Sep 302015
 

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Oh, Mist. Da sitze ich am Rechner und versuche, einen der seit Wochen als Entwurf unfertig auf dem Server herumliegenden Blog-Beiträge fertigzustellen, und eigentlich fließt es ganz flott vom Kopf über die Finger in die Tasten.

Dann plötzlich tritt jemand auf die mentale Bremse, und der eigentlich locker-flockige Beitrag für die „Restmüll“-Kategorie wird erneut auf halbem Weg zur finalen Version gestoppt. So wie neulich schon der Gaming-Blog-Beitrag. Und der eigentliche Auftakt zum „Ballad of Johnny Crock“-Single-Blog. Und der neue Schwermetall-Beitrag. Nichts wurde fertig. Und dieses eigentlich so simple Comedy-Ding über nervtötende Menschen beim Einkaufen, das ich heute raushauen wollte, steckt jetzt ebenfalls fest.

Er war das. Er ist wieder am Werk. Er nervt mich mit seiner Anwesenheit. Aber ich kann ihn auch nicht einfach vor die Tür setzen. Auch wenn ich jetzt, in diesem Moment, nichts lieber täte.

Er übernimmt das Ruder. Wo gerade noch völliges Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten für erfreulichen Wortfluss sorgte, hemmt er jetzt meinen Fortschritt mit einem Gedanken-Dauerfeuer, das, richtig genutzt, vielleicht sogar produktiv sein könnte. Ist es aber nicht. Es überlädt mein neuronales Netz bis weit über den Anschlag hinaus. Er war, wie man fairerweise sagen muss, schon oft eine große Hilfe beim Schreiben. Und nicht nur da. Seit einiger Zeit ist er allerdings eine üble Betriebsbremse. Leider ebenfalls nicht nur beim Schreiben.

Furchtbar, diese Grübelei.

Soll ich vielleicht…? Oder besser doch…? Oder wie wäre es mit…? Oder andererseits könnte man auch… aber was denkt dann… ach… ich kann mich nicht entscheiden. Abbrechen, als Entwurf speichern, ausloggen. „Vielleicht wird’s morgen fertig, wenn wir alles wirklich genau durchdacht haben, das ist auch noch früh genug. Oder übermorgen. Oder nächste Woche. Wir dürfen uns absolut keinen Fehltritt erlauben, rechtfertigt er seine Arbeitsverhinderungsmaßnahme auch noch.

Pathetisch. Wirklich. Dem anderen würde das nicht passieren. Der würde kurz, aber konsequent nachdenken, eine Entscheidung treffen, dementsprechend handeln und hätte keinen Schiss davor, mit den Konsequenzen zu leben.

Abwägen, hin- und herdenken, noch mal abwägen, alles im Kopf zigtausendmal durchspielen – das ist nicht immer die effizienteste Art, sich durchs Leben zu bewegen. Der andere beschwert sich zurecht ziemlich oft bei mir über diese zaudernde Vorgehensweise. Der andere mag sie absolut nicht.

Moment mal. „Er?“ Und „der andere“?

Tja, ich habe so etwas wie Untermieter. Zwei an der Zahl. Die wohnen völlig gratis und sind praktisch unkündbar (auch Eigenbedarf zieht bei ihnen nicht). Ihr genauer Wohnsitz: mein Kopf.

Darf ich vorstellen: der Grübler und der Macher.

Gerade in den letzten Monaten stelle ich häufig fest, dass sich sich da zwei Extremisten in meinem Oberstübchen eingenistet haben. Um ehrlich zu sein: sie sind schon vor langer Zeit eingezogen, sind aber nicht immer so unangenehm aufgefallen wie in der letzten Zeit. Eine ganze Zeit lang waren wir sogar eine richtig gut funktionierende Wohngemeinschaft. Die beiden Untermieter waren nicht immer Extremisten. Aber die Verstöße gegen die Hausordnung häufen sich zusehends. Ich, als Vermieter, habe da wohl ganz schön die Zügel schleifen lassen, denn momentan ist unsere Koexistenz sehr unharmonisch und für keinen der Beteiligten besonders vorteilhaft. Der gestörte Hausfrieden in der Kopf-WG hatte in letzter Zeit übrigens auch noch deutlich üblere Auswirkungen als die schon geschilderten Schreibblockaden. Er hatte Auswirkungen auf nahezu alles.

Wir verstehen uns im Moment wirklich nicht besonders gut – der Grübler, der Macher und ich. Und die beiden letzteren Herren sorgen derzeit besonders mit heftigen Streitereien untereinander für enorme Unruhe im Haus.

Meine Güte, was tippe ich da bloß? Ist es soweit? Bin ich zur gespaltenen Persönlichkeit mutiert? Drehe ich endgültig am ganz großen Rad?

Ich habe durchaus kompetentes Fachpersonal im erweiterten Freundes- und Bekanntenkreis, dem ich dazu die eine oder andere Frage stellen könnte, ohne dafür gleich eine gepfefferte Rechnung präsentiert zu bekommen. Aber ich wollte erst mal selbst nachforschen. Ohne den Grübler, der mich wieder nur davon abgehalten hätte, zu einem Ergebnis zu kommen. Und auch ohne den Macher, der einfach abgewunken und gesagt hätte, dass wir unsere Zeit lieber mit gepflegter Action verbringen sollen.

Ohne also meine Untermieter zu alarmieren – ab und zu gelingt mir so ein Husarenstreich doch noch – haben meine privaten Recherchen ergeben, dass die aktuelle Lage in der mentalen WG und das Verhältnis der Beteiligten untereinander weder die Kriterien der Schizophrenie noch die der dissoziativen Identitätsstörung (diese, die das berühmt-berüchtigte Phänomen der multiplen Persönlichkeiten beinhaltet, ist nämlich oft gemeint, wenn der gerne etwas undifferenziert daherredende Volksmund von „Schizophrenie“ spricht) erfüllen.

Puh. Erleichterung. Schwein gehabt.

Aber… bin ich vielleicht ein Borderliner? Nachlesen. Infos sammeln. Aber bloß nicht den Grübler auf den Plan rufen.

Nein, auch BPS passt nicht ganz zu uns dreien.

Aber was ist dann los mit mir, bzw. mit uns?

Okay, ein Schritt nach dem anderen. Ich erstelle zuallererst mal Profile meiner beiden mentalen Untermieter.

Zuerst zum Grübler. Der ist eigentlich ein richtig schlaues Kerlchen. Er ist nett. Rücksichtsvoll. Sogar liebevoll. Fast schon zu brav. Er ist durchaus gesellig. Er hat ein paar wirklich überzeugende Fähigkeiten. Aber: er hadert, er zaudert, er zögert. Er hasst seine Unsicherheiten, aber suhlt sich auch oft in ihnen, weil es nicht so anstrengend ist wie der Versuch, sie zu überwinden. Er denkt über alles oft einfach zu gründlich nach, er hat ein furchtbares Selbstbild, er kann vieles und will auch dementsprechend vieles, aber kriegt oft die Kurve vom Denken zum zielführenden Handeln nicht. Was, logischerweise, zu noch mehr Zauderei und noch mehr Lackschäden am Selbstbild führt.

Der Grübler befindet sich, trotz zeitweiliger Achtungserfolge, in einer endlosen Spirale des „hätte, hätte, Fahrradkette“. Er ist grundsätzlich zu Erstaunlichem fähig, kriegt es aber oft schlicht nicht auf die Platte. Der Grübler holt sozusagen immer wieder erfolgreich Elfmeter heraus, denkt dann aber beim Anlauf zu viel nach und damit jede Chance auf einen Treffer kaputt, rutscht dann konsequenterweise beim Schuss aus und landet schmerzhaft auf dem Arsch. Und dann? Alles von vorne. Bis der Arsch durch all die Bruchlandungen in sämtlichen Regenbogenfarben schillert. Der Grübler macht sich so viele Gedanken und Sorgen, dass man glauben könnte, er hätte „I’m So Worried“ geschrieben, wenn Monty Python das nicht nachweislich schon vor Jahrzehnten für ihn erledigt hätten. Und die meinten das gewohnt unernst. Das könnte dem Grübler nicht passieren. Der würde sich tatsächlich auch noch Gedanken über das Gepäckabfertigungssystem am Flughafen Heathrow machen, wenn ich ihn nicht wenigstens in dieser Hinsicht noch etwas unter Kontrolle hätte. Und das ist kein Scherz.

 

Der Macher ist da ganz anders drauf. Er ist ebenfalls alles andere als auf den Kopf gefallen, ist aber vor allem mit einem geradezu unerschütterlichen Selbstbewusstsein gesegnet, das für den einen oder anderen Betrachter teils sogar schon arrogant wirkt. Selbstsicher? Ja. Arrogant? Nein, der Macher kennt seine Macken und gibt diese auch offen zu. Aber er lässt sich von ihnen nicht davon abhalten, lauter, frecher und mutiger als der Grübler zu sein. Er packt an und macht, wo der Grübler zögert. Er provoziert gern. Oft polarisiert er auch. Er ist oft hitzig, er ist auf viele Dinge stinkwütend und lässt das auch gerne raushängen.

Der Macher weiß, dass man es nicht allen Recht machen kann, hat dies als Tatsache des Lebens akzeptiert und versucht es deswegen auch gar nicht erst krampfhaft. Das findet er befreiend. Für den Macher geht Rückgrat über das Bedürfnis, seine komplette Umwelt immer und unter allen Umständen zufriedenstellen zu wollen, und wenn der Macher beim Elfmeter auf den Arsch fällt – was durchaus öfter mal vorkommt – bricht nicht gleich die Welt zusammen. Aufstehen, kurz schütteln, und der nächste sitzt. Und wenn nicht, dann halt der nächste. Weitermachen. Immer weitermachen. Eier. Wir brauchen Eier.

 

Das liest sich so, als wäre es ganz einfach. Der Macher hat die klar überlegenen Fähigkeiten. Der ist schmerzfrei und kann sich durchsetzen! Der Grübler sollte, wenn er schon unkündbar ist, in der Mental-WG bestenfalls noch geduldet werden, aber der Macher sollte alle Rechte in der Hausgemeinschaft bekommen! Und zwar dauerhaft!

Leider muss ich da etwas einschränken: der Macher prescht manchmal einfach zu rücksichtslos nach vorne. Er ist oftmals krankhaft egozentrisch und ist zwar im Gegensatz zum Grübler immun gegen Verkrampfungen und Handlungsunfähigkeit, übertreibt es aber oft mit seiner „My way or the highway“-Attitüde. Der Macher verliert dann und wann seine durchaus vorhandene Fähigkeit zur Empathie und poltert ohne Rücksicht auf Verluste nicht nur gegen Feind, sondern dummerweise auch gegen Freund. Wo das Florett angebracht wäre, benutzt er den Vorschlaghammer – oder gleich die Abrissbirne. Manchmal fehlt ihm einfach der Sinn dafür, zum richtigen Zeitpunkt auf die Bremse zu treten. Diese Fähigkeit wiederum hat der Grübler, er benutzt sie aber seinerseits zu ausgiebig.

Nun könnte man argumentieren, dass sich die beiden Herrschaften doch eigentlich ganz gut ergänzen müssten. Wo der Grübler zu zögerlich ist, tritt der Macher auf den Plan, und wo der Macher zu impulsiv und unbedacht nach vorne prescht, bringt ihn der Grübler zum besonnenen Handeln. Anstatt sich gegenseitig das Leben zur Hölle zu machen, sollten die beiden sich austauschen. Zusammenarbeiten. Ihre Stärken zusammenlegen. In der Theorie wäre das eine gute Voraussetzung für inneres Gleichgewicht, fürs entspannt sein. Für den Hausfrieden in der Kopf-WG. Leichtes Spiel für mich, den Vermieter.

In der Praxis zeigen sich Grübler und Macher speziell in den letzten Monaten allerdings ziemlich unkooperativ. Egal, was ich in der Rolle des Vermieters und Vermittlers auch anstelle, ich kann die beiden anscheinend nicht mehr dazu bewegen, zusammenzuarbeiten. Oder sie dazu bringen, mit mir auf die Piste zu gehen, so wie früher mal, als gut eingespieltes Team. Wenn wir schon nicht 24 Stunden am Tag zusammen verbringen wollen, könnten wir doch wenigstens mal gemeinsam zum Fußball gehen. Oder in die Kneipe. Oder zur Arbeit. Oder wir könnten bei einem Date einfach mal wirkungsvoll zusammenarbeiten. Jeder könnte seine Fähigkeiten einbringen, und alle wären zufrieden. Aber Pustekuchen.

Die Herren Untermieter kochen lieber ihr eigenes Süppchen und kehren nur noch ihre jeweils unangenehmsten Seiten raus. Und ich, ihr Vermieter, muss es ausbaden.

Der Macher ist sich neuerdings für viele scheinbar niedere Aufgaben zu schade und lehnt sich gerne mal im Ohrensessel zurück, bis er zwangsläufig seinen Hintern hochbekommen muss, weil es ohne ihn absolut nicht geht. Wenn er dann aber sein Werk vollbracht hat, macht er sich ’ne Dose Feierabendbier auf und lässt sich wieder in seinen Sessel fallen. Wie eine Art Batman auf Kurzarbeit, der nur dann in sein Kostüm schlüpft und seiner Mission nachgeht, wenn es wirklich gar keine andere Lösung mehr gibt, der aber ansonsten in seiner Bathöhle hockt und darauf wartet, dass irgendwann wieder eine wirklich spektakuläre Rettungsmission ansteht, die seiner wertvollen Aufmerksamkeit auch wirklich würdig ist.

Der Grübler ist derzeit oft mächtig schlecht auf den Macher zu sprechen, weil letzteres Arschloch ja ruhig öfter mal im Dienste der Wohngemeinschaft mit anpacken könnte, anstatt die meiste Zeit über zu meckern und immer nur die Sahnemomente des Lebens abzuschöpfen. Was ja irgendwo eine verständliche Haltung seitens des Grüblers ist. Aber oft versucht der Grübler auf diese Weise mehr schlecht als recht zu übertünchen, dass es sich öfter mal die eine oder andere Scheibe vom Macher abschneiden sollte, anstatt in Selbstmitleid und haltloses Gejammer zu verfallen.

In den selten gewordenen Momenten, in denen die beiden dann doch mal auf dem Kopf-WG-Flur oder in der Gemeinschafts-Gedankenküche zusammentreffen, herrscht kein produktives Miteinander, sondern meist offener Kriegszustand. Anstatt zu kooperieren, versuchen beide verzweifelt die Oberhand zu gewinnen – und das resultiert keinesfalls immer in einem klaren Sieg für den pragmatischer veranlagten, tobenden, schnaubenden Macher. Denn der Grübler ist durchaus raffiniert, wenn er sich bedroht fühlt, und schlägt auf subtile, aber sehr wirkungsvolle Art zurück: er verzögert, blockiert oder bremst einfach alles. Das Ergebnis dieser Auseinandersetzungen ist nur allzu oft beklagenswert – wenn es überhaupt zu einem greifbaren Ergebnis kommt.

Und wo bleibt da der Hausherr? Wo bleibe ich? Fakt ist, dass ich die beiden Extremisten als Teil der Kopf-WG akzeptieren muss. Wie gesagt: unkündbar. Und sie haben ja, wie schon gesagt, ihre Qualitäten, auf die ich auch nicht verzichten möchte. Aber die Allüren der beiden Herren gehen mir zusehends an die Substanz. Sie scheinen beide gleichermaßen uneinsichtig und unversöhnlich zu sein. Und scheinen immer weniger Rücksicht darauf zu nehmen, dass sie ihren Vermieter, bzw. sowohl dessen inneres Wohlbefinden als auch seine Aussendarstellung mit ihrem mietvertragswidrigen Benehmen in fragwürdiges Licht rücken.

Das muss ein Ende haben. Ich bin der Hausherr. Ich bin der Chef. Ich sitze immer noch am längeren Hebel. Vielleicht sollte ich ihn endlich mal benutzen. Ohne dass mich der Grübler mit seinen Bedenken volljammert oder der Macher mir das Ding kurzerhand sabotiert.

Wenn wir nämlich so weitermachen wie zuletzt, wird die gemeinsam genutzte Immobilie bald dermaßen verwohnt sein, dass sie womöglich noch baufällig wird.

Soweit der Stand der Dinge. Die Frage ist, was fange ich mit dem Ergebnis dieser Analyse an?

