Apr 242016
 

mann_ueber_wort_lattenkracher_iconIn eigener Sache:

Da nicht jeder, der Interesse daran hat bzw. hatte, ein Exemplar des „Stadion-Echo“ des FC Remscheid ergattern konnte, zu dem ich einen längeren Artikel beisteuern durfte, habe ich beschlossen, den kompletten Text exakt so, wie er in gedruckter Form zu lesen war, auch hier im Blog zu veröffentlichen.

Das Ganze ist zwar besonders durch den, nun ja, etwas ungelenken Abgang von Thorsten Legat vom FCR inzwischen gründlich überholt – man bedenke: geschrieben wurde der Text wegen des Abgabetermins bereits Anfang Februar – trotzdem bestand Interesse seitens einiger Leser, deshalb lasse ich den unveränderten Originaltext hier an Ort und Stelle stehen. Nach der Landesliga-Relegation, die der FCR inzwischen ja noch erreicht hat, gibt’s dann was Neues zum Thema.

mann_ueber_wort_stadion_echo_FCR_medLiebe Fußballfreunde, liebe FCR-Fans, liebe Nostalgiker, liebe Realisten,

unverhofft kommt oft. Kaum hatte ich einen Beitrag in meinem persönlichen Blog „Mann über Wort!“ dem FC Remscheid gewidmet, wurde ich von Kreativteamleiter Uwe Wiegand, der den Artikel auch auf der Facebook-Seite des FCR geteilt hatte, gebeten, einen Text für das erste Stadion Echo der Rückrunde beizusteuern. Das ehrt mich, aber irgendwie macht es mir auch fast ein schlechtes Gewissen. Warum? Weil der Eindruck entstehen könnte, dass ich nur auf dem Hype rund um das für viele so „böse“ Wort, das mit „D“ anfängt und mit „schungelcamp“ aufhört, herumreite, aber keine emotionale Bindung zum FCR habe. Seien Sie versichert: das ist keinesfalls so.

Fakt ist aber: ich komme um das Thema mit „D“ nicht herum. Fakt ist auch: viele ehemals FCR-Treue haben dem Verein im Laufe der letzten Jahre mehr oder weniger die kalte Schulter gezeigt. Und ich – Asche auf mein Haupt! – gehörte auch dazu. Ich gestehe: auch mich hat, nach längerer Zeit des Abstands vom FCR, erst die Verpflichtung von Thorsten Legat im vergangenen Herbst wieder wirklich aufhorchen lassen.

Dabei hat der FCR – schon, als er noch der BV 08 Lüttringhausen und danach der BVL Remscheid war – durchaus einen festen Platz in meiner Lebensgeschichte. Ich war nie ein Nordkurven-Gänger, hatte aber trotzdem eine Art „Stammplatz“ im Röntgen-Stadion, an den ich bei jedem Besuch zurückkehrte. Gegengerade, Block H. Das ergab sich einfach so und blieb so. Bis ich irgendwann nicht mehr regelmäßig kam. Und schließlich praktisch gar nicht mehr. Nicht zuletzt gewisse Vorkommnisse rund um den FCR, die eher nichts mit dem Sportlichen zu tun hatten, die aber die sportliche Talfahrt beschleunigten, nahmen mir Stück für Stück den Spaß an der Freud‘. Und offenbar nicht nur mir.

Thorsten Legat hat in einer seiner Pressekonferenzen angemerkt, dass beim FCR von einigen Seiten zu oft von der Vergangenheit geredet würde, anstatt nach vorne zu schauen. Ich persönlich fand es richtig und wichtig, das einmal offen auszusprechen. Auch in höheren Spielklassen finden sich schließlich Beispiele für Traditionsvereine, bei denen zwischen Anspruch und Realität eine gewaltige Lücke klafft, weil sie gebetsmühlenartig auf Erfolge verweisen, die teils Jahrzehnte zurückliegen, und dabei immer wieder vergessen, die Gegenwart erfolgreich zu gestalten und gleichzeitig zukunftsorientiert zu handeln.

Zugegeben: in meinem Blog habe ich die aktuelle Situation des FCR sowohl mit einer Menge Augenzwinkern als auch mit einer geballten Ladung Nostalgie behandelt. Habe zurückgeblickt auf bessere Zeiten für den FCR, an die sich diejenigen unter uns, die z.B. den heutigen Geschäftsführer Lothar Steinhauer noch spielen gesehen und mit „Tanne, Tanne“-Sprechchören angefeuert haben, noch erinnern können. Fußball-Romantik eben. Ein Verein hat im Normalfall nun mal eine Geschichte – die auch nicht in Vergessenheit geraten sollte, weil sie die „Seele“, die Identität eines Vereins zu einem großen Teil ausmacht.

Wie die eher unromantische Realität der Gegenwart für den FCR aussieht, ist den Verantwortlichen aber offensichtlich ebenfalls mehr als bewusst. Die Situation rund um Röntgen-Stadion und Jahnplatz wurde meiner Meinung nach auch den FCR-unkundigen überregionalen Medien, die sich aus bekannten Gründen jüngst für den Club interessierten, offen und ehrlich dargelegt. Remscheiderisch eben: geradeaus und ungeschönt. Wie wir wissen, war das beim FCR leider nicht immer so.

