Sep 182015
 

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Metal wird, das stelle ich immer wieder fest, ganz allgemein immer noch als sehr maskulin orientiert angesehen, als Testosteron-Schlachtfeld – trotz etlicher im headbangenden Bereich aktiver Damen, wobei ich hier als Beispiele nur mal Frontladies wie Alissa White-Gluz (Arch Enemy), Sharon den Adel (Within Temptation) oder Cristina Scabbia (Lacuna Coil) herauspicken möchte. Im Großen und Ganzen gilt für den Metal allerdings tatsächlich: it’s a man’s world. Was diese Musikrichtung – wieder mal – generell nicht von unzähligen anderen Lebensbereichen unterscheidet.

Fakt ist: im Metal, das muss man auch als glühender Fan dieser Musik konstatieren, geht es ganz grundsätzlich mehr ums „Eier haben und zeigen“ als anderswo. „Manliness“ ist traditionell Programm (die gerade genannten Metal-Damen und deren Kolleginnen würden mir, da sie in vorderster Linie aktiv und mit den Gegebenheiten der Szene vertraut sind, in diesem Punkt höchstwahrscheinlich nicht widersprechen). Das Erscheinungsbild des Metal könnte man, mal ohne die Vereinsbrille betrachtet, auch so beschreiben: schwitzende, sich aggressiv gebärdende Alpha-Männchen, wo man auch hinsieht.

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Kann besser brüllen als ich, ist aber trotzdem eine von wenigen Ausnahmeerscheinungen in einer Männerwelt: Alissa White-Gluz (Arch Enemy).

Wenn man dann hinterhältigerweise mal das die Realität arg verzerrende Klischee vom homosexuellen Mann, der grundsätzlich „weich“ ist und „feminine“ Interessen hat, außen vor lässt, könnte man auf die Idee kommen, dass Metal in all seiner plakativen Maskulinität nicht abschreckend, sondern sogar eher anziehend auf Männer wirkten müsste, die auf Männer stehen. Ich kann mir – und das als heterosexueller Mann – sehr gut vorstellen, dass z.B. Fotos und Bühnenshows einer Band wie Manowar auf viele homosexuelle Männer attraktiv wirken.

Absurd? Entmannung des Metal? Keineswegs. Dass schwule Männer ausschließlich an Mode, Prosecco, Blümchenpflücken und langen, tiefsinnigen Gespräche über ihre innersten, zarten, äusserst verletzlichen Gefühle interessiert sind, ist ein ebenso dummes – und falsches – Klischee wie das vom dauerbesoffenen, oberprolligen Metalhead.

Ich kenne schwule Männer, die mehr Splatterfilme gesehen haben als ich (und das ist gar keine so einfache Übung), die extremste („männliche“) Sportarten ausüben, an die ich nicht mal im Traum denken würde, und die mehr Metal-Konzerte besucht haben als ich (was auch keine ganz leichte Übung ist, aber das nur am Rande).

Also, auch wenn es dem einen oder anderen nicht ins Weltbild passt: schwule Männer können durchaus Interessen haben, die gerne exclusiv heterosexuellen Männern zugesprochen werden. Und sie können von einer vor Testosteron nur so strotzenden Musik wie dem Metal begeistert sein.

Die Frage ist: fühlen „wir“ Hetero-Metaller uns dadurch in unserer Oase der offen ausgelebten Männlichkeit in irgendeiner Form „gestört“?

Können „wir“ uns überhaupt „gestört“ fühlen? Trauen sich schwule Metaller überhaupt, offen mit ihrer sexuellen Ausrichtung umzugehen UND gleichzeitig bekennende Metal-Fans zu sein? Oder gar Metal-Musiker?

Oder sind Metalheads homophob?

Da war es, das böse Wort.

Wenn man sich ansieht, wie schnell in der Szene Kommentare wie „schwule Säue“ oder „Schwuchteln“ aus dem Ärmel geschüttelt werden, wenn es – klassisches Beispiel – darum geht, eine Band für ihr neuestes, nach Ansicht ihrer Diehard-Fans „zu weiches“ Album zu kritisieren, oder – ebenfalls klassisch – Einzelmusiker oder Bands mit ähnlichen Beschimpfungen belegt werden, die nach Ansicht „echter Metaller“ eben dieses Kriterium nicht erfüllen, könnte man auf die Idee kommen, dass der Metal, bzw. die Gruppe der Metal-Fans, tatsächlich einen Tummelplatz der Homophobie darstellt.

Ist die Metal-Anhängerschaft also eine eindeutig homophobe Gruppierung, ein schwulenfeindlicher Haufen?

Auch wenn es so manchem nicht passt: Metal mag eine Subkultur sein, seine Musiker wie auch seine Fans sind aber unwiderlegbar ein Teil der Gesellschaft, in der wir alle leben. Und Metal-Fans, auch das ist inzwischen relativ bekannt, rekrutieren sich aus Vertretern sämtlicher Bevölkerungsschichten und Bildungsstufen. Schwulenfeindliche Äußerungen im Metal spiegeln also höchstwahrscheinlich lediglich das Maß an Homophobie wieder, das in der gesamten Gesellschaft traurigerweise nach wie vor vorhanden ist. Auch unter Volksmusik-Jüngern. Oder Firmenchefs. Oder bei Onkel Erwin, wenn er beim Familienbesäufnis mal wieder ’nen Klaren zu viel gekippt hat (und dessen allgemeine Toleranzschwelle sich ganz gut abschätzen lässt, wenn er neben Beschwerden über „Schwuchteln“, „Tunten“ und „Arschf*cker“ auch noch zu Protokoll gibt, dass er Metal allgemein für „Hottentottenmusik“ und seine Fans für „langhaarige Bombenleger“ und „Asoziale“ hält).

Machen wir doch zwischendurch mal einen kleinen Ausflug weg vom Metal in eine andere Hochburg der Maskulinität.

Da gibt es beispielsweise eine auch und gerade in Deutschland sehr beliebte Sportart, genannt Fußball. Und bei allem Respekt vor den diesen Sport ausübenden Damen – ähnlich wie beim Metal, in dem es auch herausragende weibliche Aktive gibt, handelt es sich beim Fußball, trotz aller Versuche, diesen Umstand in den Augen der Öffentlichkeit zu entschärfen oder abzuschwächen, nach wie vor um eine Mannerdomäne. Schwitzende, sich aggressiv gebärdende Alpha-Männchen, wo man hinsieht. Erinnert euch das an was?

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Outete sich nach dem Karriereende und sorgte für ein Novum im Profifußball: Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger.

Dann „störte“ plötzlich jemand das Bild von der intakten, traditionellen Männerwelt. Ex-Fußballnationalspieler Thomas Hitzlsperger war im Januar 2014 der erste Mann aus dem Profifußball-Zirkus, der sich als homosexuell outete. Für seinen Mut, diesen Schritt gewagt zu haben, wurde er in der Öffentlichkeit teils in höchsten Tönen gelobt. Zwischengedanke: allein die Tatsache, dass es überhaupt „Mut“ erfordert, öffentlich zuzugeben, sexuelles Interesse am eigenen Geschlecht zu haben, sollte ja eigentlich schon im Hinblick auf die angeblich so tolerante und offene Gesellschaft, in der wir heute leben, bedenklich stimmen.

Wie dem auch sei: Hitzlsperger machte seine Homosexualität erst nach dem Ende seiner Laufbahn öffentlich. Hitzlsperger ließ in diversen Interviews auch ziemlich klar durchblicken, dass ein Outing zu seiner aktiven Zeit für ihn nicht in Frage kam, weil er starke Repressalien fürchtete – sowohl seitens der Fußballfans als auch direkt auf dem Platz und in der Umkleidekabine seitens der kickenden Kollegen und Gegner.

Die Tatsache, dass Hitzlspergers Outing nicht, wie von einigen befürchtet, von anderen erhofft, zu einer Welle an weiteren Outings im Profifußball führte, kann durchaus als Bestätigung dafür herhalten, dass andere homosexuelle Fußballer – und allein statistisch gesehen liegt es ganz klar auf der Hand, dass es sie gibt – die Befürchtungen Hitzlspergers in Sachen negative Auswirkungen teilen.

Reinhard Rauball, Präsident der DFL (Deutsche Fußball-Liga), äußerte sich zum von Hitzlsperger gewählten Zeitpunkt seines Bekenntnisses folgendermaßen:

Mit Blick auf die enorme Öffentlichkeit im Profifußball wären die Reaktionen im Falle des Outing eines aktiven Profis […] weiterhin nur schwer kalkulierbar. In dieser Hinsicht tragen die Clubs als Arbeitgeber eine außerordentliche Verantwortung.“

„Schwer kalkulierbar“ also. Sprich: Rauball ging offenbar wie Hitzlsperger selbst davon aus, dass im Falle eines Outings während der laufenden Karriere ein massiver Shitstorm über den Spieler hereingebrochen wäre – mindestens. Und das aus der sogenannten „Mitte der Gesellschaft“, wo der Fußball ja laut übereinstimmenden Aussagen von Funktionären, Sympathisanten und Aktiven beheimatet ist und auch hingehört.

