Sep 082015
 

mann_ueber_wort_metal_iconVorwurf: „Thrash Metal, Speed Metal, Dingsbums Metal – bei Metalheads herrscht totales Schubladendenken!“

Antwort: Nö. Da findet Kategorisierung statt, Freunde. Und EUER Hirn macht das übrigens auch.

„Hey Arne. Mal ’ne Frage: was ist eigentlich Post Grunge Sour Fuzz Rock?“ – „Hä???“

„Und was ist Thrash Metal?“ – „Slayer.“

So einfach kann es sein. Band: Slayer. Kategorie: Thrash Metal. Slayer selbst würden es mir nicht übelnehmen und mich nicht als Schubladendenker brandmarken. Schließlich gehören Tom Araya & Co. zu den Bands, die maßgeblich daran beteiligt waren, dieses Metal-Subgenre zu definieren. Und Slayer spielen heute noch genau das: Thrash Metal. Ohne wenn und aber. Die Band gehört eindeutig in eine ganz bestimmte Kategorie. Das soll vorkommen.

Der Drang, Dinge unbedingt kategorisieren zu müssen, ist ein Teil der menschlichen Natur. Besser: der Arbeitsweise unseres Gehirns. Kategorisierung erfolgt automatisch und unbewusst. Wissen muss schliesslich organisiert werden, weil unsere Köpfe ansonsten voller wüstem Datenmüll wären. Kategorien schaffen also, einfach ausgedrückt, Ordnung im Kopf. Steffen Günther, du als Kopf-Experte darfst mir da gerne widersprechen, sollte ich falsch liegen.

Wir können uns natürlich gegen allzu engstirniges Denken wehren. Das sollten wir sogar. Glücklicherweise sind wir dabei manchmal sogar erfolgreich. Die Welt sähe sonst auch noch übler aus, als das ohnehin schon der Fall ist. Kategorisierung findet aber unweigerlich trotzdem statt – wie schon gesagt, automatisch und unbewusst.

Okay, aber was ist jetzt mit dem Schubladendenken, dessen die Metal-Szene im allgemeinen oft beschuldigt wird?

Laut Duden bedeutet Schubladendenken „an starren Kategorien orientierte, undifferenzierte, engstirnige Denkweise“. Das heisst, beim Schubladendenken wird vorurteilsbehaftet abgeurteilt, anhand bereits vorhandener, festgefahrener Kategorisierungen. Genaue Prüfung von Fakten und Umständen oder gar das Erstellen einer neuen Kategorie mit neuen Bewertungsgrundlagen interessieren einen Schubladendenker nicht die Bohne. Schublade auf, Sache rein, Schublade zu, keine Chance auf Bewährung. Wir sind uns wohl alle der Tatsache bewusst, dass das nicht nur in Sachen Musik so läuft – leider. Aber bleiben wir beim Thema.

Wenn die Metal-Szene also ihre Musik in zahlreiche Subgenres unterteilt, hat das nichts mit Schubladendenken zu tun, sondern lediglich mit Kategorisierung. Ist also praktisch Natur pur. Thrash als Subgenre z.B. gab es in den Anfangszeiten des Metal nicht. Irgendwann spielten Bands wie die ganz (!) frühen (!) Metallica (das Debutalbum „Kill ‚em all“ wird allgemein als erstes richtiges Thrash-Metal-Album bezeichnet), Slayer, Exodus oder Anthrax aber in einem bis dahin so noch nicht dagewesenen Stil, der sich vom Rest der metallischen Musik deutlich unterschied. Also: neue Kategorie. Das neue Kind brauchte einen Namen: Thrash Metal (engl. to thrash; „dreschen“, „prügeln“, „verprügeln“), aufgrund der seinerzeit extrem schnellen und aggressiven Spielart, die diese Bands an den Tag legten.

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Vor dem Superstardom: Metallica in der Debutalbum-Besetzung.

Und so ging es mit allen Subgenres, die da noch folgen sollten. Es wurde also mit neuen Strömungen und stilistischen Entwicklungen im Metal differenziert umgegangen. Sortieren von neuen Daten eben. Ordnung im Kopf. Wenn man es komplett durch die metallische Vereinsbrille betrachtet, zeigte das Anwachsen der Zahl der Subgenres des Metal auch auf, dass sich in dieser Musikrichtung in kreativer Hinsicht etwas bewegte und kontinuierlich Neues entstand.

Das ist allerdings zugegebenermaßen schon ein paar Tage her. Heutzutage treibt der natürliche Drang zur Kategorisierung von Musik manchmal sehr seltsame Blüten – nämlich dann, wenn sich herausstellt, dass Musik stilistisch oft schwer greifbar sein kann, weil sie Genregrenzen einfach wegwischt und teils sogar scheinbar unvereinbare Stile, oft auch eher subtil, miteinander verschmelzen lässt.

Die Tatsache, dass es in diesen Tagen an wirklichen Innovationen in der Musik mangelt, in dieser Hinsicht wohl auch nicht mehr allzuviel zu erwarten ist und das Kombinieren bereits bekannter Stilelemente verschiedener Musikrichtungen ein beliebter Ausweg aus dem kreativen Loch ist (nicht wenige behaupten, es wäre sogar der einzige, der noch übrigbleibt), scheint insbesondere selig bekiffte Musikredakteure, hilflose Promoter oder übereifrige Streamingdienst-Mitarbeiter zu überfordern.

Diese nerven mich dann gerne mit Wortungetümen wie „Post Grunge Acid Punk Folk“, „Neo Pop Grind Jazz“ oder „Adult Shock Post-Semi-Fusion Rock“, unter denen sich selbst Sachverständige kaum noch etwas vorstellen können (oder wollen).

Auch in Bezug auf Metal gibt es ähnliche Körperverletzungen in Lettern. Neulich musste ich „Post Thrash Neocore Crustfunk Metal“ lesen. Äh, wie meinen?

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Mir persönlich wird bei sprachlichen Kopfschüssen wie den obenstehenden inzwischen einfach nur noch schlecht. Das Bedürfnis, musikalischen Output, der eben nicht so einfach zu kategorisieren ist wie z.b. „Slayer = Thrash Metal“, in irgendeinen verbalen Rahmen zu quetschen – und sei er noch so absurd – geht mir inzwischen ziemlich auf den Teebeutel.

Es gibt eine ganz einfache Methode, mit der ich Musik inzwischen für mich persönlich kategorisiere. Es gibt für mich nach der unabdingbaren Grundvoraussetzung „rockt“ eigentlich eh nur noch zwei entscheidende Kategorien: „Find‘ ich gut“ oder „Find‘ ich nicht gut“. Oder auch „Kickt mich“ oder „Kickt mich nicht“. Wie ich feststelle, in welche der beiden ein Song für mich gehört? Ich höre ihn mir an. Und lasse ihn auf mich wirken. Eine inzwischen sehr bewährte Vorgehensweise.

Qualifiziert mich das als Metalhead eigentlich schon ab? Und wie gehen Metaller eigentlich mit ihren ganzen schönen Kategorien um? Fragen zum Thema (In-)Toleranz also…

…die uns direkt zum nächsten Blogpost „Die Saga vom Scheuklappen-Metalhead“ führen.

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