Mrz 202016
 

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Und wieder ein intimes Geständnis: oh Mann, ich liebe Zombiefilme. Wirklich wahr.

Ich kann mich dem spröden Charme untoter Horden einfach nicht entziehen.

Seitdem ich, obwohl ich seinerzeit eigentlich noch viel zu jung dafür war, zum ersten Mal George A. Romeros Dawn Of The Dead (ja, das Original von 1978) gesehen habe, fasziniert mich dieses Genre.

Und das nicht zuletzt, weil es bei dieser Thematik so viel gesellschaftlichen Subtext gibt. Was nach dem Ausbruch einer Zombieapokalypse vor allem mit den ethisch-moralischen Grundsätzen der (Über-)Lebenden geschieht, die sich gegen die morschen Wiedergänger zur Wehr setzen müssen, lässt oft sämtliche zivilisatorischen Verhaltensgrundregeln dem reinen, gnadenlosen Überlebensinstinkt zum Opfer fallen.

Mein Musikgeschmack passt ziemlich gut zu dieser cineastischen Vorliebe, denn wenn ich diversen Propheten von innerhalb wie außerhalb der Musikszene Glauben schenke, bin ich als Metal-Fan (und Fan von Rockmusik ganz allgemein) vollautomatisch ein Verehrer eines Haufens von Untoten. Diese sind sich ihres Zustandes, ganz wie die Zombies aus Film und TV, nicht bewusst, und sie schlurfen, stöhnen und beißen sich ungerührt davon durch die Weltgeschichte und machen den Lebenden das Dasein schwer.

Denn immer wieder heißt es: „Rock ist tot“. Was natürlich bedeuten würde, dass damit auch Metal, da Teil der Rockmusik, tot wäre.

Dass das Ende von Musikgenres und Subgenres verkündet oder herbeiorakelt wird, ist natürlich kein neues Phänomen. Ab und an kommt ein solcher Nachruf auch aus der Rockwelt selbst, mit den verschiedensten Hintergründen. Mal soll es Selbstironie sein, mal ein Weckruf, mal eine Abrechnung mit dem Business, das das Genre am Laufen hält. Oder ein persönlicher Tritt in die Familienplanung. Marilyn Manson z.B. proklamierte anno 1999: „Rock Is Dead“ – der Song war allerdings eher als ein Kick ins Gemächt als Antwort auf das Statement von Smashing Pumpkins-Frontmann Billy Corgan zu verstehen, der zuvor den Rock und dessen Spirit für tot erklärte. Wie so viele vor ihm, und mindestens ebenso viele nach ihm.

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Da haben wir die Erklärung: in der Hölle ist einfach kein Platz mehr. 😉

Trotz der immer wieder geschalteten Todesanzeigen tauchten jedoch unablässig immer wieder diese totgesagten Gestalten auf, altbekannte und neue, die die doch so mausetote Musik unbeirrt weiterspielten. Und sie fanden auch immer wieder Opfer, die sich dieser Musik willig hingaben. Die Rock-Zombies erhoben sich wieder und wieder aus ihren herbeigeredeten Gräbern.

Mit einer einfachen Beschwörungsformel wie „Du bist tot!“ war der Rockmusik in all ihren Schattierungen bislang offenbar nicht beizukommen. In Zombiefilmen weiß man, wie man die Vertreter der Wiedergängerhorden dauerhaft ausschaltet: indem man, auf welche Weise auch immer, ihr Gehirn zerstört.

Welche Methode bei den Rock-Zombies für ähnlich endgültige Abhilfe sorgen könnte, hat aber offenbar noch niemand herausgefunden.

Zum Glück. 😉

Und trotzdem: es hat sich ja witzigerweise, wieder einmal, ein Zombie-Killer gefunden, der quasi per Dekret gleich die komplette Horde der Rockmusik-Zombies endgültig gestoppt, beerdigt und dazu auch noch auf ihr Grab gepinkelt hat. Behauptet er jedenfalls.

Eigentlich war dieser Artikel vollständig ohne die Erwähnung dieses selbst ernannten Reformators der Weltkulturlandschaft geplant, aber ich konnte letztenendes der Versuchung doch nicht widerstehen, ihn hier mit einzubeziehen. Auch wenn die hier zitierten Totalausfälle des Mannes schon wieder eine Weile her sind, sie passen einfach zu gut zum Thema.

Kanye West, Erretter der Popkultur von ganz eigenen Gnaden, formulierte seine Theorie… pardon, bestimmte vor nicht allzu langer Zeit, dass er die Lösung des Rockzombie-Problems gefunden habe. Herrn Wests Selbstverständnis ließ dabei natürlich nur ein wirklich wirksames Zombievertilgungsmittel zu: Herrn West selbst.

Herrn Wests Haltung gegenüber dem Rest der Musikwelt war schon immer von einer, sagen wir mal, leichten Ambivalenz geprägt. Das äußert sich nicht nur durch sein stets übernarzisstisches Verhalten oder verstörende Aktionen gegenüber Grammy-Gewinnern, deren Dankesreden er offenbar gerne crashed (so geschehen bei Taylor Swift und auch bei Beck, den er, wie Swift, dazu auffordern wollte, seinen Preis an Beyonce abzutreten). Herr West tut sich einfach sehr schwer damit, Musiker zu respektieren bzw. zu akzeptieren, die nicht Kanye West (oder Beyonce) heißen. Oder sonstigen Menschen, die nicht Kanye West (oder Beyonce oder Kim Kardashian) heißen (die in Relation zur Anzahl der real existierenden Kanye Wests und Beyonces und Kim Kardashians auf dieser Welt doch recht zahlreich vertreten sind).  Okay, West hat sich seinerzeit bei Beck entschuldigt. In völlig glaubwürdiger Manier natürlich. Und es waren ja, wie er beteuert, auch nur die Stimmen in seinem Kopf, die ihn dazu getrieben haben.

