Jan 122018
 

Inspiriert zu diesem Schnellschuss wurde ich von meinem Sangeskollegen Christian J. Dale, der auf Fratzenbuch den Themenblock „Julia Engelmann“ eröffnet hat und dem ich ein flink zusammengetipptes, komplett nicht slam-kompatibles, bewusst arhythmisch gehaltenes und garantiert nicht zu Tränen rührendes Mittagspausen-Essay in seine Chronik geschmiert habe, das ich nun auch einfach mal in diesen Blog packe und in dem – ich schwör! – auch nur dreimal das Wort „Baby“ vorkommen wird (inklusive dem einen Mal hier in der Einleitung).

Ich habe mir zu dem „Phänomen“ Julia Engelmann mehrmals Fragen gestellt wie „Bin ich zu alt für so’n Zeug?“ oder „Bin ich zu empathielos für so’n Zeug?“ oder „Bin ich zu desillusioniert für so’n Zeug?“ Ich bekomme ausserdem immer irgendwie Hirnsausen, wenn jemand als „Stimme einer ganzen Generation“ bezeichnet wird. Pauschalisierungen/Generalisierungen/Verallgemeinerungen… waren die nicht böse, bäh und voll unfair? Okay, zugegeben – ich gehöre nicht zu der Generation, für die Frau Engelmann nach Meinung diverser Feuilletons spricht, deshalb bin ich da wohl auch etwas außen vor. *Seufz* Also: wenn es der jungen Lady genügt, „mal Coldplay in der Küche“ zu hören oder „Fenster auf und Radio laut“ zu machen oder früh am Morgen Grapefruits zu essen, um klarzukommen – dann soll’s so sein. Wenn es ihrer Anhängerschaft, die ja offenbar nicht klein ist, ebenso geht – Glückwunsch. Dann haben wir es wohl mit mental insgesamt doch recht stabilen Menschen zu tun, und ehrlich gesagt bräuchte die Welt insgesamt mehr Menschen mit grundsolider mentaler Stabilität.

Ich habe – zugegebenermaßen – in den letzten Monaten auch feststellen müssen, dass man tatsächlich die klischeebehafteten, berühmten kleinen Dinge wertschätzen/genießen können sollte – auch wenn das natürlich nur ein Teil (!) einer allgemeinen Verbesserung der Lebensqualität sein kann. Seine Mitmenschen dazu zu ermuntern, ist per se kein Verbrechen. Auch wenn ich ganz persönlich Coldplay weder in der Küche noch im Bett noch auf’m Klo oder sonstwo hören wollen würde, weil Brechreiz. Wie Richard Metfan sagte: „Coldplay ist Heavy Metal für Männer in rosa Ralph Lauren-Poloshirts, die auch zu Bryan Adams headbangen können.“ Pfui, das war ja Hatespeech. Schluss damit. Die Geschmäcker sind halt verschieden blablablubb.

Nichtsdestotrotz: die Problemlösungsstrategien von Frau Engelmann mögen auf breite Zustimmung stoßen – aber sie wirken auf viele Menschen, die nicht einfach nur mal schlecht drauf sind, weil das Tinder-Date vergangenes Wochenende Scheiße war oder sie die Party nicht so besoffen wie gewünscht verlassen haben, sondern die ernsthafte, dauerhafte psychische Probleme haben, die psychisch ERKRANKT sind, nun mal eher… sagen wir: befremdlich. Ich werde jetzt als Nicht-Akademiker nicht über Frau Engelmanns abgebrochenes Psychologie-Studium herziehen und da irgendwelche kruden Theorien spinnen, das steht mir qua meines eigenen offiziellen, hochschullosen Bildungsstandes nicht zu.

