Jun 172017
 

mann_ueber_wort_metal_iconGene Simmons, alias Eugene Klein, alias Chaim Witz. Eine Legende. Überhaupt keine Frage. Bassist und Sänger von KISS, ebenfalls Legende.

Ich bin mit einem 8 Jahre älteren Bruder aufgewachsen, der (bis er erst die New Wave of British Heavy Metal, dann den Punk und dann den Thrash Metal für sich entdeckte) totaler KISS-Fan war. Einige meiner frühesten Kindheitserinnerungen, die ich heute noch tatsächlich abrufen kann, sind das Cover des KISS-Albums „Destroyer“, das mich seinerzeit irgendwie faszinierte, und die Poster im Zimmer meines Bruders, die meist KISS auf der Bühne zeigten.

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Mr. Simmons in zivil und in Berufskleidung.

Blickfang in einer, sagen wir mal, sehr extrovertiert daherkommenden Band war für mich stets Gene Simmons, was angesichts seiner im Vergleich zu seinen Mitmusikern noch mal einen Tick extrovertierteren Außendarstellung nicht wirklich überrascht. Mr. Gene Simmons begleitet mich also praktisch schon mein ganzes Leben lang (obwohl ich nie KISS-Fan war, für mich ging alles erst mit Maiden los).

Pionierarbeit haben Simmons und seine Bandkollegen zweifelsohne geleistet, daran gibt’s nichts zu rütteln. Wer heute Outfits und Bühnenshows von Bands wie z.B. Slipknot oder Rammstein abfeiert, ist nicht zuletzt Gene Simmons und KISS zu Dank verpflichtet. Kostüme, Masken bzw. Make-Up, Spezialeffekte und Pyrotechnik hatten KISS nämlich schon am Start, als ein Corey Taylor oder ein Till Lindemann sich noch – ganz ohne Band – in deutlich höheren Tonlagen als heutzutage zu artikulieren versuchten und dabei in die Pampers schifften.

Zig Millionen Alben haben Gene Simmons und KISS verkauft, in jedem Winkel der Welt gespielt, Rock-Klassiker komponiert – und die von mir herzlichst verabscheute, unsägliche Disco-Schmonzette „I Was Made For Loving You“, die nicht nur meinen Bruder dazu trieb, seine Verehrung für KISS spontan für beendet zu erklären, die aber immerhin den Geschäftssinn von Simmons und Co. unterstrich. Seit über vier Jahrzehnten sind die Herrschaften im Rockzirkus dabei. Noch heute kennt jeder Hillbilly KISS.

Was Vermarktung/Kommerzialisierung einer Band angeht, haben Simmons und KISS die Messlatte ebenfalls extrem hoch gelegt. KISS war wohl die erste Rockband des Planeten, die in Sachen Merchandise mal so richtig gezeigt hat, was für einen Tinneff man ergebenen Fans so verkaufen kann. Nicht wenige Bands heutzutage leben quasi vom Merchandise-Verkauf, zumindest zum Großteil. Also wieder: Pionierleistung.

Und: die Anzahl der von Gene Simmons vernaschten Groupies, die sich nach Mr. Simmons‘ eigenen Angaben (und je nach Interview) irgendwo zwischen 3000 und 5000 bewegt, sollte uns Durchschnitts-Freizeitmusikanten beschämen, die wir uns so oft vergebens abmühen, nach der Show all das aufgestaute Adrenalin und Testosteron irgendwie noch in sinnvolle und freudenspendende Bahnen zu lenken.

Dass Mr. Simmons‘ weltberühmte, unendlich oft vorgezeigte, großzügig dimensionierte Zunge zum anhaltenden Erfolg beim Bettpfosten-Kerbenmachen beigetragen hat, dürfte ebenfalls unstrittig sein. Ladies, ich sehe euch verschämt hinter vorgehaltenem Smartphone/Tablet grinsen, also tut bitte nicht so, als wäre diese Einschätzung „Iiiiih“, „Bääääh“ und vollkommen abwegig. 😉

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Dass Simmons jetzt auch juristisch gegen Steel Panther vorgehen will, weil sie die kongeniale Textzeile „Lick it clitty clitty, tonguein‘ that twat“ von einem ’76er Kiss-Album geklaut haben, ist übrigens nur ein Gerücht.

Aber ich schweife, wie in jedem Blog-Artikel, wieder mal ab. Back to topic.