Eigentlich ist dies jetzt gerade ein Moment, in dem Grübler und Macher gewohnheitsmäßig aus ihren WG-Zimmern kommen und einen Höllenaufstand anzetteln. Aber es bleibt ruhig. Ich habe endlich mal ein Machtwort gesprochen und deutlich gesagt, dass beide sich einfach mal für ’nen Moment verziehen und vor allem die Fresse halten sollen, weil mir die Situation unfassbar auf den Sack geht. Seltsamerweise hat es funktioniert. Diese Art der Ansprache verstehen sie anscheinend. Ich kann ungehindert weitertippen. Gut. Offenbar besitze ich noch etwas Rest-Autorität.

Wir – der Grübler, der Macher und ich – waren mal ein Team. Wir waren eine Einheit. Ein verschworener Haufen. Und ein ziemlich effizienter noch dazu. Zu erklären, was uns auf dem gemeinsamen Weg passiert ist, das dazu geführt hat, dass wir uns sozusagen getrennt haben und zur Zeit nur noch eine mehr oder minder zerstrittene Zweck-WG bilden, in der jeder seinen Egoismen nachgeht, anstatt mit den anderen an einem Strang zu ziehen, würde Bücher füllen. Das lasse ich lieber. Will keiner lesen. Soll auch keiner.

Viel wichtiger ist, dass wir drei uns mal schleunigst an einen Tisch setzen. Und unter Männern darüber quatschen, wie wir den Karren aus dem Dreck ziehen können. Wie wir wieder eine Einheit bilden können.

Mir ist natürlich klar, der Grübler, der Macher und ich – wir sind im Grunde eins. Bestandteile ein und derselben Persönlichkeit, die aber, aus welchen Gründen auch immer, zwar unter dem selben Dach hausen, aber zu oft getrennte Wege gehen. Das Problem ist: wenn sie in separate, mentale Ich-AGs zerlegt wurde, die zeitweise unkontrolliert ihren eigenen Film fahren und gegeneinander arbeiten, bleibt von einer vormals irgendwie greifbaren, ausgeprägten Persönlichkeit praktisch nichts mehr übrig.

Deshalb: Schluss mit dem Mist! Die ewig junge Frage „Wer bin ich und wenn ja wie viele?“ hat mich zuletzt oft genug um den Schlaf gebracht. Ich kann sie nicht mehr hören. Ich will sie auch nicht mehr hören. Ich will sie beantworten. Gerne auch im Team.

Es wird allerhöchste Zeit, dass wir drei uns wieder zusammenraufen.

Hey, ihr beiden Untermieter! Antreten! Raus aus dem Schmollwinkel! Wir haben was dringendes zu besprechen!

Anm. d. Verf.: wie ich gerade zufrieden feststelle, habe ich tatsächlich einen Blog-Beitrag zu Ende gebracht. Und zum guten Schluss die beiden Streithähne aus meinem Oberstübchen rigoros zum überfälligen Rapport bestellt. Klingt irgendwie nach einer relativ gesunden Dosis sowohl Grübler als auch Macher. Ist doch schon mal ein Anfang. 🙂

Sep 182015
 

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Metal wird, das stelle ich immer wieder fest, ganz allgemein immer noch als sehr maskulin orientiert angesehen, als Testosteron-Schlachtfeld – trotz etlicher im headbangenden Bereich aktiver Damen, wobei ich hier als Beispiele nur mal Frontladies wie Alissa White-Gluz (Arch Enemy), Sharon den Adel (Within Temptation) oder Cristina Scabbia (Lacuna Coil) herauspicken möchte. Im Großen und Ganzen gilt für den Metal allerdings tatsächlich: it’s a man’s world. Was diese Musikrichtung – wieder mal – generell nicht von unzähligen anderen Lebensbereichen unterscheidet.

Fakt ist: im Metal, das muss man auch als glühender Fan dieser Musik konstatieren, geht es ganz grundsätzlich mehr ums „Eier haben und zeigen“ als anderswo. „Manliness“ ist traditionell Programm (die gerade genannten Metal-Damen und deren Kolleginnen würden mir, da sie in vorderster Linie aktiv und mit den Gegebenheiten der Szene vertraut sind, in diesem Punkt höchstwahrscheinlich nicht widersprechen). Das Erscheinungsbild des Metal könnte man, mal ohne die Vereinsbrille betrachtet, auch so beschreiben: schwitzende, sich aggressiv gebärdende Alpha-Männchen, wo man auch hinsieht.

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Kann besser brüllen als ich, ist aber trotzdem eine von wenigen Ausnahmeerscheinungen in einer Männerwelt: Alissa White-Gluz (Arch Enemy).

Wenn man dann hinterhältigerweise mal das die Realität arg verzerrende Klischee vom homosexuellen Mann, der grundsätzlich „weich“ ist und „feminine“ Interessen hat, außen vor lässt, könnte man auf die Idee kommen, dass Metal in all seiner plakativen Maskulinität nicht abschreckend, sondern sogar eher anziehend auf Männer wirkten müsste, die auf Männer stehen. Ich kann mir – und das als heterosexueller Mann – sehr gut vorstellen, dass z.B. Fotos und Bühnenshows einer Band wie Manowar auf viele homosexuelle Männer attraktiv wirken.

Absurd? Entmannung des Metal? Keineswegs. Dass schwule Männer ausschließlich an Mode, Prosecco, Blümchenpflücken und langen, tiefsinnigen Gespräche über ihre innersten, zarten, äusserst verletzlichen Gefühle interessiert sind, ist ein ebenso dummes – und falsches – Klischee wie das vom dauerbesoffenen, oberprolligen Metalhead.

Ich kenne schwule Männer, die mehr Splatterfilme gesehen haben als ich (und das ist gar keine so einfache Übung), die extremste („männliche“) Sportarten ausüben, an die ich nicht mal im Traum denken würde, und die mehr Metal-Konzerte besucht haben als ich (was auch keine ganz leichte Übung ist, aber das nur am Rande).

Also, auch wenn es dem einen oder anderen nicht ins Weltbild passt: schwule Männer können durchaus Interessen haben, die gerne exclusiv heterosexuellen Männern zugesprochen werden. Und sie können von einer vor Testosteron nur so strotzenden Musik wie dem Metal begeistert sein.

Die Frage ist: fühlen „wir“ Hetero-Metaller uns dadurch in unserer Oase der offen ausgelebten Männlichkeit in irgendeiner Form „gestört“?

Können „wir“ uns überhaupt „gestört“ fühlen? Trauen sich schwule Metaller überhaupt, offen mit ihrer sexuellen Ausrichtung umzugehen UND gleichzeitig bekennende Metal-Fans zu sein? Oder gar Metal-Musiker?

Oder sind Metalheads homophob?

Da war es, das böse Wort.

Wenn man sich ansieht, wie schnell in der Szene Kommentare wie „schwule Säue“ oder „Schwuchteln“ aus dem Ärmel geschüttelt werden, wenn es – klassisches Beispiel – darum geht, eine Band für ihr neuestes, nach Ansicht ihrer Diehard-Fans „zu weiches“ Album zu kritisieren, oder – ebenfalls klassisch – Einzelmusiker oder Bands mit ähnlichen Beschimpfungen belegt werden, die nach Ansicht „echter Metaller“ eben dieses Kriterium nicht erfüllen, könnte man auf die Idee kommen, dass der Metal, bzw. die Gruppe der Metal-Fans, tatsächlich einen Tummelplatz der Homophobie darstellt.

Ist die Metal-Anhängerschaft also eine eindeutig homophobe Gruppierung, ein schwulenfeindlicher Haufen?

Auch wenn es so manchem nicht passt: Metal mag eine Subkultur sein, seine Musiker wie auch seine Fans sind aber unwiderlegbar ein Teil der Gesellschaft, in der wir alle leben. Und Metal-Fans, auch das ist inzwischen relativ bekannt, rekrutieren sich aus Vertretern sämtlicher Bevölkerungsschichten und Bildungsstufen. Schwulenfeindliche Äußerungen im Metal spiegeln also höchstwahrscheinlich lediglich das Maß an Homophobie wieder, das in der gesamten Gesellschaft traurigerweise nach wie vor vorhanden ist. Auch unter Volksmusik-Jüngern. Oder Firmenchefs. Oder bei Onkel Erwin, wenn er beim Familienbesäufnis mal wieder ’nen Klaren zu viel gekippt hat (und dessen allgemeine Toleranzschwelle sich ganz gut abschätzen lässt, wenn er neben Beschwerden über „Schwuchteln“, „Tunten“ und „Arschf*cker“ auch noch zu Protokoll gibt, dass er Metal allgemein für „Hottentottenmusik“ und seine Fans für „langhaarige Bombenleger“ und „Asoziale“ hält).

Machen wir doch zwischendurch mal einen kleinen Ausflug weg vom Metal in eine andere Hochburg der Maskulinität.

Da gibt es beispielsweise eine auch und gerade in Deutschland sehr beliebte Sportart, genannt Fußball. Und bei allem Respekt vor den diesen Sport ausübenden Damen – ähnlich wie beim Metal, in dem es auch herausragende weibliche Aktive gibt, handelt es sich beim Fußball, trotz aller Versuche, diesen Umstand in den Augen der Öffentlichkeit zu entschärfen oder abzuschwächen, nach wie vor um eine Mannerdomäne. Schwitzende, sich aggressiv gebärdende Alpha-Männchen, wo man hinsieht. Erinnert euch das an was?

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Outete sich nach dem Karriereende und sorgte für ein Novum im Profifußball: Ex-Nationalspieler Thomas Hitzlsperger.

Dann „störte“ plötzlich jemand das Bild von der intakten, traditionellen Männerwelt. Ex-Fußballnationalspieler Thomas Hitzlsperger war im Januar 2014 der erste Mann aus dem Profifußball-Zirkus, der sich als homosexuell outete. Für seinen Mut, diesen Schritt gewagt zu haben, wurde er in der Öffentlichkeit teils in höchsten Tönen gelobt. Zwischengedanke: allein die Tatsache, dass es überhaupt „Mut“ erfordert, öffentlich zuzugeben, sexuelles Interesse am eigenen Geschlecht zu haben, sollte ja eigentlich schon im Hinblick auf die angeblich so tolerante und offene Gesellschaft, in der wir heute leben, bedenklich stimmen.

Wie dem auch sei: Hitzlsperger machte seine Homosexualität erst nach dem Ende seiner Laufbahn öffentlich. Hitzlsperger ließ in diversen Interviews auch ziemlich klar durchblicken, dass ein Outing zu seiner aktiven Zeit für ihn nicht in Frage kam, weil er starke Repressalien fürchtete – sowohl seitens der Fußballfans als auch direkt auf dem Platz und in der Umkleidekabine seitens der kickenden Kollegen und Gegner.

Die Tatsache, dass Hitzlspergers Outing nicht, wie von einigen befürchtet, von anderen erhofft, zu einer Welle an weiteren Outings im Profifußball führte, kann durchaus als Bestätigung dafür herhalten, dass andere homosexuelle Fußballer – und allein statistisch gesehen liegt es ganz klar auf der Hand, dass es sie gibt – die Befürchtungen Hitzlspergers in Sachen negative Auswirkungen teilen.

Reinhard Rauball, Präsident der DFL (Deutsche Fußball-Liga), äußerte sich zum von Hitzlsperger gewählten Zeitpunkt seines Bekenntnisses folgendermaßen:

Mit Blick auf die enorme Öffentlichkeit im Profifußball wären die Reaktionen im Falle des Outing eines aktiven Profis […] weiterhin nur schwer kalkulierbar. In dieser Hinsicht tragen die Clubs als Arbeitgeber eine außerordentliche Verantwortung.“

„Schwer kalkulierbar“ also. Sprich: Rauball ging offenbar wie Hitzlsperger selbst davon aus, dass im Falle eines Outings während der laufenden Karriere ein massiver Shitstorm über den Spieler hereingebrochen wäre – mindestens. Und das aus der sogenannten „Mitte der Gesellschaft“, wo der Fußball ja laut übereinstimmenden Aussagen von Funktionären, Sympathisanten und Aktiven beheimatet ist und auch hingehört.

Sind damit alle Fußballfans, zumindest potenziell, Schwulenhasser, die mit Fackeln und Mistgabeln Jagd auf sich outende Fußballprofis machen würden? Natürlich nicht. Was für die Metal-Fans gilt, gilt für die Fußballanhänger vielleicht noch mehr, da der Fußball im Vergleich zum Metal das ungleich größere Massenphänomen ist: sie kommen aus allen Gesellschaftsschichten, auf den Tribünen finden sich Outlaws wie Banker, Arbeiter wie Akademiker. Ein Querschnitt durch die Gesellschaft. Man kann und darf Fußballfans als Gruppe nicht über einen Kamm scheren.

Aber es ist nicht wegzudiskutieren, dass Insider wie Spieler (Hitzlsperger) und Funktionäre (Rauball) offensichtlich Grund zur Annahme hatten, dass das offene Bekenntnis eines aktiven (!) Fußballers zu seiner Homosexualität natürlich nicht bei allen, aber zumindest bei einer so hohen Zahl von Fußballfans und auch Spielern negative Reaktionen zur Folge haben würde, dass Geheimhaltung bis zum Karriereende als die bessere Option erschien. Sieht man also die Abermillionen von Fußballfans allein hierzulande als tatsächlich repräsentativen Querschnitt der Gesellschaft an – sollte es nicht zu denken geben, dass sich homosexuelle Fußballprofis offenbar nicht trauen können, sich während ihrer laufenden Karriere aus dem Schneckenhaus zu wagen und ihre Sexualität offen zu leben?

Und wieso hat die Öffentlichkeit eigentlich ein offenbar weit weniger großes Problem mit den etlichen, äusserst offen gelebten lesbischen Beziehungen, die von weiblichen Aktiven der Sportart Fußball geführt werden? Wieso ist bei den Herren der Schöpfung so problematisch, was bei Fußballerinnen zwar Aufmerksamkeit, aber keine Aufregung verursacht?

Übergabe DFB-Pokal an Botschafter Toni Schumacher und Janus Fröhlich

Steffi Jones: „Der öffentliche Druck bei den Männern ist ein ganz anderer.“

Steffi Jones, Ex-Nationalspielerin, jetzige Direktorin Frauenfußball beim DFB und designierte Nachfolgerin von Bundestrainerin Silvia Neid, sagte dazu: „Die Situationen bei Frauen und den Männern sind nicht vergleichbar. Der öffentliche Druck bei den Männern ist ein ganz anderer.“

Die alten Rollenklischees also, die nicht aus den Köpfen gehen wollen. Homosexuelle Männer sind in unseren Köpfen also wohl immer noch weniger akzeptabel als homosexuelle Frauen. Urangst um den Fortbestand der Spezies? Möglicherweise spukt auch das durch so manche Hirnschale, ob freiwillig oder unfreiwillig.

Und wie fielen die Reaktionen auf Hitzlspergers Outing in der Fußballwelt nun aus? Funktionäre, Trainer, Manager & Co. äußerten sich erwartungsgemäß alle lobend. Der eine mehr, der andere vielleicht weniger überzeugend. Christian Heidel, Manager von Mainz 05, merkte sogar an, dass „dieses Thema“ in der Bundesliga „längst normal“ sei – was ich persönlich allerdings doch stark anzweifle.

Auch von Spielern kam praktisch kein böses Wort – zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Offen gelebte Homosexualität wäre, wie wir ja schon festgestellt haben, nach landläufiger Meinung für einen aktiven männlichen (!) Fußballprofi Karrieregift – über die Medien zur Schau gestellte Schwulenfeindlichkeit allerdings wäre wohl ebenfalls ziemlich schlechte Eigenwerbung. Obwohl Hitzlsperger die mutmaßlich vorherrschende Einstellung zur Homosexualität unter seinen balltretenden Kollegen kannte und nicht zuletzt deshalb mit seinem Outing wartete, reckte man öffentlich von Spielerseite her als Reaktion auf Hitzlspergers Pioniertat ebenfalls die Daumen hoch.

Für Stirnrunzeln sorgte allerdings z.B. die Antwort des Brasilianers Alex von Paris St. Germain auf Hitzlspergers Bekenntnis: God created Adam and Eve, not Adam and Yves.“

Lassen wir das einfach mal kommentarlos so stehen, weil es wohl kaum eines Kommentares bedarf.

