Aug 192016
 

mann_ueber_wort_metal_icon„Cause I’m just a teenage dirt bag, baby
Yeah I’m just a teenage dirt bag, baby
Listen to Iron Maiden maybe, with me“

Ja, ja, dieser Song der inzwischen – im Gegensatz zu Iron Maiden – nicht mehr sonderlich populären Band Wheatus.

Ich habe ein zwiegespaltenes Verhältnis zu diesem Song. Vermutlich, weil er – so mein Empfinden – auch genauso geschrieben wurde, aus einem zwiespältigen Gefühl heraus. Als ob sich der Wheatus-Frontmann Brandon B. Brown auf der einen Seite über sein jüngeres „Dirtbag“-Ich lustig macht, und auf der anderen Seite auch ein wenig Wehmut durchklingen lässt ob der alten Zeiten.

Auf dem Weg zum Rock im Revier-Festival in der Dortmunder Westfalenhalle, am 27.05.2016 (ich hatte die Karte zu 99,9% gekauft, um endlich noch mal – tätää! –  Iron Maiden zu sehen, große Helden meiner eigenen „Teenage Dirtbag“-Jugend) hatte ich diesen Song ständig im Kopf. Ärgerlich, eigentlich, wo ich doch eher Bedarf daran gehabt hätte, die eine oder andere Nummer vom neuen Maiden-Album „The Book Of Souls“ tiefer in meinen Hirnwindungen zu verankern.

Es half nichts, das schräge Organ von Brandon B. Brown hallte durch mein Oberstübchen. Und damit Erinnerungen an die Zeit, als ich aufgrund meines Musikgeschmacks, der ständig getragenen Maiden-, Megadeth-,  Slayer- etc.-Shirts, der langen Haare, der Ohrringe und jeder nur erdenklichen Abweichung von der äußerlichen „Norm“ gedisst und gemobbt wurde.

Was mich allerdings in keinster Weise von „meiner“ Musik abbringen konnte. Im Gegenteil. Mein ganz persönliches tägliches Teenage-Drama weckte in mir stets eher den Eindruck, dass ich durchaus richtig damit lag, mich den ganzen Dissern und Mobbern und zukünftigen Stützen unserer Leistungsgesellschaft zu verweigern. Was sollte ich von Menschen halten, denen Oberflächlichkeiten offenbar zu einem vernichtenden Urteilsspruch reichten und die Dinge wie einen gegen den Strich gebürsteten Musikgeschmack zum Anlass nahmen, andere Menschen zu diskriminieren, zu denunzieren und ihnen das Leben gezielt zu erschweren?

Den Kern dieses Gefühls habe ich nie verloren. Das stellte ich wieder mal fest, als ich gen Dortmund fuhr. Maiden gucken. Da saß ich also mit meinem „Metallbruder“ Basti im Auto, mit meinen 43 Jahren, nach knapp 30 Jahren des Konsums und auch Schaffens harter Rockmusik, immer noch bzw. wieder im Maiden-Shirt, und spürte immer noch die „Teenage Dirtbag“ in mir. Und ich fand es null komma null schlimm oder bedenklich. Some feelings never die. Und manchmal ist das auch gut so. Es fühlte sich richtig an.

Was andere, konservativere Altersgenossen darüber denken? Bringt mich ungefähr so zum „Umdenken“ bzw. Anpassen wie vor 30 Jahren. Nämlich gar nicht. Sie verstehen es nicht. Sie werden es auch nie verstehen. Das kann man ihnen noch nicht mal vorwerfen. Befremdlich wirkt halt oft, wie viele eben jener „normalen“ Menschen sich in den sozialen Medien als Verfechter von Toleranz, Verständnis und Nächstenliebe gerieren, dann aber schon beim Anblick eines nicht mehr ganz so jungen Menschen im „Number Of The Beast“-Shirt all diese Tugenden innerhalb einer Nanosekunde vergessen. Wenn das für viele schon eine unüberwindliche Hürde darstellt, mache ich mir ernsthafte Sorgen um die angestrebte Integration anderer Kulturen. Du willst Bigotterie und Intoleranz am eigenen Leib erleben? Sei über 40, meinetwegen auch über 30 und stehe dazu, dass du Metal und Rockmusik allgemein liebst und auch in gewisser Weise lebst.

Ich weiß – ich sollte da nicht verallgemeinern. Ich will nicht in striktes „wir hier“ und „die da“ spalten. Wäre auch sehr engstirnig und intolerant von mir. Es ist aber hochinteressant, wie negativ viele der „Normalen“ in unserem ach so aufgeklärten Zeitalter immer noch auf die – in Relation zum allgemeinen Weltgeschehen – eher unwichtige Tatsache reagieren können, dass du mit „normaler“ Musik nichts anfangen kannst und eben immer noch ein wenig „Teenage Dirtbag“ bist. Es soll mir egal sein. Es wird mir wohl bis ins Grab einfach nur widerstreben, mir von der „Masse“ diktieren zu lassen, was ich zu lieben habe, und in welchem Maße. Ich lasse euch eures, lasst mir bitte einfach meins. Sollte doch nicht so schwierig sein, oder?