Wie auch immer, in Sachen Rock hat Kanye West vor nicht allzu langer Zeit das definitiv letzte Wort gesprochen (meint zumindest Kanye West).

Der Heilsbringer der Popularmusik stellte unmißverständlich klar:

„We culture. Rap is the new rock ‘n’ roll. We the rock stars… we the new rock stars and I’m the biggest of all of them. I’m the No. 1 rock star on the planet.“

Nun… darüber darf man geteilter Meinung sein, jedenfalls dann, wenn man nicht Kanye West heißt, und die meisten von uns, wie ich ja bereits feststellte, heißen eben nicht Kanye West – eine Tatsache, die der eine, einzige Kanye West dem Vernehmen nach eigentlich ziemlich dufte findet.

Meine damalige erste Reaktion auf Herrn Wests Statement, wo ich doch ein leidenschaftlicher Bewahrer der heftigen Stromgitarrenmusik bin und speziell für Metal brenne?

Erst „Grrrr.“ Dann „Gähn!“

Wie? Was? „Gähn“?!? Keine wutschnaubende Schimpftirade meinerseits?

Ich glaube, die muss ich mir und dem Rest der Welt gar nicht zwingend antun. Im Gegenteil, ich bleibe für meine Verhältnisse sogar höflich und sachlich. Herr West ist reicher, schöner und berühmter als ich – das steht außer Frage. Herr West ist aber auch jemand, der sich selbst als reich, schön und berühmt genug einschätzt, um seine Tweets öffentlich allen Ernstes als eine Form zeitgenössischer Kunst zu bezeichnen – was eigentlich keines weiteren Kommentares bedarf, wenn man sich dieser Kunst mal vorsichtig auf Lesereichweite nähert.

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Und so weiter und so ähnlich.

Die „Mark Zuckerberg, ich brauche eine Milliarde Dollar“-Nummer, die Herr West kürzlich auf die ahnungslose Medienlandschaft losließ, walze ich hier mal nicht aus, ein Link muss reichen.

Nun ist eine große Klappe an sich im Musikgeschäft ja nicht unbedingt ein Nachteil. Auf die Kacke hauen gehört ein wenig dazu, viele, die nicht Kanye West heißen (also, um es noch einmal zu betonen, statistisch gesehen ziemlich viele), sind in dieser Hinsicht auch keine Kinder von Traurigkeit. Auch z.B. die von mir hochverehrten Slipknot geben gerne mal verbal Knallgas – heutzutage allerdings doch deutlich weniger häufig als in den noch etwas manischeren Anfangszeiten. Kommt heute ein Spruch aus der Ecke der Band, bei dem man erst mal durchprustet, dann meist von Shawn Crahan, der ja auch mal in Bezug auf Slipknot den Spruch „We’re not a band, we’re a culture“ vom Stapel ließ… soviel sei fairerweise zugegeben.

Aber mal eine konkrete Frage, Herr West: wenn Rap die neue Rockmusik sein soll und letztere damit tot/erledigt/überflüssig geworden ist, ebenso wie Rockstars, die nicht Kanye West heißen, wieso sehe ich dann überall Rockstars, die tatsächlich nicht Kanye West heißen, offenbar die Botschaft des musikalischen Erlösers Kanye West nicht mitbekommen haben und frecherweise immer noch Songs aufnehmen, vor vollen Rängen Konzerte geben und sich noch dazu erdreisten, ganze Sätze von sich zu geben, die teilweise sogar einen nachvollziehbaren Inhalt haben? Und wieso halten Sie es für nötig, den Begriff „Rockstar“ überhaupt noch zu verwenden, wo doch Rap die Rockmusik ersetzt hat? Warum haben Sie dann nicht wenigstens den Anstand, sich als Rapstar zu bezeichnen? Und ein wenig Respekt für die angeblich Toten zu zeigen?

Diese beiden Herren hier (einer von beiden ist selbstverständlich Herr West) haben sich ja aus der Ferne bereits etwas gekabbelt, aber heiliges Schwermetall, ich würde mir sehnlichst ein Live-Rededuell zwischen den Herren West und Corey Taylor (Slipknot, Stone Sour) wünschen:

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Hach, ich kann mich nicht entscheiden, wem ich lieber zuhören würde. Echt jetzt. Ich tendiere leicht zum echten Rockstar. Das ist übrigens der Herr rechts.

Klar, Herr West ist rein kommerziell gesehen tatsächlich ’ne große Nummer – in seinem Musikbereich. Das bestreitet niemand. Eine Menge Leute kaufen seine Musik. Das Maß an Arroganz und Ignoranz allerdings, das nötig ist, um ein komplettes, sehr wohl noch existentes, ein großes Publikum anziehendes Genre, dass zu allem Überfluss mit herausragenden Musikern nur so gespickt ist, quasi in die Bedeutungslosigkeit zu schwafeln bzw. es sich „Untertan“ zu machen, ist wirklich ziemlich beispiellos.