A propos Kommentare:

Nicht vor den Mikrofonen der TV-Sender oder vor den Vertretern der schreibenden Zunft, sondern bevorzugt dort, wo man sich nach wie vor im Schutze der (Quasi-)Anonymität wähnt, wo man keine Rücksicht auf Außenwirkung nimmt – in der Überzeugung, keine nehmen zu müssen – werden Intoleranz und Hass offenbar: in den Foren und Kommentarsektionen des WWW. Das ist kein Geheimnis, und wir alle kennen das zur Genüge.

Homophobe/schwulenfeindliche Äußerungen werden – so wie jede andere Form von Hetze – bevorzugt da abgesondert, wo es „sicher“ scheint und das öffentliche Bild des Verfassers mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht beschädigt wird.

So gab es auch in Sachen Thomas Hitzlsperger durchaus die befürchteten verbalen Attacken geistiger Tiefflieger – allerdings praktisch exclusiv an eben jenen webbasierten Orten der mal mehr, mal weniger anonymen Meinungsäußerung. Man kann zwar durchaus sagen, dass da lediglich eine klare Minderheit herumkrakeelte, die ohnehin keine Aufmerksamkeit wert ist.

Wie das Echo auf Hitzlspergers Outing ausgefallen wäre, hätte er sich doch während seiner laufenden Karriere dazu entschlossen, bleibt aber eine interessante Frage.

Hetze, Hasskommentare und Diskriminierung sind auffälligerweise keinesfalls auf bestimmte Diskussionsplattformen beschränkt. Verbale Hetze findet sich überall, selbst in Kommentarsektionen durchaus anspruchsvoller Online-Publikationen ohne Bindung zu oder Verpflichtung gegenüber bestimmten Gruppierungen oder Interessengemeinschaften.

Und müssen wir in dieser Hinsicht über Facebook sprechen? Wo zu allem Überfluss der eigentlich für passionierte Schwachmaten so wichtige Schutz durch Anonymität praktisch nicht gegeben ist und trotzdem nicht gerade selten fröhlich gehetzt wird, bis die Schwarte kracht? Ich denke nicht.

Über Diskussionen auf Gaming-Websites sollte ich besser gar nicht erst anfangen zu schreiben, da das Maß an Intoleranz und sprachlichen Verbrechen gegen die geistige Gesundheit in diesem Sektor ebenfalls in bedenklichem Maße zugenommen hat. Das ist eigentlich ein Thema für den Gaming-Blog. Ich erwähne es hier trotzdem, weil dem Gaming inzwischen ebenfalls das Etikett „In der Mitte der Gesellschaft angekommen“ anhaftet.

Auch wenn es der eine oder andere nicht gerne zugibt: Dummheit, Ignoranz und Intoleranz sind keinesfalls auf sogenannte „Randgruppen“ beschränkt.

Ich schlage langsam den Bogen zurück zur Musik: ich will den Schwarzen Peter hier mit Sicherheit nicht von der Metal-Szene weg- und anderen Gruppierungen zuschieben – absolut nicht. Das kann ich auch gar nicht, wenn ich meiner eigenen Argumentation aus den vorhergehenden Absätzen folge. „Guck mal, die anderen machen’s doch auch!“ ist schon immer eine ziemlich schwache Ausrede gewesen, um sich nicht hinterfragen bzw. kritisch auf sich selbst blicken zu müssen.

Ich möchte nur versuchen zu verdeutlichen, dass Feindseligkeit gegenüber Menschen, die gleichgeschlechtliche Liebe praktizieren, ein gesamtgesellschaftliches Problem ist. Die von mir als Beispiel herangezogene, wenig tolerante Haltung in Sachen Homosexualität, die im von Millionen geliebten und ausgeübten Volkssport Fußball sowohl auf als auch neben dem Spielfeld offenbar vorherrscht und die einerseits Thomas Hitzlsperger davon abhielt, sich schon während seiner aktiven Karriere zu outen, und andererseits den Präsidenten der DFL dazu brachte, sich darüber geradezu erleichtert zu äußern, da er in diesem Falle ernsthafte Probleme für Hitzlsperger für sehr wahrscheinlich hielt, verdeutlicht dies nur.

Homophobie, Schwulenfeindlichkeit, wie immer man es auch bezeichnet, ist, da wir nicht innerhalb einer Blase existieren, zweifellos auch „unser“ Problem – ein Problem derer, die den Metal lieben. Die Metal-Szene, und ich meine hier gerade die Fan-Szene, ist nicht frei von Homophobie. Das ist Fakt. Weil die Gesellschaft als Ganzes nicht frei davon ist.

Aber wie sieht es nun eigentlich unter den ausführenden Künstlern aus? Gibt es im Metal, ausgehend von Musikern bzw. Bands, eindeutige Tendenzen oder Strömungen, die möglicherweise homophobes Gedankengut transportieren oder gar dessen Verbreitung fördern?

Ich sage: Schwulenfeindlichkeit/Homophobie ist dem Metal nicht inhärent. Metal ist keine Bewegung mit homophoben Grundsätzen. Ihm liegt keine Ideologie zugrunde, die Schwulenfeindlichkeit/Homophobie gutheißt oder propagiert. Womit sich der Metal ja auch, wie eingangs festgestellt, irgendwie selbst ins Knie schießen würde. (Anm. d. Verf.: böse Zungen behaupten übrigens gerne, dem Metal läge gar keine Ideologie zugrunde – auch das wird in diesem Blog irgendwann ein Thema sein.)

Ich sage aber auch, und da muss man den Finger einfach mal gnadenlos in die Wunde legen: eine weiße Weste hat der Metal ebenfalls ganz und gar nicht. Teils derbe verbalen Verfehlungen in Songtexten oder von Musikern des Genres getätigten Äußerungen lassen sich ebenso wenig wegdiskutieren wie wirklich erschreckende und unentschuldbare Vorfälle, die nicht unter den Teppich gekehrt werden sollen und dürfen.

Seit den immer wieder gerne als lustige Zeit der Popperfrisuren, Lederkrawatten und Vanilla-Hosen verniedlichten, aber politisch ganz und gar nicht korrekten 80er Jahren hat sich zwar mit Sicherheit auch im Metal einiges zum Besseren entwickelt – bei aller aufmüpfigen Grundhaltung sind die Metalheads nun mal, wenn auch teils widerwillig, Teil der Gesellschaft, wie wir ja schon festgestellt haben. Der Weg zum Besseren war allerdings mit einigen Fehltritten gepflastert. Und wesentlich Schlimmerem.

Was z.B. heute an medialem Höllenfeuer über einen Sebastian Bach (seinerzeit Skid Row) hereinbrechen würde, wenn er, wie in den seligen 80ern, ein Shirt mit dem Aufdruck “AIDS Kills Fags Dead” am Leib trüge, kann man sich wohl lebhaft vorstellen. Ja, damals, als das Internet und die sozialen Netzwerke noch nicht geboren waren…

Ein Axl Rose (Guns’n’Roses) könnte heute ebenfalls nicht mehr von der Öffentlichkeit weitestgehend ungestraft durch Los Angeles cruisen und, wie er unverblümt zugab, durch die heruntergelassene Seitenscheibe mutmaßlich schwulen Mitbürgern Beleidigungen an den Kopf werfen.

Auch nach der Ära von Miami Vice und Hair Metal wurden Totalausfälle in Sachen Toleranz öffentlich. Da gab es z.b. die Kontroverse um die Vergangenheit diverser Musiker von DragonForce. Die ohnehin nicht unumstrittene Power Metal-Band geriet ins mediale Kreuzfeuer, als unrühmliche Kapitel der Vergangenheit der Gitarristen Sam Totman und Herman Li ans Tageslicht kamen. Vor DragonForce waren Totman und Li in einer Band namens Demoniac aktiv. Die Band spielte Black Metal, tendierte später zum Power Metal.

Demoniac war kein nennenswerter Erfolg beschieden, und die Band wurde 1999 aufgelöst. Niemand hätte sich darum geschert, wenn die textlichen Arschbomben, die sich die Band leistete, nicht irgendwann (wieder-)entdeckt worden wären. Demoniac griffen in so ziemlich jedes denkbare verbale Klo, um es sehr vorsichtig auszudrücken. Einer der zahlreichen Tiefpunkte des „Schaffens“ von Demoniac bildete der Song „„Kill All the Faggots (Death Squad Anthem)“. Ist der Titel eigentlich schon brechreizerregend genug, gibt einem das Lesen des Songtextes – Vergewaltigung von „old fags“, Töten von „queer sluts“, um mal nur einen Punkt aufzugreifen – den Rest. Und das von den doch eigentlich so netten Herren, die man heute bei DragonForce findet?

Zwischenbemerkung: ich weiß, was der eine oder andere, mir persönlich bekannte Leser jetzt gerade denkt… dazu nur soviel: wer eine völlig überdrehte, im komödiantischen/satirischen/parodistischen Sinne vollkommen respektfreie Band wie Steel Panther todernst und deren Texte für bare Münze nimmt, sollte mal diversen Links zu Begriffsdefinitionen folgen: Satire, Parodie, Persiflage, Ironie, Komik  – oder auch Spinal Tap. Demoniac waren ein gänzlich anderer Fall, selbst wenn Sam Totman in den gleich folgenden Zitaten das „Spaß“-Argument ins Feld führt.

In einem Interview, geführt von Kim Kelly von noisey.vice.com, äußerte sich Sam Totman u.a. so:

Ich war damals 18 oder so. Im Prinzip haben wir Spaß gemacht. Wir haben einfach gedacht: „Oh, lass uns ein wenig Black Metal spielen“, da wir keine guten Sänger kannten, konnten wir nicht wirklich andere Musik als Black Metal oder Death Metal machen. […] Wir hatten ein paar merkwürdige Charaktere in der Band und jeder hat im Grunde seine eigenen Songs geschrieben, also habe ich mit den zwielichtigen Songs nichts zu tun. […] Es hat sich eh niemand für die Band interessiert. […] Um es einfach auszudrücken, es ging nur darum, herumzualbern und all dieses grenzwertige Zeug kam hauptsächlich von unserem alten Schlagzeuger. Es war nur Spaß und es ist ewig her, also ist es keine große Sache.“

Ob Totman nicht möglicherweise doch peinlichst berührt war und das Thema deshalb schnell abbürstete, wollen wir mal dahingestellt sein lassen. Jung, dumm und rücksichtslos? Kenne ich. War ich auch eine ganze Zeit über. Wir sind alle keine Heiligen. Und ich verstehe Spaß, auch derbsten (siehe Steel Panther). Es gibt allerdings für alles gewisse Grenzen. Sich einfach nur klipp und klar von Text gewordenem geistigen Abfall aller Art zu distanzieren, egal wie lange er zurückliegt und ungeachtet der Gründe für die Entstehung und Veröffentlichung besagten Abfalls, hätte Totmans Image zumindest in meinen Augen sicher nicht geschadet.

Wer sich für das komplette Interview mit Totman interessiert, das sich auch mit Demoniacs gesammelten geistigen Fehlleistungen abseits von Homophobie auseinandersetzt, findet es hier in voller Länge.

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Irritiert oft mit erzkonservativen Äußerungen: Dave Mustaine (Megadeth).

Harmloser, mit einer leichten Tendenz zum Albernen, mutete da der öffentlich ausgetragene Zoff an, den – und die Nennung dieses Namens überrascht nicht – Dave Mustaine (Megadeth) auslöste.

Mustaine, inzwischen für seine überaus konservative Geisteshaltung mindestens ebenso bekannt wie für seine Klasse als Musiker, antwortete auf die Interviewfrage, ob er die gleichgeschlechtliche Ehe unterstütze:

Da ich nicht schwul bin, lautet die Antwort: nein.“

Es wurde, etwas präziser, nachgefragt, ob er denn die gleichgeschlechtliche Ehe – gefragt wurde nach der Ehe zwischen zwei Männern – legalisieren würde.

Antwort:

Ich bin Christ. Daher lautet die Antwort nein.“

Mustaines Haltung zum Thema unterstütze ich eindeutig nicht. Aus meiner Sicht hat das „nein“ des Megadeth-Masterminds zur gleichgeschlechtlichen Ehe allerdings nichts mit seiner Tätigkeit als Musiker zu tun, und sie entspringt auch nicht einer etwaigen grundlegenden Geisteshaltung im Metal. Sie fußt auf der vor einigen Jahren von Mustaine angenommenen bzw. für sich entdeckten Religion, die er als wiedergeborener Christ praktiziert. Was man davon hält, bleibt jedem selbst überlassen – meine Tasse Tee ist Religion ganz allgemein aufgrund der oftmals durch Angehörige vieler Glaubensrichtungen vorgelebten Intoleranz und leider häufig festzustellenden Defiziten streng Gläubiger in Sachen offener Diskurs eindeutig nicht. Dass Mustaine sich nach seiner immer wieder von Drogen- und Alkoholproblemen überschatteten Vergangenheit einen Halt gesucht und ihn in einer religiösen Richtung gefunden hat – geschenkt. Bitte nicht falsch verstehen: es liegt mir fern, Mustaine und seine Grundhaltung verteidigen zu wollen – aber das Wesen der Musik, die Mustaine macht, ist nicht ursächlich für diese Haltung. Mustaine hat nicht etwa gesagt: „Ich spiele Metal. Daher lautet die Antwort nein“. Sein Argument war eindeutig: „Ich bin Christ.“ Was es natürlich nicht einen Deut besser oder weniger weltfremd macht.

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Eindeutig auch nicht ganz testosteronfrei: Greg Puciato (The Dillinger Escape Plan).

Etwas anderer Meinung war da offensichtlich Greg Puciato, seines Zeichens Sänger von The Dillinger Escape Plan, den Mustaines Äußerungen auf das Heftigste erzürnten. Puciato, selbst heterosexuell, aber liberal eingestellt, holzte über die Medien zurück:

„Testosteron-haltige Musik zu hören und den harten Kerl zu machen ist für Leute, die Probleme mit ihrer Männlichkeit haben, ein Weg, sich in ihrer Geschlechter-Rolle wohler zu fühlen.“

Puciato weiter:

Damit überspielen sie, dass bei ihrer Entwicklung vom Jungen zu Mann etwas schief gelaufen ist und sie eine Therapie brauchen.“

Autsch. Bei allem Unverständnis für Mustaine: das klang langsam nach „shitting where you eat“.

Homosexualität zu verstehen, ist eine der größten humanistischen Herausforderungen unserer Zeit.“

Das wiederum klang sehr weise. Volle Zustimmung meinerseits.

Puciato entblödete sich allerdings nicht, im Nachsatz noch folgendes zu Protokoll zu geben:

Ich hoffe, dass alle Homosexuellen-Gegner schwule Kinder bekommen.“

Okay, Mr. Puciato. You made your point. Stop right there.

So selbstverständlich, wie ich auch inzwischen bei fast jeder öffentlichen Äußerung Dave Mustaines, die nichts mit Musik zu tun hat, in den Fremdschäm-Modus schalte – die Reaktion Puciatos halte ich insgesamt für nur sehr unwesentlich reifer als die erzkonservative, engstirnige Einstellung Mustaines.

Und mal unter uns, Mr. Puciato – Schwulenfeindlichkeit und Homophobie sind Übel unserer Zeit, die bekämpft werden sollten. Da bin ich ganz bei Ihnen. Aber warum das unsachliche Gekeule gegen eine Musikform, die Sie selbst praktizieren, und warum Unterstellungen in Sachen Fehlentwicklung und Therapiebedürftigkeit in Bezug auf die ausführenden Musiker? Bei The Dillinger Escape Plan sind jedenfalls auch sehr deutliche Spuren von Testosteron in der Musik zu finden, und Sie spielen in Ihrer Funktion als ziemlich maskulin erscheinender Frontmann dieser Band auf der Bühne auch nicht unbedingt die Rolle des tiefenentspannten Softies. Ich schätze Ihre Band und Ihre Musik, Mr. Puciato. Trotzdem gilt auch für Sie: bitte durchatmen. Und Ihre letzte Anmerkung ist mindestens so albern wie die altbackene Haltung von Dave Mustaine.

Und wer jetzt bemängelt, ich würde mich doch zu sehr auf Mustaines Seite schlagen: siehe unten. Das genügt.

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Einen verkniffenen Mustaine und einen trotz guter Absichten teils ins Alberne abdriftenden Puciato kann man noch mit bloßem Kopfschütteln betrachten.