Vielleicht sollte ich mir aber auch Visitenkarten drucken lassen, die meinem infantilen, von Rockmusik zerfressenen, aufmüpfigen Geist entsprechen, für den Fall, dass wieder mal fruchtlose Diskussionen drohen:

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Will ich aber eigentlich nicht. Ich möchte einfach nur an dem Spaß haben dürfen, was nach so langer Zeit inzwischen einfach Teil meiner DNA und unabänderlich ist, ohne dafür diskriminiert zu werden. So wie die „Normalen“ auch.

Oh Mann, all diese Gedankengänge drängten sich auf, weil ich „Teenage Dirtbag“ von Wheatus für mich persönlich überinterpretierte! Schluss damit! Maiden! Maiden! Maiden!

All die trüben Gedanken waren auch ruckzuck vergessen, als wir an der Halle ankamen. Das Wetter war prächtig, man hatte vor der Halle für Biergarten-Atmosphäre gesorgt. Was zum unzähligsten Male auffiel: von der äußerst entspannten, friedlichen Atmosphäre unter den Metalheads vor wie auch in der Halle kann sich so manches Volksfest der sogenannten „Normalen“ gerne mal eine dicke Scheibe abschneiden. Um mal ein wenig des Teufels Advokat zu spielen: „Die Wahrscheinlichkeit, auf dem Münchner Oktoberfest oder beim Feuerwehrfest in Winsen an der Luhe grundlos von volltrunkenen Honks die Fresse poliert zu bekommen, ist ungleich höher als bei einem Rockfestival.“ BÄM!

Schon gegen 17:30 Uhr durften wir die wunderbaren Ghost bewundern. Die „Nameless Ghouls“ um Papa Emeritus III. polarisieren heftig und werden speziell unter Diehard-Maiden-Fans nicht durchweg geliebt, hatten aber trotzdem eine Menge Leute aus der Sonne vor die Bühne in der Halle gelockt. Zurecht. Ein audiovisuelles Gesamtkunstwerk, dessen Wirkung man sich nur schwer entziehen kann. Ich hatte zu Beginn auch so meine liebe Not mit dem musikalischen Output von Ghost, aber: sie haben mich gekriegt. Und wenn man erst mal soweit überzeugt ist und das Ganze dann live sieht (sprich: das Gesamtkunstwerk), wird man quasi zwangsläufig zum Fan geweiht.

Mein Körper zuckte bereitwillig mit. Ja, ich nehme für mich in Anspruch, das Konzept von Ghost, so lachhaft es manch oberflächlichem Zuhörer/-schauer auch immer noch erscheinen mag, verstanden zu haben. Ich grinste während des gesamten Sets der Schweden zufrieden, auch aufgrund der Erkenntnis: es müssen für mich definitiv NICHT immer nur die alten Heroen sein. Ich bin immer noch offen für Neues. Obwohl ich mich natürlich auch diebisch auf die Hauptattraktion des Abends freute.

Fast Forward to the one and only Iron Maiden.

Maiden markierten meine Anfänge in der Welt der harten Rockmusik, wie ich ja schon an anderer Stelle mal betont habe.

Diese Band begleitet mich also seit etwas mehr als 30 Jahren durch die ups und downs meines Lebens. Logisch, dass da inzwischen eine besondere Art der Verbundenheit besteht.

Man kann Maiden natürlich vorwerfen – und das tut die sogenannte „Muckerpolizei“ gerne – sich seit zig Jahren auf bewährte Songwriting-Schablonen zu verlassen und „sich nicht weiterzuentwickeln“.

Da fehlt mir etwas, Freunde: der Respekt. Ich für meinen Teil kann einfach nur Respekt haben vor diesen Männern, inzwischen alle um die 60 Jahre alt, die über Jahrzehnte, durch alle Krisen, vorbei an allen musikalischen Trends, Modewellen und Strömungen, ihr Ding durchgezogen haben und weltweit Hallen und Stadien gefüllt haben, die Zeit ihres Bestehens eine der größten Rockbands des Planeten waren und auch immer noch sind. Diese Zähigkeit, diese Langlebigkeit, diese Zeitlosigkeit verdient zuallererst mal: allerhöchsten Respekt.

Sicher, die ganz großen Experimente blieben in der Karriere der Band außen vor. Allerdings waren der Einsatz von Gitarrensynthies auf „Somewhere In Time“ oder die seinerzeit für eine Metal-Band wie Maiden recht mutigen Keyboards auf „Seventh Son of a Seventh Son“ durchaus kleine Wagnisse.

Und mal ehrlich: was wollt ihr Muckerpolizisten bitte von Steve Harris & Co.? Reggae-Einlagen? Rap-Passagen? Das können andere besser, ganz einfach, weil sie es fühlen und auch rüberbringen können. Weil es zu ihnen passt. Oder hätten sich Maiden seinerzeit dem Nu Metal verschreiben sollen? Was hätte das für einen Aufschrei gegeben!

Nein, liebe Leute. Maiden sind Maiden und bleiben Maiden. Und das ist gut so. Und „The Book Of Souls“ ist auch ohne sogenannte Innovationen ein brettstarkes Album geworden, das ganz und gar nicht nach Frührente oder Bocklosigkeit klingt. Auch nicht nach Einfallslosigkeit. „Stilsicher“ trifft es doch auch ganz gut, oder?

Und live… live sind sie immer noch eine Macht. Das machte der Gig bei „Rock im Revier“ noch einmal ganz deutlich.