Wenn Sie einfordern, dass Kunst respektiert werden muss, Herr West – fangen Sie doch bitte langsam damit an, über die Spitze ihres musikalischen Schwanzes hinauszublicken. Danke.

Sorry, aber wenn mir ein Nicht-Rockkünstler auf der Welt absolut gar keine Angst davor einjagen kann, dass an der „Rock ist tot“-Theorie etwas dran sein könnte, dann ist das wohl Herr West.

Denn was war nicht schon alles angeblich tot. „Die Spaßgesellschaft ist tot.“ „PC-Games sind tot.“/“Der PC ist tot.“ „Fußball ist tot.“ „Flip-Flops sind tot.“ „Rassismus ist tot.“ „Sex ist tot.“ „Gott ist tot.“ „Karl Ranseier ist tot.“

Und es war wohl kaum irgendetwas auf dieser Welt schon so oft angeblich tot wie die Rockmusik im allgemeinen –  und Metal im speziellen. Und bisher galt jedesmal: nope. Fuck you very much.

„They called us a dead generation
They told us that we wouldn’t survive
They left us alone in the maelstrom
As you can see we’re all clearly alive“

– Stone Sour, „30/30 – 150“

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Eindeutig mausetot, interessiert wirklich kein Schwein mehr: Rockmusik (Bild: Wacken Open Air 2015. Kanye war nicht eingeladen. We subculture!)

Auch wenn es vielen nicht ins Weltbild passt: Rock ist nicht tot, und speziell Metal, als Teil der Rock-Familie, ist weder tot, noch ist er totzukriegen. Er ist quicklebendig, weil er nicht „cool“ sein muss, um erfolgreich zu sein. Weil er kein Trend ist und auch keinem solchen unterworfen ist.

Speziell der Metal wurde schon unzählige Male totgesagt. Er lebt immer noch (und da sehe ich durchaus eine Parallele zum Punk, der sich durch eine absolut vergleichbare Unkaputtbarkeit auszeichnet). Und er ist immer noch verdammt erfolgreich. Er hat sämtliche musikalischen Modewellen überlebt. Alle „next big things“, von denen – ebenso wie vom zwangsläufig folgenden „even bigger thing“ – entweder keiner mehr spricht oder die inzwischen unauffällig in der Masse anderer populärer Musikformen herumdümpeln. Er hat gewaltige Skandale überlebt, auf die ich teilweise schon hingewiesen habe – und auch in Zukunft hinweisen werde.

Und: Metal hat sogar seinen eigenen vorübergehenden Ultra-Hype nebst Vollverwurstung durch den Mainstream überlebt.

„What doesn’t kill you makes you stronger“ – diese wunderbare Phrase, die sich auch in mehr als einem Metal-Songtext so oder ähnlich wiederfindet, passt zu dieser Musikrichtung wie der sprichwörtliche Arsch auf den Eimer.

Werfen wir einfach mal einen Blick zurück auf die Entstehung des Zustands, der dem Metal nach den Gesetzen des Musikbusiness eigentlich den Tod hätte bringen müssen und der ihn letztenendes doch „nur“ in ein relativ kurzes (und heilsames) Wachkoma versetzt hat.

Ende der 80er bis Anfang der 90er Jahre erlebte der Metal einen bis dahin so noch nicht dagewesenen Boom. Nicht nur die Glam-/Hair-Metal-Bands dieser Zeit, sondern auch die klassischen Schwermetaller wie Iron Maiden oder Judas Priest und sogar die Vetreter der härteren Schiene, die Thrash Metal-Bands, standen hoch im Kurs. Und Metallica spielten in kommerzieller Hinsicht sowieso längst in ihrer eigenen Liga.

Im sehr metal-affinen Deutschland z.B. vermeldeten auch einheimische, zuvor „kleinere“ Bands äußerst solze Verkaufszahlen ihrer Alben. Die Hamburger Jungs von Helloween, um mal ein Beispiel zu nennen, standen zeitweise ernsthaft an der Schwelle zum internationalen Rockstartum (wurden aber von internen Richtungsstreitigkeiten und Business-Bullshit letztendlich jäh gebremst – trotzdem gibt es sie heute noch, und das sogar ziemlich erfolgreich).

Der damalige Helloween-Gitarrist Kai Hansen stellte in einem Metal Hammer-Interview Ende der 80er erstaunt fest: „Heavy Metal hat ja inzwischen schon fast den gleichen kommerziellen Stellenwert wie Roland Kaiser!“ Wobei Roland Kaiser sicher froh gewesen wäre, hätte er seine Alben jemals in den absatzmäßigen Dimensionen der Iron Maidens und Metallicas dieser Welt verkauft. 😉 Herr Hansen untertrieb also sogar noch, was die kommerzielle Relevanz zumindest der Top-Bands des Genres anging.

Und sogar in den Massenmedien fand sich der Metal plötzlich prominent gefeatured wieder, wenn auch natürlich meist in Reservaten in Form von Spartensendungen. Im deutschen TV waren zu Spitzenzeiten gleich drei (!) Metal-Shows zu sehen: „Mosh“ bei RTL (ja, Kids! Eine Metal-Sendung! Auf Err! Teh! Ell! Das gab es!), „Hard’n’Heavy“ bei Tele 5 und „Headbangers Ball“ beim praktisch allmächtigen MTV. Später, als VIVA auf der Bildfläche erschien, kam auch dieser Sender in Form von „Metalla“ nicht ohne Quoten-Metalanteil aus (obwohl der Hype zu diesem Zeitpunkt längst vorbei war).

