Aug 192016
 

mann_ueber_wort_metal_icon„Cause I’m just a teenage dirt bag, baby
Yeah I’m just a teenage dirt bag, baby
Listen to Iron Maiden maybe, with me“

Ja, ja, dieser Song der inzwischen – im Gegensatz zu Iron Maiden – nicht mehr sonderlich populären Band Wheatus.

Ich habe ein zwiegespaltenes Verhältnis zu diesem Song. Vermutlich, weil er – so mein Empfinden – auch genauso geschrieben wurde, aus einem zwiespältigen Gefühl heraus. Als ob sich der Wheatus-Frontmann Brandon B. Brown auf der einen Seite über sein jüngeres „Dirtbag“-Ich lustig macht, und auf der anderen Seite auch ein wenig Wehmut durchklingen lässt ob der alten Zeiten.

Auf dem Weg zum Rock im Revier-Festival in der Dortmunder Westfalenhalle, am 27.05.2016 (ich hatte die Karte zu 99,9% gekauft, um endlich noch mal – tätää! –  Iron Maiden zu sehen, große Helden meiner eigenen „Teenage Dirtbag“-Jugend) hatte ich diesen Song ständig im Kopf. Ärgerlich, eigentlich, wo ich doch eher Bedarf daran gehabt hätte, die eine oder andere Nummer vom neuen Maiden-Album „The Book Of Souls“ tiefer in meinen Hirnwindungen zu verankern.

Es half nichts, das schräge Organ von Brandon B. Brown hallte durch mein Oberstübchen. Und damit Erinnerungen an die Zeit, als ich aufgrund meines Musikgeschmacks, der ständig getragenen Maiden-, Megadeth-,  Slayer- etc.-Shirts, der langen Haare, der Ohrringe und jeder nur erdenklichen Abweichung von der äußerlichen „Norm“ gedisst und gemobbt wurde.

Was mich allerdings in keinster Weise von „meiner“ Musik abbringen konnte. Im Gegenteil. Mein ganz persönliches tägliches Teenage-Drama weckte in mir stets eher den Eindruck, dass ich durchaus richtig damit lag, mich den ganzen Dissern und Mobbern und zukünftigen Stützen unserer Leistungsgesellschaft zu verweigern. Was sollte ich von Menschen halten, denen Oberflächlichkeiten offenbar zu einem vernichtenden Urteilsspruch reichten und die Dinge wie einen gegen den Strich gebürsteten Musikgeschmack zum Anlass nahmen, andere Menschen zu diskriminieren, zu denunzieren und ihnen das Leben gezielt zu erschweren?

Den Kern dieses Gefühls habe ich nie verloren. Das stellte ich wieder mal fest, als ich gen Dortmund fuhr. Maiden gucken. Da saß ich also mit meinem „Metallbruder“ Basti im Auto, mit meinen 43 Jahren, nach knapp 30 Jahren des Konsums und auch Schaffens harter Rockmusik, immer noch bzw. wieder im Maiden-Shirt, und spürte immer noch die „Teenage Dirtbag“ in mir. Und ich fand es null komma null schlimm oder bedenklich. Some feelings never die. Und manchmal ist das auch gut so. Es fühlte sich richtig an.

Was andere, konservativere Altersgenossen darüber denken? Bringt mich ungefähr so zum „Umdenken“ bzw. Anpassen wie vor 30 Jahren. Nämlich gar nicht. Sie verstehen es nicht. Sie werden es auch nie verstehen. Das kann man ihnen noch nicht mal vorwerfen. Befremdlich wirkt halt oft, wie viele eben jener „normalen“ Menschen sich in den sozialen Medien als Verfechter von Toleranz, Verständnis und Nächstenliebe gerieren, dann aber schon beim Anblick eines nicht mehr ganz so jungen Menschen im „Number Of The Beast“-Shirt all diese Tugenden innerhalb einer Nanosekunde vergessen. Wenn das für viele schon eine unüberwindliche Hürde darstellt, mache ich mir ernsthafte Sorgen um die angestrebte Integration anderer Kulturen. Du willst Bigotterie und Intoleranz am eigenen Leib erleben? Sei über 40, meinetwegen auch über 30 und stehe dazu, dass du Metal und Rockmusik allgemein liebst und auch in gewisser Weise lebst.