Zur Realität zählt auch, dass man Chancen, die wirtschaftliche Situation eines Vereins zu verbessern, als Landesligist nicht häufig bekommt und somit in der Pflicht ist, die wenigen Gelegenheiten, die sich bieten, konsequent zu nutzen. Auch wenn die Umstände keinen ungeteilten Zuspruch finden. Denn durch „Seele“ allein kann ein Verein weder überleben noch sich sportlich wie wirtschaftlich weiterentwickeln. Bin ich persönlich ein Fan von Reality-TV, von RTL, Dschungelcamp und Konsorten? Nein, absolut nicht! Begrüße ich es, dass der FCR u.a. bei der dringend nötigen Sponsorensuche das Aufsehen zu nutzen versucht hat, das durch den Medien-Hype entstanden ist? Ja, absolut!

Angesichts der jüngsten Gratwanderung zwischen „Chancen nutzen“ und „Seriosität wahren“ sah sich so mancher, noch bevor der Hype überhaupt richtig begonnen hatte, an Zeiten erinnert, in denen die von den damals Verantwortlichen geschaffenen Umstände beim FCR nur noch Kopfschütteln auslösten und dem Verein, seiner sportlichen Entwicklung und seinem Ansehen schwer schadeten. Ich selbst – da bin ich jetzt auch ganz remscheiderisch geradeaus – hatte da auch meine Befürchtungen.

Ich habe allerdings den Eindruck gewonnen, dass der Verein jetzt handelnde Personen am Ruder hat, die tatsächlich mit dem Herzen dabei sind. Die endlich wieder für die Kontinuität sorgen könnten, die sich viele Fans und Sympathisanten des FCR so dringend wünschen. Und die – ganz wichtig – zwischen Kamerateams von Spiegel TV und Reportern der „Welt“ angenehm auf dem Teppich blieben und das Augenmerk immer wieder vom Wort mit „D“ auf das lenkten, was für den Verein jetzt das Wichtigste ist: auf das Sportliche. Auf das große Ziel mit „K“ – Klassenerhalt. Denn wenn dieser nicht gelingen sollte, werden sich die positiven Nebeneffekte des Hypes wohl schneller in Luft auslösen, als man „RTL“ sagen kann.

Eines wurde jedenfalls bei den Diskussionen über den FCR in der letzten Zeit deutlich: gleichgültig ist der Verein den Menschen in der Stadt und der Region nicht. Und wie ich als aktiver Live-Musiker gelernt habe: die schlimmste Reaktion, die einem die Öffentlichkeit entgegenbringen kann, ist Gleichgültigkeit – denn sie frustriert nicht nur, sie bringt vor allem keine neuen Impulse, keine neuen Erkenntnisse. Sie zeigt einem keine Ansätze zur Weiterentwicklung auf. Ob nun Beifall geklatscht wird oder es Kritik bis hin zu unfairen persönlichen Angriffen hagelt: wenn diskutiert wird, dann zeigt das, dass der Gegenstand der Diskussion – in diesem Falle eben der FCR – noch lebt!

Und jetzt lassen Sie uns das „böse“ Wort mit „D“ auch endgültig abhaken. „Entscheidend is‘ auf’m Platz!“ Dafür zahle ich gerne drei Euro ins Phrasenschwein.

Ach ja: wenn Sie mich jetzt fragen, ob ich an den Klassenerhalt des FCR glaube, dann lassen Sie es mich als „eingeborener“ Remscheider mal so ausdrücken:

Wir Remscheider gelten ja als ausgesprochene Sturköpfe. Ich selbst bin hier geboren – und auch hier geblieben. Meine Erfahrung ist: ein Remscheider kann der beste Freund und treueste Verbündete sein, den man sich nur wünschen kann – aber auch ein unangenehmer Gegner. Ich stelle immer wieder fest, dass die scheinbare Sturheit der Remscheider sich bei genauerer Betrachtung sehr oft als etwas anderes entpuppt. Als Kampfgeist nämlich. Also als genau das, was die Mannschaft des FCR in der Rückrunde mit am dringendsten braucht.

Und der Trainer? Thorsten Legat polarisiert, das ist unstrittig. Aber ebenso unstrittig ist, dass er eine absolute Kämpfernatur ist. Passt das zu Remscheid und zum FCR? Auf jeden Fall. Begründung: siehe oben. Wird das der Schlüssel zum Klassenerhalt? Ich glaube jedenfalls daran.

Trainer und Mannschaft müssen es richten – wir, als Fans, als Sympathisanten, als Remscheider, können unseren Teil zum Erreichen des Ziels beitragen, indem wir den FCR vor allem mit unserer Präsenz bei den ausstehenden Spielen unterstützen. Und mit einer gesunden Portion Remscheider „Sturheit“. Ganz remscheiderisch gesagt: „Nitt können gött ett nitt!“

In diesem Sinne, an die Mannschaft und Trainer Thorsten Legat: Kasalla, Männer! Auf geht’s! Rockt den Rasen!

Ihr packt das!

Arne Hupe

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