„Mosh“, an das sich heute nur noch Veteranen erinnern können, wurde dabei interessanterweise auch von echtem Fachpersonal moderiert: Sängerin Sabina Classen von den deutschen Thrashern Holy Moses und Journalist Götz Kühnemund (Metal Hammer, später Chefredakteur bei Rock Hard) ließen es beim damaligen „Tutti Frutti“- und „Der heiße Stuhl“-Sender ordentlich und kompetent krachen. Für diejenigen, die nicht glauben, dass es das tatsächlich mal gegeben hat:

Ein wenig verknallt war ich allerdings weder in Sabina Classen noch in Götz Kühnemund, sondern eher in Rotschopf (na klar) Annette Hopfenmüller („Hard’n’Heavy“) und natürlich MTV-Rockchick Vanessa Warwick (blond). Sie musste ja auch unbedingt ein Interview mit Maiden an einem portugiesischen Strand im Bikini moderieren! Und wirkte dabei sehr viel reizvoller als Steve Harris in Shorts… aber ich schweife mal wieder ab. Wie üblich. 😉

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When we were young… Annette Hopfenmüller (Tele 5, „Hard’n’Heavy“, links) und Vanessa Warwick (MTV, „Headbangers Ball“).

Also: eine gemeinhin eher verfemte Musikrichtung bekam auch abseits der Hair Metal-Bands plötzlich etwas Glamour verpasst. Dicke Verkaufszahlen, volle Hallen, zuvor in dieser Breite noch nie dagewesene Medienpräsenz – Metal wurde teilweise regelrecht auf Teufel komm raus „entschmuddelt“. Was ihm mittelfristig nicht wirklich guttat. Denn es kam, was kommen musste: das „next big thing“. Es kam aus Seattle, Washington, USA. Und es hieß Grunge.

Bands wie Nirvana, Alice In Chains, Pearl Jam und Soundgarden traten eine neue Welle los – und dem Metal kräftig in den Arsch, was Publikumszuspruch und vor allem die Gunst der Musikmedien anging.

Was den Grunge so deutlich vom Metal unterschied, waren die eher im Punk liegenden musikalischen Wurzeln und die anti-kommerzielle Haltung, die die Musiker an den Tag legten. Ich weiß noch, dass ich beim Lesen von Interviews mit Eddie Vedder (Pearl Jam) oder Layne Stayley (Alice In Chains) Statements wie „Wir wollen gar nicht so viele Alben verkaufen“, „Wir wollen mit dem ganzen Rockstar-Zirkus nichts zu tun haben“ oder „Wir wollen eigentlich gar nicht auf Tour gehen, wir wollen kein Teil der Maschinerie sein“ sehr verwundert aufnahm. Auf den Bühnen der Rockwelt regierten nach und nach Holzfällerhemden statt Bandshirts einer- und Nietenkluft andererseits. Es herrschte wieder eine gewisse Bodenständigkeit statt des „larger than life“-Prinzips, das im Metal so oft zu finden ist.

Die Musik in Kombination mit der zur Schau gestellten Attitüde, deren Zeit wohl einfach gekommen war und nach einer (teilweisen) Rückbesinnung zum guten, alten, rotzigen, ursprünglichen Punk-Spirit aussah, funktionierte als Gegenpol zum Metal, der im Vergleich mit dem Grunge zunehmend als klischeehaftes, übertheatralisches, völlig durchkommerzialisiertes Relikt der Rockhistorie gesehen wurde – oder zumindest seitens der Musikmedien zunehmend so dargestellt wurde. Was Kurt Cobain mit Nirvana (unbewusst) losgetreten hatte, überrollte schon sehr bald die bisherige Rockwelt. Und war dann irgendwann kein Gegenpol mehr, sondern die Wachablösung. Im Zuge des Grunge erfuhren auch andere Bands der härteren Gangart, die mit Metal nichts am Hut hatten und auch nicht haben wollten, eine erhöhte Aufmerksamkeit. Sie waren cool. Sie waren neu. Sie waren „echt“. Sagte zumindest MTV.

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Hätte Kurt Cobain geahnt, was er da auslöst… (Krist Novoselic und Kurt Cobain von Nirvana).

Alle Angriffsflächen, die der Metal nun mal zweifellos bot und noch immer bietet, waren plötzlich wieder zum Abschuss freigegeben. Und es wurde fleißig gefeuert. Die Meinungsmacher und Geschmacksbestimmer, die es in der Prä-Internet-Ära leichter hatten als heute, wenn es darum ging, Trends zu erzeugen und notfalls auch zu steuern, allen voran MTV, ließen den kurz zuvor noch ansatzweise hofierten Metal fallen wie eine heiße Kartoffel.

Und auch wenn kurz nach dem Aufkommen des Grunge eine seinerzeit junge und hungrige Band wie Pantera mit ihrem Durchbruch namens „Vulgar Display of Power“ dafür sorgte, dass der Metal weiterhin Impulse erhielt, die für seine Zukunft noch immens wichtig sein sollten, und Machine Head mit ihrem 1994er Debut „Burn My Eyes“ dem von der genreweiten Sinnkrise heftigst gebeutelten Thrash Metal wieder Leben einhauchten bzw. ihm ein neues Gesicht gaben – Metal wurde von der breiten Masse teilweise wieder regelrecht geächtet.