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Bruce Dickinson. Meine Fresse, dieser Bruce Dickinson. Inzwischen 58 Jahre alt. Gerade vom Zungenkrebs genesen. Und dann fegt er über die Bühne, über „seine“ Laufstege, wie eh und je und singt dazu noch großartig. Da kann ich nur noch auf die Knie gehen. Ich sehe diesen Mann vor mir auf der Bühne, wie erstmals vor 27 Jahren, und lächele verklärt. Die Haare sind (beiderseits) kürzer, das Gesicht (beiderseits) faltiger. Aber alles andere? Wie einst im Mai. Dieser Typ ist Musik. Dieser Typ ist Energie. Dieser Typ ist Rock’n’Roll. Die Tatsache, dass es solche Typen noch gibt, macht mich regelrecht glücklich.

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Steve Harris. Immer noch ein Irrsinns-Energiebündel. Die Fuß-auf-der-Monitorbox-Pose, während er den Bass ins Publikum „feuert“, zündet immer noch. Der Boss der Irons ist, man sehe in sein Gesicht, natürlich ebenfalls gealtert. Merkt man es seiner Performance an? Nein. Null. Bewundernswert.

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Janick Gers. Der Gitarrist hat sich vielleicht am meisten „verstrichen“, was den altersbedingten Knitterfaktor angeht. Aber schau sich einer diesen Typen an! 60 Jahre alt, und immer noch positiv semi-wahnsinnig, wie er da herumrennt und tänzelt und die Klampfe immer wieder in weitem Bogen durch die Luft schleudert. Pure Energie. Pure Liebe für die Musik und die Show. Da kullerten mir fast die Freudentränen übers Gesicht.

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Dave Murray und Adrian Smith. Speziell letzterer war ja immer schon eher ein entspannterer Vertreter seiner Zunft, trotzdem: der lebt das, der liebt das. Und Dave Murray, im feister gewordenen Gesicht immer noch dieses typische, schelmische Grinsen quer über die Pausbacken, immer noch zu 100% mit dem Herzen bei der Sache. Ich grinste jedesmal mit, wenn ich Murray ansah. Da ging mir das Herz auf.

Nicko McBrain, der Drummer und ewige Doublebass-Verweigerer. Hat immer noch einen der flinksten Füße im Business. Spielt übrigens immer barfuß. Sieht jetzt endgültig aus wie Gandalf ohne Bart, aber gerade das verleiht ihm noch mal eine Extraportion Würde. Wenn man ihm beim Spielen zusah und auch nur ein wenig Herz für Musik hat, musste man angesichts der Energie und Spielfreude, die er immer noch an den Tag legte, Gänsehaut bekommen. Und ich bekam welche.

Die Songauswahl? Gleich sechs Songs von „The Book of Souls“, was Alt-Fans vielleicht ein wenig zu viel war. Aber ein „If Eternity Should Fail“ oder ein „The Red And The Black“ mit seinem unwiderstehlichen „Whoaa-Whoaa-Whoaaaa“-Mitsingpart reihten sich meiner Meinung nach nahtlos ein in die Riege der Klassiker, die Maiden natürlich ebenfalls im Gepäck hatten. Da man laut Bruce Dickinson das Wort „old“ heutzutage allgemein ja nicht mehr benutzen darf und stattdessem von „Legacy“ spricht, gab es haufenweise „Legacy Songs“.

„The Trooper“. Der Song, mit dem für mich im Grunde alles anfing. „Powerslave“. „Hallowed Be Thy Name“. „Fear Of The Dark“. Glück, in Noten gegossen. Und auch wenn die Routiniers sich bei „Fear Of The Dark“ kurz einen groben Timingschnitzer leisteten, der bei der halben Muckerpolizei in der Halle Schnappatmung auslöste – hey, das ist LIVE!!!

Beim über 30 Jahre alten „Children Of The Damned“ vermutete Dickinson, dass „einige Anwesende noch gar nicht geboren waren, als dieser Song geschrieben wurde“. Die Videowände zeigten einen Kameraschwenk über die erste Reihe – die offenbar fast vollzählig noch nicht geboren war, als dieser Song geschrieben wurde. :-)

Überhaupt: Alt-Rocker, mittelalte Rocker, die ihre Söhne und Töchter (ebenfalls schon im Maiden-Shirt) auf den Schultern trugen, Teenager – es war mal wieder offensichtlich, dass Rockmusik generationenübergreifend ist. Eine große Familie, sozusagen. Herrlich. Und wieder mal ein schönes Zeichen gegen die „Rock ist tot“-Theorien, die da draußen immer wieder mal kursieren.

Die Show abseits der Performance der Musiker an sich? Moderater, aber effektiver Pyro-Einsatz, klasse Lightshow, ständig wechselnde Backdrops, natürlich ein über die Bühne rennender Eddie und beim Song „Iron Maiden“ auch ein riesiger Eddie hinter dem Drumkit. So, wie man es als Maiden-Fan haben will.

Auch wenn es sich seltsam anhört: wenn das das letzte Maiden-Konzert in meinem Leben gewesen sein sollte, dann wäre es okay. Das war durchaus auch ein Hintergedanke, den ich hatte, als ich sofort und ohne zu zögern das Ticket für dieses Konzert gekauft habe: ich wollte Maiden auf jeden Fall noch einmal in Hochform erleben. Einen springenden, rennenden Dickinson ganz besonders. Mission accomplished. Meine Fresse, ich wäre JETZT gerne so fit wie diese Herrschaften es mit 60 offensichtlich sind! Da liegt noch etwas Arbeit vor mir…

Der Zugabenteil lässt mich noch mal deutlich spüren, dass die „Teenage Dirtbag“ in mir quicklebendig ist, und dass ich das völlig in Ordnung finde.