Ich weiß – ich sollte da nicht verallgemeinern. Ich will nicht in striktes „wir hier“ und „die da“ spalten. Wäre auch sehr engstirnig und intolerant von mir. Es ist aber hochinteressant, wie negativ viele der „Normalen“ in unserem ach so aufgeklärten Zeitalter immer noch auf die – in Relation zum allgemeinen Weltgeschehen – eher unwichtige Tatsache reagieren können, dass du mit „normaler“ Musik nichts anfangen kannst und eben immer noch ein wenig „Teenage Dirtbag“ bist. Es soll mir egal sein. Es wird mir wohl bis ins Grab einfach nur widerstreben, mir von der „Masse“ diktieren zu lassen, was ich zu lieben habe, und in welchem Maße. Ich lasse euch eures, lasst mir bitte einfach meins. Sollte doch nicht so schwierig sein, oder?

Vielleicht sollte ich mir aber auch Visitenkarten drucken lassen, die meinem infantilen, von Rockmusik zerfressenen, aufmüpfigen Geist entsprechen, für den Fall, dass wieder mal fruchtlose Diskussionen drohen:

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Will ich aber eigentlich nicht. Ich möchte einfach nur an dem Spaß haben dürfen, was nach so langer Zeit inzwischen einfach Teil meiner DNA und unabänderlich ist, ohne dafür diskriminiert zu werden. So wie die „Normalen“ auch.

Oh Mann, all diese Gedankengänge drängten sich auf, weil ich „Teenage Dirtbag“ von Wheatus für mich persönlich überinterpretierte! Schluss damit! Maiden! Maiden! Maiden!

All die trüben Gedanken waren auch ruckzuck vergessen, als wir an der Halle ankamen. Das Wetter war prächtig, man hatte vor der Halle für Biergarten-Atmosphäre gesorgt. Was zum unzähligsten Male auffiel: von der äußerst entspannten, friedlichen Atmosphäre unter den Metalheads vor wie auch in der Halle kann sich so manches Volksfest der sogenannten „Normalen“ gerne mal eine dicke Scheibe abschneiden. Um mal ein wenig des Teufels Advokat zu spielen: „Die Wahrscheinlichkeit, auf dem Münchner Oktoberfest oder beim Feuerwehrfest in Winsen an der Luhe grundlos von volltrunkenen Honks die Fresse poliert zu bekommen, ist ungleich höher als bei einem Rockfestival.“ BÄM!

Schon gegen 17:30 Uhr durften wir die wunderbaren Ghost bewundern. Die „Nameless Ghouls“ um Papa Emeritus III. polarisieren heftig und werden speziell unter Diehard-Maiden-Fans nicht durchweg geliebt, hatten aber trotzdem eine Menge Leute aus der Sonne vor die Bühne in der Halle gelockt. Zurecht. Ein audiovisuelles Gesamtkunstwerk, dessen Wirkung man sich nur schwer entziehen kann. Ich hatte zu Beginn auch so meine liebe Not mit dem musikalischen Output von Ghost, aber: sie haben mich gekriegt. Und wenn man erst mal soweit überzeugt ist und das Ganze dann live sieht (sprich: das Gesamtkunstwerk), wird man quasi zwangsläufig zum Fan geweiht.

Mein Körper zuckte bereitwillig mit. Ja, ich nehme für mich in Anspruch, das Konzept von Ghost, so lachhaft es manch oberflächlichem Zuhörer/-schauer auch immer noch erscheinen mag, verstanden zu haben. Ich grinste während des gesamten Sets der Schweden zufrieden, auch aufgrund der Erkenntnis: es müssen für mich definitiv NICHT immer nur die alten Heroen sein. Ich bin immer noch offen für Neues. Obwohl ich mich natürlich auch diebisch auf die Hauptattraktion des Abends freute.

Fast Forward to the one and only Iron Maiden.

Maiden markierten meine Anfänge in der Welt der harten Rockmusik, wie ich ja schon an anderer Stelle mal betont habe.

Diese Band begleitet mich also seit etwas mehr als 30 Jahren durch die ups und downs meines Lebens. Logisch, dass da inzwischen eine besondere Art der Verbundenheit besteht.

Man kann Maiden natürlich vorwerfen – und das tut die sogenannte „Muckerpolizei“ gerne – sich seit zig Jahren auf bewährte Songwriting-Schablonen zu verlassen und „sich nicht weiterzuentwickeln“.