Aber er starb nicht. Er wurde hochgehyped, dann den Wölfen zum Fraß vorgeworfen – aber er starb einfach nicht. Wie schon mehrmals zuvor, als er totgesagt wurde. Auch wenn die „Fallhöhe“ diesmal eine andere war als zuvor. Denn einen Hype hatte diese Musikrichtung zuvor noch nie in dieser Form erlebt. Und auf einen Hype folgte in der Musikgeschichte oft der Absturz in die völlige Erfolgs- und damit Bedeutungslosigkeit. Wäre der Metal nicht das wehrhafte Biest, das er nun mal ist – er hätte eben dieses Schicksal erleiden und verschwinden müssen. Aber dieser Fall trat nicht ein.

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Nahm die „Krise“ gelassen und behielt grundsätzlich Recht: Marty Friedman.

Kleine Anekdote: ich hatte während der „depressiven Phase“ des Metal in den ausgehenden 90ern mal das Vergnügen, dem damaligen Megadeth-Gitarristen Marty Friedman auf der Frankfurter Musikmesse zu begegnen (du erinnerst dich noch, Jan Ackermann? 😉 ). Oh Mann, warum war es damals noch nicht selbstverständlich, immer und überall ’ne Kamera in der Tasche zu haben?

Egal, nach dem obligatorischen Autogrammschreiben ergab sich ein kurzer Plausch, während dem wir auch auf das seinerzeit gerade aktuelle Thema der weitverbreiteten Ignoranz gegenüber dem Metal und das Image der Uncoolness zu sprechen kamen, das dieser Musik anhaftete.

Friedman bemerkte lässig: „If, one day, MTV says it to be cool again, you can be sure it will be.“

Friedmans Blick fügte allerdings stumm hinzu: „And if not… who gives a shit?“

Der Mann kannte sich nämlich mit den „inner workings“ des Metal aus und wusste, dass es keinen Grund zur Panik gab.

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Amen.

Tja, wie wir heute wissen, hat MTV den Metal nie wieder für cool erklärt. Und eigentlich auch sonst niemand. Wie sich herausstellte, hatte der Metal das auch gar nicht nötig. Hatte er eigentlich noch nie. Er musste nicht cool sein. Vielleicht darf er irgendwie auch gar nicht cool sein. Marty Friedman war das auch vollkommen klar. Und der Metal musste auch gar nicht „zurückkommen“. Er war nie weg. Er war nur aus dem Fokus der Musik-Massenmedien verschwunden, zumindest weitestgehend. Und das war letztenendes wohl sogar heilsam. Die Szene nutzte die Zeit quasi zur Konsolidierung. Und das erfolgreich.

Wie konnte der Metal sogar seine schlimmste Krise, die grassierende Grunge-Mania, überleben?

Möglicherweise war die Tatsache, dass der Grunge flugs zur (Jugend-)Bewegung hochstilisiert wurde, dem relativ raschen Ende des Trends zuträglich. Für mich war der Grunge rückblickend betrachtet auch keine Bewegung im allgemeingültigen Sinne – jedenfalls nicht so, wie es der Punk ursprünglich einmal war (und im Underground auch heute noch ist) – sondern eher eine dezidierte Haltung zur Musik an sich. Zurück zu den Wurzeln, zur Musik selbst, zur Emotion, ohne die großen Rockstar-Attitüden und ohne Verbeugungen vor dem „Kommerz“. Die Gesetze des Musikbusiness sorgten jedoch dafür, dass die kleine Revolution an eben den Dingen scheiterte, die sie eigentlich ablehnte und denen sie sich trotzdem nicht dauerhaft widersetzen konnte. Vor allem die gnadenlose Vereinnahmung/Kommerzialisierung („Original Grunge-Holzfällerhemden jetzt nur 19,99 bei H&M!“), die nicht lange nach dem kometenhaften Aufstieg von Nirvana & Co. einsetzte, machte den Grunge als Ausdruck von Rebellion, von „anders sein“, recht schnell obsolet. Dass die anti-kommerziellen Ideale irgendwann in den Mühlen der Maschinerie des Musikbusiness zermahlen werden würden, war absehbar – und es trat letztenendes auch ein.

Der Grunge hat die Rockmusik und deren Markt (Dreckswort) mit Sicherheit nachhaltig verändert. Seit der Grunge-Welle hat sich die Rockmusik im Allgemeinen in so viele Subgenres aufgespalten wie nie zuvor. Die stilistische Bandbreite unter dem großen Überbegriff „Rock“ ist enorm groß. Der Metal, der ja in sich wiederum in viele Subgenres aufgeteilt ist, hatte und hat aber das Kunststück fertiggebracht, trotz dieser Aufteilung stets „greifbar“ zu sein und ein erkennbares Profil zu haben. Grunge dagegen war trotz all der Umwälzungen, die er insgesamt in die Rockwelt gebracht hat, nicht in der Lage, als identifizierbare Stilrichtung mit Profil dauerhaft zu bestehen. Im Grunde hat er auch mit der Vielfalt, deren Entstehung und Verbreitung er angestoßen hat, zum Teil dazu beigetragen, seinen eigenen Boom zu beenden.

