Aug 192016
 

mann_ueber_wort_metal_icon„Cause I’m just a teenage dirt bag, baby
Yeah I’m just a teenage dirt bag, baby
Listen to Iron Maiden maybe, with me“

Ja, ja, dieser Song der inzwischen – im Gegensatz zu Iron Maiden – nicht mehr sonderlich populären Band Wheatus.

Ich habe ein zwiegespaltenes Verhältnis zu diesem Song. Vermutlich, weil er – so mein Empfinden – auch genauso geschrieben wurde, aus einem zwiespältigen Gefühl heraus. Als ob sich der Wheatus-Frontmann Brandon B. Brown auf der einen Seite über sein jüngeres „Dirtbag“-Ich lustig macht, und auf der anderen Seite auch ein wenig Wehmut durchklingen lässt ob der alten Zeiten.

Auf dem Weg zum Rock im Revier-Festival in der Dortmunder Westfalenhalle, am 27.05.2016 (ich hatte die Karte zu 99,9% gekauft, um endlich noch mal – tätää! –  Iron Maiden zu sehen, große Helden meiner eigenen „Teenage Dirtbag“-Jugend) hatte ich diesen Song ständig im Kopf. Ärgerlich, eigentlich, wo ich doch eher Bedarf daran gehabt hätte, die eine oder andere Nummer vom neuen Maiden-Album „The Book Of Souls“ tiefer in meinen Hirnwindungen zu verankern.

Es half nichts, das schräge Organ von Brandon B. Brown hallte durch mein Oberstübchen. Und damit Erinnerungen an die Zeit, als ich aufgrund meines Musikgeschmacks, der ständig getragenen Maiden-, Megadeth-,  Slayer- etc.-Shirts, der langen Haare, der Ohrringe und jeder nur erdenklichen Abweichung von der äußerlichen „Norm“ gedisst und gemobbt wurde.

Was mich allerdings in keinster Weise von „meiner“ Musik abbringen konnte. Im Gegenteil. Mein ganz persönliches tägliches Teenage-Drama weckte in mir stets eher den Eindruck, dass ich durchaus richtig damit lag, mich den ganzen Dissern und Mobbern und zukünftigen Stützen unserer Leistungsgesellschaft zu verweigern. Was sollte ich von Menschen halten, denen Oberflächlichkeiten offenbar zu einem vernichtenden Urteilsspruch reichten und die Dinge wie einen gegen den Strich gebürsteten Musikgeschmack zum Anlass nahmen, andere Menschen zu diskriminieren, zu denunzieren und ihnen das Leben gezielt zu erschweren?

Den Kern dieses Gefühls habe ich nie verloren. Das stellte ich wieder mal fest, als ich gen Dortmund fuhr. Maiden gucken. Da saß ich also mit meinem „Metallbruder“ Basti im Auto, mit meinen 43 Jahren, nach knapp 30 Jahren des Konsums und auch Schaffens harter Rockmusik, immer noch bzw. wieder im Maiden-Shirt, und spürte immer noch die „Teenage Dirtbag“ in mir. Und ich fand es null komma null schlimm oder bedenklich. Some feelings never die. Und manchmal ist das auch gut so. Es fühlte sich richtig an.

Was andere, konservativere Altersgenossen darüber denken? Bringt mich ungefähr so zum „Umdenken“ bzw. Anpassen wie vor 30 Jahren. Nämlich gar nicht. Sie verstehen es nicht. Sie werden es auch nie verstehen. Das kann man ihnen noch nicht mal vorwerfen. Befremdlich wirkt halt oft, wie viele eben jener „normalen“ Menschen sich in den sozialen Medien als Verfechter von Toleranz, Verständnis und Nächstenliebe gerieren, dann aber schon beim Anblick eines nicht mehr ganz so jungen Menschen im „Number Of The Beast“-Shirt all diese Tugenden innerhalb einer Nanosekunde vergessen. Wenn das für viele schon eine unüberwindliche Hürde darstellt, mache ich mir ernsthafte Sorgen um die angestrebte Integration anderer Kulturen. Du willst Bigotterie und Intoleranz am eigenen Leib erleben? Sei über 40, meinetwegen auch über 30 und stehe dazu, dass du Metal und Rockmusik allgemein liebst und auch in gewisser Weise lebst.