Da fehlt mir etwas, Freunde: der Respekt. Ich für meinen Teil kann einfach nur Respekt haben vor diesen Männern, inzwischen alle um die 60 Jahre alt, die über Jahrzehnte, durch alle Krisen, vorbei an allen musikalischen Trends, Modewellen und Strömungen, ihr Ding durchgezogen haben und weltweit Hallen und Stadien gefüllt haben, die Zeit ihres Bestehens eine der größten Rockbands des Planeten waren und auch immer noch sind. Diese Zähigkeit, diese Langlebigkeit, diese Zeitlosigkeit verdient zuallererst mal: allerhöchsten Respekt.

Sicher, die ganz großen Experimente blieben in der Karriere der Band außen vor. Allerdings waren der Einsatz von Gitarrensynthies auf „Somewhere In Time“ oder die seinerzeit für eine Metal-Band wie Maiden recht mutigen Keyboards auf „Seventh Son of a Seventh Son“ durchaus kleine Wagnisse.

Und mal ehrlich: was wollt ihr Muckerpolizisten bitte von Steve Harris & Co.? Reggae-Einlagen? Rap-Passagen? Das können andere besser, ganz einfach, weil sie es fühlen und auch rüberbringen können. Weil es zu ihnen passt. Oder hätten sich Maiden seinerzeit dem Nu Metal verschreiben sollen? Was hätte das für einen Aufschrei gegeben!

Nein, liebe Leute. Maiden sind Maiden und bleiben Maiden. Und das ist gut so. Und „The Book Of Souls“ ist auch ohne sogenannte Innovationen ein brettstarkes Album geworden, das ganz und gar nicht nach Frührente oder Bocklosigkeit klingt. Auch nicht nach Einfallslosigkeit. „Stilsicher“ trifft es doch auch ganz gut, oder?

Und live… live sind sie immer noch eine Macht. Das machte der Gig bei „Rock im Revier“ noch einmal ganz deutlich.

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Bruce Dickinson. Meine Fresse, dieser Bruce Dickinson. Inzwischen 58 Jahre alt. Gerade vom Zungenkrebs genesen. Und dann fegt er über die Bühne, über „seine“ Laufstege, wie eh und je und singt dazu noch großartig. Da kann ich nur noch auf die Knie gehen. Ich sehe diesen Mann vor mir auf der Bühne, wie erstmals vor 27 Jahren, und lächele verklärt. Die Haare sind (beiderseits) kürzer, das Gesicht (beiderseits) faltiger. Aber alles andere? Wie einst im Mai. Dieser Typ ist Musik. Dieser Typ ist Energie. Dieser Typ ist Rock’n’Roll. Die Tatsache, dass es solche Typen noch gibt, macht mich regelrecht glücklich.

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Steve Harris. Immer noch ein Irrsinns-Energiebündel. Die Fuß-auf-der-Monitorbox-Pose, während er den Bass ins Publikum „feuert“, zündet immer noch. Der Boss der Irons ist, man sehe in sein Gesicht, natürlich ebenfalls gealtert. Merkt man es seiner Performance an? Nein. Null. Bewundernswert.

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Janick Gers. Der Gitarrist hat sich vielleicht am meisten „verstrichen“, was den altersbedingten Knitterfaktor angeht. Aber schau sich einer diesen Typen an! 60 Jahre alt, und immer noch positiv semi-wahnsinnig, wie er da herumrennt und tänzelt und die Klampfe immer wieder in weitem Bogen durch die Luft schleudert. Pure Energie. Pure Liebe für die Musik und die Show. Da kullerten mir fast die Freudentränen übers Gesicht.

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Dave Murray und Adrian Smith. Speziell letzterer war ja immer schon eher ein entspannterer Vertreter seiner Zunft, trotzdem: der lebt das, der liebt das. Und Dave Murray, im feister gewordenen Gesicht immer noch dieses typische, schelmische Grinsen quer über die Pausbacken, immer noch zu 100% mit dem Herzen bei der Sache. Ich grinste jedesmal mit, wenn ich Murray ansah. Da ging mir das Herz auf.

Nicko McBrain, der Drummer und ewige Doublebass-Verweigerer. Hat immer noch einen der flinksten Füße im Business. Spielt übrigens immer barfuß. Sieht jetzt endgültig aus wie Gandalf ohne Bart, aber gerade das verleiht ihm noch mal eine Extraportion Würde. Wenn man ihm beim Spielen zusah und auch nur ein wenig Herz für Musik hat, musste man angesichts der Energie und Spielfreude, die er immer noch an den Tag legte, Gänsehaut bekommen. Und ich bekam welche.