Sind damit alle Fußballfans, zumindest potenziell, Schwulenhasser, die mit Fackeln und Mistgabeln Jagd auf sich outende Fußballprofis machen würden? Natürlich nicht. Was für die Metal-Fans gilt, gilt für die Fußballanhänger vielleicht noch mehr, da der Fußball im Vergleich zum Metal das ungleich größere Massenphänomen ist: sie kommen aus allen Gesellschaftsschichten, auf den Tribünen finden sich Outlaws wie Banker, Arbeiter wie Akademiker. Ein Querschnitt durch die Gesellschaft. Man kann und darf Fußballfans als Gruppe nicht über einen Kamm scheren.

Aber es ist nicht wegzudiskutieren, dass Insider wie Spieler (Hitzlsperger) und Funktionäre (Rauball) offensichtlich Grund zur Annahme hatten, dass das offene Bekenntnis eines aktiven (!) Fußballers zu seiner Homosexualität natürlich nicht bei allen, aber zumindest bei einer so hohen Zahl von Fußballfans und auch Spielern negative Reaktionen zur Folge haben würde, dass Geheimhaltung bis zum Karriereende als die bessere Option erschien. Sieht man also die Abermillionen von Fußballfans allein hierzulande als tatsächlich repräsentativen Querschnitt der Gesellschaft an – sollte es nicht zu denken geben, dass sich homosexuelle Fußballprofis offenbar nicht trauen können, sich während ihrer laufenden Karriere aus dem Schneckenhaus zu wagen und ihre Sexualität offen zu leben?

Und wieso hat die Öffentlichkeit eigentlich ein offenbar weit weniger großes Problem mit den etlichen, äusserst offen gelebten lesbischen Beziehungen, die von weiblichen Aktiven der Sportart Fußball geführt werden? Wieso ist bei den Herren der Schöpfung so problematisch, was bei Fußballerinnen zwar Aufmerksamkeit, aber keine Aufregung verursacht?

Übergabe DFB-Pokal an Botschafter Toni Schumacher und Janus Fröhlich

Steffi Jones: „Der öffentliche Druck bei den Männern ist ein ganz anderer.“

Steffi Jones, Ex-Nationalspielerin, jetzige Direktorin Frauenfußball beim DFB und designierte Nachfolgerin von Bundestrainerin Silvia Neid, sagte dazu: „Die Situationen bei Frauen und den Männern sind nicht vergleichbar. Der öffentliche Druck bei den Männern ist ein ganz anderer.“

Die alten Rollenklischees also, die nicht aus den Köpfen gehen wollen. Homosexuelle Männer sind in unseren Köpfen also wohl immer noch weniger akzeptabel als homosexuelle Frauen. Urangst um den Fortbestand der Spezies? Möglicherweise spukt auch das durch so manche Hirnschale, ob freiwillig oder unfreiwillig.

Und wie fielen die Reaktionen auf Hitzlspergers Outing in der Fußballwelt nun aus? Funktionäre, Trainer, Manager & Co. äußerten sich erwartungsgemäß alle lobend. Der eine mehr, der andere vielleicht weniger überzeugend. Christian Heidel, Manager von Mainz 05, merkte sogar an, dass „dieses Thema“ in der Bundesliga „längst normal“ sei – was ich persönlich allerdings doch stark anzweifle.

Auch von Spielern kam praktisch kein böses Wort – zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Offen gelebte Homosexualität wäre, wie wir ja schon festgestellt haben, nach landläufiger Meinung für einen aktiven männlichen (!) Fußballprofi Karrieregift – über die Medien zur Schau gestellte Schwulenfeindlichkeit allerdings wäre wohl ebenfalls ziemlich schlechte Eigenwerbung. Obwohl Hitzlsperger die mutmaßlich vorherrschende Einstellung zur Homosexualität unter seinen balltretenden Kollegen kannte und nicht zuletzt deshalb mit seinem Outing wartete, reckte man öffentlich von Spielerseite her als Reaktion auf Hitzlspergers Pioniertat ebenfalls die Daumen hoch.

Für Stirnrunzeln sorgte allerdings z.B. die Antwort des Brasilianers Alex von Paris St. Germain auf Hitzlspergers Bekenntnis: God created Adam and Eve, not Adam and Yves.“

Lassen wir das einfach mal kommentarlos so stehen, weil es wohl kaum eines Kommentares bedarf.

A propos Kommentare:

Nicht vor den Mikrofonen der TV-Sender oder vor den Vertretern der schreibenden Zunft, sondern bevorzugt dort, wo man sich nach wie vor im Schutze der (Quasi-)Anonymität wähnt, wo man keine Rücksicht auf Außenwirkung nimmt – in der Überzeugung, keine nehmen zu müssen – werden Intoleranz und Hass offenbar: in den Foren und Kommentarsektionen des WWW. Das ist kein Geheimnis, und wir alle kennen das zur Genüge.

Homophobe/schwulenfeindliche Äußerungen werden – so wie jede andere Form von Hetze – bevorzugt da abgesondert, wo es „sicher“ scheint und das öffentliche Bild des Verfassers mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht beschädigt wird.

So gab es auch in Sachen Thomas Hitzlsperger durchaus die befürchteten verbalen Attacken geistiger Tiefflieger – allerdings praktisch exclusiv an eben jenen webbasierten Orten der mal mehr, mal weniger anonymen Meinungsäußerung. Man kann zwar durchaus sagen, dass da lediglich eine klare Minderheit herumkrakeelte, die ohnehin keine Aufmerksamkeit wert ist.

Wie das Echo auf Hitzlspergers Outing ausgefallen wäre, hätte er sich doch während seiner laufenden Karriere dazu entschlossen, bleibt aber eine interessante Frage.

Hetze, Hasskommentare und Diskriminierung sind auffälligerweise keinesfalls auf bestimmte Diskussionsplattformen beschränkt. Verbale Hetze findet sich überall, selbst in Kommentarsektionen durchaus anspruchsvoller Online-Publikationen ohne Bindung zu oder Verpflichtung gegenüber bestimmten Gruppierungen oder Interessengemeinschaften.

Und müssen wir in dieser Hinsicht über Facebook sprechen? Wo zu allem Überfluss der eigentlich für passionierte Schwachmaten so wichtige Schutz durch Anonymität praktisch nicht gegeben ist und trotzdem nicht gerade selten fröhlich gehetzt wird, bis die Schwarte kracht? Ich denke nicht.

Über Diskussionen auf Gaming-Websites sollte ich besser gar nicht erst anfangen zu schreiben, da das Maß an Intoleranz und sprachlichen Verbrechen gegen die geistige Gesundheit in diesem Sektor ebenfalls in bedenklichem Maße zugenommen hat. Das ist eigentlich ein Thema für den Gaming-Blog. Ich erwähne es hier trotzdem, weil dem Gaming inzwischen ebenfalls das Etikett „In der Mitte der Gesellschaft angekommen“ anhaftet.

Auch wenn es der eine oder andere nicht gerne zugibt: Dummheit, Ignoranz und Intoleranz sind keinesfalls auf sogenannte „Randgruppen“ beschränkt.

Ich schlage langsam den Bogen zurück zur Musik: ich will den Schwarzen Peter hier mit Sicherheit nicht von der Metal-Szene weg- und anderen Gruppierungen zuschieben – absolut nicht. Das kann ich auch gar nicht, wenn ich meiner eigenen Argumentation aus den vorhergehenden Absätzen folge. „Guck mal, die anderen machen’s doch auch!“ ist schon immer eine ziemlich schwache Ausrede gewesen, um sich nicht hinterfragen bzw. kritisch auf sich selbst blicken zu müssen.

Ich möchte nur versuchen zu verdeutlichen, dass Feindseligkeit gegenüber Menschen, die gleichgeschlechtliche Liebe praktizieren, ein gesamtgesellschaftliches Problem ist. Die von mir als Beispiel herangezogene, wenig tolerante Haltung in Sachen Homosexualität, die im von Millionen geliebten und ausgeübten Volkssport Fußball sowohl auf als auch neben dem Spielfeld offenbar vorherrscht und die einerseits Thomas Hitzlsperger davon abhielt, sich schon während seiner aktiven Karriere zu outen, und andererseits den Präsidenten der DFL dazu brachte, sich darüber geradezu erleichtert zu äußern, da er in diesem Falle ernsthafte Probleme für Hitzlsperger für sehr wahrscheinlich hielt, verdeutlicht dies nur.