„Woe to you, oh earth and sea…“

„The Number Of The Beast“ ist nun wirklich keine Ballade. Kein Schmus, kein Feuerzeug-Song. Aber: ich habe schon beim Intro einen Kloß im Hals. Und Gänsehaut. Nicht zum ersten Mal an diesem Abend, aber ich spüre sie jetzt besonders deutlich, als ich grinsend dastehe und das Intro Wort für Wort mitspreche. Zum was-weiß-ich-wievielten Mal in meinem Leben. Ich schaue auf all die 15-, 16-jährigen Nachwuchs-Fans, die das ebenfalls tun. So wie ich in dem Alter. Und es fühlt sich so an, als würde ich mein eigenes, jüngeres Ich betrachten, als es auf dem ersten Maiden-Konzert seines Lebens vor Glück und ausgelebter Begeisterung fast explodierte. Ich stehe nun als „alter Sack“ immer noch bzw. zum x-ten Mal da und erlebe das mit.

„I have the fire! I have the force!“

Und es ist immer noch geil. Es ist immer noch Gänsehaut pur. Wie soll man jemandem, der dafür nicht den geringsten Sinn hat, klarmachen, warum einen in so einem Moment die Emotionen fast überwältigen? Wo dieses Gefühl der vereinten Rock-Familie herkommt, dass es so in keiner anderen Musikrichtung gibt? Ich versuche es gar nicht erst. Ich genieße es einfach. Wieder und wieder.

Wie die zweite Zugabe es knapp auf den Punkt bringt: „We’re blood brothers!“ ’nuff said.

Der Abschluss mit „Wasted Years“, einem Song, der seit Jahrzehnten immer wieder von mir in bestimmten Lebenslagen hervorgekramt wird und der immer noch dafür sorgt, dass ich mich besser fühle, verschafft mir nochmal wohlige Schauer der Erkenntnis: im Herzen bin ich für immer die einst von den inzwischen quasi vergessenen Wheatus besungene Teenage Dirtbag.

Und scheiß der Hund drauf – ich liebe es.

Sep 132015
 

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Guter Rat: Macht eure Hausaufgaben. Hart rockende Musiker machen die nämlich auch. Und zwar gründlich!

Die Älteren unter euch erinnern sich: im letzten Schwermetall-Post, dessen ursprüngliche Version noch auf Fratzenbuch veröffentlicht wurde, hatte ich ja mit Hilfe des Musikwissenschaftlers Dietmar Elflein mit dem Vorurteil „Metal=Krach“ ein wenig aufgeräumt.

Ich hatte zum Schluss des Posts dann auch noch mal explizit darauf hingewiesen, dass sich im Metal und seinem hart rockenden Dunstkreis jede Menge großartige Musiker tummeln. Virtuosen. Helden. Meilensteinsetzer. Namen habe ich jedoch praktisch keine genannt. Da wollte ich ursprünglich wieder ansetzen.

Während ich mit WordPress kämpfte und meine bereits getätigten Fratzenbuch-Ergüsse in diesen Blog hier packte, habe ich darüber nachgedacht, wie und wann ich so langsam aber sicher mal ans Eingemachte gehe, was die Themen angeht. Ich hatte eine Menge Dinge auf meiner To-Do-Liste, die ich für wichtiger und interessanter hielt, als musikalische Heldenverehrung zu zelebrieren. Aber ganz so abrupt wollte ich das Thema „herausragende Musiker in der harten und härteren Rockmusik“ dann doch nicht abhaken.

Was ich keinesfalls wollte war allerdings, irgendwelche Rankings oder „Bestenlisten“ herunterzurattern. Für die passionierten Statistiker, Bewerter und In-Tabellen-Einordner gibt es massig Material zum Thema im Web.

Wie also weitermachen? Nur die „alten“ Helden und Innovatoren abfeiern? Was ist mit den jüngeren Vertretern der hohen Schule? Denn meiner Meinung nach ist das spielerische Niveau neuer, junger Metal-Bands heutzutage zum Teil sehr hoch – abseits der heutigen Studiotechnik, die bei Aufnahmen quasi kaum noch Rückschlüsse auf das tatsächliche Niveau einer Band zulässt, beweisen diese Musiker ihre Qualitäten ein ums andere Mal auch live.

Dann fielen mir all die handwerklich fantastischen Musiker im ganz harten Sektor des Metal ein. Würde ich denen gerecht werden? Würde ich z.B. eine Band wie Meshuggah möglicherweise glatt vergessen, deren komplizierter „Math Metal“ alles andere als leicht verdaulich, aber eben musikalisch wie handwerklich bewundernswert ist?

Und was ist mit den grandiosen Opeth?

Und.. und… und?