Die Songauswahl? Gleich sechs Songs von „The Book of Souls“, was Alt-Fans vielleicht ein wenig zu viel war. Aber ein „If Eternity Should Fail“ oder ein „The Red And The Black“ mit seinem unwiderstehlichen „Whoaa-Whoaa-Whoaaaa“-Mitsingpart reihten sich meiner Meinung nach nahtlos ein in die Riege der Klassiker, die Maiden natürlich ebenfalls im Gepäck hatten. Da man laut Bruce Dickinson das Wort „old“ heutzutage allgemein ja nicht mehr benutzen darf und stattdessem von „Legacy“ spricht, gab es haufenweise „Legacy Songs“.

„The Trooper“. Der Song, mit dem für mich im Grunde alles anfing. „Powerslave“. „Hallowed Be Thy Name“. „Fear Of The Dark“. Glück, in Noten gegossen. Und auch wenn die Routiniers sich bei „Fear Of The Dark“ kurz einen groben Timingschnitzer leisteten, der bei der halben Muckerpolizei in der Halle Schnappatmung auslöste – hey, das ist LIVE!!!

Beim über 30 Jahre alten „Children Of The Damned“ vermutete Dickinson, dass „einige Anwesende noch gar nicht geboren waren, als dieser Song geschrieben wurde“. Die Videowände zeigten einen Kameraschwenk über die erste Reihe – die offenbar fast vollzählig noch nicht geboren war, als dieser Song geschrieben wurde. 🙂

Überhaupt: Alt-Rocker, mittelalte Rocker, die ihre Söhne und Töchter (ebenfalls schon im Maiden-Shirt) auf den Schultern trugen, Teenager – es war mal wieder offensichtlich, dass Rockmusik generationenübergreifend ist. Eine große Familie, sozusagen. Herrlich. Und wieder mal ein schönes Zeichen gegen die „Rock ist tot“-Theorien, die da draußen immer wieder mal kursieren.

Die Show abseits der Performance der Musiker an sich? Moderater, aber effektiver Pyro-Einsatz, klasse Lightshow, ständig wechselnde Backdrops, natürlich ein über die Bühne rennender Eddie und beim Song „Iron Maiden“ auch ein riesiger Eddie hinter dem Drumkit. So, wie man es als Maiden-Fan haben will.

Auch wenn es sich seltsam anhört: wenn das das letzte Maiden-Konzert in meinem Leben gewesen sein sollte, dann wäre es okay. Das war durchaus auch ein Hintergedanke, den ich hatte, als ich sofort und ohne zu zögern das Ticket für dieses Konzert gekauft habe: ich wollte Maiden auf jeden Fall noch einmal in Hochform erleben. Einen springenden, rennenden Dickinson ganz besonders. Mission accomplished. Meine Fresse, ich wäre JETZT gerne so fit wie diese Herrschaften es mit 60 offensichtlich sind! Da liegt noch etwas Arbeit vor mir…

Der Zugabenteil lässt mich noch mal deutlich spüren, dass die „Teenage Dirtbag“ in mir quicklebendig ist, und dass ich das völlig in Ordnung finde.

„Woe to you, oh earth and sea…“

„The Number Of The Beast“ ist nun wirklich keine Ballade. Kein Schmus, kein Feuerzeug-Song. Aber: ich habe schon beim Intro einen Kloß im Hals. Und Gänsehaut. Nicht zum ersten Mal an diesem Abend, aber ich spüre sie jetzt besonders deutlich, als ich grinsend dastehe und das Intro Wort für Wort mitspreche. Zum was-weiß-ich-wievielten Mal in meinem Leben. Ich schaue auf all die 15-, 16-jährigen Nachwuchs-Fans, die das ebenfalls tun. So wie ich in dem Alter. Und es fühlt sich so an, als würde ich mein eigenes, jüngeres Ich betrachten, als es auf dem ersten Maiden-Konzert seines Lebens vor Glück und ausgelebter Begeisterung fast explodierte. Ich stehe nun als „alter Sack“ immer noch bzw. zum x-ten Mal da und erlebe das mit.