Homophobie, Schwulenfeindlichkeit, wie immer man es auch bezeichnet, ist, da wir nicht innerhalb einer Blase existieren, zweifellos auch „unser“ Problem – ein Problem derer, die den Metal lieben. Die Metal-Szene, und ich meine hier gerade die Fan-Szene, ist nicht frei von Homophobie. Das ist Fakt. Weil die Gesellschaft als Ganzes nicht frei davon ist.

Aber wie sieht es nun eigentlich unter den ausführenden Künstlern aus? Gibt es im Metal, ausgehend von Musikern bzw. Bands, eindeutige Tendenzen oder Strömungen, die möglicherweise homophobes Gedankengut transportieren oder gar dessen Verbreitung fördern?

Ich sage: Schwulenfeindlichkeit/Homophobie ist dem Metal nicht inhärent. Metal ist keine Bewegung mit homophoben Grundsätzen. Ihm liegt keine Ideologie zugrunde, die Schwulenfeindlichkeit/Homophobie gutheißt oder propagiert. Womit sich der Metal ja auch, wie eingangs festgestellt, irgendwie selbst ins Knie schießen würde. (Anm. d. Verf.: böse Zungen behaupten übrigens gerne, dem Metal läge gar keine Ideologie zugrunde – auch das wird in diesem Blog irgendwann ein Thema sein.)

Ich sage aber auch, und da muss man den Finger einfach mal gnadenlos in die Wunde legen: eine weiße Weste hat der Metal ebenfalls ganz und gar nicht. Teils derbe verbalen Verfehlungen in Songtexten oder von Musikern des Genres getätigten Äußerungen lassen sich ebenso wenig wegdiskutieren wie wirklich erschreckende und unentschuldbare Vorfälle, die nicht unter den Teppich gekehrt werden sollen und dürfen.

Seit den immer wieder gerne als lustige Zeit der Popperfrisuren, Lederkrawatten und Vanilla-Hosen verniedlichten, aber politisch ganz und gar nicht korrekten 80er Jahren hat sich zwar mit Sicherheit auch im Metal einiges zum Besseren entwickelt – bei aller aufmüpfigen Grundhaltung sind die Metalheads nun mal, wenn auch teils widerwillig, Teil der Gesellschaft, wie wir ja schon festgestellt haben. Der Weg zum Besseren war allerdings mit einigen Fehltritten gepflastert. Und wesentlich Schlimmerem.

Was z.B. heute an medialem Höllenfeuer über einen Sebastian Bach (seinerzeit Skid Row) hereinbrechen würde, wenn er, wie in den seligen 80ern, ein Shirt mit dem Aufdruck “AIDS Kills Fags Dead” am Leib trüge, kann man sich wohl lebhaft vorstellen. Ja, damals, als das Internet und die sozialen Netzwerke noch nicht geboren waren…

Ein Axl Rose (Guns’n’Roses) könnte heute ebenfalls nicht mehr von der Öffentlichkeit weitestgehend ungestraft durch Los Angeles cruisen und, wie er unverblümt zugab, durch die heruntergelassene Seitenscheibe mutmaßlich schwulen Mitbürgern Beleidigungen an den Kopf werfen.

Auch nach der Ära von Miami Vice und Hair Metal wurden Totalausfälle in Sachen Toleranz öffentlich. Da gab es z.b. die Kontroverse um die Vergangenheit diverser Musiker von DragonForce. Die ohnehin nicht unumstrittene Power Metal-Band geriet ins mediale Kreuzfeuer, als unrühmliche Kapitel der Vergangenheit der Gitarristen Sam Totman und Herman Li ans Tageslicht kamen. Vor DragonForce waren Totman und Li in einer Band namens Demoniac aktiv. Die Band spielte Black Metal, tendierte später zum Power Metal.

Demoniac war kein nennenswerter Erfolg beschieden, und die Band wurde 1999 aufgelöst. Niemand hätte sich darum geschert, wenn die textlichen Arschbomben, die sich die Band leistete, nicht irgendwann (wieder-)entdeckt worden wären. Demoniac griffen in so ziemlich jedes denkbare verbale Klo, um es sehr vorsichtig auszudrücken. Einer der zahlreichen Tiefpunkte des „Schaffens“ von Demoniac bildete der Song „„Kill All the Faggots (Death Squad Anthem)“. Ist der Titel eigentlich schon brechreizerregend genug, gibt einem das Lesen des Songtextes – Vergewaltigung von „old fags“, Töten von „queer sluts“, um mal nur einen Punkt aufzugreifen – den Rest. Und das von den doch eigentlich so netten Herren, die man heute bei DragonForce findet?

Zwischenbemerkung: ich weiß, was der eine oder andere, mir persönlich bekannte Leser jetzt gerade denkt… dazu nur soviel: wer eine völlig überdrehte, im komödiantischen/satirischen/parodistischen Sinne vollkommen respektfreie Band wie Steel Panther todernst und deren Texte für bare Münze nimmt, sollte mal diversen Links zu Begriffsdefinitionen folgen: Satire, Parodie, Persiflage, Ironie, Komik  – oder auch Spinal Tap. Demoniac waren ein gänzlich anderer Fall, selbst wenn Sam Totman in den gleich folgenden Zitaten das „Spaß“-Argument ins Feld führt.

In einem Interview, geführt von Kim Kelly von noisey.vice.com, äußerte sich Sam Totman u.a. so:

Ich war damals 18 oder so. Im Prinzip haben wir Spaß gemacht. Wir haben einfach gedacht: „Oh, lass uns ein wenig Black Metal spielen“, da wir keine guten Sänger kannten, konnten wir nicht wirklich andere Musik als Black Metal oder Death Metal machen. […] Wir hatten ein paar merkwürdige Charaktere in der Band und jeder hat im Grunde seine eigenen Songs geschrieben, also habe ich mit den zwielichtigen Songs nichts zu tun. […] Es hat sich eh niemand für die Band interessiert. […] Um es einfach auszudrücken, es ging nur darum, herumzualbern und all dieses grenzwertige Zeug kam hauptsächlich von unserem alten Schlagzeuger. Es war nur Spaß und es ist ewig her, also ist es keine große Sache.“

Ob Totman nicht möglicherweise doch peinlichst berührt war und das Thema deshalb schnell abbürstete, wollen wir mal dahingestellt sein lassen. Jung, dumm und rücksichtslos? Kenne ich. War ich auch eine ganze Zeit über. Wir sind alle keine Heiligen. Und ich verstehe Spaß, auch derbsten (siehe Steel Panther). Es gibt allerdings für alles gewisse Grenzen. Sich einfach nur klipp und klar von Text gewordenem geistigen Abfall aller Art zu distanzieren, egal wie lange er zurückliegt und ungeachtet der Gründe für die Entstehung und Veröffentlichung besagten Abfalls, hätte Totmans Image zumindest in meinen Augen sicher nicht geschadet.

Wer sich für das komplette Interview mit Totman interessiert, das sich auch mit Demoniacs gesammelten geistigen Fehlleistungen abseits von Homophobie auseinandersetzt, findet es hier in voller Länge.

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Irritiert oft mit erzkonservativen Äußerungen: Dave Mustaine (Megadeth).

Harmloser, mit einer leichten Tendenz zum Albernen, mutete da der öffentlich ausgetragene Zoff an, den – und die Nennung dieses Namens überrascht nicht – Dave Mustaine (Megadeth) auslöste.

Mustaine, inzwischen für seine überaus konservative Geisteshaltung mindestens ebenso bekannt wie für seine Klasse als Musiker, antwortete auf die Interviewfrage, ob er die gleichgeschlechtliche Ehe unterstütze:

Da ich nicht schwul bin, lautet die Antwort: nein.“

Es wurde, etwas präziser, nachgefragt, ob er denn die gleichgeschlechtliche Ehe – gefragt wurde nach der Ehe zwischen zwei Männern – legalisieren würde.

Antwort:

Ich bin Christ. Daher lautet die Antwort nein.“

Mustaines Haltung zum Thema unterstütze ich eindeutig nicht. Aus meiner Sicht hat das „nein“ des Megadeth-Masterminds zur gleichgeschlechtlichen Ehe allerdings nichts mit seiner Tätigkeit als Musiker zu tun, und sie entspringt auch nicht einer etwaigen grundlegenden Geisteshaltung im Metal. Sie fußt auf der vor einigen Jahren von Mustaine angenommenen bzw. für sich entdeckten Religion, die er als wiedergeborener Christ praktiziert. Was man davon hält, bleibt jedem selbst überlassen – meine Tasse Tee ist Religion ganz allgemein aufgrund der oftmals durch Angehörige vieler Glaubensrichtungen vorgelebten Intoleranz und leider häufig festzustellenden Defiziten streng Gläubiger in Sachen offener Diskurs eindeutig nicht. Dass Mustaine sich nach seiner immer wieder von Drogen- und Alkoholproblemen überschatteten Vergangenheit einen Halt gesucht und ihn in einer religiösen Richtung gefunden hat – geschenkt. Bitte nicht falsch verstehen: es liegt mir fern, Mustaine und seine Grundhaltung verteidigen zu wollen – aber das Wesen der Musik, die Mustaine macht, ist nicht ursächlich für diese Haltung. Mustaine hat nicht etwa gesagt: „Ich spiele Metal. Daher lautet die Antwort nein“. Sein Argument war eindeutig: „Ich bin Christ.“ Was es natürlich nicht einen Deut besser oder weniger weltfremd macht.

