Mrz 152016
 

mann_ueber_wort_metal_iconBehauptung: „Rebellion? Pah! Metal ist doch totaler Mainstream! Kommerzkacke!“ – Antwort: Es gab noch keine Revolution, die nicht ihre Kinder gefressen hätte.

Es gibt nicht wenige, die behaupten, dass es gerade die spätestens mit dem Aufstieg des Grunge Anfang der 90er Jahre wieder aufgeflammte offene Ablehnung speziell im musikmedialen Bereich war, die den Metal gerettet und ihm den unwiderstehlichen Duft des Andersseins und des ausgestreckten musikalischen Mittelfingers zurückgegeben hat. Fakt ist, dass der Metal wohl tatsächlich ein Sonderfall ist. In kommerzieller Hinsicht ist er durchaus erfolgreich – und trotzdem haftet ihm etwas an, dass „anders“ ist, und das mit Sicherheit, neben anderen Aspekten, für das vielbeschworene Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Metalheads mitverantwortlich ist.

Metal ist, was seinen kommerziellen Stellenwert angeht, wesentlich größer, sprich: er hat, und das weltweit, mehr Anhänger, als vielen (selbst einigen Metallern) lieb ist. Trotzdem wird er sowohl von den Mainstream-Medien als auch vom „normalen“ Rest der Menschheit noch immer teils sehr argwöhnisch beäugt. Sowohl seine Bands und deren Musik als auch seine Fans lösen immer noch vielerorts Befremden aus oder rufen gar Ablehnung, auf Vorurteilen basierende Ängste und heftige Abwehrreaktionen seitens Max und Monika Mustermann hervor. Vielleicht nicht (mehr) in Wacken, aber insgesamt lässt sich immer noch ein nicht eben kleines Akzeptanzproblem der „Normalen“ feststellen, wenn es um härtere Klänge und deren Anhängerschaft geht.

Irgendwie bekommt der Metal das Kunststück hin, ein großes Publikum anzusprechen – und trotzdem bei den „Normalen“ immer noch auf genug Ablehnung zu stoßen, um nach wie vor den Reiz des „Andersartigen“ zu verströmen, das sich dem „Normalo“ nicht erschließt (und vor dem er vielleicht sogar ein wenig Angst hat). Bands aus dem Genre füllen riesige Hallen und auch Stadien, trotzdem ist Metal, wie Corey Taylor neulich noch einmal nicht ohne ein wenig trotzigen Stolz in der Stimme verkündete, irgendwie immer noch das „red headed stepchild“, sinngemäß übersetzt: das ungeliebte Stiefkind der Musikwelt.

Es lässt sich nicht verleugnen, dass der Metal trotz der ihm immer wieder von vielen Seiten entgegenschlagenden Ablehnung mit den Jahren durchaus einen Platz in der Musikwelt gefunden hat, der vielen als „zu Mainstream“ gilt und deshalb sauer aufstößt. Dabei geht es vielen Metal-Kritikern aber gar nicht um eine etwaige bewusst auf hohe Verkaufszahlen ausgerichtete Herangehensweise der Bands an ihre Musik und deren Komposition, sondern schlicht und ergreifend um die blanke Tatsache, dass Metal in der Vergangenheit äußerst erfolgreich war und immer noch ist. Erfolg ist ein Verdachtsmoment, volle Stadien bei Festivals oder ausverkaufte Hallen bei Tourneen sind vielen Musikfans grundsätzlich suspekt. Wie „anders“ kann eine Musik noch sein, die viele Menschen mobilisiert?

SlipknotDdorf2016_01

Wie unrebellisch! Viele Menschen beim Slipknot-Konzert im Düsseldorfer ISS Dome. Kommerzkacke?