„I have the fire! I have the force!“

Und es ist immer noch geil. Es ist immer noch Gänsehaut pur. Wie soll man jemandem, der dafür nicht den geringsten Sinn hat, klarmachen, warum einen in so einem Moment die Emotionen fast überwältigen? Wo dieses Gefühl der vereinten Rock-Familie herkommt, dass es so in keiner anderen Musikrichtung gibt? Ich versuche es gar nicht erst. Ich genieße es einfach. Wieder und wieder.

Wie die zweite Zugabe es knapp auf den Punkt bringt: „We’re blood brothers!“ ’nuff said.

Der Abschluss mit „Wasted Years“, einem Song, der seit Jahrzehnten immer wieder von mir in bestimmten Lebenslagen hervorgekramt wird und der immer noch dafür sorgt, dass ich mich besser fühle, verschafft mir nochmal wohlige Schauer der Erkenntnis: im Herzen bin ich für immer die einst von den inzwischen quasi vergessenen Wheatus besungene Teenage Dirtbag.

Und scheiß der Hund drauf – ich liebe es.

Sep 082015
 

mann_ueber_wort_metal_iconBehauptung: „Metal? Die machen doch nur Krach!“

Antwort: Sechs. Setzen.

Ich starte mal mit einer Anekdote: anno 1993, ich war noch Gitarrenschüler. Mein damaliger Gitarrenlehrer stürmte in den Raum, riss eine CD aus der Tasche und stopfte diese hektisch in den Player. „Die Viertelstunde nehm‘ ich mir jetzt!“ ließ er mich gestreng wissen. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete. In besagter Viertelstunde spielte er mir zwei – wie man sich denken kann – ziemlich lange Songs von der CD vor. Und ich weiß noch, dass ich mit offenem Mund und ungläubig aufgerissenen Augen da saß, speziell beim zweiten Song, und dachte: „Das… gibt’s… doch… gar nicht! Wie zum Teufel kann man SO unfassbar gut sein? Wie kann diese ganze Band so von einem anderen Planeten sein?“

Am nächsten Tag rannte ich los und kaufte mir gleichermaßen pflichtbewusst wie begeistert das vom Gitarrenlehrer angespielte Album. Der Titel: „Images And Words“. Die Band: Dream Theater. Die Songs: „Pull Me Under“ und „Metropolis – Part I“. Mein Qualitätsempfinden – speziell in Bezug auf Können am jeweiligen Instrument – war nach der für mich inzwischen legendären Probehör-Viertelstunde (eigentlich waren es sogar 17 Minuten und 45 Sekunden) nie wieder das selbe. Die Band hatte mich in Herz UND Hirn getroffen. Mich sowohl emotional als auch intellektuell angesprochen. Nein, sogar regelrecht herausgefordert.

Dream Theater zählen zum Genre des Progressive Metal. Mehr oder weniger offiziell heißt es „Progressive Metal/Rock“ – Metal ist ein weiter Begriff, für eine Band wie Dream Theater allerdings wieder zu eng gefasst. Aber: Dream Theater sind ein anerkannter Teil des Subgenres des progressiven Metal. Metallischer Einschlag ist ihnen nicht abzusprechen (nur mal als Tipp: „Train Of Thought“ dürfte wohl ihr metallischstes Album sein). Und sie sind eine Band, die den Vorwurf des „Krachs“ völlig ad absurdum führt. Ausschließlich aus absolut herausragenden Musikern bestehend, sind Dream Theater natürlich auch ein Paradebeispiel – aber bei weitem nicht die einzigen brillianten Musiker im metallischen Bereich der Musik.

Die reine Gefühlsebene, auf der sich Musik abspielen kann, haben wir ja schon abgehandelt. Jetzt gehen wir mal einen Schritt in die andere Richtung und betrachten das Ganze ein wenig verkopfter: mit den Augen und Ohren eines Musikwissenschaftlers. Wie tickt der Metal? Warum ist Metal kein Krach, sondern im Gegenteil sogar spielerisch anspruchsvoll? Beim Studium der Fakten stellte sich übrigens auch einer der grundlegenden Unterschiede zwischen Metal und Punk heraus, bzw. im Selbstverständnis dieser beiden Musikrichtungen.

Der erwähnte Musikwissenschaftler hört in diesem Fall auf den Namen Dietmar Elflein. Dieser hat in seinem Buch „Schwermetallanalysen“ die musiktheoretischen Eigenheiten des Metal analysiert, indem er exemplarisch Bands wie Black Sabbath, Iron Maiden, Megadeth, Metallica oder Slayer unter die Lupe nahm.