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Eindeutig auch nicht ganz testosteronfrei: Greg Puciato (The Dillinger Escape Plan).

Etwas anderer Meinung war da offensichtlich Greg Puciato, seines Zeichens Sänger von The Dillinger Escape Plan, den Mustaines Äußerungen auf das Heftigste erzürnten. Puciato, selbst heterosexuell, aber liberal eingestellt, holzte über die Medien zurück:

„Testosteron-haltige Musik zu hören und den harten Kerl zu machen ist für Leute, die Probleme mit ihrer Männlichkeit haben, ein Weg, sich in ihrer Geschlechter-Rolle wohler zu fühlen.“

Puciato weiter:

Damit überspielen sie, dass bei ihrer Entwicklung vom Jungen zu Mann etwas schief gelaufen ist und sie eine Therapie brauchen.“

Autsch. Bei allem Unverständnis für Mustaine: das klang langsam nach „shitting where you eat“.

Homosexualität zu verstehen, ist eine der größten humanistischen Herausforderungen unserer Zeit.“

Das wiederum klang sehr weise. Volle Zustimmung meinerseits.

Puciato entblödete sich allerdings nicht, im Nachsatz noch folgendes zu Protokoll zu geben:

Ich hoffe, dass alle Homosexuellen-Gegner schwule Kinder bekommen.“

Okay, Mr. Puciato. You made your point. Stop right there.

So selbstverständlich, wie ich auch inzwischen bei fast jeder öffentlichen Äußerung Dave Mustaines, die nichts mit Musik zu tun hat, in den Fremdschäm-Modus schalte – die Reaktion Puciatos halte ich insgesamt für nur sehr unwesentlich reifer als die erzkonservative, engstirnige Einstellung Mustaines.

Und mal unter uns, Mr. Puciato – Schwulenfeindlichkeit und Homophobie sind Übel unserer Zeit, die bekämpft werden sollten. Da bin ich ganz bei Ihnen. Aber warum das unsachliche Gekeule gegen eine Musikform, die Sie selbst praktizieren, und warum Unterstellungen in Sachen Fehlentwicklung und Therapiebedürftigkeit in Bezug auf die ausführenden Musiker? Bei The Dillinger Escape Plan sind jedenfalls auch sehr deutliche Spuren von Testosteron in der Musik zu finden, und Sie spielen in Ihrer Funktion als ziemlich maskulin erscheinender Frontmann dieser Band auf der Bühne auch nicht unbedingt die Rolle des tiefenentspannten Softies. Ich schätze Ihre Band und Ihre Musik, Mr. Puciato. Trotzdem gilt auch für Sie: bitte durchatmen. Und Ihre letzte Anmerkung ist mindestens so albern wie die altbackene Haltung von Dave Mustaine.

Und wer jetzt bemängelt, ich würde mich doch zu sehr auf Mustaines Seite schlagen: siehe unten. Das genügt.

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Einen verkniffenen Mustaine und einen trotz guter Absichten teils ins Alberne abdriftenden Puciato kann man noch mit bloßem Kopfschütteln betrachten.

Nicht so einen wirklich erschreckenden Fall von Homophobie, nein: praktiziertem Schwulenhass, mit tödlichen Folgen, unter Beteiligung eines Mitglieds der Metal-Szene. Ja, auch das gab es. Traurige Berühmtheit erlangte der sogenannte Keillers Park-Mord.

Am 23. Juli 1997 wurde im Keillers Park in Göteborg, Schweden, die Leiche eines unbekannten Mannes gefunden. Der Mann starb durch zwei Pistolenschüsse. Der erste Schuss traf das Opfer in den Rücken und durchschlug das Herz, der zweite, und letztendlich tödliche, wurde in den Kopf abgefeuert, als der Mann bereits am Boden lag. Nach kurzer Zeit gelang der schwedischen Polizei die Identifizierung eines Tatverdächtigen und infolgedessen auch die des Opfers: es handelte sich um Josef ben Meddour, einen Algerier, der seit ca. 10 Jahren in Schweden lebte. Meddour war homosexuell und lebte dies auch offen aus.

Nachdem die Polizei in zwei falsche Richtungen ermittelt hatte – der feste Freund des Opfers stellte sich als unschuldig heraus, eine weitere Spur, die auf einen politisch motivierten Mord an Meddour durch die algerische, islamistische Organisation GIA hindeutete, entpuppte sich ebenfalls als falsche Fährte – erhielt sie im Dezember 1997 die entscheidenden Hinweise auf die wahren Täter.

Jon Nödtveidt, 22 Jahre alt, und ein Freund des Schweden, der in der Öffentlichkeit nur als Vlad bekannt wurde, Mitglied und Kopf der Misanthropic Luciferian Order, 20 Jahre alt, gestanden nach anfänglichen Unschuldsbekundungen den Mord an Josef ben Meddour.

Meddour traf auf seine späteren Mörder, als diese nach einer Zechtour durch das Stadtzentrum Göteborgs streiften. Ihr Weg führte sie an einem stadtbekannten Treffpunkt homosexueller Männer vorbei. Meddour sprach dort Jon Nödtveidt und Vlad von sich aus an – ihm waren die Kleidung und der Schmuck der beiden Männer aufgefallen, und Meddour erkundigte sich, ob Nödtveidt und Vlad Satanisten seien. Meddour gab an, mehr über Satanismus erfahren zu wollen.

Nödtveidt und Vlad wiesen Meddour zunächst zurück, gaben der Hartnäckigkeit des Mannes aber letztendlich nach und luden ihn ein, sie in Nödtveidts Wohnung zu begleiten. Auf dem Weg dorthin, so gab Nödtveidt zu Protokoll, machten „das Verhalten und die Sprechweise“ von Meddour deutlich, dass dieser homosexuell war. Diese Tatsache machte Vlad und Nödtveidt nach dessen Angaben „zornig“, und sie fühlten sich „beleidigt“. Meddour war die Situation bei Erreichen von Nödtveidts Wohnung nicht mehr geheuer, und er weigerte sich, die Wohnung zu betreten. Nödtveidt und Vlad schlugen Meddour vor, die Diskussion über Satanismus stattdessen im Keiller Park zu führen. Warum Meddour diesem Vorschlag trotz seiner bereits aufgekommenen Bedenken zustimmte, ist nicht bekannt.

Nödtveidt betrat, bevor die Gruppe sich auf den Weg zum Keiller Park machte, noch die Wohnung und nahm einen Elektroschocker (Taser) und seine Pistole, die letzendliche Mordwaffe, mit.

Im Keillers Park angekommen, versuchten Nödtveidt und Vlad, Meddour mit dem Taser außer Gefecht zu setzen. Meddour bemerkte dies vorzeitig und begann wegzurennen, der Fluchtversuch wurde jedoch vom ersten Schuss aus der Pistole, der Meddour in den Rücken traf, jäh beendet. Nödtveidt gab schließlich den zweiten Schuss in den Kopf des am Boden liegenden Meddour ab.

Jon Nödtveidt beging einen Mord aus Hass auf Homosexuelle.

Und Jon Nödtveidt war Leadgitarrist und Sänger der schwedischen Black Metal-Band Dissection.

Nödtveidt wurde zu 8 Jahren, Vlad zu 10 Jahren Haft verurteilt. Nach Einsprüchen gegen dieses Urteil von allen Beteiligten wurde Nödtveidt von der zuständigen Instanz ebenfalls zu 10 Jahren Haft verurteilt.

Sowohl Nödtveidt als auch Vlad wurden 2004, nach dem Absitzen von sieben Jahren Haft, entlassen.

Nödtveidt beging 2006, zwei Jahre nach seiner Haftentlassung, Selbstmord. Seine Leiche wurde in seiner Wohnung entdeckt, umgeben von einem Ring aus Kerzen und weiteren Hinweisen auf eine rituelle Selbsttötung. Nödtveidt hatte sich mit einem Kopfschuss selbst gerichtet. Einen Akt der Reue oder Verzweiflung sollte man darin allerdings nicht sehen. Nödtveidts Suizid geschah nach Aussage mehrerer seiner Bekannten aus in seinem Satanismus begründeten Überzeugungen.