Da aber unsere aktuelle Empörungskultur jeder Interessen-, Glaubens-, Leidens- oder sonstigen Gemeinschaft zugesteht, ja sie teils sogar regelrecht dazu ermutigt, aus jedem faden Pups einen Fäkal-Orkan der Entrüstung zu machen, sollte es die allgemeine Hyper-Correctness den Millionen von Depressiven, den Borderlinern, den Bipolaren, den Neurotikern und allen anderen psychisch Versehrten, die mehr als Grapefruits, Coldplay und Radio laut brauchen, um in dieser Welt zurechtzukommen und nicht krachend an ihr zu scheitern, doch bitteschön zumindest erlauben, sich mal zu echauffieren und sich gepflegt ausgegrenzt/provoziert/beleidigt/herabgewürdigt/diskriminiert zu fühlen. Angesichts des „Ach, es ist doch eigentlich alles so einfach, Baby“-Sermons, der da aus Gedichten und Liedern von Frau Engelmann dringt, fände ich das nicht unberechtigt. Als Person, die mit einem „komplizierteren psychologischem Profil“ gesegnet ist, könnte man in die Engelmannsche Message durchaus fieserweise hineindeuten, dass psychisch „komplizierte“ Menschen eigentlich gar keine Probleme haben, sondern einfach nur zu doof sind zu erkennen, dass eine gewisse geschäftstüchtige 25-jährige schon längst alle Antworten auf alle bangen Fragen parat hat. „Ich bin okay, du bist okay, auch wenn du nicht okay bist, ist das total okay, lebe dein Leben, Baby! Jetzt!“ Aha. Das is‘ ja einfach…

Ich für meinen Teil könnte anstelle von Frau Engelmanns Poesie wohl auch diese ganzen anderen bestsellenden Lebensratgeber-Bücher lesen („Wie Sie 50% Ihrer Probleme lösen“ – wenn ich zwei Exemplare kaufe, bin ich für alle Zeiten im grünen Bereich, oder wie?), die in meinen Augen eher wenig Substanz, dafür aber jede Menge rosarot gefärbte Klosprüche auf dem Level von „Lächle, und die Welt lächelt zurück!“ zu bieten haben. Der „Erfolg“ wäre derselbe. Wie gesagt, all das ist so in MEINEN Augen und in MEINEM komplizierten Kopf, der unlängst nachweislich andere Methoden der Selbstreprogrammierung nötig hatte als eben jene Klosprüche oder „Hey, wir sind alle okay“-Liedgut. Ich bin da ja kein Einzelfall, wie ich gerüchteweise gehört habe.

A propos Lieder: über Frau Engelmanns musikalischen Output schweige ich mich an dieser Stelle eher aus. Ich sage nur: „Menschen Leben Tanzen Welt“. Giesinger, Bendzko, Bourani, Engelmann… Quotenfrauen-Alarm? Ups. Sorry, mein kompliziertes psychologisches Profil sprach aus mir…

Man vergleiche:

Man könnte mir natürlich vorwerfen, einfach nur neidzerfressen zu sein, weil Frau Engelmann verdammt große Hallen füllt, während meine mäßig talentierte Wenigkeit als Teil einer kleinen Band froh ist, wenn es bei Gigs in deutlich kleineren Räumlichkeiten als den von Frau Engelmann bespielten nicht zu leer aussieht. Und Frau Engelmann hat in ihrem doch noch recht zarten Alter bereits drei Spiegel-Bestseller rausgehauen, meinen Blog dagegen liest keine Sau (ausser Herrn Dale, WENN ich denn alle Jubeljahre mal was schreibe). Aber: meine ablehnende Haltung gegenüber dem künstlerischen Output von Julia Engelmann hat nix, gar nix mit Neid zu tun. Ich disse und bashe auch niemanden, der sich ihre Bücher oder Tickets für ihre Shows kauft. Mach‘, was dich glücklich macht, Baby! <- Oh shit, jetzt waren es doch vier Mal!

Ich möchte aber schlicht und ergreifend äußern dürfen, dass Frau Engelmanns Lyrik- wie Musik-Stil nicht mein Ding sind und ich als eine jener weiter oben erwähnten Personen mit „komplizierterem psychologischem Profil“ über Engelmannsche Lebensweisheiten eher den Kopf schüttle als von ihnen zu Tränen gerührt zu sein, und es wäre nett, das tun zu können, ohne gleich als herz- und gefühlloser Alles-Hater hingestellt zu werden – was heutzutage ja SEHR schnell passiert. Empörungskultur und so.

So, Mittagspause zu Ende, keinen vernünftigen Abschluss gefunden, Korrekturlesen muss auch ausfallen, ist auch wurscht. Ich kaufe halt auch in Zukunft keine Engelmann-Bücher, – Alben oder – Tickets. Bin wohl einfach zu alt UND zu kompliziert dafür. Und ich finde das voll okay.

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