Um ohne schlechtes Gewissen aus der Sache herauszukommen, war folgende Überlegung hilfreich:

„Schwermetall ist das Gesetz“ ist, bei aller dargebotenen Klugscheißerei und all den Belehrungen über Grundsätzliches in Sachen Metal, am Ende des Tages einfach nur ein kleiner, persönlicher Blog, kein Referenz-Nachschlagewerk, und erhebt auch keinerlei Anspruch darauf, der Bezeichnung „Musikjournalismus“ gerecht zu werden. Um Himmels willen, nein. Es ist eine persönliche Sache, und bei allen harten Fakten, die dafür zusammengetragen und genannt werden, bleibt es doch unter dem Strich eine subjektive Angelegenheit. Und speziell die Mucker unter euch kennen das: die Diskussionen darüber, welcher Musiker warum einen Heldenstatus genießt und ob er diesen zurecht hat und ob Gitarrist Dingsbums nicht vielleicht doch „innovativer“ oder „wichtiger“ ist als Gitarrist XYZ lassen sich endlos auswalzen.

Deshalb lasse ich der Subjektivität an dieser Stelle freien Lauf und werde in diesem Post nur einige wenige Musiker aufs Podest stellen, die mich (!) persönlich (!) enorm beeindruckt und teils auch beeinflusst haben, und die an dieser Stelle mehr oder weniger exemplarisch für meiner Meinung nach bemerkenswerte Musiker aus dem Metal und verwandten Musikbereichen stehen sollen. Es ist denkbar, eigentlich sogar sehr wahrscheinlich, dass ich dem einen oder anderen Einzelmusiker oder einer speziellen Band mal einen Extra-Abfeier-Post widme. Hier und jetzt gibt es aber eine Art Schnelldurchlauf. Besonders viel Raum bekommen die Sänger und Gitarristen, da ich in diesen beiden Bereichen eigene praktische Erfahrungen gesammelt habe bzw. immer noch sammle.

Aufgrund der vielen Links, eingebetteten Videos und im Dienste der Übersicht splitte ich die Heldenverehrung in zwei Teile auf. Ich beginne mit den Gitarristen, im nächsten Blogpost sind die Sänger an der Reihe, zusammen mit den Bassisten und Drummern.

So, jetzt lasst erst mal die Gitarren sprechen!

Nein, ich werde nicht zu rockhistorisch und schreibe jetzt nicht kilometerlang über Jimi Hendrix, ohne dessen innovatives Spiel die Rockmusik insgesamt, wie wir sie heute kennen, nicht die selbe wäre. Zu ihm muss man nichts mehr sagen oder schreiben.

Ich könnte über Jimmy Page (Led Zeppelin) schreiben. Pages Gitarrenspiel war sicher enorm wichtig für die Entwicklung der härteren Rockmusik. Nur würde ich Led Zeppelin nicht als frühe Metal-Band bezeichnen, was mir diverse „Alt-Fans“ sicher danken werden. Und wahrscheinlich auch Jimmy Page.

Ich könnte über Eddie van Halen schreiben, der die Rockgitarre mit seiner virtuosen Spielweise und Techniken wie dem Tapping für alle Zeiten verändert und geprägt hat. Im Falle Van Halen kann man übrigens durchaus davon sprechen, dass die ersten beiden Alben sicher zum Genre Hard Rock/Heavy Metal zu zählen sind.

Tatsächlich anfangen müsste und werde ich aber mit dem anerkannten Godfather der Metal-Gitarre, Tony Iommi (Black Sabbath). Inzwischen gilt es als allgemein anerkannte musikhistorische Tatsache, dass Heavy Metal mit Black Sabbath seinen eigentlichen Anfang nahm. Und dass der Metal seinen Ursprung zu einem großen Teil einem Unfall verdankt, in dem ausgerechnet schweres Metall bzw. Stahl eine im wahrsten Sinne des Wortes gewichtige Rolle spielten.

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Tony Iommi – der Godfather der Metal-Gitarre.

Im Alter von 17 – er spielte zu der Zeit bereits seit ca. 3 Jahren Gitarre – arbeitete Tony Iommi in einer Stahlfabrik und geriet mit der Hand in eine Maschinenpresse. Iommi zog reflexartig die Hand zurück, und dabei wurden seine Fingerkuppen an Mittel- und Ringfinger seiner rechten Hand abgetrennt. Zu allem Überfluss passierte dieser Unfall auch noch an Iommis letztem regulären Arbeitstag in der Fabrik.

Iommi war Linkshänder, griff deshalb beim Gitarre spielen also mit den nun schwerst lädierten Fingern der rechten Hand die Saiten und hatte nun ein gewaltiges Problem, dass für die meisten Menschen wohl das Ende ihrer musikalischen Tätigkeit bedeutet hätte.

Nicht so bei Iommi.

Er entschied sich dagegen, sich mühsam auf rechtshändiges Spiel umzustellen, und stellte stattdessen, als Schutzmaßnahme und Erweiterung der Finger, improvisierte Prothesen, praktisch „Fingerhüte“, für seine abgetrennten Fingerkuppen her. Das Material seinerzeit: eingeschmolzene Plastikflaschen. Problem dabei: Iommi konnte die Saiten unter den „Fingerhüten“ natürlich nicht fühlen, was dazu führte, dass er sie sehr fest herunterdrückte bzw. herunterdrücken musste. Als Gegenmaßnahme machte sich Iommi auf die Suche nach dünneren Gitarrensaiten, die zu dieser Zeit – wir schrieben 1965 – aber nirgends hergestellt wurden. Als Alternative – bis 1970 vom Hersteller Picato Strings erstmals Abhilfe geschaffen wurde – zog Iommi dünne Banjo-Saiten auf seine Gitarre.