Wie leitet man nach so einem Tiefpunkt über zum nächsten Aspekt unseres Oberthemas?

Während ich hier tippe, stelle ich fest, dass mir das alles andere als leicht fällt.

Kurz durchatmen, Pause, noch mal kurz nachdenken.

Natürlich darf man extreme Fälle wie Jon Nödtveidt nicht unter den Teppich kehren – was ich ja auch ganz bewusst nicht getan habe. Andererseits sollte man sich hüten, Rückschlüsse auf die gesamte Szene zu ziehen. Ich würde und werde noch nicht einmal den gesamten, sehr speziellen Teil der Szene, der für die mit Abstand meisten Kontroversen im Großraum Metal verantwortlich ist, die Black Metal-Szene, der auch Jon Nödtveidt angehörte, über einen Kamm scheren – obwohl es nicht die schwerste Übung wäre, tendenziöse und verallgemeinernde Blogposts zum Thema zu verfassen. Das werde ich allerdings nicht tun, so groß die Versuchung da auch sein mag.

Anm. d. Verf.: um den schon recht üppig bemessenen Rahmen dieses Posts nicht zu sprengen und der ohnehin von mir geplanten Auseinandersetzung mit besagten Ereignissen im Zusammenhang mit der Black Metal-Szene nicht vorzugreifen, beschränke ich mich hier auf die Geschichte um Jon Nödtveidt. Die Auswüchse im Black Metal – hier sei nur mal der Name Varg Vikernes als Stichwort erwähnt – werde ich in diesem Blog zu einem späteren Zeitpunkt noch ausführlich thematisieren.

Eine interessante Frage im Anschluss an die gerade erfolgte Aufzählung diverser Schandflecken und eines unverzeihlichen Gewaltaktes wäre: hat sich in der Metal-Szene etwas getan, um klar Stellung gegen Schwulenfeindlichkeit und Homophobie zu beziehen? Tut sich gegenwärtig etwas? Um klarzumachen, dass Menschen wie eben Jon Nödtveidt nicht exemplarisch für eine ganze Szene stehen?

Leider muss man im Großen und Ganzen sagen: es verhielt sich über weite Strecken leider so, wie es in der Metal-Szene relativ häufig zu beobachten ist – man tut sich oft unverständlich schwer, in kritischen sozialen und/oder politischen Fragen klar Stellung zu beziehen.

Metal-Kritiker merken immer wieder gerne an, dass real existierende Probleme im Metal gerne totgeschwiegen würden. So ganz ist diese These wohl nicht von der Hand zu weisen.

Allerdings geschah im Februar 1998, interessanterweise nicht lange nach dem homophob motivierten Mord in Göteborg, etwas, dass den abseits von Konzerten und Tonträgern so gerne schweigenden Metal aus seinem Dornröschenschlaf weckte.

Der Metal hatte nämlich seinen Thomas Hitzlsperger schon 16 Jahre vor dem Outing des deutschen Fußballers. Wobei der Mann, um den es ging, im Metal eine ungleich größere Bedeutung hatte als Hitzlsperger, bei allem Respekt vor dessen sportlichen Leistungen, im Fußball.

Eine Ikone, eine Galionsfigur, ein Symbol des Metal wagte nach Jahrzehnten den entscheidenden Schritt. Niemand geringerer als Rob Halford, weltberühmt geworden als Sänger von Judas Priest, „Metal God“, outete sich und bekannte sich öffentlich zu seiner Homosexualität.

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Vorreiter: Rob Halford war der erste Metal-Musiker, der sich als homosexuell outete.

Nicht nur die bekannten Szene-Organe, auch die Massenmedien stürzten sich auf die Meldung, wobei letztere beinahe unisono darauf hinwiesen, dass Halfords Bekenntnis in der Welt des Metal nicht nur ein bislang einmaliger, sondern auch ein außergewöhnlicher und mutiger Schritt sei, auf dessen Konsequenzen man gespannt sein dürfe.

Zudem war Rob Halford zum Zeitpunkt seines Outings gerade von Judas Priest getrennt und verfolgte eine Karriere abseits der Band, als dessen Frontmann er seine Legende in der Szene zementierte. Sowohl Fight als auch sein seinerzeit aktuelles Projekt 2wo waren eher überschaubar erfolgreich. Die Priest-Fans folgten Halford auf seinen neuen musikalischen Pfaden also nicht bedingungslos. Sie waren von der stilistisch vom puren Metal abweichenden Richtung, die Halford eingeschlagen hatte, alles andere als begeistert.

Und dann das Bekenntnis Halfords zur Homosexualität.

Ich denke, dass es stimmt, dass du, wenn du in der Musikwelt erfolgreich wirst, dich [als Homosexueller] noch mehr zurückziehst […] wegen der Phobie, die in der Rockmusik immer noch existiert. Du könntest einen Plattenvertrag verlieren, eine Fanbasis. Ein Coming Out ist für jeden Musiker wirklich schwierig”, so ließ Halford als Teil seines Statements verlauten.

War die Bastion des Machismo in den Grundfesten erschüttert? Fanden großangelegte Schmäh- und Hasskampagnen gegen Halford statt? War der Sänger vom Moment seines Outings an in der Metal-Szene geächtet?

Die Antwort auf diese Fragen, und das ist angenehm zu schreiben, lautet in allen Fällen: nein.

Der von vielen erwartete, teils wohl sogar sensationslüstern erhoffte Sturm der Entrüstung in der Metal-Szene blieb aus.

Klar, es gab natürlich auch unfreundliche Kommentare sowie hier und dort mehr oder wenige dumme Sprüche darüber, dass Priest-Songs wie „Turbo Lover“ nun in einem ganz anderen Licht gesehen werden müssten oder dass Halfords Bühnenoutfits ja eigentlich immer schon nahegelegt hätten, dass er „vom anderen Ufer“ sei. Wer Halfords Outing so oder ähnlich kommentierte, ahnte vermutlich gar nicht, dass er damit sachlich gar nicht so falsch lag – wie Halford selbst bestätigen sollte.

Im Großen und Ganzen aber darf man festhalten: das Maß an Akzeptanz, das Halford entgegengebracht wurde, war mehr als erfreulich. Der mit weitem Abstand größte Teil der Metal-Szene, die Fans ausdrücklich eingeschlossen, hatte kein Problem damit, dass sich der „Metal God“ zum Schwulsein bekannte.

Dieses Video hier gibt meiner Meinung nach sehr gut wieder, wie Halford sich äußerte und wie die Reaktionen der Öffentlichkeit und der Metal-Szene, und da nicht nur die der ausgewiesenen Priest-/Halford-Fans, seinerzeit aussahen.

Anm. d. Verf.: der Rechteinhaber hat das Ansehen dieses Videos auf Websites außerhalb von YouTube untersagt, deshalb solltet ihr bei Interesse dem nach Klick auf „Play“ erscheinenden Link zur entsprechenden YouTube-Seite folgen.

Fassen wir kurz zusammen:

Halford gibt im Interview selbst zu verstehen, dass ein großer Teil der Musikindustrie über seine sexuelle Orientierung durchaus im Bilde war. Zumindest für Szene-Insider war Halfords Homosexualität damit also eher ein offenes, nur eben in der Öffentlichkeit unausgesprochenes Geheimnis. Halford berichtet weiter, dass er – seinerzeit fast 47 Jahre alt – sich erst kurz vor dem entscheidenden Schritt bei dem Gedanken wohl fühlte, vor der breiten Öffentlichkeit, und damit auch den Fans, offen über seine Homosexualität zu sprechen.

Halford merkt an, dass es in der gesamten Musikwelt – also nicht nur im Metal – nach wie vor Intoleranz gegenüber Homosexuellen zu beklagen gäbe, aber dass er die Zeit einfach für gekommen hielt, und dass Homophobie im Metal nicht weiter verbreitet sei als in anderen Musikrichtungen.

Interessant auch sein Hinweis, dass der eine oder andere wohl tatsächlich überrascht wäre, wenn er sich alte Judas Priest-Alben und deren Texte nun, da an Halfords Sexualität keine Zweifel mehr bestünden, noch einmal genauer ansehen würde. Halford erläuterte hin, dass sich schon immer eine Menge Anspielungen und Metaphern auf seine sexuelle Orientierung in seinen Texten befunden hätten, die nun auch so verstanden werden könnten, wie sie gemeint waren.

Die im Video gezeigten Fan-Reaktionen spiegeln meiner Meinung nach den allgemeinen Tenor zum damaligen Zeitpunkt sehr gut wieder.

Wie man sieht, waren viele Fans von Halfords Bekenntnis zur Homosexualität nicht gerade überrascht. Um ganz ehrlich zu sein: ich war es seinerzeit auch nicht unbedingt.