Man schaue mal auf das Billing von beispielsweise „Rock am Ring“, das Metal, Rap, Pop, Punkrock und vieles mehr mehr oder minder einträchtig und gleichberechtigt nebeneinander stellt. Und: es funktioniert. Auch mit nicht-radiokonformen Bands. Gutes Beispiel: Slipknot. Die neun Maskenträger aus Iowa sind keine 1Live-Lieblinge und finden in den „Kommerzkacker“-Massenmedien abseits der Metal-/Rock-orientierten Szeneorgane nicht gerade pausenlos statt. Trotzdem waren sie bereits mehrfach Headliner bei „Rock am Ring“. Und haben bei ihren Auftritten das Areal nicht etwa leergespielt, im Gegenteil. Sie haben das Publikum zu einem nicht gerade geringen Teil überhaupt erst angezogen.

Finde ich das als bekennender Slipknot-Fan schlimm? Ist mir das zu Mainstream? Bin ich enttäuscht, dass Slipknot bei vielen Nicht-Metallern nicht sofort Todesangst und Fluchtreflexe auslösen?

Nein. Ich sehe das vielleicht nur zu stark aus der Sicht eines aktiven Musikers, aber ich finde es persönlich nicht beklagenswert, dass Metal inzwischen trotz des Daseins als „red headed stepchild“ nicht mehr so konsequent ignoriert werden kann, als das sich große Festivals, die KEINE Nischen-Veranstaltungen sind, es sich erlauben könnten, keine Metal-Bands in exponierter Stellung vor einem Riesenpublikum spielen zu lassen. Nicht zuletzt, weil diese ihrerseits für jede Menge Publikum sorgen. Wenn Slipknot oder Iron Maiden oder andere große Bands aus dem Metal-Bereich ihre eigenen Touren durchziehen, füllen sie ebenfalls mühelos die Ränge und Innenräume. Maiden z.B. schaffen das bereits seit Jahrzehnten, rund um den Globus. Ich habe das nie als verabscheungswürdig empfunden. Wenn sich jemand dazu berufen fühlt, „Kommerzkacke“ oder „Mainstream-Scheiß“ zu rufen – und es gibt ja Ecken, aus denen diese Vorwürfe vollautomatisch und unreflektiert immer wieder kommen – kann und will ich ihm das nicht verbieten.

Mir persönlich ist es allerdings wesentlich lieber, wenn Slipknot oder Maiden Stadien füllen, als Millionen von Menschen zu (nach meinem Empfinden) gesichts- und identitätsloser Fließbandmucke abfeiern zu sehen. Denn die Tatsache, dass die „Kommerzkacker“ es unverschämterweise mit – das sei noch mal betont – nicht-mainstreamradiotauglicher Mucke und ohne ständiges Airplay auf breiter Ebene schaffen, ein großes Publikum zu erreichen,  zeigt mir schlicht und ergreifend, dass es viele Menschen da draussen gibt, die – wie ich – keinen Bock auf die stromlinienförmige Dauerberieselung mit R&B, Bumm-Bumm-Dancemusik oder Schlager haben. Und daran kann ich grundsätzlich nichts Schlechtes finden.

EdForceOne_01

Kommerzkacke oder einfach „Wer kann, der kann (nicht nur singen, sondern auch Flugzeuge steuern)“? Iron Maiden-Sänger Bruce Dickinson vor der bandeigenen „Ed Force One“, einer modifizierten Boeing 747.

Ja, Metal ist kommerziell in dem Sinne, dass Alben und Konzerttickets und auch Merchandise-Artikel gegen Geld den Besitzer wechseln, so wie in anderen Musikrichtungen auch. Dass es auch im Metal viele „große“ Bands gibt, die VIELE Alben und VIELE Konzerttickets und VIELE Merchandise-Artikel gegen Geld veräußern, weil VIELE danach verlangen, ist Tatsache. Iron Maiden haben ihre Ed Force One nicht mit Hosenknöpfen bezahlt, das ist mir schon klar.

