jahrzehnte zu einem weit gefassten Begriff geworden, nicht unähnlich dem allgemeinen Sammelbegriff „Rock“. Das ist auch der Grund dafür, dass ich hier nur den Begriff „Metal“ und nicht das klassische „Heavy Metal“ verwende. Letzteres ist heute die Bezeichnung für die ursprüngliche Form dieser Musikrichtung, begründet und geprägt von den „Urvätern“ Black Sabbath oder auch Judas Priest. Heavy Metal ist quasi zum Subgenre des Oberbegriffs „Metal“ geworden, vertreten durch die teils immer noch aktiven klassischen Bands und jene, die traditionsbewusst in die musikalischen Fußstapfen der Heroen der frühen Jahre treten.

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Noch sehr jung und sehr haarig: die Metal-Urväter Black Sabbath in Originalbesetzung (1970)

Überhaupt: Subgenres. Davon gibt es im Metal eine beachtliche Menge. Und auch wenn ich nachvollziehen kann, dass das ungeübte Ohr sich schwertut, die Unterschiede zwischen diesen Subgenres herauszuhören – im Metal herrscht eine musikalisch-stilistische Vielfalt, die für Außenstehende fast schon verwirrend sein kann. Und die Unterschiede sind teilweise erheblich.

Beispiel: Glam Metal, auch bekannt als Hair Metal – von mir übrigens mit der Ausnahme der grandiosen und extrem (!) augenzwinkernden Steel Panther abgelehnt – und Thrash Metal – von mir übrigens geliebt – sind so unterschiedlich wie Mahatma Gandhi und Conan der Barbar. Mindestens.

Ich persönlich bin eigentlich dazu übergegangen, stramme Gitarrenmusik, egal welcher Richtung, einfach nur noch als „Rock“ zu bezeichnen. Vor allem der Einfachheit halber, wenn unkundige Mitmenschen – stolz verkündeter Musikgeschmack: „alles, was gerade aktuell ist“ (WÜRG!) – mir ein Gespräch über Musik aufzwingen wollen. Es macht mir allerdings neuerdings wieder vermehrt Spaß, Plastik-Musikkonsumenten den Begriff „Metal“ ganz bewusst genüsslich um die Ohren zu hauen. Einfach um zu sehen: Unwissenheit und Klischeedenken sind noch nicht ausgestorben. Herrlich. Da haben wir hier ja einiges zu tun. 😉

Wie das Bildchen unten zeigt, wäre der eine oder andere Nichtmetaller mit den zahlreichen Ausprägungen von Metal höchstwahrscheinlich überfordert.

mann_ueber_wort_schwermetall_subgenres

Diese Liste der Subgenres erhebt noch nicht einmal Anspruch auf Vollständigkeit. Aber sind all diese Kategorien im Metal nicht der klare Beweis für Schubladendenken? Und Schubladendenken ist doch eigentlich bäh? Mehr dazu im nächsten Blog-Post („Schubladendenken is for Pussies“).

„Klassicher“ Heavy Metal: Judas Priest – „Breaking The Law“

Power Metal: Helloween – „Judas“

Metalcore (und nein, die Songs müssen in diesem Subgenre nicht zwingend mit Gebrüll anfangen): Killswitch Engage – „Beyond The Flames“

Thrash Metal: Slayer – „Raining Blood“