Ich weiß – ich sollte da nicht verallgemeinern. Ich will nicht in striktes „wir hier“ und „die da“ spalten. Wäre auch sehr engstirnig und intolerant von mir. Es ist aber hochinteressant, wie negativ viele der „Normalen“ in unserem ach so aufgeklärten Zeitalter immer noch auf die – in Relation zum allgemeinen Weltgeschehen – eher unwichtige Tatsache reagieren können, dass du mit „normaler“ Musik nichts anfangen kannst und eben immer noch ein wenig „Teenage Dirtbag“ bist. Es soll mir egal sein. Es wird mir wohl bis ins Grab einfach nur widerstreben, mir von der „Masse“ diktieren zu lassen, was ich zu lieben habe, und in welchem Maße. Ich lasse euch eures, lasst mir bitte einfach meins. Sollte doch nicht so schwierig sein, oder?

Vielleicht sollte ich mir aber auch Visitenkarten drucken lassen, die meinem infantilen, von Rockmusik zerfressenen, aufmüpfigen Geist entsprechen, für den Fall, dass wieder mal fruchtlose Diskussionen drohen:

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Will ich aber eigentlich nicht. Ich möchte einfach nur an dem Spaß haben dürfen, was nach so langer Zeit inzwischen einfach Teil meiner DNA und unabänderlich ist, ohne dafür diskriminiert zu werden. So wie die „Normalen“ auch.

Oh Mann, all diese Gedankengänge drängten sich auf, weil ich „Teenage Dirtbag“ von Wheatus für mich persönlich überinterpretierte! Schluss damit! Maiden! Maiden! Maiden!

All die trüben Gedanken waren auch ruckzuck vergessen, als wir an der Halle ankamen. Das Wetter war prächtig, man hatte vor der Halle für Biergarten-Atmosphäre gesorgt. Was zum unzähligsten Male auffiel: von der äußerst entspannten, friedlichen Atmosphäre unter den Metalheads vor wie auch in der Halle kann sich so manches Volksfest der sogenannten „Normalen“ gerne mal eine dicke Scheibe abschneiden. Um mal ein wenig des Teufels Advokat zu spielen: „Die Wahrscheinlichkeit, auf dem Münchner Oktoberfest oder beim Feuerwehrfest in Winsen an der Luhe grundlos von volltrunkenen Honks die Fresse poliert zu bekommen, ist ungleich höher als bei einem Rockfestival.“ BÄM!

Schon gegen 17:30 Uhr durften wir die wunderbaren Ghost bewundern. Die „Nameless Ghouls“ um Papa Emeritus III. polarisieren heftig und werden speziell unter Diehard-Maiden-Fans nicht durchweg geliebt, hatten aber trotzdem eine Menge Leute aus der Sonne vor die Bühne in der Halle gelockt. Zurecht. Ein audiovisuelles Gesamtkunstwerk, dessen Wirkung man sich nur schwer entziehen kann. Ich hatte zu Beginn auch so meine liebe Not mit dem musikalischen Output von Ghost, aber: sie haben mich gekriegt. Und wenn man erst mal soweit überzeugt ist und das Ganze dann live sieht (sprich: das Gesamtkunstwerk), wird man quasi zwangsläufig zum Fan geweiht.

Mein Körper zuckte bereitwillig mit. Ja, ich nehme für mich in Anspruch, das Konzept von Ghost, so lachhaft es manch oberflächlichem Zuhörer/-schauer auch immer noch erscheinen mag, verstanden zu haben. Ich grinste während des gesamten Sets der Schweden zufrieden, auch aufgrund der Erkenntnis: es müssen für mich definitiv NICHT immer nur die alten Heroen sein. Ich bin immer noch offen für Neues. Obwohl ich mich natürlich auch diebisch auf die Hauptattraktion des Abends freute.

Fast Forward to the one and only Iron Maiden.

Maiden markierten meine Anfänge in der Welt der harten Rockmusik, wie ich ja schon an anderer Stelle mal betont habe.

Diese Band begleitet mich also seit etwas mehr als 30 Jahren durch die ups und downs meines Lebens. Logisch, dass da inzwischen eine besondere Art der Verbundenheit besteht.

Man kann Maiden natürlich vorwerfen – und das tut die sogenannte „Muckerpolizei“ gerne – sich seit zig Jahren auf bewährte Songwriting-Schablonen zu verlassen und „sich nicht weiterzuentwickeln“.

Da fehlt mir etwas, Freunde: der Respekt. Ich für meinen Teil kann einfach nur Respekt haben vor diesen Männern, inzwischen alle um die 60 Jahre alt, die über Jahrzehnte, durch alle Krisen, vorbei an allen musikalischen Trends, Modewellen und Strömungen, ihr Ding durchgezogen haben und weltweit Hallen und Stadien gefüllt haben, die Zeit ihres Bestehens eine der größten Rockbands des Planeten waren und auch immer noch sind. Diese Zähigkeit, diese Langlebigkeit, diese Zeitlosigkeit verdient zuallererst mal: allerhöchsten Respekt.