Dies ist für mich aber kein Grund, diese Musik nicht (mehr) zu mögen. Es verändert die grundsätzliche Wirkung der Musik auf mich nicht. Musik gefällt mir oder sie gefällt mir nicht. Sie wird für mich nicht automatisch schlechter, wenn es plötzlich viele Menschen gibt, denen sie ebenfalls gefällt und die die gleichen Alben kaufen und die gleichen Konzerte besuchen wie ich. Der „Jetzt mögen es viele, es muss also Scheiße sein“-Reflex, den ich als jüngerer Metalhead zugegebenermaßen auch immer wieder mal gezeigt habe, ist heutzutage bei mir praktisch nicht mehr präsent. Die Musik an sich zählt, nicht die Anzahl der von ihr verkauften Einheiten. Und auch nicht die Zuschauerzahl bei Konzerten. Ich zähle bei einem Konzertbesuch nicht durch, wer ein „echter“ Metalhead oder ein „Poser“ ist. Weil es meinen eigenen Musikgenuss nicht schmälert. Höchstens dann, wenn ich es zulasse.

Sicher, in grauer Vorzeit, zu Zeiten von Metallicas „Schwarzem Album“, als ich beim Tourkonzert in der Dortmunder Westfalenhalle all die Neu- und „Mode“-Fans („Das ruhige Lied von denen ist so schön!“) bestaunte, all diese Metal-Fremden, die da plötzlich „meine“ Musik für sich beanspruchten (so habe ich es jedenfalls damals empfunden) und die bei Songs wie „Creeping Death“ oder „Whiplash“ doch arg irritiert aus der Wäsche glotzten, war ich definitiv „not amused“. Aber dafür habe ich weder Band noch Album noch gleich die gesamte Musikrichtung verteufelt. Für mich hatte sich das Thema Metallica erst mit „Load“ quasi erledigt – weil mir die Songs einfach nicht mehr gefielen, weil sie mir nichts mehr gaben, und nicht etwa, weil sie vielen anderen gefielen und Metallica reich und berühmt waren, denn das waren sie schon deutlich vor „Load“.

Die hitzigen Diskussion um „Kommerzkacke“, Mainstream und Nicht-Mainstream unter Musikfans wird es wohl geben, solange es Musik und Musikfans als solche gibt. Und auch die Debatten darüber, ob eine bestimmte Musikrichtung noch „rebellisch“ oder „revolutionär“ ist, wenn sie kommerziell als erfolgreich bezeichnet werden kann oder die Vertreter dieser Musikrichtung offensichtlich den einen oder anderen Cent mit ihrer Kunst verdient haben.

Überhaupt: gab es jemals eine Revolution, die ihre Kinder nicht früher oder später zumindest zum Großteil gefressen hätte? Punk, Grunge, auch Rap/Hip Hop – das alles wurde auf die eine oder andere Art und Weise irgendwann mal durch den Kommerzwolf gedreht. Und fast alles davon ist irgendwie zwar immer noch da, aber revolutionär? Im tiefsten Underground der jeweiligen Szene vielleicht, da, wo der Idealismus noch über allem steht. Aber sonst?

Für mich kommt es nicht, oder meinetwegen auch nicht mehr, darauf an, ob „meine“ Musik den Soundtrack zu einer weltumspannenden Revolte liefern kann, sondern darauf, wie sie auf mich wirkt. Ob sie in mir etwas auslösen kann. Eine Revolution im Inneren, sozusagen. Für mich schafft der Metal das in weiten Teilen in seiner Funktion als von mir innig geliebtes „red headed stepchild“ immer noch.

Ich denke jedenfalls, es lässt sich immer noch besser mit einem Slipknot-Shirt rebellieren, zumindest in einem gewissen Rahmen, als z.B. mit einem Revolverheld-Leibchen. Oder einem Kanye West-Trinkbecher.

Und solange das noch so ist, und solange mir diese Musik das Gefühl gibt, das ich jetzt immer noch habe, wenn ich sie höre, höre ich die „Kommerzkacke“ ungerührt weiter. Und schäme mich dafür kein Stück.