Laut Elflein haben Metal-Songs zum Großteil eine „reihende Kompositionsstruktur“. Dies bedeutet grundsätzlich zunächst einmal das Gegenteil von „weniger ist mehr“: im Metal finden sich oft innerhalb eines Songs mehr unterschiedliche Gitarrenriffs als im „normalen“ Rock, in dem meist die konservative Struktur, das auch im Pop übliche Strophe-Chorus-Strophe-Chorus-Schema, zur Anwendung kommt. Sprich: wir haben es im Metal sehr oft eben NICHT mit den sprichwörtlichen „drei Akkorden für ein Halleluja“ zu tun.

Interessanterweise schaut Elflein dabei etwas über den Tellerrand hinaus und konstatiert, dass in diesen komplexeren Strukturen im Metal auch eine „rebellische Grundhaltung“ abgebildet wird. „Man will es eben anders machen, man will sich abgrenzen von der sogenannten Industriescheiße. Das, gepaart mit einer Wertschätzung für handwerkliches Können, führt zu komplexeren Strukturen“, so Elflein.

Und weiter: „Der frühe Metal entwickelte sich aus dem Blues, und Blues hat auch diese reihende Struktur. Die Reihung ist im Grunde eine afroamerikanische Idee, im Gegensatz zur europäischen Liedtradition.“

Rein Metal-historisch betrachtet waren es übrigens Judas Priest, die als erste den Blues-Einfluss der frühen Tage komplett aus ihrer Musik verbannten und den später so klassischen „reinen“ Heavy Metal spielten.

Elflein führt außerdem aus, dass der Metal den „Prollmusik“-Stempel nicht nur aufgrund von „Helden-Gitarrensoli“ oder der Songstrukturen zu Unrecht trägt, sondern auch aufgrund des virtuosen Zusammenspiels.

Im Metal herrscht ein „paralleles Ensemblespiel“ – die Band als Ganzes stellt ihre Energie und häufig eben auch ihre Virtuosität unter Beweis. Es findet „Energiebündelung im Kollektiv“ statt, als Hilfsmittel dienen z.b. Tempo- und Dynamikwechsel, Breaks oder Rhythmuswechsel. Bands demonstrieren auf diese Weise laut Elflein gerne „die volle Beherrschung der musikalischen Form.“

mann_ueber_wort_schwermetall_goodmusicDer Musikwissenschaftler spricht in diesem Zusammenhang noch einen anderen wichtigen Punkt an: die Kunstfertigkeit, die im Metal gerne demonstriert wird, stehe „im Gegensatz etwa zu einer Punk-Haltung, die mit der Industrie auch nichts zu tun haben will, sich aber auch nicht für das Handwerkliche interessiert.“

Damit will Elflein mit Sicherheit nicht sagen, dass es im Punk-Bereich keine guten Musiker gäbe. Denn das wäre ein ebenso dämliches Vorurteil wie die „Nur Krach“-Haltung den Metallern gegenüber und damit ebenso falsch. Elflein meint: im Punk gehört das Betonen (!) des Handwerklichen – das explizite Bestreben, nicht nur gute Songs schreiben, sondern auch ein guter Instrumentalist sein zu wollen – nicht unabdingbar zur Kultur der ganzen Musikrichtung, wie es im Metal der Fall ist. Gute technische Fähigkeiten sind im Punk keinesfalls Voraussetzung für Akzeptanz beim Publikum, also für Erfolg, wohingegen im Metal eine Band, die speziell live nicht auch durch gute Beherrschung ihrer Instrumente überzeugt, bei den Fans durchaus für Unmut sorgen kann.

So geschehen im Falle von DragonForce (dieser Name… ich weiß 😉 ), die auf ihren Alben hohe Spielkunst demonstrierten – speziell das Gitarrenduo Sam Totman und Herman Li – live aber immer wieder „durchfielen“ und einige furchtbare – und dummerweise zugleich vielbeachtete – Performances ablieferten. Was im Punk nicht einmal ein Schulterzucken hervorgerufen hätte, löste unter Metalheads eine regelrechte Kontroverse aus. Die Band verlor sogar viele Fans, die Betrug witterten und den Eindruck bekamen, dass DragonForce live nicht das umsetzen können, was ihre Alben versprechen – zu deutsch: dass die Band im Studio gewaltig trickst. Inzwischen zeigen DragonForce ihr auf den Studioaufnahmen demonstriertes Können als Instrumentalisten allerdings auch auf der Bühne – dem Verzicht auf Alkohol vor Gigs und besserem Equipment sei Dank. Ein bleibender Rest-Imageschaden für die Band durch die Technik-Kontroverse lässt sich allerdings nicht ganz wegdiskutieren.