Und der Punk? Dieser hat sich von einer kulturellen Gegenbewegung ebenfalls teilweise zum Mainstream hin entwickelt. Dies begann in den 80ern mit den Vertretern der New Wave und setzte sich mit Bands wie Green Day oder The Offspring in den 90ern fort, die zu Millionensellern wurden und den ursprünglichen Begriff des Punk damit in weiten Teilen kommerzialisierten. Der Punk hat sich allerdings, soweit ich das beurteilen kann, seinen Underground, seinen „echten“ Kern, dessen Vertreter die ursprüngliche Geisteshaltung des Punk – und dessen ideologischen Grundprinzipien – weiterhin leben und verkörpern und diese auch muskalisch wie textlich ausdrücken, stets bewahrt. Nichtsdestotrotz blieb auch der Punk nicht gänzlich vom alten Prinzip der Revolution, die ihre Kinder frisst, verschont. Aber, wie der Metal, wie der Rock ganz allgemein, lebt er noch. Laut und vernehmlich. Und das ist verdammt gut so.

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Für viele „echte“ Metaller der Inbegriff von Nu Metal und damit ein Feindbild (für mich ausdrücklich nicht!): Limp Bizkit.

Bliebe noch die Frage, warum der Metal, bei all den Vorwürfen, die man ihm mit Sicherheit machen kann, diese unfassbare Langlebigkeit vorweisen kann. Vielleicht hatte der Metal einfach den Vorteil, nie als „Bewegung“ gesehen zu werden bzw. nicht so gesehen werden zu können, da er in sich künstlerisch doch recht breit aufgestellt ist. Und auch weil das, was ihm besonders aus dem Punk-Lager gerne als Schwäche vorgeworfen wird, und was absolut als einer der erwähnten Vorwürfe durchgeht – nämlich, dass er sich nicht explizit auf klare politische oder ideologische Grundsätze bzw. auf eine „einheitliche“ Linie beruft, die ihn als „Bewegung“ definieren könnte – sich in Sachen Resistenz gegen den jeweiligen musikalischen Zeitgeist und die Wellenbewegungen im Musikbusiness als Pluspunkt erwiesen hat.

Denn auch die Trends und Strömungen nach dem Grunge, bei deren Auftreten ebenfalls der Tod, das Ende, die Apokalypse des Metal heraufbeschworen wurde – ob man sie nun Crossover nannte oder Nu Metal, der bei vielen Metallern so verhasst war und ist – haben das alte Monstrum nicht bezwingen können.

Die großen Bands des Genres sind schon sehr lange im Geschäft. Sie sind sich selbst und ihrer Linie zumeist extrem treu. Und auch verdammt viele Bands, die jünger sind als die nach wie vor äußerst erfolgreichen alten Schlachtrösser von Iron Maiden, Judas Priest oder Metallica, und die deutlich nach der „Grunge-Krise“ enststanden sind, können heute auf eine bereits sehr lange Karriere verweisen. Auch wenn viele Bands, die vor dem großen Hype oder währenddessen aktiv waren und es heute noch sind, nicht mehr das kommerzielle Standing von damals haben – sie lieben offensichtlich das, was sie tun, und machen keine Anstalten, damit aufzuhören. Und das subgenre-übergreifend. Ob Hair Metal, ob Power Metal, ob Death Metal, ob Thrash Metal – ich glaube, in keinem Musikgenre darf man so oft feststellen, dass es „die immer noch gibt“. Metal ist definitiv kein Genre für „one hit wonder“.

Und diese Mischung aus Kampfgeist, Linientreue und einer gewissen Sturheit wird wiederum von den Metal-Fans honoriert. Selbst Metal-Hasser kommen oft nicht umhin zuzugeben, dass Metal-Fans die wohl treuesten und engagiertesten Musikfans überhaupt sind. Dass es eben doch eine Tugend sein kann, sich tatsächlich auch mit der Musik, die man hört, auseinanderzusetzen, dafür einzustehen und dass dies dazu führen kann, dass sich aktive Musiker und Fans gegenseitig und damit ihr ganzes Genre bzw. ihre ganze Szene gemeinschaftlich tragen, sieht man am Beispiel Metal ziemlich deutlich. Ist das nicht wunderbar retro? Oder ist retro gerade wieder uncool? Ich weiß es aktuell nicht. Und es ist vollkommen wurscht, wenn man sich dem Metal verbunden fühlt. Weil „cool“ oder „uncool“ praktisch keine Rolle spielen. Was für eine Wohltat.

Noch ein Clou dabei ist, dass Metal tatsächlich generationenübergreifend wirkt. Denn es sind keineswegs nur die „Altrocker“, die man nach Wacken pilgern oder Maiden-Konzerte besuchen sieht.

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Horns up, new generation!

Ich grinse gerne geradezu väterlich, wenn ich Jungs und auch Mädels im Alter von 15 oder 16 stolz ihre Maiden-Shirts tragen sehe – so, wie ich es in dem Alter auch getan habe (und teilweise immer noch tue). Diese Kids hören wahrscheinlich auch eine Menge neuerer Metalbands, mit denen ich teilweise vielleicht gar nicht ganz so viel anfangen kann – aber der Spirit ist da, und ich kann mich nicht dagegen wehren, fast schon eine Gänsehaut zu bekommen, so ein wohliges Gefühl der Genugtuung, eine diebische Freude darüber, dass es trotz aller Bemühungen von vielen Seiten immer noch nicht gelungen ist, für völlige musikalische Stromlinienförmigkeit und die totale Weltherrschaft der Plastikmusik zu sorgen, und es einen beachtlichen Anteil der aktuellen Teenie-Generation einen Scheißdreck interessieren wird, welche Musik sie hören „soll“. Übrigens, Herr Christian J. Dale, fühle ich eine ähnliche Genugtuung, wenn mir junge Punks begegnen, die Ramones- oder Exploited-Shirts tragen, wie es z.B. mein Bruder vor zig Jahren schon tat. Das mal für’s Protokoll. 😉

Aber wie sieht die Zukunft konkret aus?