Mr. Simmons ist dem Vernehmen nach auch abseits der Bühnen dieser Welt ein recht cleverer Geschäftsmann, der nicht nur durch die KISS-Tantiemen den einen oder anderen Dollar mehr verdient hat als bespielsweise ihr oder ich.

Auch wenn sein erster Versuch, einen plateaubeschuhten Fuß in die Tür der Filmindustrie zu bekommen („Attack Of The Phantoms“, gemeinsam mit den KISS-Kollegen), aufgrund eher zweifelhafter Substanz des Gesamtkunstwerkes nicht unbedingt von Erfolg gekrönt war – das hält einen Simmons nicht auf.

So war er 1984 z.B. im großartigen Action-Blockbuster „Runaway – Spinnen des Todes“ an der Seite von Tom „Magnum“ Selleck zu sehen. War besser als „Attack Of The Phantoms“, definitiv, und ich muss es wissen, ich habe den Film als Teenie mindestens zehn Mal gesehen. Fand ich echt okay. Damals.

Gene Simmons hat darüber hinaus Gastauftritte in diversen Serien hingelegt, es kursiert ein Sextape (es wären sicherlich ein oder zwei mehr, hätte es in den 70ern und 80ern schon Smartphones gegeben), er war Star einer Reality-Show („Gene Simmons Family Jewels“), hält Vorträge über’s Reichwerden und Reichbleiben, schreibt Bücher über eben jenes Thema, ist mit Shannon Tweed verheiratet, ist zweifacher Vater. Der Mann hat also im Grunde alles, der Mann kann im Grunde alles.

Gene Simmons also. Rocklegende. Business-Tycoon. Ehemann. Vater. Buchautor. Erfolgscoach. Pionier. Rekordzungenbesitzer. Da kann man schon mal über’s Ziel hinausschießen. Was Gene dann auch jetzt gerade wieder mal gelang.

Der Mann, der mal sagte „Ich bin zu reich, um mich aufzuregen“, regte sich auf. Und zwar darüber, dass die ganze Rockwelt ein gewisses Handzeichen benutzt, ohne dass er, Gene Simmons, daran auch nur einen schimmeligen Cent verdient. Denn er, Gene Simmons, habe ja schließlich dieses Zeichen erfunden bzw. es als Allererster in der Rockwelt benutzt. Jawoll, es geht um die uns allen bestens bekannte Pommesgabel. Die Hörner. Ihr wisst schon.

Mr. Simmons konnte sogar exakt datieren, wann er diese markante Geste „erfunden“ hat, und zwar am 14. November 1974. Während eines Gigs der „Hotter Than Hell“-Tour habe er dieses Handzeichen erstmals auf der Bühne benutzt.

Mr. Simmons ist das aber nicht genug, denn, wie gesagt, er ist nicht nur der „God Of Thunder“, eine Rockikone, er ist eben auch Geschäftsmann.

Gene Simmons reichte am 09.06.2017 einen Patentantrag ein. Ja, er will sich die Rechte an „seinem“ Handzeichen sichern. Und damit vor allem dafür sorgen, dass es in seiner bescheidenen Haushaltskasse „ka-ching!“ macht, wenn jemand dieses Zeichen „kommerziell nutzt“. Das Ganze ging weltweit durch die Presse, speziell als der „Hollywood Reporter“ das Thema aufgriff, begann die Medienlawine talabwärts zu rasen. Es kam wie es kommen musste: Aufschrei in der Rockwelt, Fackeln und Mistgabeln wurden herausgeholt, Erdbeben in den a-sozialen Medien, wüste Beschimpfungen und Schmähungen gegenüber Mr. Simmons, noch und nöcher.

Da wir bei Green Ink Machine die Pommesgabel/die Hörner ja schon vor einiger Zeit zu unserem Logo erkoren haben, und wir dieses durchaus auch „kommerziell nutzen“ (Merchandise! Und das hat Gene Simmons ja schließlich auch erfunden!), war ich im ersten Moment, beim Studium der Schlagzeilen zum Thema, durchaus besorgt. Würde ich als Mitglied von Green Ink Machine dazu verdonnert werden, Gene Simmons‘ Rente dauerhaft mitzufinanzieren, weil ich Kapital (oder besser: Kapitälchen) aus „seinem“ Handzeichen schlage? Hätte mir das jemand erzählt, als ich mit großen Kinderaugen die KISS-Poster im Zimmer meines Bruders bewunderte…

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Droht meiner kleinen Band jetzt ein Rechtsstreit mit dem „God Of Thunder“? Nö.