Sicher, die ganz großen Experimente blieben in der Karriere der Band außen vor. Allerdings waren der Einsatz von Gitarrensynthies auf „Somewhere In Time“ oder die seinerzeit für eine Metal-Band wie Maiden recht mutigen Keyboards auf „Seventh Son of a Seventh Son“ durchaus kleine Wagnisse.

Und mal ehrlich: was wollt ihr Muckerpolizisten bitte von Steve Harris & Co.? Reggae-Einlagen? Rap-Passagen? Das können andere besser, ganz einfach, weil sie es fühlen und auch rüberbringen können. Weil es zu ihnen passt. Oder hätten sich Maiden seinerzeit dem Nu Metal verschreiben sollen? Was hätte das für einen Aufschrei gegeben!

Nein, liebe Leute. Maiden sind Maiden und bleiben Maiden. Und das ist gut so. Und „The Book Of Souls“ ist auch ohne sogenannte Innovationen ein brettstarkes Album geworden, das ganz und gar nicht nach Frührente oder Bocklosigkeit klingt. Auch nicht nach Einfallslosigkeit. „Stilsicher“ trifft es doch auch ganz gut, oder?

Und live… live sind sie immer noch eine Macht. Das machte der Gig bei „Rock im Revier“ noch einmal ganz deutlich.

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Bruce Dickinson. Meine Fresse, dieser Bruce Dickinson. Inzwischen 58 Jahre alt. Gerade vom Zungenkrebs genesen. Und dann fegt er über die Bühne, über „seine“ Laufstege, wie eh und je und singt dazu noch großartig. Da kann ich nur noch auf die Knie gehen. Ich sehe diesen Mann vor mir auf der Bühne, wie erstmals vor 27 Jahren, und lächele verklärt. Die Haare sind (beiderseits) kürzer, das Gesicht (beiderseits) faltiger. Aber alles andere? Wie einst im Mai. Dieser Typ ist Musik. Dieser Typ ist Energie. Dieser Typ ist Rock’n’Roll. Die Tatsache, dass es solche Typen noch gibt, macht mich regelrecht glücklich.

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Steve Harris. Immer noch ein Irrsinns-Energiebündel. Die Fuß-auf-der-Monitorbox-Pose, während er den Bass ins Publikum „feuert“, zündet immer noch. Der Boss der Irons ist, man sehe in sein Gesicht, natürlich ebenfalls gealtert. Merkt man es seiner Performance an? Nein. Null. Bewundernswert.

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Janick Gers. Der Gitarrist hat sich vielleicht am meisten „verstrichen“, was den altersbedingten Knitterfaktor angeht. Aber schau sich einer diesen Typen an! 60 Jahre alt, und immer noch positiv semi-wahnsinnig, wie er da herumrennt und tänzelt und die Klampfe immer wieder in weitem Bogen durch die Luft schleudert. Pure Energie. Pure Liebe für die Musik und die Show. Da kullerten mir fast die Freudentränen übers Gesicht.

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Dave Murray und Adrian Smith. Speziell letzterer war ja immer schon eher ein entspannterer Vertreter seiner Zunft, trotzdem: der lebt das, der liebt das. Und Dave Murray, im feister gewordenen Gesicht immer noch dieses typische, schelmische Grinsen quer über die Pausbacken, immer noch zu 100% mit dem Herzen bei der Sache. Ich grinste jedesmal mit, wenn ich Murray ansah. Da ging mir das Herz auf.

Nicko McBrain, der Drummer und ewige Doublebass-Verweigerer. Hat immer noch einen der flinksten Füße im Business. Spielt übrigens immer barfuß. Sieht jetzt endgültig aus wie Gandalf ohne Bart, aber gerade das verleiht ihm noch mal eine Extraportion Würde. Wenn man ihm beim Spielen zusah und auch nur ein wenig Herz für Musik hat, musste man angesichts der Energie und Spielfreude, die er immer noch an den Tag legte, Gänsehaut bekommen. Und ich bekam welche.

Die Songauswahl? Gleich sechs Songs von „The Book of Souls“, was Alt-Fans vielleicht ein wenig zu viel war. Aber ein „If Eternity Should Fail“ oder ein „The Red And The Black“ mit seinem unwiderstehlichen „Whoaa-Whoaa-Whoaaaa“-Mitsingpart reihten sich meiner Meinung nach nahtlos ein in die Riege der Klassiker, die Maiden natürlich ebenfalls im Gepäck hatten. Da man laut Bruce Dickinson das Wort „old“ heutzutage allgemein ja nicht mehr benutzen darf und stattdessem von „Legacy“ spricht, gab es haufenweise „Legacy Songs“.