Nicht so einen wirklich erschreckenden Fall von Homophobie, nein: praktiziertem Schwulenhass, mit tödlichen Folgen, unter Beteiligung eines Mitglieds der Metal-Szene. Ja, auch das gab es. Traurige Berühmtheit erlangte der sogenannte Keillers Park-Mord.

Am 23. Juli 1997 wurde im Keillers Park in Göteborg, Schweden, die Leiche eines unbekannten Mannes gefunden. Der Mann starb durch zwei Pistolenschüsse. Der erste Schuss traf das Opfer in den Rücken und durchschlug das Herz, der zweite, und letztendlich tödliche, wurde in den Kopf abgefeuert, als der Mann bereits am Boden lag. Nach kurzer Zeit gelang der schwedischen Polizei die Identifizierung eines Tatverdächtigen und infolgedessen auch die des Opfers: es handelte sich um Josef ben Meddour, einen Algerier, der seit ca. 10 Jahren in Schweden lebte. Meddour war homosexuell und lebte dies auch offen aus.

Nachdem die Polizei in zwei falsche Richtungen ermittelt hatte – der feste Freund des Opfers stellte sich als unschuldig heraus, eine weitere Spur, die auf einen politisch motivierten Mord an Meddour durch die algerische, islamistische Organisation GIA hindeutete, entpuppte sich ebenfalls als falsche Fährte – erhielt sie im Dezember 1997 die entscheidenden Hinweise auf die wahren Täter.

Jon Nödtveidt, 22 Jahre alt, und ein Freund des Schweden, der in der Öffentlichkeit nur als Vlad bekannt wurde, Mitglied und Kopf der Misanthropic Luciferian Order, 20 Jahre alt, gestanden nach anfänglichen Unschuldsbekundungen den Mord an Josef ben Meddour.

Meddour traf auf seine späteren Mörder, als diese nach einer Zechtour durch das Stadtzentrum Göteborgs streiften. Ihr Weg führte sie an einem stadtbekannten Treffpunkt homosexueller Männer vorbei. Meddour sprach dort Jon Nödtveidt und Vlad von sich aus an – ihm waren die Kleidung und der Schmuck der beiden Männer aufgefallen, und Meddour erkundigte sich, ob Nödtveidt und Vlad Satanisten seien. Meddour gab an, mehr über Satanismus erfahren zu wollen.

Nödtveidt und Vlad wiesen Meddour zunächst zurück, gaben der Hartnäckigkeit des Mannes aber letztendlich nach und luden ihn ein, sie in Nödtveidts Wohnung zu begleiten. Auf dem Weg dorthin, so gab Nödtveidt zu Protokoll, machten „das Verhalten und die Sprechweise“ von Meddour deutlich, dass dieser homosexuell war. Diese Tatsache machte Vlad und Nödtveidt nach dessen Angaben „zornig“, und sie fühlten sich „beleidigt“. Meddour war die Situation bei Erreichen von Nödtveidts Wohnung nicht mehr geheuer, und er weigerte sich, die Wohnung zu betreten. Nödtveidt und Vlad schlugen Meddour vor, die Diskussion über Satanismus stattdessen im Keiller Park zu führen. Warum Meddour diesem Vorschlag trotz seiner bereits aufgekommenen Bedenken zustimmte, ist nicht bekannt.

Nödtveidt betrat, bevor die Gruppe sich auf den Weg zum Keiller Park machte, noch die Wohnung und nahm einen Elektroschocker (Taser) und seine Pistole, die letzendliche Mordwaffe, mit.

Im Keillers Park angekommen, versuchten Nödtveidt und Vlad, Meddour mit dem Taser außer Gefecht zu setzen. Meddour bemerkte dies vorzeitig und begann wegzurennen, der Fluchtversuch wurde jedoch vom ersten Schuss aus der Pistole, der Meddour in den Rücken traf, jäh beendet. Nödtveidt gab schließlich den zweiten Schuss in den Kopf des am Boden liegenden Meddour ab.

Jon Nödtveidt beging einen Mord aus Hass auf Homosexuelle.

Und Jon Nödtveidt war Leadgitarrist und Sänger der schwedischen Black Metal-Band Dissection.

Nödtveidt wurde zu 8 Jahren, Vlad zu 10 Jahren Haft verurteilt. Nach Einsprüchen gegen dieses Urteil von allen Beteiligten wurde Nödtveidt von der zuständigen Instanz ebenfalls zu 10 Jahren Haft verurteilt.

Sowohl Nödtveidt als auch Vlad wurden 2004, nach dem Absitzen von sieben Jahren Haft, entlassen.

Nödtveidt beging 2006, zwei Jahre nach seiner Haftentlassung, Selbstmord. Seine Leiche wurde in seiner Wohnung entdeckt, umgeben von einem Ring aus Kerzen und weiteren Hinweisen auf eine rituelle Selbsttötung. Nödtveidt hatte sich mit einem Kopfschuss selbst gerichtet. Einen Akt der Reue oder Verzweiflung sollte man darin allerdings nicht sehen. Nödtveidts Suizid geschah nach Aussage mehrerer seiner Bekannten aus in seinem Satanismus begründeten Überzeugungen.

Wie leitet man nach so einem Tiefpunkt über zum nächsten Aspekt unseres Oberthemas?

Während ich hier tippe, stelle ich fest, dass mir das alles andere als leicht fällt.

Kurz durchatmen, Pause, noch mal kurz nachdenken.

Natürlich darf man extreme Fälle wie Jon Nödtveidt nicht unter den Teppich kehren – was ich ja auch ganz bewusst nicht getan habe. Andererseits sollte man sich hüten, Rückschlüsse auf die gesamte Szene zu ziehen. Ich würde und werde noch nicht einmal den gesamten, sehr speziellen Teil der Szene, der für die mit Abstand meisten Kontroversen im Großraum Metal verantwortlich ist, die Black Metal-Szene, der auch Jon Nödtveidt angehörte, über einen Kamm scheren – obwohl es nicht die schwerste Übung wäre, tendenziöse und verallgemeinernde Blogposts zum Thema zu verfassen. Das werde ich allerdings nicht tun, so groß die Versuchung da auch sein mag.

Anm. d. Verf.: um den schon recht üppig bemessenen Rahmen dieses Posts nicht zu sprengen und der ohnehin von mir geplanten Auseinandersetzung mit besagten Ereignissen im Zusammenhang mit der Black Metal-Szene nicht vorzugreifen, beschränke ich mich hier auf die Geschichte um Jon Nödtveidt. Die Auswüchse im Black Metal – hier sei nur mal der Name Varg Vikernes als Stichwort erwähnt – werde ich in diesem Blog zu einem späteren Zeitpunkt noch ausführlich thematisieren.

Eine interessante Frage im Anschluss an die gerade erfolgte Aufzählung diverser Schandflecken und eines unverzeihlichen Gewaltaktes wäre: hat sich in der Metal-Szene etwas getan, um klar Stellung gegen Schwulenfeindlichkeit und Homophobie zu beziehen? Tut sich gegenwärtig etwas? Um klarzumachen, dass Menschen wie eben Jon Nödtveidt nicht exemplarisch für eine ganze Szene stehen?

Leider muss man im Großen und Ganzen sagen: es verhielt sich über weite Strecken leider so, wie es in der Metal-Szene relativ häufig zu beobachten ist – man tut sich oft unverständlich schwer, in kritischen sozialen und/oder politischen Fragen klar Stellung zu beziehen.

Metal-Kritiker merken immer wieder gerne an, dass real existierende Probleme im Metal gerne totgeschwiegen würden. So ganz ist diese These wohl nicht von der Hand zu weisen.

Allerdings geschah im Februar 1998, interessanterweise nicht lange nach dem homophob motivierten Mord in Göteborg, etwas, dass den abseits von Konzerten und Tonträgern so gerne schweigenden Metal aus seinem Dornröschenschlaf weckte.

Der Metal hatte nämlich seinen Thomas Hitzlsperger schon 16 Jahre vor dem Outing des deutschen Fußballers. Wobei der Mann, um den es ging, im Metal eine ungleich größere Bedeutung hatte als Hitzlsperger, bei allem Respekt vor dessen sportlichen Leistungen, im Fußball.

Eine Ikone, eine Galionsfigur, ein Symbol des Metal wagte nach Jahrzehnten den entscheidenden Schritt. Niemand geringerer als Rob Halford, weltberühmt geworden als Sänger von Judas Priest, „Metal God“, outete sich und bekannte sich öffentlich zu seiner Homosexualität.

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Vorreiter: Rob Halford war der erste Metal-Musiker, der sich als homosexuell outete.

Nicht nur die bekannten Szene-Organe, auch die Massenmedien stürzten sich auf die Meldung, wobei letztere beinahe unisono darauf hinwiesen, dass Halfords Bekenntnis in der Welt des Metal nicht nur ein bislang einmaliger, sondern auch ein außergewöhnlicher und mutiger Schritt sei, auf dessen Konsequenzen man gespannt sein dürfe.

Zudem war Rob Halford zum Zeitpunkt seines Outings gerade von Judas Priest getrennt und verfolgte eine Karriere abseits der Band, als dessen Frontmann er seine Legende in der Szene zementierte. Sowohl Fight als auch sein seinerzeit aktuelles Projekt 2wo waren eher überschaubar erfolgreich. Die Priest-Fans folgten Halford auf seinen neuen musikalischen Pfaden also nicht bedingungslos. Sie waren von der stilistisch vom puren Metal abweichenden Richtung, die Halford eingeschlagen hatte, alles andere als begeistert.

Und dann das Bekenntnis Halfords zur Homosexualität.

Ich denke, dass es stimmt, dass du, wenn du in der Musikwelt erfolgreich wirst, dich [als Homosexueller] noch mehr zurückziehst […] wegen der Phobie, die in der Rockmusik immer noch existiert. Du könntest einen Plattenvertrag verlieren, eine Fanbasis. Ein Coming Out ist für jeden Musiker wirklich schwierig”, so ließ Halford als Teil seines Statements verlauten.

War die Bastion des Machismo in den Grundfesten erschüttert? Fanden großangelegte Schmäh- und Hasskampagnen gegen Halford statt? War der Sänger vom Moment seines Outings an in der Metal-Szene geächtet?

Die Antwort auf diese Fragen, und das ist angenehm zu schreiben, lautet in allen Fällen: nein.

Der von vielen erwartete, teils wohl sogar sensationslüstern erhoffte Sturm der Entrüstung in der Metal-Szene blieb aus.

Klar, es gab natürlich auch unfreundliche Kommentare sowie hier und dort mehr oder wenige dumme Sprüche darüber, dass Priest-Songs wie „Turbo Lover“ nun in einem ganz anderen Licht gesehen werden müssten oder dass Halfords Bühnenoutfits ja eigentlich immer schon nahegelegt hätten, dass er „vom anderen Ufer“ sei. Wer Halfords Outing so oder ähnlich kommentierte, ahnte vermutlich gar nicht, dass er damit sachlich gar nicht so falsch lag – wie Halford selbst bestätigen sollte.

Im Großen und Ganzen aber darf man festhalten: das Maß an Akzeptanz, das Halford entgegengebracht wurde, war mehr als erfreulich. Der mit weitem Abstand größte Teil der Metal-Szene, die Fans ausdrücklich eingeschlossen, hatte kein Problem damit, dass sich der „Metal God“ zum Schwulsein bekannte.

Dieses Video hier gibt meiner Meinung nach sehr gut wieder, wie Halford sich äußerte und wie die Reaktionen der Öffentlichkeit und der Metal-Szene, und da nicht nur die der ausgewiesenen Priest-/Halford-Fans, seinerzeit aussahen.

Anm. d. Verf.: der Rechteinhaber hat das Ansehen dieses Videos auf Websites außerhalb von YouTube untersagt, deshalb solltet ihr bei Interesse dem nach Klick auf „Play“ erscheinenden Link zur entsprechenden YouTube-Seite folgen.

Fassen wir kurz zusammen:

Halford gibt im Interview selbst zu verstehen, dass ein großer Teil der Musikindustrie über seine sexuelle Orientierung durchaus im Bilde war. Zumindest für Szene-Insider war Halfords Homosexualität damit also eher ein offenes, nur eben in der Öffentlichkeit unausgesprochenes Geheimnis. Halford berichtet weiter, dass er – seinerzeit fast 47 Jahre alt – sich erst kurz vor dem entscheidenden Schritt bei dem Gedanken wohl fühlte, vor der breiten Öffentlichkeit, und damit auch den Fans, offen über seine Homosexualität zu sprechen.

Halford merkt an, dass es in der gesamten Musikwelt – also nicht nur im Metal – nach wie vor Intoleranz gegenüber Homosexuellen zu beklagen gäbe, aber dass er die Zeit einfach für gekommen hielt, und dass Homophobie im Metal nicht weiter verbreitet sei als in anderen Musikrichtungen.

Interessant auch sein Hinweis, dass der eine oder andere wohl tatsächlich überrascht wäre, wenn er sich alte Judas Priest-Alben und deren Texte nun, da an Halfords Sexualität keine Zweifel mehr bestünden, noch einmal genauer ansehen würde. Halford erläuterte hin, dass sich schon immer eine Menge Anspielungen und Metaphern auf seine sexuelle Orientierung in seinen Texten befunden hätten, die nun auch so verstanden werden könnten, wie sie gemeint waren.

Die im Video gezeigten Fan-Reaktionen spiegeln meiner Meinung nach den allgemeinen Tenor zum damaligen Zeitpunkt sehr gut wieder.

Wie man sieht, waren viele Fans von Halfords Bekenntnis zur Homosexualität nicht gerade überrascht. Um ganz ehrlich zu sein: ich war es seinerzeit auch nicht unbedingt.

Sehr erfreulich fand und finde ich, dass – und das war für die allgemeine Reaktion auf Halfords Outing durchaus repräsentativ – viele Fans betonten, dass sie Halford sowohl als Künstler und Szene-Vorreiter schätzen als auch als Mensch respektieren und dass die Tatsache, dass er schwul sei, daran nichts ändern würde – zumal viele Fans ja, wie gesagt, ohnehin nicht überrascht waren, von Halfords Bekenntnis zu hören.

Die heftigste von einem Metal-Fan im Video geäußerte Kritik richtet sich weder gegen Halfords Schwulsein an sich noch gegen das Outing – sondern gegen den von Halford dafür gewählten Zeitpunkt. Ausgerechnet kurz vor der Veröffentlichung eines neuen Albums („Voyeurs“ von Halfords damaliger Band 2wo stand damals kurz vor dem Release) für zusätzliches Medien-Ballyhoo zu sorgen, so ist es im Video zu sehen, wurde von einem Anrufer bei einer Radiostation als platter Marketing-Move gegeisselt. Diese Meinung vertrat seinerzeit übrigens nicht nur jener erzürnte Anrufer. „Warum hat er es nicht schon vor einem Jahr getan? Oder vor zwei Jahren? Warum jetzt?“ fragte sich der erboste Fan.

Wie schon kurz erwähnt, waren Halfords Projekte seit seiner Trennung von Judas Priest nicht sonderlich erfolgreich. Es gab tatsächlich vereinzelte Stimmen, die Halfords Outing nicht als mögliches Risiko für dessen Karriere sahen, sondern, im Gegenteil, als den Versuch, mit einem medienwirksamen Schachzug die Albumverkäufe von 2wo anzukurbeln. Sollte da zumindest ein leiser Hintergedanke bei Halford vorhanden gewesen sein: er trug keine Früchte. 2wo waren weder vor noch nach dem Outing besonderer kommerzieller Erfolg beschieden.

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Rob Halford zeigte sich speziell in den frühen 80ern gerne so. Noch wusste niemand wirklich, wo Halford seine Outfits einkaufte.

Recht realistisch einschätzend antwortete ein Fan auf die Frage, ob die Reaktionen wohl negativer ausgefallen wären, wenn Halford sich schon auf dem Höhepunkt des Erfolges mit Judas Priest, Anfang der 80er Jahre, zum Schwulsein bekannt hätte, dass dies zum damaligen Zeitpunkt wahrscheinlich das Schlechteste gewesen wäre, was Halford hätte tun können, und dass die Akzeptanz von Homosexualität in der Gesellschaft seitdem zugenommen hätte.

Auch interessant: einer der befragten Fans hatte kein Problem damit, seine eigene Homosexualität vor der Kamera zu thematisieren – und er vergaß nicht zu erwähnen, dass keiner seiner der Metal-Szene zugehörigen Freunde jemals ein Problem mit seiner sexuellen Orientierung hatte.