Um es gleich zu sagen: ich kann nachvollziehen, wenn diese qualitätsbejahende Grundhaltung speziell von der Punk-Szene als „Egogewichse“ oder „Gepose“ angesehen und oft als Snobismus oder gar Elitismus empfunden wird. In meiner eigenen musikalischen Laufbahn machte sich irgendwann auch eine gewisse Ermüdung bemerkbar, was die „Heldenverehrung“ herausragender Instrumentalisten und Sänger und auch komplexer Songstrukturen angeht. Während wir, als wir noch unter Noisegate firmierten, nicht zuletzt aufgrund von Keyboardeinsatz ziemlich deutlich unserer Verehrung für komplexeren Stoff wie Dream Theater freien Lauf ließen, gingen wir mit Soultrip irgendwann weg von den allzu metal-typischen Strukturen, wurden musikalisch kompakter, verzichteten sogar auf Gitarrensoli. Wir wurden rhythmischer, grooviger, „tanzbarer“. Und irgendwie nachvollziehbarer. Wir wurden im Prinzip zu einer Variante von dem, was später als „New Metal“, schlussendlich dann in hipperer Schreibweise als „Nu Metal“ bezeichnet wurde – letzteres mutierte dann unter nicht ganz so aufgeschlossenen Metalheads bald zu einem regelrechten Schimpfwort. Aber dazu später noch wesentlich mehr.

Ganz so außergewöhnlich ist eine derartige Entwicklung laut Dietmar Elflein allerdings auch im Metal gar nicht (wenn man hier mal den Progressive Metal-Bereich ausklammert): „Wenn man, gerade am Anfang, noch nicht so genau weiß, wie man einen Song baut, reiht man Riffs hintereinander und tobt sich aus. Man sieht das oft an Bands: im Laufe der Zeit, wenn sie professioneller werden, lässt das nach, und sie beschäftigen sich mehr mit existenten Songstrukturen.“

Bei allem Verständnis für diejenigen, die von der „Heldenverehrung“ von Musikern genervt sind und einen Dreck auf spielerische Fähigkeiten geben, trotz meiner eigenen Hinwendung zu straighteren Songstrukturen zu Soultrip-Zeiten und dem „Gespielt wird, was Spaß macht“-Motto nun bei Green Ink Machine: meine Bewunderung für musikalische Höchstleistungen allgemein hat nie nachgelassen. Auch wenn ich kein Dream Theater-Poster mehr anbete, ich kann es immer noch genießen, wenn John Petrucci & Co., oder welche Band auch immer, es schaffen, mich in Herz UND Hirn zu treffen. Ich lasse mich gerne zum Staunen bringen. Ich freue mich, „dass es sowas noch gibt“. Und ein grundsätzlicher Qualitätsanspruch an Musik ist da, war immer da und wird immer da sein.

Wenn ich allerdings einen Song höre, der keine „Ohs“ und „Ahs“ aufgrund hochentwickelter Spielkultur auslöst, bei dem aber für mich das Feeling stimmt, bin ich definitiv kein Snob – dann zeigt mein Daumen klar nach oben. Denn auch das ist Qualität. Es ist, ehrlich gesagt, sogar die Qualität, die letztendlich für den „normalen“ Musikhörer zählt. Trifft Musik nicht ins Herz, nützen ultrapräzise und geschickt gespielte Noten herzlich wenig. Womit wir beinahe schon wieder zurück bei der reinen Gefühlsebene wären.

Dem Metal, soviel steht jedenfalls fest, werde ich immer sofort zur Seite springen, wenn ihm bzw. den ausführenden Musikern pauschal die Qualität abgesprochen wird. Denn in diesem Musiksegment, und in seinem Dunstkreis, tummeln sich jede Menge wirklich großartige Musiker. Die tatsächlich nicht nur die Töne, sondern auch ins Herz treffen. Echte Virtuosen. Ob man diese Tatsache nun goutiert oder nicht, ob man ihr Bedeutung beimisst oder nicht oder ob es einen als „Egogewichse“ ankotzt – es ist Fakt.

Deal with it. 😉