„The Trooper“. Der Song, mit dem für mich im Grunde alles anfing. „Powerslave“. „Hallowed Be Thy Name“. „Fear Of The Dark“. Glück, in Noten gegossen. Und auch wenn die Routiniers sich bei „Fear Of The Dark“ kurz einen groben Timingschnitzer leisteten, der bei der halben Muckerpolizei in der Halle Schnappatmung auslöste – hey, das ist LIVE!!!

Beim über 30 Jahre alten „Children Of The Damned“ vermutete Dickinson, dass „einige Anwesende noch gar nicht geboren waren, als dieser Song geschrieben wurde“. Die Videowände zeigten einen Kameraschwenk über die erste Reihe – die offenbar fast vollzählig noch nicht geboren war, als dieser Song geschrieben wurde. 🙂

Überhaupt: Alt-Rocker, mittelalte Rocker, die ihre Söhne und Töchter (ebenfalls schon im Maiden-Shirt) auf den Schultern trugen, Teenager – es war mal wieder offensichtlich, dass Rockmusik generationenübergreifend ist. Eine große Familie, sozusagen. Herrlich. Und wieder mal ein schönes Zeichen gegen die „Rock ist tot“-Theorien, die da draußen immer wieder mal kursieren.

Die Show abseits der Performance der Musiker an sich? Moderater, aber effektiver Pyro-Einsatz, klasse Lightshow, ständig wechselnde Backdrops, natürlich ein über die Bühne rennender Eddie und beim Song „Iron Maiden“ auch ein riesiger Eddie hinter dem Drumkit. So, wie man es als Maiden-Fan haben will.

Auch wenn es sich seltsam anhört: wenn das das letzte Maiden-Konzert in meinem Leben gewesen sein sollte, dann wäre es okay. Das war durchaus auch ein Hintergedanke, den ich hatte, als ich sofort und ohne zu zögern das Ticket für dieses Konzert gekauft habe: ich wollte Maiden auf jeden Fall noch einmal in Hochform erleben. Einen springenden, rennenden Dickinson ganz besonders. Mission accomplished. Meine Fresse, ich wäre JETZT gerne so fit wie diese Herrschaften es mit 60 offensichtlich sind! Da liegt noch etwas Arbeit vor mir…

Der Zugabenteil lässt mich noch mal deutlich spüren, dass die „Teenage Dirtbag“ in mir quicklebendig ist, und dass ich das völlig in Ordnung finde.

„Woe to you, oh earth and sea…“

„The Number Of The Beast“ ist nun wirklich keine Ballade. Kein Schmus, kein Feuerzeug-Song. Aber: ich habe schon beim Intro einen Kloß im Hals. Und Gänsehaut. Nicht zum ersten Mal an diesem Abend, aber ich spüre sie jetzt besonders deutlich, als ich grinsend dastehe und das Intro Wort für Wort mitspreche. Zum was-weiß-ich-wievielten Mal in meinem Leben. Ich schaue auf all die 15-, 16-jährigen Nachwuchs-Fans, die das ebenfalls tun. So wie ich in dem Alter. Und es fühlt sich so an, als würde ich mein eigenes, jüngeres Ich betrachten, als es auf dem ersten Maiden-Konzert seines Lebens vor Glück und ausgelebter Begeisterung fast explodierte. Ich stehe nun als „alter Sack“ immer noch bzw. zum x-ten Mal da und erlebe das mit.

„I have the fire! I have the force!“

Und es ist immer noch geil. Es ist immer noch Gänsehaut pur. Wie soll man jemandem, der dafür nicht den geringsten Sinn hat, klarmachen, warum einen in so einem Moment die Emotionen fast überwältigen? Wo dieses Gefühl der vereinten Rock-Familie herkommt, dass es so in keiner anderen Musikrichtung gibt? Ich versuche es gar nicht erst. Ich genieße es einfach. Wieder und wieder.

Wie die zweite Zugabe es knapp auf den Punkt bringt: „We’re blood brothers!“ ’nuff said.

Der Abschluss mit „Wasted Years“, einem Song, der seit Jahrzehnten immer wieder von mir in bestimmten Lebenslagen hervorgekramt wird und der immer noch dafür sorgt, dass ich mich besser fühle, verschafft mir nochmal wohlige Schauer der Erkenntnis: im Herzen bin ich für immer die einst von den inzwischen quasi vergessenen Wheatus besungene Teenage Dirtbag.

Und scheiß der Hund drauf – ich liebe es.

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