Grinsen muss ich irgendwie noch heute bei folgendem, vom Moderator der Sendung im Video zitierte Statement eines Fans:

Who cares if he’s gay? If he would have sung on the new Judas Priest record, maybe it wouldn’t have sucked!“

Anm. d. Verf.: wie bereits erwähnt, war Halford zum Zeitpunkt seines Outings von Judas Priest getrennt. An Halfords Stelle sang der junge Tim „Ripper“ Owens bei Priest, der den „Metal God“ aber in den Augen der Fans nie adäquat ersetzen konnte. Als Halford sich outete, war das Priest-Album „Jugulator“, das erste von letztendlich nur zwei Alben mit Owens am Gesang, gerade aktuell und Gegenstand teils heftiger Kritik seitens der Priest-Fans.

Rob Halford gibt heute übrigens gerne und ziemlich amüsiert zu Protokoll, dass es eine wunderbare Ironie sei, dass der für die frühen, klassischen Heavy Metal-Bands so typische Look, bestehend aus viel Leder, Ketten und Nieten, der stets als so machohaft und martialisch betrachtet wurde und den Halford bei Judas Priest quasi in die Szene einführte, seinen Ursprung ausgerechnet in Halfords Homosexualität hatte. Halford berichtete, dass er in den 70ern und 80ern, als er sein Schwulsein noch gekonnt verbergen musste, Stammkunde in diversen SM-Läden war – „Läden mit sehr schmalen Türschlitzen, am Ende von sehr engen Gassen, von denen nur Eingeweihte wussten, dass sie existierten.“ Dort kaufte er auch seine Bühnenoutfits ein, die schon bald von einem großen Teil der Szene als „Uniform“ übernommen wurden. Irony, indeed. 😉

 

Halten wir also fest: das Bekenntnis zum Schwulsein hat der Karriere von Rob Halford, einer Ikone des Macho-Betriebs Metal, keinen Abbruch getan. Gänzlich problemlos lief das Outing zwar nicht ab, wie Halford auch heute auf Nachfrage bestätigt, aber das Echo war innerhalb wie außerhalb der Metal-Szene insgesamt ermutigend und erfreulich tolerant.

Halfords Ansehen als Mensch, Künstler und auch als Galionsfigur des Metal blieb unangetastet. Seine Rückkehr zu Judas Priest im Jahre 2003 wurde nicht nur von altgedienten Fans umjubelt, und auch jetzt, im fortgeschrittenen Rocker-Alter von stolzen 64 Jahren und als bekennender Homosexueller, ist der Name „Rob Halford“ immer noch praktisch ein Synonym für Metal.

Wende zum Besseren damit schon vor Jahren geglückt? Also alles gut? Wie sah die Metal-Landschaft nun nach Halfords Outing aus? Hatte sich etwas verändert?

Wie auch im Fußball nach dem Outing von Thomas Hitzlsperger blieb im Metal nach Rob Halfords offengelegter Homosexualität eine mögliche Welle von weiteren Bekenntnissen zum Schwulsein in der Metalszene aus. Die Reaktionen im Fall von Sängerin Otep Shamaya von der Band Otep, die sich 2005 als lesbisch outete und daraufhin Morddrohungen erhielt, wirkten mit Sicherheit alles andere als ermutigend auf homosexuelle Musiker und Musikerinnen aus dem Bereich Metal. Selbst das positive Beispiel Rob Halford konnte da offenbar nicht entgegenwirken. Ob der Gedanke eine Rolle spielte, dass Rob Halford möglicherweise als arrivierter und hochangesehener, teils idealisierter Musiker von vorneherein mit mehr Toleranz und Akzeptanz rechnen durfte als ein weniger prominenter Vertreter der Szene (oder, wie im Falle Otep Shamaya, eine Vertreterin) – wer weiß.

Wie z.B. im Fußball gilt auch hier: bei einem für realistisch gehaltenen Anteil an homosexuellen Menschen beiderlei Geschlechts an der Weltbevölkerung von rund 7% ist es statistisch gesehen nicht von der Hand zu weisen, dass es im Metal mehr homosexuelle Fans, Musiker und auch Musikerinnen geben muss als Rob Halford oder Otep Shamaya.

Nichtsdestotrotz hörte man aus der Metal-Szene, wie so oft, lange Zeit quasi nichts Bemerkenswertes zum Thema.

Erst 2014 horchte die Metal-Gemeinde wieder auf, als sich Sänger/Gitarrist Paul Masvidal und Drummer Sean Reinert, beide bei Cynic aktiv, gleich im Doppelpack als homosexuell outeten.

Mal am Rande: beide Musiker waren vor der Gründung der progressiven Cynic übrigens u.a. bei Death aktiv – also im ganz harten Bereich des Metal. Ihr erinnert euch noch an meine eingangs gemachten Äußerungen zu den Klischees vom „weichen“, „femininen“ Homosexuellen?

Während Paul Masvidal, 43, seine Homosexualität bereits 1991 zumindest im Familienkreis offenbarte, lag der Fall bei Sean Reinert, 42, anders.

„Meine Klischeevorstellung vom Schwulsein war ursprünglich, Kleidchen und Tank-Tops zu tragen. Ich kannte keine männlichen Vorbilder aus der Metalszene, die homosexuell waren“, so Reinert.

„Paul & Sean of CYNIC, Paris 2010“ von V.CHASSAT - Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Paul_%26_Sean_of_CYNIC,_Paris_2010.jpg#/media/File:Paul_%26_Sean_of_CYNIC,_Paris_2010.jpg

Outeten sich 2014: Sean Reinert (lks.) und Paul Masvidal (Cynic). Foto: V. Chassat.

Bevor Rob Halford sich 1998 outete, gab es für einen schwulen Metal-Musiker tatsächlich kein Vorbild. Masvidal und Reinert fühlten sich in den frühen 90ern praktisch allein auf weiter Flur und haben unschöne Erinnerungen an ihre erste landesweite US-Tour mit Cynic.

Cynic waren als Support für Cannibal Corpse unterwegs – praktisch für Superstars des Death Metal. Cynic hatten mit ihrer auch ohne öffentliches Bekenntnis zum Schwulsein seitens Masvidal und Reinert ohnehin schon von Macho-Attitüden befreiten Bühnenpräsenz einen enorm schweren Stand bei den Fans des Hauptacts. Masvidal bezeichnet diese Tour sogar als „traumatisch“ für die Band.

In Richtung der Band fliegende Flaschen, schwulenfeindliche Sprüche aus dem Publikum, klare „Verschwindet von der Bühne!“-Rufe. Die frühen Neunziger waren offenbar in weiten Teilen nicht reif für eine „andere“ Band wie Cynic, obwohl Masvidals und Reinerts Outing noch gar nicht erfolgt war.

Es war unsere erste größere Tour, und alles was ich dachte war: wir gehören hier nicht hin“, so Masvidal.

Weder Masvidal noch Reinert – die im Übrigen angeben, sexuell nie aneinander interessiert gewesen zu sein – waren seinerzeit bereit, ihre Homosexualität öffentlich zu machen, was nach den auf Tour gemachten Erfahrungen nicht weiter überrascht. Der innere Konflikt und die Ablehnung der Band durch viele Metal-Fans – so jedenfalls der Eindruck der Tour – führten 1994 dazu, dass Cynic sich auflösten.

Masvidal und Reinert verfolgten jeweils eigene Projekte. Cynic waren Geschichte. Und Masvidal und Reinert waren immer noch „undercover“, was ihre Sexualität anging.

Dass 2006 doch eine Reunion stattfand, war zum einen einer Flut von E-Mails junger Metal Fans zu verdanken, die Cynic gehört hatten und nach einer Reunion riefen. Zum anderen stellten Masvidal und Reinert fest, dass Cynic deutlich mehr Metal-Musiker und Bands beeinflusst und ein wesentlich besseres Standing hatten, als ihnen bis dahin bewusst war. Bands nannten Cynics „Focus“-Album einen Meilenstein, Musiker wie Drummer Tomas Haake von Meshuggah lobten die Band und ihre „andere“ Herangehensweise an Metal, wie z.B. die Jazz-Einflüsse, in höchsten Tönen.

Masvidal und Reinert stellten fest: es hatte sich etwas verändert. Und: ihr musikalisches Schaffen erfuhr, wenn auch mit Verzögerung, höchste Anerkennung. Die Folge: Cynic reformierten sich und feierten ihr Comeback beim französischen Hellfest 2006. Und es funktionierte. Und das blendend.

Meine letzte Erinnerung in Bezug auf diese Band waren Leute, die uns zubrüllten, wir sollten von der Bühne verschwinden. Jetzt zu hören, wie tausende von Menschen unsere Texte mitsingen, war eine wirklich emotionale Angelegenheit“, so Masvidal.

Die musikalische Karriere von Cynic ging also unverhofft weiter, besser: sie begann erst richtig. Seit der Reunion sind die Alben „Traced In Air“ (2008) und „Kindly Bent To Free Us“ (2014) erschienen.

 

Der Schritt zum Outing war aber immer noch nicht vollzogen, obwohl Fans und Journaille bereits in der Vergangenheit die Sexualität von Reinert und Masvidal hinterfragten.

Reinert erinnert sich: „Ich hatte ein Date mit diesem furchtbaren Typen, der dann freundlicherweise darüber in seinem Blog schrieb. Über Jahre war es so, dass beim googeln meines Namens direkt nach „Sean Reinert Drummer“ schon „Sean Reinert Gay“ vorgeschlagen wurde.“

Dass sich Reinert und Masvidal letztendlich doch zum Outing entschlossen, lag nicht zuletzt daran, dass sie eine Veränderung in der Szene feststellten – gerade unter den Fans. Sie hielten es für möglich, Zeugen des Beginns einer Art neuer Ära im Metal zu werden. „Die Bandbreite ist jetzt viel größer, die Fans sind so viel offener und experimentierfreudiger“, so Reinert. Und damit ist nicht nur die Einstellung zur Musik gemeint.

Masvidal und Reinert streiten nicht ab, auch nach dem erfolgten Outing noch Bedenken gehabt zu haben, was die Reaktionen der Öffentlichkeit anging. Aber, so Masvidal, „wichtig ist für uns, aufrichtig zu sein.“

Hasskampagnen oder über das traurigerweise übliche Maß an abfälligen Kommentaren an den üblichen Stellen hinausgehende Negativreaktionen ernteten Cynic nach dem Outing jedenfalls nicht. Kürzlich aufgekommenen Auflösungsgerüchten zum Trotze, befinden sich Cynic zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Blogbeitrags auf Tour durch Japan.

Auch wenn der Metal wahrscheinlich nie der Musikbereich sein wird, in dem sich die meisten politischen und sozialen Aktivisten tummeln – so langsam aber sicher traut man sich auch bei „uns“, tatsächlich auch einmal öffentlich Stellung zu beziehen.

Aktuell ist zu vermelden, dass Bands wie Anthrax, Kiss und (sieh an) Guns’n’Roses und auch Einzelmusiker aus der Metal-Szene wie Nikki Sixx (Mötley Crüe) aktiv an der NoH8 Campaign teilnehmen, die sich für sexuelle Gleichberechtigung und die Legalisierung homosexueller Ehe einsetzt. Es geht also doch. Wenn auch langsam und in kleinen Schritten.

Der Metal scheint tatsächlich langsam reifer zu werden. Als (selbst auch oft ungeliebter) Teil der Gesellschaft, der er nun mal ist, wäre alles andere auch mehr als beklagenswert. Umdenken ist stets ein langwieriger Prozess. Aber er findet offenbar statt. Erfreulicherweise nicht nur, aber eben auch im Machobetrieb Metal.

Was sagte eigentlich Rob Halford, als Vorreiter der Szene, zum Outing von Masvidal und Reinert? Im Interview mit Terrorizer äußerte sich Halford nicht nur dazu, sondern noch einmal zur allgemeinen Großwetterlage:

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Rob Halford sieht positive Tendenzen. Der „Metal God“ muss es schließlich wissen.

Es gibt Homophobie im Metal, es gibt Homophobie in ALLEN Bereichen der Musik, aber im Großen und Ganzen akzeptieren Metalheads einander – weil wir wissen, dass wir alle eine Menge Dresche bekommen. Viele Leute mögen uns nicht, sie mögen unsere Musik nicht, sie mögen nicht, wie wir aussehen.

Dass diese beiden [Paul Masvidal und Sean Reinert von Cynic, Anm. d. Verf.] dieses Statement abgegeben haben – es ist absolut brilliant. Ist es nicht beschissen, dass man sich im Jahre 2014 immer noch Sorgen darüber machen muss? […] Aber das macht dir die Dummheit klar, die immer noch in der Welt herrscht.

Gott schütze sie [Masvidal und Reinert, Anm. d. Verf.]. Ich weiss, wie es ist, aus der Deckung zu kommen. Es ist das beste Gefühl der Welt. Sei ehrlich dir selbst gegenüber, leb‘ dein Leben, versteck‘ dich nicht. Nichts wird dich verletzen, du kannst dich höchstens selbst verletzen. Die Menschen, die dich wirklich lieben, werden dich bedingungslos lieben.“

Halford weiter:

Es ist eine großartige Zeit, um darin zu leben, was Akzeptanz und Toleranz angeht. Ich habe eine Wohnung in Amsterdam, und für die Holländer ist das [Homosexualität, Anm. d. Verf.] gar kein Thema.[…]Du kannst einfach der sein, der du bist. Ich hoffe, es wird eines Tages anderswo ebenso sein.“

Homophobie in allen Bereichen der Musik – es wartet also nicht nur auf den Metal noch eine Menge Arbeit.

Sean Reinert: „Schwule Menschen sind überall, in jedem Job, in jeder Art von Musik, und das waren wir auch immer.“

Ich kann mir irgendwie nicht verkneifen, mir vorzustellen, wie es wohl wäre, würde sich in einer weiteren Hochburg des Machismo, die alles andere als homophobiefrei ist, einer der Topstars der Szene als homosexuell outen. Ein hochrangiger Gangsta-Rapper, der den Halford macht? Wäre das Echo überhaupt vorstellbar? Oder wären wir alle von den Reaktionen ähnlich überrascht wie im Falle des „Metal God“? Wie würden andere Musiker aus der Szene damit umgehen, zumal gegenseitiger Diss im Rap/Hip Hop ja praktisch zur Kultur gehört?

Aber ich will hier nicht weiter darüber spekulieren. War nur so ein Gedanke. Ich stehe der Rap-/Hip Hop-Szene dazu auch einfach nicht nahe genug und bleibe lieber bei meinen Leisten. Also schleunigst wieder zurück zum Metal. Und so langsam Richtung Abschluss dieses Posts.

Ich hätte auch Rob Halford das Schlussplädoyer überlassen können, aber da dies hier immer noch ein persönlicher Blog ist, sollte das, bei allem Respekt vor dem „Metal God“, dann wohl doch eher mein Job sein. 😉

Wie ich ja schon betont habe, ist Homophobie ein Problem der gesamten Gesellschaft – nicht nur das bestimmter Gruppierungen. Wie sich herausgestellt hat, sehe nicht nur ich das so.

Als Metal-Fan, der nebenbei auch selbst als frittengabelschwingender Sänger aktiv war und auch noch ist, Fußballfan und obendrein noch Gamer gehöre ich allerdings gleich drei (genau genommen vier) Gruppierungen an, die unter besonderer Beobachtung stehen, wenn es um Intoleranz geht. Ich beobachte mich mal selbst:

Ich bin heterosexuell. Ich kenne homosexuelle Menschen beiderlei Geschlechts. Und mit deren Sexualität hatte ich niemals auch nur den Ansatz eines Problems. Ich bin nicht religiös und daher auch frei von Vorurteilen oder Ansichten, die von einem wie auch immer gearteten Glauben herrühren könnten.

Ich bin nicht homophob. Ich könnte mir dafür nun auf die Schulter klopfen. Werde ich aber nicht. Denn bei allen Bestrebungen, Rücksicht zu nehmen und Toleranz nicht nur zu predigen, sondern auch zu leben – ich tauge nicht als Vorbild.

Habe ich schon einmal, in rein heterosexueller Gesellschaft, trotz meiner Grundhaltung, dumme Sprüche über Homosexualität geklopft? Ja. Blöde Witze gerissen? Ja, auch das. Das nicht zuzugeben wäre Heuchelei. Und ich verabscheue Heuchelei.