  2 Kommentare zu “Doch nur Kommerzkacke?”

  1.  

    Ordentlich! Ziemlich schlüssig dein Beitrag! So denkt jemand, der sich mit Musik beschäftigt und dahinter steht! 🙂
    Mich persönlich interessiert es mittlerweile nicht im Ansatz wer was zu meinem Musikgeschmack zu sagen hat. Weder die Kommentare derer, die vollkommen andere Musik hören, noch die der „Gleichgesinnten“ lassen mich daran zweifeln.
    Deine Ausführung zu Metallica zum Beispiel – genau mein Reden! Nach der Schwarzen war es das für mich! Und das hatte für mich nix mit Kommerzkacke zu tun…
    Ganz ehrlich, mich interessiert es doch nicht, was James, Bruce oder Corey an Geld nach Hause tragen! Ist es nicht total klasse, wenn Bruce Dickinson in die Ed-Force-One steigt und die Band samt Equipment sonstwohin fliegt? Ich find’s toll…
    Wie gesagt, Daumen hoch Herr Hupe! 😉

  2.  

    Dankeschön. 🙂

    Meist kommt das „Kommerzkacke“-Geschrei ja auch in dieser oder einer ähnlichen Form daher:

    „Kein Profit nach Noten! Keine Macht dem Kapital! Alle Symbole des Finanzimperialismus müssen ausnahmslos zerstört werden! – Gesendet von meinem iPhone 6S“.

    Und speziell Bruce Dickinson ist phänomenal. Der Mann ist inzwischen 57. Springt auf Tour immer noch wie ein wesentlich jüngerer Mann jeden Abend ca. zwei Stunden lang auf der Bühne rum, wohlgemerkt, nachdem er zuvor die komplette Band und Crew nebst Equipment eigenhändig durch die Weltgeschichte geflogen hat. Er hat „nebenbei“ noch ein abgeschlossenes (!) Geschichtsstudium in der Tasche. Und was viele gar nicht wissen, die Fliegerei hat bei ihm ja nichts mit „auf dicke Hose machen“ zu tun. Er hat ja tatsächlich nach seiner Pilotenausbildung full time bei einer Fluglinie gearbeitet – und sich jeweils für die Aktivitäten mit Maiden Urlaub genommen. Er hätte sich mit tödlicher Sicherheit locker-lässig auf seinen Maiden-Tantiemen ausruhen können. Hat er nicht. Es lassen sich bestimmt ein paar Hirnis finden, die darauf ungefähr so reagieren würden: „Ach ja! Millionen haben und dann noch anderen Piloten den Job wegnehmen! Kriegt den Hals wohl nicht voll!“ Oh Mann…

    Tja, er rockt immer noch vor vollen Rängen. Hat mit Maiden gerade wieder ein gefeiertes Album abgeliefert. Und fliegt die Ed Force One um den Globus. Nachdem er gerade den Zungenkrebs besiegt hat. Der Mann ist ein echter Champion. Und so ein Kanye West blubbert „We culture. We the new rock stars and I’m the biggest of all of them.“ Ich lach‘ mich weg!

    Und Corey? Hat sich mit Slipknot jahrelang den Arsch aufgerissen, bevor er tatsächlich von der Musik leben konnte. Jim Root erzählt immer wieder gerne in Interviews, wenn er mit der „Dürfen reiche Menschen aggressive Musik machen?“-Frage konfrontiert wird, dass Slipknot erst seit der „Vol. 3“ im profitablen Bereich sind. Nach „Iowa“, also nach dem zweiten blendend verkauften Album und vollen Hütten überall, wusste Jim Root laut eigener Aussage immer noch nicht, wie er seine Hypothek bezahlen und sein Auto finanzieren sollte. Wenn’s den Jungs also jetzt gut geht… sie haben es sich verdammt noch mal verdient.

 Antworten