Mrz 172016
 

mann_ueber_wort_lattenkracher_iconMeine Güte, das war endlich (!) mal wieder Dramatik pur. Achtelfinal-Rückspiel der Champions League, FC Bayern München – Juventus Turin.

Hinspiel: Juve hat 60 Minuten lang nix, aber auch gar nix zu melden, liegt gegen den FC Bayern 0:2 hinten, plötzlich kippt das Spiel und endet 2:2.

Rückspiel: dieses Mal hat der FCB 60 Minuten lang nix, aber auch gar nix zu melden, liegt gegen Juve 0:2 hinten, ist praktisch schon mit anderthalb Beinen ausgeschieden, plötzlich kippt das Spiel und endet (nach Verlängerung) 4:2 für den FCB.

DAS ist Fußball. Er ist nicht immer berechenbar, auch nicht immer gerecht, und emotionale Momente wie diese auch von mir nicht mehr für möglich gehaltene Auferstehung einer eigentlich komplett neben sich stehenden Mannschaft sind es, an die wir uns auch in Jahren oder gar Jahrzehnten noch erinnern. Das macht die Magie des Fußballs aus.

Karl-Heinz Rummenigge möchte das offenbar so nicht mehr erleben und hatte nach dem denkwürdigen Achtelfinal-Abend nichts besseres zu tun, als ein Eindämmen der für ihn wohl unerträglichen Spannung zu fordern: mit Hilfe von Setzlisten soll nach Rummenigges Wunsch verhindert werden, dass die fußballerischen Schwergewichte, wie eben Bayern und Juve, in der Champions League bereits zu einem so frühen Zeitpunkt wie dem Achtelfinale aufeinandertreffen können. Zwar sprach Rummenigge pietätvoll davon, dass ja eine Mannschaft ausgeschieden sei, die letztes Jahr noch im Finale stand (Juve) und dies „nicht mehr tragbar“ sei. „Mir reicht es langsam mit dem Schicksal“, so Rummenigge weiter.

Dumm nur: irgendwie kann ich, obwohl (vielleicht auch weil) FCB-Fan seit früher Kindheit, nicht so ganz glauben, dass es Juves Schicksal war, das unseren Vorstandsvorsitzenden zu seiner Forderung getrieben hat, sondern eher die Tatsache, dass es UNS fast erwischt hätte und uns eine ordentliche Portion Glück (die einfach dazugehört, „Bayern-Dusel“-Dauernöler bitte durchatmen), ein nicht gegebenes Tor für Juve und (jawoll, auch und vor allem das) großer Kampfgeist davor bewahrt haben, das heute von der versammelten Presse die vorzeitige sportliche Apokalypse, das endgültige/vorzeitige/epische Scheitern Guardiolas und ähnlicher Pipifax herbeigeschrieben und die Saison praktisch als Fehlschlag abgehakt werden „muss“.

Bayern Munich's French defender Kingsley Coman (L) reacts after scoring with Spanish midfielder Thiago Alcantara during extra-time during the UEFA Champions League, Round of 16, second leg football match FC Bayern Munich v Juventus in Munich, southern Germany on March 16, 2016. / AFP PHOTO / TOBIAS SCHWARZ

Zu schicksalhaft für Karl-Heinz Rummenigge: Krimis zwischen absoluten Top-Teams schon im Champions League-Achtelfinale.

Ausserdem: Setzlisten existieren, was das Achtelfinale angeht, schon längst. Diese legen fest, dass in dieser Runde der CL die Gruppenersten der Vorrunde nur gegen Gruppenzweite antreten und verhindern auch das Aufeinandertreffen von Teams aus dem gleichen Land zu diesem frühen Zeitpunkt der KO-Phase. Als Gruppensieger bekommnt man also im CL-Achtelfinale zur Belohnung einen vermeintlich „leichteren“ Gegner zugelost. Dass der auch mal Juve heißen und einem das (Über-)Leben in der Königsklasse schon unverschämt früh mächtig schwer machen kann, ist also für Rummenigge immer noch zu zufälig/willkürlich/schicksalhaft?

In der CL 2012/2013 schied übrigens der Titelverteidiger FC Chelsea bereits nach der Vorrunde aus. Und nein, ich habe gemeinerweise seinerzeit auch keine Träne für die „Blues“ vergossen (Finale dahoam, der Stachel saß noch sehr tief!). Manchmal werden schlechte Leistungen eben auch bestraft. Wobei „Strafe“ im Falle von Chelsea sich ja durch die Tatsache, dass sie seinerzeit als Gruppendritter in der Europa League weiterspielen durften und diese auch noch gewannen, wieder relativiert hat.

Was ist aus dem guten, alten Prinzip „Wenn du die Champions League gewinnen willst, musst du jeden schlagen können“ geworden? Fehlt da in Rummenigges Augen etwa noch der Zusatz „…aber wirklich eng werden darf es frühestens im Halbfinale“? Der sinnvollere Zusatz wäre meiner Meinung nach: „Jederzeit. Egal in welcher Runde.“

Hatten Sie, Herr Rummenigge, nicht einst unseren ehemaligen Trainer Ottmar Hitzfeld mit dem denkwürdigen Satz „Fußball ist keine Mathematik“ belehrt? Und jetzt wollen Sie die Champions League tatsächlich berechenbarer machen? Sicher auch nicht nur aus rein sportlichen Gründen?

Nein, danke. Ich will ja kein reiner, ewig gestriger Fußballromantiker sein, aber ich will auch nicht mit ansehen müssen, wie versucht wird, das, was den besonderen Thrill dieser Sportart mit ausmacht (was durchaus auch mal schmerzhaft für das eigene Team sein kann), nämlich eine gewisse Unberechenbarkeit, krampfhaft wegzuregulieren. Auch dann nicht, wenn durch eine Laune des Schicksals unser Achtelfinalgegner irgendwann mal FC Barcelona oder Real Madrid heißen sollte. Da müssen wir dann halt durch. Und die ihrerseits übrigens auch. Und das ist Sport. Das ist Fußball. Lasst die Magie einfach da, wo sie hingehört, bitte. Das diesjährige CL-Achtelfinale war nämlich abgesehen von unserem Duell mit Juve leider etwas arm an Zauber. Oder, wie Wolf Fuss es bei Sky so wunderbar formulierte, „ziemlich trockenes Gebäck“. Danke.