Ich gebe zu, dass ich keinen Deut „besser“ bin als andere Menschen, in deren Sprachgebrauch sich Wörter eingenistet haben und auch zum Einsatz kommen, über deren diskriminierende, eigentliche Bedeutung nicht mehr nachgedacht wird. Obwohl ich Menschen nicht nach ihren sexuellen Vorlieben bewerte. Und sie keinesfalls weniger wertschätze, wenn diese Vorlieben sich nicht mit meinen eigenen decken.

Aber ich mache, speziell im Affekt, im Sprachgebrauch manchmal Fehler.

Deshalb, auch an alle Mit-Verbalentgleiser – ich hoffe für uns alle, dass wir irgendwann das nötige Maß an Reife erlangen, das uns erlaubt, unser Vokabular so zu erweitern, dass wir unserer Meinung unmissverständlich Ausdruck verleihen können, ohne Mitmenschen zu diskriminieren oder zu beleidigen, die wir nicht diskriminieren oder beleidigen wollen.

Es ist und bleibt wichtig, offen zu sagen, was wir denken. Darauf zu achten, wie man etwas sagt, schadet allerdings nicht. Da ist auch bei mir noch einiges an Luft nach oben.

Wenn ich mich als Mitglied einer bestimmten Gruppierung zu erkennen gebe – sei es als Metalhead z.B. durch das Tragen eines Band-Shirts oder als Fußballfan durch das Tragen eines Trikots „meines“ Vereins– muss mir klar sein: leiste ich mir einen verbalen oder sonstigen Fehltritt als eindeutig zu identifizierendes Mitglied einer bestimmten Gruppe, nehme ich in Kauf, dass das auf die ganze Gruppe zurückfallen kann.

Als Metalheads können wir uns da weder raushalten noch erwarten, dass uns Extrawürste gebraten werden – gerade wir nicht, die wir nach wie vor oft genug besonders argwöhnisch beäugt werden (was wiederum auch einiges über das immer noch vorhandene allgemeine Defizit an Offenheit, Aufgeklärtheit und Toleranz in unserer Zeit aussagt, aber das steht auf einem anderen Blatt).

Wir, als Metalheads, geben gerne zu verstehen, dass wir unsere Musik nicht zuletzt als Sprachrohr, Ablassventil und Zufluchtsmöglichkeit für die Missverstandenen, Ausgestoßenen und am Rande der Gesellschaft stehenden betrachten, als Musik für diejenigen unter uns, die „anders“ sind, die anders ticken und nur allzu oft aufgrund ihres Andersseins diskriminiert werden. Oft genug verhalten wir uns nicht dementsprechend. Denn wir sind fehlbar, weil wir eben auch nur Menschen sind. Ich habe mich da ja bereits ausdrücklich mit eingeschlossen. Das nimmt uns aber nicht aus der Verantwortung.

Ich bin selbst schon diskriminiert worden. Für „anderes“ Denken, für „anderes“ Fühlen, für „andere“ Verhaltensweisen. Und auch dafür, dass ich Metal höre. Auch für mich war der Metal über die letzten drei Jahrzehnte nicht zuletzt eine Zuflucht, eine Trutzburg, in der sich Menschen aufhielten, denen es ähnlich wie mir erging und in der ich mich verstanden fühlte. Ich bin da ganz bei Rob Halford: allen internen Zwistigkeiten zum Trotze, die es in jeder Gruppierung gibt, existiert ein generelles Verständnis unter den Metalheads, ein Gemeinschaftsgefühl, getragen von „unserer“ Musik. Dieses Gefühl ist eines der Dinge, die ich am Metal besonders liebe.

Also, Metalheads – sorgen wir dafür, das dieses Gefühl, das den Metal eben auch ausmacht, nicht nur einmal im Jahr bei einem ziemlich berühmten großen Festival auf einem gewissen Feld in Schleswig-Holstein an die Öffentlichkeit kommt. Lasst uns immer auch kritisch auf uns selbst schauen und uns an die eigene Nase fassen. Und lasst uns das, was wir predigen und was wir so gerne als Wesen der Szene ansehen, auch vorleben. Nicht nur, aber eben auch, wenn es um Toleranz gegenüber Homosexuellen geht, innerhalb wie außerhalb unserer Szene.

In letzter Zeit schlagen wir uns nicht schlecht. Die dunklen, teilweise tiefschwarzen, Flecken der Intoleranz auf der Vergangenheit, nicht nur auf unserer eigenen, sollten genau das bleiben – Vergangenheit. Ich habe das Gefühl, wir sind inzwischen auf einem guten Weg.

Ganz zum Schluss aber noch ein bisschen metallische Wut:

Was sich der Betreiber des Anti-Metal-Blogs „stopmetal.de“ an homophobem Hirnschiss zum Thema „Metal und Homosexualität“ herausnahm, nicht nur in Sachen Rob Halford, ging auf keine Kuhhaut. Ich bin bei der Recherche für diesen Post darüber gestolpert und war entsetzt. Ich werde hier bewusst NICHT auf diesen Dreck verlinken, nur mal mit der Frittengabel der rechten und dem Mittelfinger der linken Hand darauf zeigen – und Judas Priests „Painkiller“ auflegen. Ich glaube, gerade jetzt wäre es mal wieder an der Zeit.

SCREEEEEEEEAAAAAAM on, Rob!

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Sep 132015
 

mann_ueber_wort_arne_h_avatar_300Moin, Mahlzeit, guten Abend an alle, die hier hineingestolpert sind!

Worum geht’s hier?

„Mann über Wort“ ist mein ganz persönliches Ventil für ebenso persönliches Gedankengut aller Art. Wenn ich Gedanken, Meinungen und Erzählungen in Schriftform bringe, artet das manchmal in wahre Textwüsten aus. Ich habe irgendwann angefangen, dieses Phänomen scherzhaft als „Schreibdurchfall“ zu bezeichnen. „Mann über Wort“ dient von heute an quasi als Endlager für meine Schreibdurchfälle.

Alle hier von meiner Wenigkeit geäußerten Meinungen, aufgestellten Thesen oder vertretenen Ansichten sind einzig und allein meine eigenen und persönlichen. Subjektivität ist hier kein Versehen, sondern Absicht. Es ist zudem mehr als nur wahrscheinlich, dass der eine oder andere zukünftige Beitrag den Bereich „Satire“ mehr als nur streifen wird. Es wird hier also mal mehr, mal weniger ernsthaft zugehen.

Ich zwinge niemanden, meinen Kladderadatsch zu lesen. Ich schreibe mir die Inhalte des Blogs quasi von der Seele, weil ich Bock darauf habe. Ich lege es nicht auf Originalitäts-, Literatur-, Journalismus- oder Webkulturpreise an. Das geht mir alles links und rechts am Sitzfleisch vorbei. „Mann über Wort“ ist schlicht und ergreifend mein – und ich zitiere hier liebend gern den Kollegen harzzach vom Senior Gamer-Blog – „Auskotzbottich“ für all das Zeug, das mir durch den Schädel geht, mein Herz in Aufruhr versetzt oder mir auf der Seele brennt. Im Guten wie im Schlechten.

Wer bei der Lektüre feststellen sollte, dass er das hier Niedergeschriebene ansprechend findet, aus welchen Gründen auch immer, ist natürlich herzlichst willkommen und darf auch gerne per Kommentar seinen Senf dazu geben und möglicherweise sogar Diskussionen über das Gelesene in Gang bringen. Kurz und gut: Feedback wäre schön, ist aber kein Muss.

Ich nehme mir hier übrigens nicht nur die Freiheit der unverblümten Meinungs- und Gedankenäußerung, sondern auch jene, mir von nichts und niemandem ein Zeichenlimit setzen zu lassen, im Sinne von „zu lang“, „zu ausschweifend“ oder „komm‘ mal zum Punkt“. Schreibdurchfälle können kurz und heftig oder sehr ausufernd sein. Wat kütt, dat kütt.

Wir sind hier schließlich nicht bei WhatsApp und auch nicht bei Fratzenbuch. 6987 Likes für „Heute Paady Alda!“ sind mir völlig wumpe. Längere Ausführungen in Schriftform werden ja vielerorts oft als störend empfunden, weil sie in der vielzitierten heutigen „schnelllebigen Zeit“ fehl am Platze sind. Hier, in meinem persönlichen Revier, kann mich die schnelllebige Zeit allerdings mal vornehm am Hobel blasen. 😉 Und wer die Aufmerksamkeitsspanne eines Wellensittichs hat, ist hier nicht nur falsch, sondern hat diesen Browser-Tab sowieso schon lange geschlossen.

Wie der geneigte Besucher möglicherweise schon bemerkt hat, gibt es derzeit sieben Kategorien (in WordPress-Sprech) bzw. Themenbereiche, in denen ich in eher unregelmäßigen Abständen posten werde. Ihr Kreativen da draußen wisst ja: die Muse küsst manchmal nicht gerne und ist im Allgemeinen ein ziemlich launisches Miststück. 😉 Die jeweilige Kategorie der Posts ist durch ein individuelles Logo immer halbwegs klar zu erkennen.

Da mich der technische Teil des Blogs bzw. der Website neben vielen anderen Dingen in den letzten Tagen ordentlich auf Trab gehalten hat, gibt es noch nicht in jeder Kategorie gehaltvollen Lesestoff, aber mindestens jeweils einen Eröffnungs-Post, der klarmacht, wohin die Reise in der jeweiligen Kategorie gehen wird/soll.

Jetzt, wo ich mich auf die Inhalte konzentrieren kann, sollten sich die einzelnen Kategorien aber in den nächsten Tagen und Wochen langsam füllen.

Diejenigen unter euch, die mich maßgeblich zum Bloggen getrieben haben, da sie meine Ausführungen zum musikalischen Thema „Metal“ auf Fratzenbuch verfolgt haben, finden schon heute neben den – übrigens größtenteils überarbeiteten und erweiterten – „alten“ Artikeln aus meinem FB-Profil bereits zwei neue Beiträge. Wenn der heutige Sonntag halbwegs gut zu mir ist, kommt noch im Laufe des Tages ein dritter hinzu.

Auch mein TV-Selbstversuch vom Juli, in dessen Rahmen ich mir gleich zwei RTL-Arschbomben in Folge antat, hat übrigens seinen Weg hierher gefunden.

An die Mobil-Leser: „Nimmste quer, haste mehr“ dürfte auch in Bezug auf diesen Blog ein hilfreicher Tipp sein. Ein ausreichend großes Display vorausgesetzt, habt ihr im Querformat auch die Navigation im rechten Sidebar zur Verfügung, so wie das Volk an den Rechnern. Bei zu schmalen Displays bzw. Hochformat findet ihr die Sidebars am unteren Seitenrand. Unter „Themen“ in der Kurznavi oben auf der Seite erscheint durch Tippen ein Dropdown-Menu, das euch ebenfalls zu den verschiedenen Kategorien führt. Ach, was mache ich eigentlich für eine Welle, ihr werdet euch schon zurechtfinden. 😉

Wer gleich mal reinspringen will: unten klicken oder tatschen (die Links führen zu den jeweiligen Eröffnungs-Posts).

Viel Spaß!

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Sep 132015
 

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Kommen wir zur Heldenverehrung, Teil Zwo, und zur Gesangsfraktion. Da sind bei der Vorstellung persönlicher Helden meinerseits bei einigen Herren etwas längere Elogen angebracht.

Bei dem einen, weil er nicht unmaßgeblich „Schuld“ daran trägt, dass ich vor Urzeiten begonnen habe, Metal zu lieben.

Bei dem anderen, weil er nicht unmaßgeblich dafür sorgt, dass es bei dieser Liebe bleibt.

Und beim dritten, weil er ein Naturereignis ist.

Aber der Reihe nach:

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Bruce Dickinson in den frühen 80ern. Der Mann, der mir das nachhaltigste musikalische Erweckungserlebnis meines Daseins bescherte.

Anfangen muss ich einfach mit Bruce Dickinson (Iron Maiden).

Dickinson war einer der Gründe, warum ich irgendwann in Erwägung zog, auch ein Mikro in die Hand zu nehmen und zu versuchen zu singen. Und auch einer der Gründe, warum der Metal mich irgendwann gepackt und nicht mehr losgelassen hat.

Anno 1983, das legendäre Metal-Festival in der Westfallenhalle Dortmund, präsentiert in der Reihe „Rockpop“ – im öffentlich-rechtlichen TV! Im ZDF! Mein Bruder warf eines Nachmitttags die Video 2000(!)-Cassette mit der Aufzeichnung des natürlich stark gekürzt ausgestrahlten Konzerts in den Recorder und drückte Play. Ich ahnte noch nicht, dass ich eine Art musikalisches Erweckungserlebnis vor mir hatte. Das gemeinsame Anschauen des Videos mit meinem damals stark dem Metal und auch dem Punk zugewandten Bruder war strenggenommen mein erster halbwegs bewusster Kontakt mit Metal. Ich hatte es zwar aus dem Zimmer meines Bruders immer wieder dröhnen hören und fand es nicht schlecht, aber noch hatte es mich nicht gepackt. Und auch das Konzert-Video hatte zunächst keine besondere Wirkung auf mich. Irgendwie kickten mich Def Leppard und Quiet Riot gar nicht (und haben es auch in der Folgezeit nie geschafft). Auch in Sachen Judas Priest klickte es bei mir erst später.

Aber dann kamen Iron Maiden. Da stand dieser Kerl auf der Bühne, mit langen, später äußerst schweißnassen Haaren, in verdammt engen Hosen und mit einer spannend aussehenden Gürtelschnalle, und der Typ sang so laut und trotzdem so klar und noch dazu ziemlich hoch, dann rannte er kreuz und quer über die Bühne, tobte, sprang, blickte manisch ins Publikum, heizte es an, dann rannte er wieder und sang dazu.

Der erste Song war vorbei, ich blieb gebannt sitzen.

Bei der nächsten Nummer machte der Sänger etwas, von dem ich noch nicht wusste, dass es „Headbanging“ heißt, stand breitbeinig auf einem Podest seitlich vom Drumkit, sang, gestikulierte, schwang eine britische Flagge, heizte das Publikum an.

„Sing it for me, Dortmund!“ schrie er. Und Dortmund sang für ihn. Der Typ in den engen Hosen hatte das Publikum komplett im Griff. Es regte sich zum ersten Mal der noch sehr zarte Ansatz eines „Ich will das auch!“ in meinem Hinterkopf.

„And as I lay there gazing at the sky / My body’s numb and my throat is dry / And as I lay forgotten and alone / without a tear I draw my parting groan.“

Ich verstand noch nicht so wahnsinnig viel von dem, was dieser hyperaktive Kerl da sang. Ich bekam nicht mit, dass ich in diesem Moment „The Trooper“ hörte und der Song schon ziemlich bald zu einem meiner persönlichen Evergreens werden sollte. Aber: ich war erstmals vom Metal fasziniert. So etwas kannte ich bis dahin noch nicht. Das war so weit weg von dem Zeugs, dass ich Dienstags abends bei „Formel Eins“ vorgesetzt bekam (die Älteren werden sich noch erinnern).

Und ich fand es geil. Die Musik an sich hat sich mir erst später wirklich erschlossen, anno 1983 – ich war 11 – waren es zunächst vor allem Bruce Dickinsons Gesang und seine Bühnenpräsenz, die mir nicht mehr aus dem Schädel gingen. Und meine Bewunderung für Mr. Dickinson ist bis heute ungebrochen.

 

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Je oller, je doller? Bruce Dickinson ist auch mit deutlich über 50 noch der Derwisch, der mich vor urlanger Zeit so begeistert hat.

Denn auch heute, mit 57 Lenzen, rennt und springt Dickinson noch über die Bühnen dieser Welt wie ein junges Fohlen, und zu allem Überfluss singt er dabei auch noch nach wie vor erstklassig.

Der Mann ist übrigens nicht „nur“ Sänger. Der leidenschaftliche Fechter und zwischenzeitliche Buchautor hat ein abgeschlossenes Geschichtsstudium vorzuweisen (was sich immer wieder auch in seinen Texten niederschlägt) und ist ausgebildeter Pilot. Dickinson besitzt seit den frühen 90er Jahren die Fluglizenz, und – was vielen gar nicht bekannt ist – war seitdem sogar hauptberuflich Pilot, und zwar bei der britischen Charterfluglinie Astraeus, bis diese 2011 Konkurs anmelden musste. Dieser Job war auch der Grund für Dickinsons Wechsel zur Kurzhaarfrisur. Für Aufnahmen und Tourneen mit Iron Maiden und seine Solo-Aktivitäten nahm er sich jeweils Urlaub. Unglaublich, aber wahr.