Sehr erfreulich fand und finde ich, dass – und das war für die allgemeine Reaktion auf Halfords Outing durchaus repräsentativ – viele Fans betonten, dass sie Halford sowohl als Künstler und Szene-Vorreiter schätzen als auch als Mensch respektieren und dass die Tatsache, dass er schwul sei, daran nichts ändern würde – zumal viele Fans ja, wie gesagt, ohnehin nicht überrascht waren, von Halfords Bekenntnis zu hören.

Die heftigste von einem Metal-Fan im Video geäußerte Kritik richtet sich weder gegen Halfords Schwulsein an sich noch gegen das Outing – sondern gegen den von Halford dafür gewählten Zeitpunkt. Ausgerechnet kurz vor der Veröffentlichung eines neuen Albums („Voyeurs“ von Halfords damaliger Band 2wo stand damals kurz vor dem Release) für zusätzliches Medien-Ballyhoo zu sorgen, so ist es im Video zu sehen, wurde von einem Anrufer bei einer Radiostation als platter Marketing-Move gegeisselt. Diese Meinung vertrat seinerzeit übrigens nicht nur jener erzürnte Anrufer. „Warum hat er es nicht schon vor einem Jahr getan? Oder vor zwei Jahren? Warum jetzt?“ fragte sich der erboste Fan.

Wie schon kurz erwähnt, waren Halfords Projekte seit seiner Trennung von Judas Priest nicht sonderlich erfolgreich. Es gab tatsächlich vereinzelte Stimmen, die Halfords Outing nicht als mögliches Risiko für dessen Karriere sahen, sondern, im Gegenteil, als den Versuch, mit einem medienwirksamen Schachzug die Albumverkäufe von 2wo anzukurbeln. Sollte da zumindest ein leiser Hintergedanke bei Halford vorhanden gewesen sein: er trug keine Früchte. 2wo waren weder vor noch nach dem Outing besonderer kommerzieller Erfolg beschieden.

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Rob Halford zeigte sich speziell in den frühen 80ern gerne so. Noch wusste niemand wirklich, wo Halford seine Outfits einkaufte.

Recht realistisch einschätzend antwortete ein Fan auf die Frage, ob die Reaktionen wohl negativer ausgefallen wären, wenn Halford sich schon auf dem Höhepunkt des Erfolges mit Judas Priest, Anfang der 80er Jahre, zum Schwulsein bekannt hätte, dass dies zum damaligen Zeitpunkt wahrscheinlich das Schlechteste gewesen wäre, was Halford hätte tun können, und dass die Akzeptanz von Homosexualität in der Gesellschaft seitdem zugenommen hätte.

Auch interessant: einer der befragten Fans hatte kein Problem damit, seine eigene Homosexualität vor der Kamera zu thematisieren – und er vergaß nicht zu erwähnen, dass keiner seiner der Metal-Szene zugehörigen Freunde jemals ein Problem mit seiner sexuellen Orientierung hatte.

Grinsen muss ich irgendwie noch heute bei folgendem, vom Moderator der Sendung im Video zitierte Statement eines Fans:

Who cares if he’s gay? If he would have sung on the new Judas Priest record, maybe it wouldn’t have sucked!“

Anm. d. Verf.: wie bereits erwähnt, war Halford zum Zeitpunkt seines Outings von Judas Priest getrennt. An Halfords Stelle sang der junge Tim „Ripper“ Owens bei Priest, der den „Metal God“ aber in den Augen der Fans nie adäquat ersetzen konnte. Als Halford sich outete, war das Priest-Album „Jugulator“, das erste von letztendlich nur zwei Alben mit Owens am Gesang, gerade aktuell und Gegenstand teils heftiger Kritik seitens der Priest-Fans.

Rob Halford gibt heute übrigens gerne und ziemlich amüsiert zu Protokoll, dass es eine wunderbare Ironie sei, dass der für die frühen, klassischen Heavy Metal-Bands so typische Look, bestehend aus viel Leder, Ketten und Nieten, der stets als so machohaft und martialisch betrachtet wurde und den Halford bei Judas Priest quasi in die Szene einführte, seinen Ursprung ausgerechnet in Halfords Homosexualität hatte. Halford berichtete, dass er in den 70ern und 80ern, als er sein Schwulsein noch gekonnt verbergen musste, Stammkunde in diversen SM-Läden war – „Läden mit sehr schmalen Türschlitzen, am Ende von sehr engen Gassen, von denen nur Eingeweihte wussten, dass sie existierten.“ Dort kaufte er auch seine Bühnenoutfits ein, die schon bald von einem großen Teil der Szene als „Uniform“ übernommen wurden. Irony, indeed. 😉

 

Halten wir also fest: das Bekenntnis zum Schwulsein hat der Karriere von Rob Halford, einer Ikone des Macho-Betriebs Metal, keinen Abbruch getan. Gänzlich problemlos lief das Outing zwar nicht ab, wie Halford auch heute auf Nachfrage bestätigt, aber das Echo war innerhalb wie außerhalb der Metal-Szene insgesamt ermutigend und erfreulich tolerant.

Halfords Ansehen als Mensch, Künstler und auch als Galionsfigur des Metal blieb unangetastet. Seine Rückkehr zu Judas Priest im Jahre 2003 wurde nicht nur von altgedienten Fans umjubelt, und auch jetzt, im fortgeschrittenen Rocker-Alter von stolzen 64 Jahren und als bekennender Homosexueller, ist der Name „Rob Halford“ immer noch praktisch ein Synonym für Metal.

Wende zum Besseren damit schon vor Jahren geglückt? Also alles gut? Wie sah die Metal-Landschaft nun nach Halfords Outing aus? Hatte sich etwas verändert?

Wie auch im Fußball nach dem Outing von Thomas Hitzlsperger blieb im Metal nach Rob Halfords offengelegter Homosexualität eine mögliche Welle von weiteren Bekenntnissen zum Schwulsein in der Metalszene aus. Die Reaktionen im Fall von Sängerin Otep Shamaya von der Band Otep, die sich 2005 als lesbisch outete und daraufhin Morddrohungen erhielt, wirkten mit Sicherheit alles andere als ermutigend auf homosexuelle Musiker und Musikerinnen aus dem Bereich Metal. Selbst das positive Beispiel Rob Halford konnte da offenbar nicht entgegenwirken. Ob der Gedanke eine Rolle spielte, dass Rob Halford möglicherweise als arrivierter und hochangesehener, teils idealisierter Musiker von vorneherein mit mehr Toleranz und Akzeptanz rechnen durfte als ein weniger prominenter Vertreter der Szene (oder, wie im Falle Otep Shamaya, eine Vertreterin) – wer weiß.

Wie z.B. im Fußball gilt auch hier: bei einem für realistisch gehaltenen Anteil an homosexuellen Menschen beiderlei Geschlechts an der Weltbevölkerung von rund 7% ist es statistisch gesehen nicht von der Hand zu weisen, dass es im Metal mehr homosexuelle Fans, Musiker und auch Musikerinnen geben muss als Rob Halford oder Otep Shamaya.

Nichtsdestotrotz hörte man aus der Metal-Szene, wie so oft, lange Zeit quasi nichts Bemerkenswertes zum Thema.

Erst 2014 horchte die Metal-Gemeinde wieder auf, als sich Sänger/Gitarrist Paul Masvidal und Drummer Sean Reinert, beide bei Cynic aktiv, gleich im Doppelpack als homosexuell outeten.

Mal am Rande: beide Musiker waren vor der Gründung der progressiven Cynic übrigens u.a. bei Death aktiv – also im ganz harten Bereich des Metal. Ihr erinnert euch noch an meine eingangs gemachten Äußerungen zu den Klischees vom „weichen“, „femininen“ Homosexuellen?

Während Paul Masvidal, 43, seine Homosexualität bereits 1991 zumindest im Familienkreis offenbarte, lag der Fall bei Sean Reinert, 42, anders.

„Meine Klischeevorstellung vom Schwulsein war ursprünglich, Kleidchen und Tank-Tops zu tragen. Ich kannte keine männlichen Vorbilder aus der Metalszene, die homosexuell waren“, so Reinert.

„Paul & Sean of CYNIC, Paris 2010“ von V.CHASSAT - Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Paul_%26_Sean_of_CYNIC,_Paris_2010.jpg#/media/File:Paul_%26_Sean_of_CYNIC,_Paris_2010.jpg

Outeten sich 2014: Sean Reinert (lks.) und Paul Masvidal (Cynic). Foto: V. Chassat.

Bevor Rob Halford sich 1998 outete, gab es für einen schwulen Metal-Musiker tatsächlich kein Vorbild. Masvidal und Reinert fühlten sich in den frühen 90ern praktisch allein auf weiter Flur und haben unschöne Erinnerungen an ihre erste landesweite US-Tour mit Cynic.