Ich habe mal ein wenig nachgeforscht – und dabei entdeckt, dass selbst Rock-Legenden wie Kiss-Bassist Gene Simmons in dieser Hinsicht scheinbar erstaunlich schwarz sehen.

In einem 2014er Interview äußerte sich Simmons so:

„There are still record companies, and it does apply to pop, rap, and country to an extent. But for performers who are also songwriters – the creators – for rock music, for soul, for the blues – it’s finally dead. Rock is finally dead.“

Aua!

Aber erst mal durchatmen. Ich habe dieses aus dem Zusammenhang gegriffene Zitat auch erst in den falschen Hals bekommen. Wie ich aus dem kompletten Interview herauslesen konnte, ging es Gene Simmons nicht darum, den sofortigen Schwanengesang auf die Rockmusik anzustimmen, sondern zum großen Teil um den besonders von altgedienten Musikern so oft beklagten „Tod“ der nicht-digitalen Musikverkäufe und die Folgen von Filesharing & Co. für das Musikbusiness, und auch um die Sorge um die Zukunft bzw. eine gewisse Angst davor, dass es dann, wenn die Heroen von heute eines Tages abgetreten sind, keine nächste Generation mehr geben wird, die die Fahne des Rock weiter hochhält, und dass die Rockwelt schon jetzt ein Nachwuchsproblem hat. Es sei quasi unmöglich, einen Plattendeal zu bekommen, wenn man mit einer Gitarre statt mit Elektronik bewaffnet antreten würde – der Fluch der allgemeinen technischen Entwicklung, so der „God of Thunder“.

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Sieht (teilweise) schwarz: Gene Simmons (Kiss).

Und: es ging ihm darum anzumerken, dass er eine gewisse Stagnation feststellt. Dass die alteingesessenen Bands zwar noch da seien, diese aber lieber auf Nummer Sicher gehen und keine Experimente wagen und noch dazu nichts Aufregendes, Neues mehr nachrücken würde.

Ich sehe es nicht so dramatisch wie Simmons, nicht nur wegen meiner Beobachtungen in Rockdiscos und auf Konzerten, die durchaus auf jüngere Generationen hinweisen, die mit elektronischer Musik bzw. 08/15-Chart-Tralala nichts am Hut haben, wie ich ja schon beschrieben habe.

Sicher, man sollte von den alteingesessenen Bands keine Innovationen mehr erwarten. Wobei dann auch die Frage wäre, was man denn bitteschön unter Innovation versteht. Wer erfindet das musikalische Rad neu? Iron Maiden z.B. werden es sicherlich nicht sein. Steve Harris und Co. sind um die 60 Jahre alt. Das sie plötzlich komplett neue musikalische Wege gehen, darf man wohl als ausgeschlossen ansehen. Aber das würde ich persönlich, als Maiden-Fan seit Jahrzehnten, auch gar nicht wollen. Ich mag auch die Konstanten in meinem musikalischen Universum. Das „Neue“ sollte man jüngeren Bands überlassen, die eine möglicherweise andere, frischere Herangehensweise an die Musik mitbringen.

Ob irgendwann mal jemand wirklich noch mal mit einer Idee um die Ecke kommt, die man tatsächlich als neue, aufregende, möglichst nicht komplett elektronisch verbrämte Richtung im Metal bzw. im Rock allgemein bezeichnen kann… ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Sicher, es gibt progressive, anspruchsvolle Bands, die „anders“ klingen – die aber im Grunde auch nicht viel anderes machen, als bereits bekannte musikalische Elemente neu zu kombinieren. Vielleicht ist die tonale Welt bereits so weit abgegrast, sind die Extreme schon alle so bis zum Erbrechen ausgereizt, dass die Neumischung von grundsätzlich Bekanntem die einzige Möglichkeit ist, die bleibt, um etwas „Neues“ zu schaffen. Man kann vielen neueren Metal-Bands durchaus den Vorwurf machen, dass sie „nur“ die alten Heroen zitieren. Diejenigen, die etwas weniger Traditionelles anbieten, werden von den ganz fest eingeschworenen Metallern teils auch geschnitten oder ignoriert. Wie sich diese Konflikte entwickeln, vermag meine Kristallkugel nicht zu sagen. Das kann nur die Zeit zeigen. Ich habe das Gefühl, dass die jüngere Generation der Metalheads sich da toleranter zeigt und die Metal-Szene sich da etwas öffnet. Aber: only time will tell.