Heute bildet Dickinson selbst Piloten aus und ist Besitzer einer Firma, die verschiedenste Flugzeuge wartet (Cardiff Aviation).

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Von Captain Bruce Dickinson würde ich mich jederzeit um den Globus jetten lassen.

Bekannter ist da schon die Tatsache, dass Dickinson sich und seine Band bei ihren Tourneen seit einiger Zeit eigenhändig um den Globus fliegt. Auf der 2016 anstehenden Iron Maiden-Weltreise zum aktuellen Album „The Book Of Souls“ wird Dickinson eine Boeing 747-400 steuern, also einen ausgewachsenen Jumbo. Wenn das mal nicht so was von Metal ist! 😉

Dickinson ist übrigens gerade erst von einer Zungenkrebs-Erkrankung genesen, die den Release von „The Book Of Souls“ und den Tourneestart natürlich stark verzögerte. Aber Bruce Dickinson ist einfach nicht unterzukriegen.

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Einfach ein Hammertyp. Ein Hammersänger. Und in vielerlei Hinsicht auch ein Vorbild. Ich könnte Romane über Bruce Dickinson schreiben, vielleicht mache ich das sogar irgendwann mal. Ich schließe meine Lobeshymne hier und jetzt allerdings mit einem Song aus einem seiner Solo-Alben ab.

 

 

(AP Photo/Keystone, Sandro Campardo, File)

Ein kleiner Mann, eine gigantische Stimme – und eine Frittengabel, die um die Welt ging: Ronnie James Dio.

Ein Hoch auf Ronnie James Dio (Black Sabbath, Rainbow, DIO; verstorben 2010).

Der kleine, große Mann des Rockgesangs. Nicht groß an Statur, aber dafür umso größer in Sachen Stimme. Und der Mann, dem wir, wenn wir seinen Ausführungen Glauben schenken, die Verbreitung unseres heißgeliebten und berühmten Erkennungszeichens verdanken, die „Frittengabel“. Pardon, die „Hörner“. 😉

Wenn es jemanden gab, der dieses immer wieder geäußerte, völlig dummdreiste Vorurteil, dass Stimmgewalt von Körpermasse oder -größe abhängt, ad absurdum geführt hat, dann der kleine, äußerst drahtige Ronnie James Dio. Allein dafür gehört er für mich – aus relativ offensichtlichen Gründen, wenn man sich mal meine Körpermaße und meine bevorzugte Freizeitbeschäftigung anschaut 😉 – auf ein Podest.

Man sagte ihm nach, dass er „mit einer Erkältung auf die Bühne gehen und dann ein ganzes Stadion in Grund und Boden singen“ konnte – einfach aufgrund sowohl seines natürlichen Talentes als auch seiner großartigen Technik.

Ich muss ehrlicherweise zugeben, dass ich Ronnie James Dio erst relativ spät wirklich zu schätzen gelernt habe, gemessen an seiner Klasse und seiner Bedeutung für den Metal. Vielleicht habe ich zu sehr auf das Drumherum geachtet, dass er bei DIO kultivierte. Ich sah Videos von einem Kerl, der mit Plastikschwertern auf Gummidrachen eindrosch, und fand es einfach too much. Andererseits habe ich anderen Bands und Musikern aus dem Metal deren nicht unähnliche Albernheiten einfach durchgehen lassen. Ganz ehrlich, ich habe keine Erklärung, warum Ronnie James Dio mich nicht gleich schlicht und einfach durch seinen Gesang überzeugte. Ich konnte zu meiner Metal-Lehrlingszeit wirklich ein übler Vollpfosten sein.

Er packte mich letztenendes doch, und zwar auf die Art und Weise, die ich für die natürlichste und ehrlichste halte – nämlich live. Metallica waren 1990 auf der „Ehrenrunde“ ihrer „…and Justice for all“-Weltreise für zwei Gigs nach Deutschland zurückgekehrt, einen davon, in der Messehalle Hannover, habe ich gesehen. Als Support für Hetfield und Co. waren dabei: DIO. Allerdings ohne allzu große Show. Keine Gummidrachen, keine Schwerter. Dafür eine mehr als kompetente Band, und natürlich der große, kleine Mann selbst, die fleißig gezeigte Frittengabel und diese Stimme, die mich bei dem Konzert zum ersten Mal wirklich packte. Endlich wusste ich, was an einem Song wie z.B. „Holy Diver“ eigentlich dran war. Es war vor allem diese Stimme, und die scheinbare Mühelosigkeit, mit der Ronnie James Dio jede einzelne Note in den hinterletzten Winkel der riesigen Halle schmetterte. Ich hatte ein ernsthaft schlechtes Gewissen, weil ich so lange so taub gegenüber Dio war. Aber: in der Folgezeit habe ich mich wesentlich intensiver mit Ronnie James Dios Schaffen auseinandergesetzt. Und ich habe es alles andere als bereut.

Heute sehe ich Ronnie James Dio, wie übrigens fast jeder Metal-Musiker (und nicht nur die Sänger), den man danach fragt bestätigen wird, als das, was er war: einen der besten Rocksänger aller Zeiten und als eine DER Stimmen des Metal.

Und wie war das nun mit der Frittengabel? DEM Zeichen des Metal und inzwischen allgemein der härteren Rockmusik?

Ronnie James Dio hat stets steif und fest behauptet, als Erster im Metal dieses Handzeichen benutzt zu haben. Ich zitiere hier mal den Wikipedia-Eintrag dazu:

Ronnie James Dio hingegen war der Meinung, das Zeichen zu seiner Zeit als Sänger bei Black Sabbath als Erster benutzt und damit in die Metal-Szene eingebracht zu haben. Dio soll das Zeichen von seiner abergläubischen Großmutter gekannt haben, die es im Aberglauben […] angewendet haben soll, da es sie vor dem bösen Blick geschützt habe. In dem Dokumentarfilm Metal – A Headbanger’s Journey verwendet er dafür das Wort Maloik. Er benutzte das Zeichen anfänglich nach Bedeutung bei Textpassagen, wo es um den Teufel oder das Böse ging. Nachdem das Publikum ihm dieses Zeichen immer nachahmte und es sich auch bei anderen Konzerten des Bereiches Heavy Metal etabliert hatte, wurde es zu seinem Markenzeichen. Nach allgemeiner Auffassung innerhalb der Szene gilt er deswegen auch als der Mensch, der sie in die Szene eingebracht hat.“

Den kompletten Wikipedia Artikel dazu findet ihr hier.

Der große, kleine Mann mit der Frittengabel wird mich leider nicht mehr mit neuem Material rocken können.

Ronnie James Dio erlag am 16. Mai 2010 einem Krebsleiden.

 

 

Kommen wir zu Rob Halford (Judas Priest).

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Rob Halford zu frühen Judas Priest-Glanzzeiten.

Eine Ikone, eine Galionsfigur des Metal. Mit seiner umfangreichen 4 ½-Okatven-Stimme und besonders den extrem hohen „Rob Halford Screams“, Schreien mit sehr hohen Frequenzen, hat der Sänger von Judas Priest den Gesang im klassischen Heavy Metal nachhaltig geprägt.

Ich selbst versuche gerne, einen „Halford Scream“ zu imitieren, wenn ich unterstreichen will, dass ich von klassischem Metal spreche. 😉 Logischerweise kann ich den Maestro aber bestenfalls nur schlecht parodieren, die Höhen des Originals bleiben für mich unerreichbar.

Rob Halford ist einer der Pioniere des „opernhaften“ Gesangsstils, der im Metal so häufig vorzufinden ist und auch heute noch von jungen Bands gerne aufgegriffen wird, speziell im Power Metal-Bereich.

Obwohl ich selbst stimmlich in anderen Regionen beheimatet bin, war Halford einer der Sänger, die auch mich nicht unbeeinflusst ließen, allein aufgrund seiner Reichweite, zumal sich Halfords tiefere Stimmlagen stets weiterentwickelten, kräftiger und druckvoller wurden, und einen starken Gegenpol zu den charakteristischen Screams bildeten.

Rob Halford ist aber nicht nur aufgrund seines Gesangs und seiner Erfolge vor allem mit Judas Priest eine Galionsfigur im schwermetallischen Bereich. Er hatte noch auf einem ganz anderen Gebiet Neuland für den Metal zu erschließen, aber darauf komme ich in einem in Kürze erscheinenden, anderen Blogpost zu sprechen.

 

 

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Corey Taylor „in zivil“.

Und nun zu Corey Taylor (Slipknot, Stone Sour).

Ein Mann, viele Gesichter. Und damit beziehe ich mich nicht nur auf die von Album zu Album wechselnden Masken, die Corey Taylor in seiner Funktion als Slipknot-Frontmann trägt.

Wer mein Fratzenbuch-Profil verfolgt, wird wissen, dass Corey Taylor ein persönlicher Held für mich ist. Ich bin Riesenfan von Slipknot und stehe auch sehr auf Stone Sour, was vielen meiner Mit-Metaller sauer aufstößt, da sie Taylors „andere Band“ für zu gewöhnlich bzw. für zu wenig außergewöhnlich oder schlicht „zu kommerziell“ halten.

Mich stört all das nicht im Geringsten, da ich Corey Taylor eben nicht nur als den maskierten Wutbolzen von Slipknot sehe, der mit „der anderen Band“ unverschämterweise andere, „gewöhnlichere“ und „kommerziellere“ Musik macht. Taylors Vielseitigkeit, nicht nur in Sachen Musik, finde ich großartig – und maße mir an, nachvollziehen zu können, warum er diese weder verbergen kann noch will. Und wer kann schon von sich behaupten, in gleich zwei schwer erfolgreichen und dabei musikalisch deutlich unterschiedlichen Metal-Bands zu singen?

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Corey Talor in aktueller Slipknot-Maske.

Zunächst mal ist anzumerken, dass Taylor über einen ziemlich gewaltigen Stimmumfang von 5 ½ Oktaven verfügt. Diese Bandbreite wäre ziemlich verschwendet, wenn Taylor ausschließlich auf infernalisches Gebrüll setzen würde – was er strenggenommen auch bei Slipknot eigentlich nie getan hat. Taylor bot immer schon eine Mischung aus Growls, Shouts, Screams, Raps und eben auch melodischem Gesang dar. Dass der Anteil an „echtem“, melodischem Gesang zugenommen hat – was von vielen Die-Hard-Slipknot-Fans als ein Anzeichen von Verwässerung/Verweichlichung und ein auf Taylors Geheiß geschehenes Verwischen der musikalischen Grenzen zwischen dessen beiden Bands gesehen wird – ist eine meiner Meinung nach nur allzu natürliche Entwicklung eines Künstlers, dem stimmlich kaum Grenzen gesetzt sind. Und was Taylor gesanglich auch macht, ob er nun als extremer Zornesklumpen oder melodisch-gefühlvoller „echter“ Sänger unterwegs ist – er macht es einfach gottverdammt gut.

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Taylor live als Sänger von Stone Sour.

Was gerne ignoriert wird, ist die Tatsache, dass Stone Sour schon deutlich vor Taylors Einstieg bei Slipknot, vor deren erstem „richtigen“ Album, existierten. Taylor vorzuwerfen, er hätte Stone Sour aus rein finanziellen Überlegungen gegründet, um seinen mit Slipknot etablierten Namen zu vergolden, ist also ziemlich einfach zu widerlegen. Natürlich profitiert Stone Sour von Taylors Popularität, die er bei Slipknot errang. Geschenkt gab es da trotzdem nichts, der Erfolg mit Slipknot war hart erkämpft. Vor allem, wenn man bedenkt, dass – das lässt sich in mehreren Interviews mit Slipknot-Mitgliedern nachlesen bzw. -hören – sich bei Slipknot die Erfolge bis zum dritten Album finanziell praktisch nicht bemerkbar machten. Gitarrist Jim Root z.B. berichtete mehr als einmal, dass er nach dem zweiten Slipknot-Album „Iowa“ zwar in einer der aktuell größten Metal-Bands des Planeten spielte, aber trotzdem nicht wusste, wie er die Raten für sein Auto oder seine Hypothek abzahlen sollte. Es blieb für die Band nichts hängen, rein finanziell gesehen.

Hätte ich an Corey Taylors Stelle da möglicherweise auch nach einem zweiten Standbein gesucht bzw. mich daran erinnert, dass ich ja eigentlich längst eines habe? Mit Sicherheit.

Wie auch immer, Taylor hat es geschafft, Slipknot und Stone Sour parallel existieren zu lassen und mit seinen unterschiedlich gewichteten Performances in beiden Bands zu überzeugen.

Düster, aber trotzdem irgendwie immer sympathisch: Taylor in seiner 1999er-Slipknot-Maske.

Was ich an Taylor immer schon faszinierend fand ist die Tatsache, dass er auch bei Slipknot, bei all der Düsternis und dem extremen Image und auch unter der jeweiligen Maske, auf der Bühne stets das Gefühl vermitteln konnte, eine Art abgedrehter Kumpel zu sein. Einer „von uns“. Einer, der bei all dem, was Slipknot an Düsternis, musikalischer Härte und Aggression vermittelten, bei aller nötigen Rockstar-Attitüde während der Performance eines Songs, speziell zwischen den Songs immer sympathisch wirkte. In seinen Ansagen, im Umgang mit dem Publikum. „We’re no different from you! We’re just like you!“ Und man kaufte es ihm ab. Selbst unter der Maske konnte er stets Glaubwürdigkeit vermitteln. Das hat sich bis heute nicht wesentlich geändert. Taylor scheint mir trotz seiner Erfolge sehr gut geerdet zu sein. Ich mag und schätze das.

Das Bedürfnis, vorhandene stimmliche Bandbreite auch anwenden und zeigen zu wollen, kann ich nur zu gut nachvollziehen. Ich hätte auch etwas dagegen, mich zum reinen Brülläffchen degradieren zu lassen bzw. mich selbst so stark zu limitieren– natürlich ohne mich mit einem Spitzensänger wie Taylor auch nur ansatzweise messen zu können oder zu wollen, nur damit da keine Missverständnisse aufkommen! Aber ich kann die Bedürfnisse eines flexiblen Sängers wie Taylor zu 100 % verstehen und nachvollziehen.

Hier ein „2 und 2“-Videovergleich: zweimal Taylor mit Slipknot, zweimal mit Stone Sour. Wer einen ganz krassen Gegensatz braucht, vergleiche Slipknots „Left Behind“ mit Stone Sours „Bother“. Ein Sänger, verschiedene Welten. Ich kann nichts dafür, ich liebe das.

Was schätze ich ausser dem Gesang an Taylor?

Vielleicht fühle ich mich jemandem wie ihm, der praktisch gleichaltrig und mit der gleichen Musik wie meine Wenigkeit aufgewachsen ist und der in vielen Dingen des Lebens eine sehr ähnliche Einstellung an den Tag legt wie ich selbst, besonders verbunden. Einige Punkte in seiner Lebensgeschichte – vorübergehende Obdachlosigkeit, Suchtprobleme, Suizidversuche – tauchen so nicht in meiner Vita auf, lassen mich aber den Menschen Taylor und sein heutiges Aufgehen in einer Vielzahl an Aktivitäten, die für viele Aussenstehende sicher oft etwas hyperaktiv oder auch selbstverliebt wirken, und seine Leidenschaft, die er für alles, was er anpackt, an den Tag legt, nur allzu gut verstehen.

Taylor ist außerdem ein verdammt smarter Mensch. Ein kluger Kopf, der sagt, was er denkt. Und der es aufschreibt, wenn ihm danach ist.

Ich habe sein erstes Buch „Seven Deadly Sins: Settling The Argument Between Born Bad And Damaged Good“ gelesen, in dem Taylor die biblischen sieben Todsünden entmystifiziert und sie, anhand konkreter Beispiele aus seinem eigenen Leben, als reine menschliche Schwächen, vor denen kein Mensch gefeit ist, darstellt – und das auf äusserst unterhaltsame Weise. Taylor schafft es, dabei nicht platt über Bibel und Kirche herzuziehen, wie man es befürchten könnte. Wenn ihr ein Exemplar – möglichst im englischen Original – in die Hand bekommt, werft mal einen Blick rein.