Ich beschloss, zunächst mal locker zu bleiben und einfach erst mal aufmerksam die Artikel zum Thema zu lesen. Nach dem Durcharbeiten des ersten Artikels, der ein Foto des Original-Patentantrages enthielt, den Gene Simmons eingereicht hatte, und während des Lesens der auch nicht besonders sachverständig daherkommenden Beiträge anderer Online-Gazetten, fragte ich mich die ganze Zeit: merkt hier eigentlich jemand was?

Und vor allem: merkt Gene eigentlich was?

Dass ein Kulturredakteur der WELT oder der FAZ möglicherweise in Sachen „harter Rock und seine Rituale“ nicht besonders firm ist, als Paradebeispiel für die Prä-Simmons-Verwendung „dieses Handzeichens“ ausgerechnet John Lennon heranzieht, der es auf dem Cover der „Yellow Submarine/Eleanor Rigby“-Single von 1966 präsentierte, und auch sonst recht wenig Überblick in Sachen härtere Musik und deren Gepflogenheiten beweist… geschenkt. Kennen wir zur Genüge.

Dass jene unter uns, die sich mit der Materie eigentlich auskennen müssten, ebenfalls ein bestimmtes, nicht ganz unwichtiges Detail offenbar nicht registierten, finde ich da wesentlich bedenklicher. Es waren tatsächlich erstaunlich wenige Kommentatoren in der Lage, den Witz in der ganzen „Affäre“ (eher: Posse) zu erkennen.

Um die Diskussion um Gene Simmons‘ Patentantrag gleich zu entschärfen, hätte nämlich etwas ausgereicht, das all jene unter uns, die das Privileg besitzen, nicht mit Blindheit geschlagen zu sein, zumindest im Ansatz beherrschen:

Hingucken.

Versucht’s mal.

Hier der Original-Patentantrag von Mr. Simmons:

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Noch mal gezoomed – man beachte den subtilen Hinweis, der sich im Bild versteckt:

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Und hier zur Sicherheit noch mal das Zeichen, das in der ganzen Rockwelt tatsächlich von jedem benutzt wird:

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Ich hätte vielleicht sagen sollen: das von jedem benutzt wird – AUSSER von Gene Simmons. Betrachtet einfach mal die Gestik des „God Of Thunder“ über die Jahrzehnte:

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Was wird also am Ende bei dem ganzen Hickhack herauskommen?

a) Gene Simmons meint den Patentantrag vollkommen ernst, was die Vermutung nahelegt, dass er bei weitem nicht so clever ist wie gedacht, denn er hat seit 1974 einfach nicht gemerkt, dass außer ihm KEINE SAU den Daumen abspreizt, wenn er die Hörner zeigt. Patentantrag wird zwar genehmigt, bringt ihm aber leider finanziell nix ein, weil diese (nicht korrekte) Form der Geste eben nur von ihm selbst benutzt wird. Eigentor. Darüber hinaus kehrt Ronnie James Dios Geist zurück, sucht Mr. Simmons heim und tritt diesem wegen Amtsanmaßung, Blasphemie und versuchter Ausbeutung zahlloser Metalheads gewaltig in den Allerwertesten.

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„Ein‘ Ronnie Dio…. es gibt nur ein‘ Ronnie Dio!“

 

b) Gene Simmons meint den Patentantrag vollkommen ernst, bekommt aber schon sehr bald Post von den Anwälten von Marvel Comics:

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Erstausgabe „The Amazing Spiderman“: 1963! Das war VOR 1974, Gene!

Das folgende Gerichtsverfahren zieht sich über mehrere Jahre. Ausgang unbekannt.

c) Gene Simmons verarscht uns alle und ist immer noch zigmal cleverer als wir, weil er eben einfach aus Erfahrung weiß, wie man aus heißer Luft weltweite Promotion macht und mediale Aufmerksamkeit erzeugt. Er liest den ganzen Schwurbel zum Thema, sitzt dabei daheim in seinem Whirlpool und lacht sich weg, lässt sich währenddessen genüßlich von Shannon Tweed abreiten und freut sich über den PR-Coup.

Ach ja, liebe Beispielheranzieher von WELT, FAZ usw.: John Lennon ist ebenfalls NICHT der Vater der Pommesgabel. Zuviel Daumen. Es gibt nur ein‘ Ronnie Dio!!! So.

Kann Gene Simmons nicht mehr seinerseits wegen „copyright infringement“ verklagen: John Lennon.

In jedem Fall: Grüße aus dem Bergischen, Gene. So oder so, du weißt, wie man ein Fass aufmacht.

DoingItWrong

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