Zudem stimmte man bei Black Sabbath Gitarre und Bass häufig um drei Halbtöne herab (von E auf Cis). Man höre als Beispiel u.a. „Children Of The Grave“. Somit waren die Saiten weniger gespannt und für Iommis Finger leichter zu drücken und zu ziehen. Obwohl Iommi später angab, dass das Herunterstimmen primär zu einem „bigger, heavier sound“ führen sollte, kam es seinem Spiel entgegen.

Iommis Handicap und die sich daraus ergebenden Konsequenzen hatten also einen nicht gerade unwesentlichen Anteil daran, dass Metal heute so klingt, wie wir ihn kennen. Speziell das Herunterstimmen der Gitarren ist heute nicht nur für die härteren Bands des Genres quasi eine Selbstverständlichkeit. Man muss sich also fragen, welche Entwicklung die Rockmusik im Allgemeinen und ihre härtere Ausprägung im Speziellen genommen hätte, wenn Tony Iommis Arbeitsunfall nie passiert wäre. Der Meister selbst dürfte sich diese Frage ebenfalls schon mehr als einmal gestellt haben. Sei es, wie es sei: Tony Iommi und Black Sabbath brachten den Metal praktisch auf die Welt.

Kurz, düster, in Moll gehalten, viele Wiederholungen in verschiedenen Variationen: die Gitarrenriffs, die Tony Iommi schuf, sind streng genommen immer noch die Basis dessen, was heutige Metal-Bands ihrer Hörerschaft um die Ohren hauen. Und ich unterschreibe folgendes: es gibt keine Metal-Band, deren Werk nicht auf dem fußt, was Iommi und Black Sabbath Ende der 60er/Anfang der 70er aus der Taufe hoben – ob sie Black Sabbath nun bewusst oder unbewusst zitieren, oder in welchem Umfang, spielt dabei keine Rolle.

Wer heute Metal hört, sollte Tony Iommi in jedem Fall Respekt zollen… und ihm verdammt dankbar sein.

 

Und was kam danach?

Die großen „Guitar Heroes“ z.B., die aus dem schon erwähnten, hart rockenden „Dunstkreis“ kommen, und die unzählige Gitarristen im Metal beeinflusst, inspiriert und teilweise sogar Auge in Auge unterrichtet haben.

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Steve Vai – der „Stunt-Gitarrist“

Über allen schwebt da für mich der geradezu überirdische Steve Vai. Zuerst als Gitarrist in der Band von Frank Zappa bekannt geworden, der Vai gerne als „Stunt-Gitarrist“ bezeichnete, war der Ehrendoktor des Berklee College of Music unter anderem in der Band von David Lee Roth aktiv. Berühmt wurde z.B. der „Dialog“ zwischen Vais Gitarre und Roths Gesang im Song „Yankee Rose“.  Steve Vai verschmilzt gerne Elemente aus Rock, Fusion, Jazz, Klassik und Blues, setzt gerne auf für das eher ungeübte Ohr abgedrehte Effekte, mit denen er praktisch ganze Klangwelten erzeugen kann, die mir jedes Mal aufs Neue die Kinnlade herunterklappen lassen. Dazu nehmen wir noch seine unglaubliche Bühnenpräsenz, und wir haben einen veritablen Gitarrengott auf Erden. Unglaublich, der Mann.

Nein, ich höre nicht jeden Tag Steve Vai und habe auch keinen ihm gewidmeten Altar irgendwo in meiner Behausung. Aber die Virtuosität und Musikalität von Vai sind einfach überwältigend. Ausgerechnet das teilweise heftig kritisierte Album „Sex & Religion“ z.B. trage ich immer noch täglich in MP3-Form mit mir herum. Und Songs von diesem Album landen immer noch häufig in meinen persönlichen Playlists.

Horcht selbst.

 

 

"Satriani 2010 13 12 1112" by Shape Prior - Own work. Licensed under CC BY-SA 3.0 via Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Satriani_2010_13_12_1112.jpg#/media/File:Satriani_2010_13_12_1112.jpg

Joe Satriani

Dann haben wir Joe Satriani, der u.a. kurzzeitig den von mir gerade ausführlich beweihräucherten Steve Vai und eine ganze Reihe von Metal-Gitarristen wie z.B. Rick Hunolt (Exodus), Alex Skolnick (Testament) oder Kirk Hammett (Metallica) und auch Tom Morello (Rage Against The Machine), auf den ich noch zu sprechen komme, zu seinen Gitarrenschülern zählte.

Satriani mag weit weniger glamourös erscheinen als z.B. ein Steve Vai, ist aber ein mindestens ebenso anerkannter Virtuose, bei dem besonders sein Einsatz von Legato und Tapping-Techniken hervorstechen.

Es ist mir jedenfalls immer wieder ein Fest, Joe Satriani zu lauschen, vor allem, weil er sich bei aller Kunstfertigkeit immer wieder dem Vorwurf entzieht, ein reiner „Dudler“ zu sein, da er nie die Melodik aus den Augen verliert bzw. aus den Fingern gibt. Ist natürlich nur meine bescheidene Meinung. Hört selbst.

 

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John Petrucci: kann alles, ausser seine Fähigkeiten durch Händeschütteln auf eifrige Gitarrenschüler zu übertragen. Schade. ;-)

Werden wir wieder etwas metallischer. Oh, dieser John Petrucci (Dream Theater).