Cynic waren als Support für Cannibal Corpse unterwegs – praktisch für Superstars des Death Metal. Cynic hatten mit ihrer auch ohne öffentliches Bekenntnis zum Schwulsein seitens Masvidal und Reinert ohnehin schon von Macho-Attitüden befreiten Bühnenpräsenz einen enorm schweren Stand bei den Fans des Hauptacts. Masvidal bezeichnet diese Tour sogar als „traumatisch“ für die Band.

In Richtung der Band fliegende Flaschen, schwulenfeindliche Sprüche aus dem Publikum, klare „Verschwindet von der Bühne!“-Rufe. Die frühen Neunziger waren offenbar in weiten Teilen nicht reif für eine „andere“ Band wie Cynic, obwohl Masvidals und Reinerts Outing noch gar nicht erfolgt war.

Es war unsere erste größere Tour, und alles was ich dachte war: wir gehören hier nicht hin“, so Masvidal.

Weder Masvidal noch Reinert – die im Übrigen angeben, sexuell nie aneinander interessiert gewesen zu sein – waren seinerzeit bereit, ihre Homosexualität öffentlich zu machen, was nach den auf Tour gemachten Erfahrungen nicht weiter überrascht. Der innere Konflikt und die Ablehnung der Band durch viele Metal-Fans – so jedenfalls der Eindruck der Tour – führten 1994 dazu, dass Cynic sich auflösten.

Masvidal und Reinert verfolgten jeweils eigene Projekte. Cynic waren Geschichte. Und Masvidal und Reinert waren immer noch „undercover“, was ihre Sexualität anging.

Dass 2006 doch eine Reunion stattfand, war zum einen einer Flut von E-Mails junger Metal Fans zu verdanken, die Cynic gehört hatten und nach einer Reunion riefen. Zum anderen stellten Masvidal und Reinert fest, dass Cynic deutlich mehr Metal-Musiker und Bands beeinflusst und ein wesentlich besseres Standing hatten, als ihnen bis dahin bewusst war. Bands nannten Cynics „Focus“-Album einen Meilenstein, Musiker wie Drummer Tomas Haake von Meshuggah lobten die Band und ihre „andere“ Herangehensweise an Metal, wie z.B. die Jazz-Einflüsse, in höchsten Tönen.

Masvidal und Reinert stellten fest: es hatte sich etwas verändert. Und: ihr musikalisches Schaffen erfuhr, wenn auch mit Verzögerung, höchste Anerkennung. Die Folge: Cynic reformierten sich und feierten ihr Comeback beim französischen Hellfest 2006. Und es funktionierte. Und das blendend.

Meine letzte Erinnerung in Bezug auf diese Band waren Leute, die uns zubrüllten, wir sollten von der Bühne verschwinden. Jetzt zu hören, wie tausende von Menschen unsere Texte mitsingen, war eine wirklich emotionale Angelegenheit“, so Masvidal.

Die musikalische Karriere von Cynic ging also unverhofft weiter, besser: sie begann erst richtig. Seit der Reunion sind die Alben „Traced In Air“ (2008) und „Kindly Bent To Free Us“ (2014) erschienen.

 

Der Schritt zum Outing war aber immer noch nicht vollzogen, obwohl Fans und Journaille bereits in der Vergangenheit die Sexualität von Reinert und Masvidal hinterfragten.

Reinert erinnert sich: „Ich hatte ein Date mit diesem furchtbaren Typen, der dann freundlicherweise darüber in seinem Blog schrieb. Über Jahre war es so, dass beim googeln meines Namens direkt nach „Sean Reinert Drummer“ schon „Sean Reinert Gay“ vorgeschlagen wurde.“

Dass sich Reinert und Masvidal letztendlich doch zum Outing entschlossen, lag nicht zuletzt daran, dass sie eine Veränderung in der Szene feststellten – gerade unter den Fans. Sie hielten es für möglich, Zeugen des Beginns einer Art neuer Ära im Metal zu werden. „Die Bandbreite ist jetzt viel größer, die Fans sind so viel offener und experimentierfreudiger“, so Reinert. Und damit ist nicht nur die Einstellung zur Musik gemeint.

Masvidal und Reinert streiten nicht ab, auch nach dem erfolgten Outing noch Bedenken gehabt zu haben, was die Reaktionen der Öffentlichkeit anging. Aber, so Masvidal, „wichtig ist für uns, aufrichtig zu sein.“

Hasskampagnen oder über das traurigerweise übliche Maß an abfälligen Kommentaren an den üblichen Stellen hinausgehende Negativreaktionen ernteten Cynic nach dem Outing jedenfalls nicht. Kürzlich aufgekommenen Auflösungsgerüchten zum Trotze, befinden sich Cynic zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Blogbeitrags auf Tour durch Japan.

Auch wenn der Metal wahrscheinlich nie der Musikbereich sein wird, in dem sich die meisten politischen und sozialen Aktivisten tummeln – so langsam aber sicher traut man sich auch bei „uns“, tatsächlich auch einmal öffentlich Stellung zu beziehen.

Aktuell ist zu vermelden, dass Bands wie Anthrax, Kiss und (sieh an) Guns’n’Roses und auch Einzelmusiker aus der Metal-Szene wie Nikki Sixx (Mötley Crüe) aktiv an der NoH8 Campaign teilnehmen, die sich für sexuelle Gleichberechtigung und die Legalisierung homosexueller Ehe einsetzt. Es geht also doch. Wenn auch langsam und in kleinen Schritten.

Der Metal scheint tatsächlich langsam reifer zu werden. Als (selbst auch oft ungeliebter) Teil der Gesellschaft, der er nun mal ist, wäre alles andere auch mehr als beklagenswert. Umdenken ist stets ein langwieriger Prozess. Aber er findet offenbar statt. Erfreulicherweise nicht nur, aber eben auch im Machobetrieb Metal.

Was sagte eigentlich Rob Halford, als Vorreiter der Szene, zum Outing von Masvidal und Reinert? Im Interview mit Terrorizer äußerte sich Halford nicht nur dazu, sondern noch einmal zur allgemeinen Großwetterlage:

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Rob Halford sieht positive Tendenzen. Der „Metal God“ muss es schließlich wissen.

Es gibt Homophobie im Metal, es gibt Homophobie in ALLEN Bereichen der Musik, aber im Großen und Ganzen akzeptieren Metalheads einander – weil wir wissen, dass wir alle eine Menge Dresche bekommen. Viele Leute mögen uns nicht, sie mögen unsere Musik nicht, sie mögen nicht, wie wir aussehen.

Dass diese beiden [Paul Masvidal und Sean Reinert von Cynic, Anm. d. Verf.] dieses Statement abgegeben haben – es ist absolut brilliant. Ist es nicht beschissen, dass man sich im Jahre 2014 immer noch Sorgen darüber machen muss? […] Aber das macht dir die Dummheit klar, die immer noch in der Welt herrscht.

Gott schütze sie [Masvidal und Reinert, Anm. d. Verf.]. Ich weiss, wie es ist, aus der Deckung zu kommen. Es ist das beste Gefühl der Welt. Sei ehrlich dir selbst gegenüber, leb‘ dein Leben, versteck‘ dich nicht. Nichts wird dich verletzen, du kannst dich höchstens selbst verletzen. Die Menschen, die dich wirklich lieben, werden dich bedingungslos lieben.“

Halford weiter:

Es ist eine großartige Zeit, um darin zu leben, was Akzeptanz und Toleranz angeht. Ich habe eine Wohnung in Amsterdam, und für die Holländer ist das [Homosexualität, Anm. d. Verf.] gar kein Thema.[…]Du kannst einfach der sein, der du bist. Ich hoffe, es wird eines Tages anderswo ebenso sein.“

Homophobie in allen Bereichen der Musik – es wartet also nicht nur auf den Metal noch eine Menge Arbeit.

Sean Reinert: „Schwule Menschen sind überall, in jedem Job, in jeder Art von Musik, und das waren wir auch immer.“

Ich kann mir irgendwie nicht verkneifen, mir vorzustellen, wie es wohl wäre, würde sich in einer weiteren Hochburg des Machismo, die alles andere als homophobiefrei ist, einer der Topstars der Szene als homosexuell outen. Ein hochrangiger Gangsta-Rapper, der den Halford macht? Wäre das Echo überhaupt vorstellbar? Oder wären wir alle von den Reaktionen ähnlich überrascht wie im Falle des „Metal God“? Wie würden andere Musiker aus der Szene damit umgehen, zumal gegenseitiger Diss im Rap/Hip Hop ja praktisch zur Kultur gehört?