Es ist natürlich legitim die Frage zu stellen, was passiert, wenn die „alte Garde“, die über Jahrzehnte die Fahne des Rock bzw. Metal hochgehalten hat, abtritt, und ob es nach ihnen möglicherweise keine Bands mehr geben wird, die der von Simmons prophezeiten totalen Dominanz elektronischer Musik etwas entgegenzusetzen haben. Was passiert, sollte der Strom an Nachwuchsbands, der jetzt noch keine Austrocknungserscheinungen zeigt, irgendwann doch versiegen. Aber ich sehe nicht, dass es jetzt schon soweit wäre. Ganz und gar nicht. Denn es rücken durchaus neue Bands nach, und es sind durchaus welche dabei, die ziemlich „anders“ sind. Es ist vielleicht ein wenig zu viel verlangt, Gene Simmons, den „God Of Thunder“ zu bitten, z.B. mal einer deutschen Artcore-Band sein Ohr zu leihen. In Bezug auf The Hirsch Effekt würde er dann wahrscheinlich anmerken, dass ihm da das kommerzielle Potenzial und die Möglichkeit zum Rockstardom fehlt. Manchmal kann man eben nicht alles haben, Gene. Warten wir’s ab.

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Müssten selbst von Gene Simmons als „anders“ empfunden werden: The Hirsch Effekt.

Meine Meinung ist: es hat zu einer wie auch immer gearteten „Leitkultur“ (Dreckswort), auch und gerade im Bereich der Popularmusik, praktisch immer auch eine Gegenkultur gegeben. Elektronische Musik wird, so Gene Simmons, bald uneingeschränkt herrschen? Okay. Der heftige musikalische Gegenwind als Antwort darauf ist damit nur eine Frage der Zeit.

Denn innovativ, neu oder besonders abwechslungsreich ist die elektronisch dominierte Dance-/Pop-/R&B-Masse, die die Charts beherrscht, nun wirklich nicht. Sollte es so kommen, dass die Visionen diverser SciFi-Autoren wahr werden und die Menschen der Zukunft größtenteils dazu verdammt sind, nur noch synthetisches Bummbumm zu hören – es wird sich eine Gegenbewegung formieren, um dem Einheitsbrei etwas entgegenzusetzen. Definitiv.

Klar, unser eigener Proberaumvermieter z.B. merkte neulich noch an, dass die Nachfrage nach Proberäumen derzeit nicht so groß sei. Sicher, es mag auch derzeit keinen speziellen Boom in Sachen lernwillige „Rockstars in Ausbildung“ geben, die den Gitarren-, Bass- und Drumlehrern die Türen einrennen. Aber: solange es junge Leute gibt, die sich für eine bestimmte Musikrichtung interessieren – und das ist derzeit in Sachen Rock defintiv „noch“ der Fall – wird es unter ihnen auch solche geben, die diese Musik auch selbst machen, die sie auch „leben“ wollen. Das ist meiner Meinung nach eine Art popkultureller Imperativ.

So weit, über weltweite Aufstände gegen elektronisches Musikdiktat nachdenken zu müssen, sind wir aber zum Glück noch lange nicht. Auch wenn, wie Simmons ja ebenfalls bemerkte, sich die Technologie gewandelt hat, durch die Musik verbreitet wird, auch wenn die geschäftliche Seite der Medaille durch Internet & Co. inzwischen eine ganz andere ist als „damals“ und es insgesamt nicht mehr so „leicht“ ist, mit der Musik Geld zu verdienen, wenn man nicht „cool“ und/oder trendy ist – Rock lebt. Metal lebt. Weil er nicht cool, nicht trendy, nicht hip sein muß und es noch nie sein musste. Und wenn er irgendwann doch wieder komplett in den Untergrund getrieben werden sollte, dann wird er dort weiterleben.

Schlussbemerkung zu Gene Simmons: er relativierte erst vor wenigen Tagen in einem neuen Interview mit dem Rolling Stone seine Aussagen zum Thema Rockmusik zumindest teilweise. Und versucht sich nun als Totengräber des Rap. Wenn das Herr West hört! 😉

Übrigens: neulich, nach einem Konzert mit Green Ink Machine im Rahmen der Remscheider Nacht der Kultur, wurde ich von einem offenbar noch sehr jungen Mann angesprochen, der seinem Look nach sehr offensichtlich durchaus der Rockmusik zugetan war. Es entwickelte sich ein interessanter Plausch über Musik, die allgemeine Situation für Rockbands, Konzerte und auch musikalisches Equipment. Wie sich herausstellte, war dieses Gespräch so eine Art Treffen der Generationen – der Bursche hätte mein Sohn sein können. Ich bin 43, der junge Mann war gerade mal 19. Also Vertreter einer nachrückenden Generation.

Mein Gesprächspartner hieß Tom Hunt und ist nicht etwa Knöpfchendrücker bei einem Dance-Projekt, sondern Sänger und Gitarrist bei der Band Pretty Useless. Die Jungs machen Rockmusik, wie ich eigentlich nicht zwingend hinzufügen müsste, es aber genüsslich trotzdem tue. Und sie machen es verdammt engagiert. Das zaubert ein Grinsen auf mein alterndes Metallergesicht. The spirit lives. Im Kleinen wie im Großen.

Ja, die Rockmusik ist ein wirklich widerstandsfähiges altes Biest. Und der Metal ist ein verdammt zäher Bastard. Und auch dafür liebe ich ihn.

Ach ja…

Herr West, da wollte Sie noch jemand auf das Thema „Kunst respektieren“ ansprechen… und Ihnen das gleiche Maß an Respekt entgegenbringen, das Sie anderen zugestehen. Bitteschön.

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