Neben seinem über alle Zweifel erhabenen Gitarrenspiel an sich ist es auch die Tatsache, dass er bei all seiner Klasse immer noch so ein Sympath ist, die ich sehr schätze. Klar, ich kenne ihn nicht privat, aber Petrucci scheint mir alles andere als ein abgehobener, selbstverliebter Gitarrengott zu sein. Ich kann mich noch daran erinnern, wie es mir gelang – damals war ich noch Gitarrenschüler – Petrucci nach einem Dream Theater-Konzert in Düsseldorf die Hand zu schütteln, und dass ich meine so gesegnete rechte Hand nicht mehr waschen wollte, in der vagen Hoffnung, des Gitarrenhelden Superkräfte wären auf mich übergegangen. Ich vergaß in meiner Euphorie ganz, dass meine linke Hand den Petrucci-Touch wesentlich nötiger gehabt hätte.

Wie auch immer, aus Rücksichtnahme auf Freundin und restliches Umfeld gab ich meine Verweigerung der Handhygiene nach einem halben Tag auf. Was soll ich sagen… kurze Zeit später stieg ich bei Noisegate ein. Als Sänger. 😉

 

Und weiter geht’s sehr metallisch.

Eines schönen Tages entschloss sich eine britische Band aus Birmingham, einen zweiten Gitarristen in ihre Reihen aufzunehmen. Der Wunsch nach mehr Druck im Rhythmusbereich und die Möglichkeit, zweistimmige Läufe oder Soli in die Songs einflechten zu können, führte zur Bildung eines der wirklich legendären Gitarrenduos im Metal. Die Band: Judas Priest. Die Gitarristen: Glenn Tipton und KK Downing.

Die „twin guitars“ waren zur damaligen Zeit (anno 1974) tatsächlich noch eher unüblich, speziell im Rock- und Metal-Bereich. Was Tipton und Downing schließlich bei Judas Priest darboten, hatte enormen Einfluß auf die Gitarrenarbeit im Metal und deren Aufteilung in Bands dieses Genres.  Tipton/Downing prägten viele Bands, die zu meinen „Einstiegsdrogen“ in Sachen Metal zählten. Ich habe zugegebenermaßen erst später zu Priest gefunden als zu vielen von ihnen beeinflussten Bands, aber das tut dem von mir ehrlich empfundenen Bedürfnis, diese beiden Gentlemen hier ausdrücklich lobend zu erwähnen, keinen Abbruch, da ich um ihre Bedeutung für das ganze Genre inzwischen nur zu gut weiß. KK Downing hat Priest zwar inzwischen verlassen und das scheinbar unzertrennliche Duo ist damit gesprengt, sein Erbe aber bleibt. Amen.

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KK Downing und Glenn Tipton (Judas Priest). Twin guitars rule!

 

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Dave Mustaine: stets zwischen Genie, Wahnsinn und Springteufel, aber eben ein grandioser Musiker.

Dave Mustaine (Megadeth) mag ein mürrischer Kotzbrocken sein, der sich im Laufe seiner Karriere so einiges an Verfehlungen geleistet hat – als Gitarrist, speziell als Rhythmusgitarrist, ist er eine Klasse für sich. Es war sicher nicht gesund für ihn, Megadeth in den frühen Jahren speziell als Werkzeug seiner Rache an seinen ehemaligen Kollegen von Metallica zu betreiben, die ihn kurz vor den Aufnahmen zu ihrem Debut feuerten. Was aus Metallica ohne Mustaine an Bord wurde, ist bekannt. Dass Mustaine nicht zuletzt deshalb angepisst war, ist verständlich. Dass er über lange Zeit nie so ganz verwunden hat, dass er an seinem Rauswurf bei Metallica selbst die Schuld trug, kann ich nur zu gut nachvollziehen.

Und trotzdem, und trotz der Tatsache, dass ich zu der kleinen, oft verständnislos beäugten Fraktion gehöre, die Metallica jederzeit für Megadeth links liegen lassen würde, hätte ich Mustaine für die eine oder andere öffentliche Aktion oder Äußerung in all den Jahren immer wieder würgen können. Er ist und bleibt ein schwieriger Charakter, der heute unter anderem mit der, sagen wir mal, sehr unlockeren Auslegung seiner irgendwann entdeckten christlichen Gesinnung (Mustaine bezeichnet sich als wiedergeborenen Christen und zählt sich seit einigen Jahren zur christlichen Erweckungsbewegung) und bedenkliche Nähe zur berühmt-berüchtigten US-amerikanischen National Rifle Association (NRA) irritiert. Über den Menschen Mustaine kann man trefflich streiten, als Musiker habe ich ihn immer bewundert.

 

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Dimebag zu Pantera-Zeiten

Unvergessen ist Dimebag Darrell (verstorben 2004), der nicht nur grundsätzlich ein fantastischer Gitarrist war, sondern mit seinem bei Pantera kultivierten Stil dem Metal endgültig etwas verlieh, das ihm zuvor weitestgehend fehlte, nämlich den Groove – und dessen tragischer Tod eine Lücke hinterließ, die meiner Meinung nach bis heute niemand im Metal-Bereich mehr füllen konnte.