Aber ich will hier nicht weiter darüber spekulieren. War nur so ein Gedanke. Ich stehe der Rap-/Hip Hop-Szene dazu auch einfach nicht nahe genug und bleibe lieber bei meinen Leisten. Also schleunigst wieder zurück zum Metal. Und so langsam Richtung Abschluss dieses Posts.

Ich hätte auch Rob Halford das Schlussplädoyer überlassen können, aber da dies hier immer noch ein persönlicher Blog ist, sollte das, bei allem Respekt vor dem „Metal God“, dann wohl doch eher mein Job sein. 😉

Wie ich ja schon betont habe, ist Homophobie ein Problem der gesamten Gesellschaft – nicht nur das bestimmter Gruppierungen. Wie sich herausgestellt hat, sehe nicht nur ich das so.

Als Metal-Fan, der nebenbei auch selbst als frittengabelschwingender Sänger aktiv war und auch noch ist, Fußballfan und obendrein noch Gamer gehöre ich allerdings gleich drei (genau genommen vier) Gruppierungen an, die unter besonderer Beobachtung stehen, wenn es um Intoleranz geht. Ich beobachte mich mal selbst:

Ich bin heterosexuell. Ich kenne homosexuelle Menschen beiderlei Geschlechts. Und mit deren Sexualität hatte ich niemals auch nur den Ansatz eines Problems. Ich bin nicht religiös und daher auch frei von Vorurteilen oder Ansichten, die von einem wie auch immer gearteten Glauben herrühren könnten.

Ich bin nicht homophob. Ich könnte mir dafür nun auf die Schulter klopfen. Werde ich aber nicht. Denn bei allen Bestrebungen, Rücksicht zu nehmen und Toleranz nicht nur zu predigen, sondern auch zu leben – ich tauge nicht als Vorbild.

Habe ich schon einmal, in rein heterosexueller Gesellschaft, trotz meiner Grundhaltung, dumme Sprüche über Homosexualität geklopft? Ja. Blöde Witze gerissen? Ja, auch das. Das nicht zuzugeben wäre Heuchelei. Und ich verabscheue Heuchelei.

Ich gebe zu, dass ich keinen Deut „besser“ bin als andere Menschen, in deren Sprachgebrauch sich Wörter eingenistet haben und auch zum Einsatz kommen, über deren diskriminierende, eigentliche Bedeutung nicht mehr nachgedacht wird. Obwohl ich Menschen nicht nach ihren sexuellen Vorlieben bewerte. Und sie keinesfalls weniger wertschätze, wenn diese Vorlieben sich nicht mit meinen eigenen decken.

Aber ich mache, speziell im Affekt, im Sprachgebrauch manchmal Fehler.

Deshalb, auch an alle Mit-Verbalentgleiser – ich hoffe für uns alle, dass wir irgendwann das nötige Maß an Reife erlangen, das uns erlaubt, unser Vokabular so zu erweitern, dass wir unserer Meinung unmissverständlich Ausdruck verleihen können, ohne Mitmenschen zu diskriminieren oder zu beleidigen, die wir nicht diskriminieren oder beleidigen wollen.

Es ist und bleibt wichtig, offen zu sagen, was wir denken. Darauf zu achten, wie man etwas sagt, schadet allerdings nicht. Da ist auch bei mir noch einiges an Luft nach oben.

Wenn ich mich als Mitglied einer bestimmten Gruppierung zu erkennen gebe – sei es als Metalhead z.B. durch das Tragen eines Band-Shirts oder als Fußballfan durch das Tragen eines Trikots „meines“ Vereins– muss mir klar sein: leiste ich mir einen verbalen oder sonstigen Fehltritt als eindeutig zu identifizierendes Mitglied einer bestimmten Gruppe, nehme ich in Kauf, dass das auf die ganze Gruppe zurückfallen kann.

Als Metalheads können wir uns da weder raushalten noch erwarten, dass uns Extrawürste gebraten werden – gerade wir nicht, die wir nach wie vor oft genug besonders argwöhnisch beäugt werden (was wiederum auch einiges über das immer noch vorhandene allgemeine Defizit an Offenheit, Aufgeklärtheit und Toleranz in unserer Zeit aussagt, aber das steht auf einem anderen Blatt).

Wir, als Metalheads, geben gerne zu verstehen, dass wir unsere Musik nicht zuletzt als Sprachrohr, Ablassventil und Zufluchtsmöglichkeit für die Missverstandenen, Ausgestoßenen und am Rande der Gesellschaft stehenden betrachten, als Musik für diejenigen unter uns, die „anders“ sind, die anders ticken und nur allzu oft aufgrund ihres Andersseins diskriminiert werden. Oft genug verhalten wir uns nicht dementsprechend. Denn wir sind fehlbar, weil wir eben auch nur Menschen sind. Ich habe mich da ja bereits ausdrücklich mit eingeschlossen. Das nimmt uns aber nicht aus der Verantwortung.

Ich bin selbst schon diskriminiert worden. Für „anderes“ Denken, für „anderes“ Fühlen, für „andere“ Verhaltensweisen. Und auch dafür, dass ich Metal höre. Auch für mich war der Metal über die letzten drei Jahrzehnte nicht zuletzt eine Zuflucht, eine Trutzburg, in der sich Menschen aufhielten, denen es ähnlich wie mir erging und in der ich mich verstanden fühlte. Ich bin da ganz bei Rob Halford: allen internen Zwistigkeiten zum Trotze, die es in jeder Gruppierung gibt, existiert ein generelles Verständnis unter den Metalheads, ein Gemeinschaftsgefühl, getragen von „unserer“ Musik. Dieses Gefühl ist eines der Dinge, die ich am Metal besonders liebe.

Also, Metalheads – sorgen wir dafür, das dieses Gefühl, das den Metal eben auch ausmacht, nicht nur einmal im Jahr bei einem ziemlich berühmten großen Festival auf einem gewissen Feld in Schleswig-Holstein an die Öffentlichkeit kommt. Lasst uns immer auch kritisch auf uns selbst schauen und uns an die eigene Nase fassen. Und lasst uns das, was wir predigen und was wir so gerne als Wesen der Szene ansehen, auch vorleben. Nicht nur, aber eben auch, wenn es um Toleranz gegenüber Homosexuellen geht, innerhalb wie außerhalb unserer Szene.

In letzter Zeit schlagen wir uns nicht schlecht. Die dunklen, teilweise tiefschwarzen, Flecken der Intoleranz auf der Vergangenheit, nicht nur auf unserer eigenen, sollten genau das bleiben – Vergangenheit. Ich habe das Gefühl, wir sind inzwischen auf einem guten Weg.

Ganz zum Schluss aber noch ein bisschen metallische Wut:

Was sich der Betreiber des Anti-Metal-Blogs „stopmetal.de“ an homophobem Hirnschiss zum Thema „Metal und Homosexualität“ herausnahm, nicht nur in Sachen Rob Halford, ging auf keine Kuhhaut. Ich bin bei der Recherche für diesen Post darüber gestolpert und war entsetzt. Ich werde hier bewusst NICHT auf diesen Dreck verlinken, nur mal mit der Frittengabel der rechten und dem Mittelfinger der linken Hand darauf zeigen – und Judas Priests „Painkiller“ auflegen. Ich glaube, gerade jetzt wäre es mal wieder an der Zeit.

SCREEEEEEEEAAAAAAM on, Rob!

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  3 Kommentare zu “Homophob, aber „Hell Bent For Leather“?”

  1.  

    Ui krasses Thema weil du dich der Gefahr aussetzt von den homophoben übelst Stoff zu kriegen. Finds aber gut auch dass du den Keiler Park erwähnst was ja echt ein schlimmer Schlag war. Schliesse mich deiner Meinung an das wir Metalheads „anders“ artige Leute unterstützen sollten da wir auch ne Minderheit sind. Wenn du noch mehr so Artikel vorhast ich steh dahinter. Abo läuft. cheers headcrab76

  2.  

    Danke für das Lob, headcrab76. Klar ist das ein Thema, bei dem ich selbst mit Beschimpfungen rechnen muss – und mit welcher Art ist auch vorhersehbar. Wenn sich tatsächlich jemand hierhin verirrt und sich unbedingt als der intolerante Pfosten enttarnen möchte, der er ist, dann bitte.

    Danke für’s Abo – jetzt seid ihr schon zu zweit! 😉

  3.  

    uff, viel Lesestoff, und ich bin ja ein bisschen metal-unterbelichtet. aber alle Achtung! würde es sofort teilen, wenn ich auf FB wäre… wie lang hast du gebraucht bis es fertig war? du hast dich wirklich mit dem Thema auseinandergesetzt und ich bin da zwar nicht so drin, aber ich glaube nicht jeder blogger der ausgerechnet über metal schreibt und dazu noch hetero ist hätte sich das so zugetraut.

    weitermachen! dran denken Arne, ich hab ein Abo!!! 😉

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