Die Umstände seines Todes und die Folgen werden in einem späteren Blogpost ebenfalls noch einigen Raum einnehmen, da sie auch nach mehr als 11 Jahren Fragen aufwerfen, die weit über den Metal-Tellerrand hinausgehen. Über Dimebag werde ich in jenem Rahmen noch wesentlich mehr schreiben, deshalb hier die Kurzform – und als Beispiele für seine Kunst u.a.„Cemetary Gates“ (ausgerechnet, ich weiß…) und gesammelte Soli. We still miss you, Dimebag.

 

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Chuck Schuldiner: Härte und Extraklasse müssen sich nicht gegenseitig ausschließen.

Chuck Schuldiner (Death, verstorben 2001) gehört definitiv in diese Heldenparade.

Wenn es jemand geschafft hat, in einem extremen Bereich des Metal, nämlich dem Death Metal, den unwiderlegbaren Beweis anzutreten, dass sich extreme Härte und Musikalität eben nicht gegenseitig ausschließen und dafür auch die verdiente Anerkennung einzufahren, dann war das Charles Michael „Chuck“ Schuldiner mit seiner Band Death.

Schuldiner zementierte zuächst mit den Death-Alben „Scream Bloody Gore“ und „Leprosy“ seinen Ruf als einer der Urväter des Death Metal in seiner heute hinreichend bekannten Form. Auf besagten Alben regierten brutale musikalische Härte und sehr genretypische, gore-lastige Texte.

Mit dem dritten Album „Spiritual Healing“ vollzog Schuldiner dann den großen musikalischen Wandel, der ihn zum anerkannten Pionier speziell im Death Metal-Bereich avancieren ließ. Die Songs auf „Spritual Healing“ waren komplexer und technisch anspruchsvoller als das frühere Death-Material, vor allen Dingen, was Schuldiners Gitarrenspiel betraf. Von „Spiritual Healing“ an verzichtete Schuldiner auf ein festes Bandgefüge und heuerte Studio- und Sessionmusiker für Aufnahmen und Konzerte an. Auch textlich entfernte sich Schuldiner von den genreüblichen Klischees und bevorzugte religions- und gesellschaftskritische sowie politische Themen.

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Dieses Meme würde wohl der Großteil der Metalheads unterschreiben. Chuck Schuldiners musikalisches Erbe genießt höchste Wertschätzung.

Mit den nachfolgenden Alben „Human“, „Individual Thought Patterns“ und „Symbolic“ setzte der Mastermind die mit „Spiritual Healing“ begonnene Entwicklung konsequent fort. Hohe Musikalität und komplexe, progressive Songstrukturen, getragen speziell von Chuck Schuldiners herausragendem Gitarrenspiel, liessen die Bezeichnung „Death Metal“ höchstens noch durch den noch genretypischen Gesang gerechtfertigt erscheinen.

Schuldiner hatte noch einiges vor – er schloss sich Philip Boas Metal-Projekt Voodooclub an und gründete mit Control Denied quasi die Death-Nachfolgeband, in der er sich auf das Gitarrenspiel konzentrierte und damit die Fesseln des limitierten Gesangs/Gebrülls, der im Death Metal vorherrscht, ablegte. Leider konnten die Zukunftspläne Schuldiners nur wenige, viel zu wenige, Früchte tragen.

Chuck Schuldiner verstarb am 13. Dezember 2001 an einem Gehirntumor.

Die Anerkennung für sein Schaffen ist allerdings ungebrochen, und das nicht nur in der Metal-Szene.

 

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Großer Innovator und Grenzensprenger: Tom Morello

Dringend zu erwähnen ist noch jemand, der aus einem anderen Bereich des „Dunstkreises“ kommt als Vai oder Satriani, und der für die gesamte modernere, harte Gitarrenmusik enorm wichtig war und ist – Tom Morello (Rage Against The Machine), ein echter Innovator.

Morello vereint in seinem Spiel u.a. Punk-, Metal-, Funk- und Hip-Hop-Einflüsse, die er mit außergewöhnlicher Technik und dem Einsatz von verschiedensten Effekten zu einem einzigartigen, unverkennbaren Stil formt. Für mich war es – neben dem bereits erwähnten Dimebag Darrell im Metal-Bereich – vor allem Tom Morello, der gezeigt hat, dass sich Härte und geradezu tanzbarer und trotzdem heftiger Groove sehr wohl vereinen lassen. Morello versteht es, der Gitarre außergewöhnliche Klangteppiche zu entlocken, die er auf brilliante Weise mit klassichem Riffing fusioniert.

Hip-Hop-artiges Scratching auf den sechs Saiten, gefolgt von Polizeisirenen-Sounds, die quasi nahtlos in Riffs überfließen, die ins Hirn und in die Beine gehen – gerade in letzter Zeit, wenn wir mit Green Ink Machine z.B. „Bulls On Parade“ oder „Killing In The Name“ von Rage Against The Machine spielen,  spüre ich förmlich körperlich, wie Morellos Gitarrenspiel funktioniert, wie innovativ es war und wie großartig es nach wie vor ist.

Dass Morello so ganz nebenbei noch eine interessante Persönlichkeit ist und nicht nur als Musiker, sondern auch – wie seinerzeit Rage Against The Machine als gesamte Gruppe – als politischer Aktivist von sich reden macht, rundet das Bild noch zusätzlich ab. Morello ist übrigens studierter Politikwissenschaftler – und für mich einer der wichtigsten Rock-Gitarristen aller Zeiten. Punkt.

 

Im nächsten Blogpost geht es, wie angekündigt, mit „meinen“ Sängern weiter.