Sein zweites Buch „A Funny Thing Happened On The Way To Heaven“ beschreibt seine Lebenserfahrungen mit Phänomenen, die man als „paranormal“ bezeichnen muss. Was man davon halten soll, bleibt jedem selbst überlassen, lesenswert ist das Buch auf jeden Fall.

Irdischer geht es in seinem aktuellen Buch zu: in „You’re Making Me Hate You“ rechnet Taylor auf höchst amüsante und herrlich bissige Weise mit der heutigen (Pop-)Kultur ab.

Taylors Solo-Auftritte, wie die aktuelle Tour zum neuen Buch, sind eine extrem unterhaltsame Mischung aus Lesung, freier Spoken-Word-Performance und Konzert. Ich poste hier mal einen dieser Auftritte in kompletter Form, zumindest mal reinzuschauen lohnt sich auf jeden Fall, wie ich finde. Wer noch einen Beweise braucht, dass Taylor zu allem Überfluss auch noch eine Menge Humor hat:

Wie ich viel weiter oben bereits schrieb, sind es Ausnahmekünstler wie Corey Taylor, die dafür sorgen, dass ich weiterhin eine Menge Gründe habe, auch und gerade den Metal von heute zu lieben.

Stone Sour perform at the House of Blues in Boston, MA on April

 

 

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Nicht von dieser Welt: Mike Patton.

Aus dem „Dunstkreis“, also nicht aus dem Metal, kommt ein von mir extremst bewunderter Mann, der ein gesangliches Naturereignis darstellt: der wirklich einzigartige und unfassbare Mike Patton u.a. (u.a. Faith No More).

Sechs Oktaven Stimmumfang – damit ist Mike Patton vor Corey Taylor der Mann mit der größten stimmlichen Reichweite in der Populärmusik. Stilistisch ist Patton eigentlich gar nicht greifbar, da es praktisch nichts gibt, was dieser Mann nicht singen kann.

Ob bei Faith No More, Mr. Bungle, Tomahawk, Fantômas oder einem anderen seiner zahlreichen Projekte – Patton ist ein regelrechtes Chamäleon des Gesangs, wie es wohl kein zweites gibt. Was Bühnenpräsenz, Ausstrahlung, Souveränität und all die anderen Dinge angeht, die einen Frontmann der Extraklasse ausmachen, egal ob in Rockkluft oder im Maßanzug, Patton hat stets die Aura des Unangreifbaren.

Und Asche auf mein Haupt – ich habe es fertiggebracht, Mike Patton zunächst zu verkennen. Er war allerdings auch ein wenig selbst schuld. Warum wurde auch Faith No Mores „Epic“ so ein Riesenhit? Warum musste es mich in Rockdiscos zwischen Slayer und Anthrax ständig stören, als es herauskam? Da rappte einer, was zum damaligen Zeitpunkt der Entwicklung meines Musikgeschmacks schon mal prinzipiell gar nicht ging, und dann auch noch diese nasale, quäkige Stimme! Durchgefallen. So war das damals, als ich noch ein abseits des Metal sehr intoleranter Musikhörer war.

Was war ich bloß für ein verbohrter Idiot.

Denn dann kam recht bald meine eigene Gesangs-“Karriere“, und ich musste mich gleich zu Anfang einer seinerzeit schier unmöglichen Aufgabe stellen: „Digging The Grave“ von, man fasst es kaum, Faith No More zu covern. Und ich wurde praktisch sanft dazu gezwungen, mich näher mit Faith No More auseinanderzusetzen. Und ich merkte sehr schnell, was für ein ignoranter Vollpfosten ich war. Speziell, was Mike Patton angeht.

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Der Maestro kann es auch elegant.

Mike Patton ist kaum in Worte zu fassen, und ein paar Videos mit Klangbeispielen reichen nicht im Geringsten, um seiner stimmlichen und stilistischen Bandbreite auch nur ansatzweise gerecht zu werden. Ein Sänger aus einer anderen Galaxis und in jeder Lage ein Irrsinns-Performer.

Ob er nun wie von der Tarantel gestochen über die Bühne springt und aus tiefster Seele schreit und kreischt, um im nächsten Moment wieder wie der weltgrößte Crooner loszuschmeicheln, um dann einen hymnenhaften Refrain zu schmettern und dann wieder Dinge aus seiner Stimme herauszuholen, die mit „abgedreht“ nur unzureichend umschrieben sind – Mike Patton ist ein anderer, ganz eigener Planet.

Ich könnte noch mehr Superlative auspacken, aber es ist schon spät und ich würde das Phänomen Mike Patton sowieso nicht mal ansatzweise erfassen. Nehmt die Videos unten als Grundlage, und googled und recherchiert euch bei Interesse am besten selbst schlau, was diesen Mann angeht. Er ist fast zu groß für eine schriftliche Heldenverehrung.

 

 

Damit wäre ich mit meinen herzallerliebsten Sängern und Gitarristen durch. Was die Bassisten und Drummer angeht, will ich mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, da ich weder Bass noch Schlagzeug spiele. Ich maße mir zwar an, hören zu können, ob ein Bassist oder Drummer sein Handwerk beherrscht, möchte aber hier nur jeweils drei Namen in die Runde werfen, die mir persönlich nachhaltig in Erinnerung geblieben sind bzw. die es bleiben werden. Ich beschränke mich dabei auch deutlich auf den Metal.

Im Schnelldurchlauf zunächst die Bassisten:

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So kennen wir ihn, so lieben wir ihn, und wir wollen ihn auch gar nicht anders haben: Steve Harris (Iron Maiden).

Steve Harris (Iron Maiden)

Ein wahrer Metal-Monolith.

Steve Harris wird gerade von Nicht-Metallern oft für eine gewisse musikalische Sturheit belächelt, bzw. dafür, dass er als musikalischer Leiter von Iron Maiden seit Jahrzehnten, um es mal so auszudrücken, ausgesprochen stilsicher unterwegs ist. Anders gesagt: dass Harris ein gewisses Scheuklappendenken nicht abzusprechen ist.

Lassen wir das einfach mal im Raum stehen – auffällig ist, dass Bassisten – vor allen Dingen solche,  die von sich sehr und von Maiden insgesamt weniger überzeugt sind – oft und gerne zusammenzucken, wenn man ihnen vorschlägt, doch mal eine Maiden-Nummer zu covern. Ist doch eine ganz simple Sache, Scheuklappen-Harris und so weiter. Oder?

„Muss ich üben…“, heisst es dann plötzlich. 🙂

Warum, lässt sich ganz gut nachvollziehen, wenn man sich mal Harris‘ pure Master-Bass-Tracks ohne andere Instrumente zu Gemüte führt – siehe unten.

 

 

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Tragischer Verlust für die Bass-Welt: Cliff Burton.

Cliff Burton (Metallica, verstorben 1986)

„Zu früh verstorben“ ist eine Klischeephrase, die ich eigentlich nicht gerne verwende, die aber immer wieder zuverlässig beschreibt, wenn jemand von uns gegangen ist, der der Welt noch einiges zu geben gehabt hätte.

Cliff Burton, ursprünglicher Bassist von Metallica, starb am 27. September 1986 auf tragische Weise: der Tourbus von Metallica geriet auf dem Weg nach Kopenhagen außer Kontrolle und kippte auf die Seite. Burton wurde dabei aus einem der Seitenfenster geschleudert und unter dem umstürzenden Bus begraben. Burton wurde gerade einmal 24 Jahre alt.

Burton galt als das wohl musikalischste Mitglied von Metallica, der Einflüsse aus der Klassik in sein Spiel einfließen ließ und der als einer der ersten Rockbassisten mit Verzerrern und Wahwah-Effekten arbeitete.

Dass Cliff Burton ein verdammt talentierter Vertreter seiner Zunft war, dürfte wohl unstrittig sein. Dass er der Musikwelt noch einiges hätte geben können, mit ziemlicher Sicherheit auch Innovatives, ebenfalls. RIP, Cliff.

 

 

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Steve DiGiorgio

Mal wieder jemand, der aus der ganz harten Metal-Ecke stammt und u.a. bei Sadus, Death, Autopsy, Control Denied, Obituary, aber auch bei z.B. Iced Earth und Testament aktiv war bzw. ist.

Steve DiGiorgios spieltechnische Fähigkeiten sind auch weit über die Grenzen des Metal hinaus bekannt. DiGiorgio selbst gründete übrigens mit Dark Hall zwischenzeitlich eine Jazz/Fusion-Band, ist also jemand, der sich gerne auch abseits der harten bis ganz harten Schiene austobt.

Seine Dreifinger-Technik ist besonders bemerkenswert. Im Regelfall setzen mit den Fingern spielende Bassisten nur Zeige- und Mittelfinger ein. DiGiorgio nimmt den Ringfinger hinzu, was ihm z.B. extrem schnelle Läufe ermöglicht.

DiGiorgio setzt zudem gerne Fretless-Bässe ein, was im härteren Musikbereich eher ungewöhnlich ist, und tritt, wenn er Death Metal und Artverwandtes spielt, gerne mit einem minimalistischen 3-String-Bass an (s. Foto), dem er trotzdem mit höchster Spielkunst Außergewöhnliches zu entlocken versteht.

Interessanter Typ, fantastischer Musiker!

 

 

Zum Abschluss drei meiner liebsten Drummer:

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KEIN Drecksack: Mike Portnoy.

Mike Portnoy (ex-Dream Theater)

Der erste Satz, den ich jemals von Mike Portnoy in in einem Interview gehört habe, war seine Antwort auf die Frage, wie lange er denn für das Einspielen des Dream Theater-Albums „Images And Words“ gebraucht habe.

„I did the entire album in… I think, two days. It was really quick.“

„Drecksack“, dachte ich. „Du bist fantastisch, aber musst du es so raushängen lassen?“

Da war ich wohl etwas vorschnell und einfach nur neidisch auf echtes, überbordendes handwerkliches Talent, denn in der Folgezeit kam Mike Portnoy für mich stets als sympathisch und keinesfalls selbstverliebt oder überheblich rüber.

Ich habe Dream Theater und damit Mike Portnoy x-fach live gesehen, jedes einzelne Mal war ich hin und weg, und auch wenn ich durch meinen etwas straighter gewordenen Geschmack heute manchmal das Gefühl habe, dass Mike Portnoy ab und zu sogar fast etwas zuviel von seinem Können zeigt – ich stehe auf sein Drumming. Und ich mag ihn als Typ, auch wenn er inzwischen nicht mehr bei Dream Theater trommelt. Das nur, bevor mir Horden von Drummern für mein Banausentum („Wie, zuviel?!? Geht’s noch?!?“) aufs Dach steigen. 😉

 

 

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Sympathieträger mit verdammt schnellem Fuß: Nicko McBrain.

Nicko McBrain (Iron Maiden)

Der stets fröhliche Brite erstaunt seit Jahrzehnten z.b. durch  seine schnelle Ein-Fuß-Technik. Wo andere Drummer schon zur Double Bassdrum greifen bzw. diese treten müssen, kommt Nicko McBrain mit dem Einsatz lediglich eines Fußes aus. Diese Spezialität, und natürlich das, was er mit den Händen zu veranstalten in der Lage ist, wird nicht nur von seinen Bandkollegen, sondern allgemein von anderen Drummern bewundert.

„Er hat sein Kit so aufgebaut, dass er die halbe Zeit lang nicht mal sieht, auf was er da einschlägt“, bemerkte Iron Maiden-Bassist Steve Harris einmal halb stolz, halb verwundert.

Der Iron Maiden-Song „Where Eagles Dare“ vom „Piece Of Mind“-Album verdeutlicht sehr schön, was Nicko McBrains Spiel unter anderem ausmacht. McBrain lehnte den Einsatz von Doublebass bei diesem Song als „undrummerish“ ab. Das sagt schon einiges aus.

 

 

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Mit und ohne Slipknot-Maske: Joey Jordison.

Joey Jordison (ex-Slipknot, Scar The Martyr)

Die Umstände seiner, ähem, „Trennung“ von Slipknot sind nach wie vor nebulös, und ich will an dieser Stelle auch nicht weiter darüber spekulieren. Fakt ist: am gewaltigen Erfolg von Slipknot hatte Joey Jordison als Songwriter, im gestalterischen Bereich (er entwarf unter anderem das ikonische „Tribal S“-Logo der Band) und eben in seiner Funktion als herausragender Drummer einen enormen Anteil.

Jordison wurde 2010 vom Musikmagazin „Rhythm“ zum besten Drummer der letzten 25 Jahre gewählt – vor Titanen wie Mike Portnoy, Neil Peart oder auch Dave Grohl. Eine Auszeichnung, die den seinerzeit noch bei Slipknot tätigen Jordison selbst völlig überraschte.

Ich habe jedenfalls auch als Nicht-Drummer einen Höllenspaß, wenn ich im Archiv krame und Joey zu seinen Slipknot-Zeiten brutal, präzise und nebenbei noch wild headbangend trommeln sehe.

 

So, dass soll es aber in Sachen persönlicher Heldenverehrung auch gewesen sein!

So langsam wird es Zeit, die Allgemeinplätze hinter mir zu lassen und mehr ans Eingemachte zu gehen, was das Thema Metal angeht. Und Dinge anzusprechen, die mit der Musik an sich oft nur am Rande zu tun haben.

Gleich im nächsten Blogpost starte ich da mal einen ersten Versuchsballon.

 

Sep 132015
 

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Guter Rat: Macht eure Hausaufgaben. Hart rockende Musiker machen die nämlich auch. Und zwar gründlich!

Die Älteren unter euch erinnern sich: im letzten Schwermetall-Post, dessen ursprüngliche Version noch auf Fratzenbuch veröffentlicht wurde, hatte ich ja mit Hilfe des Musikwissenschaftlers Dietmar Elflein mit dem Vorurteil „Metal=Krach“ ein wenig aufgeräumt.

Ich hatte zum Schluss des Posts dann auch noch mal explizit darauf hingewiesen, dass sich im Metal und seinem hart rockenden Dunstkreis jede Menge großartige Musiker tummeln. Virtuosen. Helden. Meilensteinsetzer. Namen habe ich jedoch praktisch keine genannt. Da wollte ich ursprünglich wieder ansetzen.

Während ich mit WordPress kämpfte und meine bereits getätigten Fratzenbuch-Ergüsse in diesen Blog hier packte, habe ich darüber nachgedacht, wie und wann ich so langsam aber sicher mal ans Eingemachte gehe, was die Themen angeht. Ich hatte eine Menge Dinge auf meiner To-Do-Liste, die ich für wichtiger und interessanter hielt, als musikalische Heldenverehrung zu zelebrieren. Aber ganz so abrupt wollte ich das Thema „herausragende Musiker in der harten und härteren Rockmusik“ dann doch nicht abhaken.

Was ich keinesfalls wollte war allerdings, irgendwelche Rankings oder „Bestenlisten“ herunterzurattern. Für die passionierten Statistiker, Bewerter und In-Tabellen-Einordner gibt es massig Material zum Thema im Web.

Wie also weitermachen? Nur die „alten“ Helden und Innovatoren abfeiern? Was ist mit den jüngeren Vertretern der hohen Schule? Denn meiner Meinung nach ist das spielerische Niveau neuer, junger Metal-Bands heutzutage zum Teil sehr hoch – abseits der heutigen Studiotechnik, die bei Aufnahmen quasi kaum noch Rückschlüsse auf das tatsächliche Niveau einer Band zulässt, beweisen diese Musiker ihre Qualitäten ein ums andere Mal auch live.

Dann fielen mir all die handwerklich fantastischen Musiker im ganz harten Sektor des Metal ein. Würde ich denen gerecht werden? Würde ich z.B. eine Band wie Meshuggah möglicherweise glatt vergessen, deren komplizierter „Math Metal“ alles andere als leicht verdaulich, aber eben musikalisch wie handwerklich bewundernswert ist?

Und was ist mit den grandiosen Opeth?

Und.. und… und?

Um ohne schlechtes Gewissen aus der Sache herauszukommen, war folgende Überlegung hilfreich:

„Schwermetall ist das Gesetz“ ist, bei aller dargebotenen Klugscheißerei und all den Belehrungen über Grundsätzliches in Sachen Metal, am Ende des Tages einfach nur ein kleiner, persönlicher Blog, kein Referenz-Nachschlagewerk, und erhebt auch keinerlei Anspruch darauf, der Bezeichnung „Musikjournalismus“ gerecht zu werden. Um Himmels willen, nein. Es ist eine persönliche Sache, und bei allen harten Fakten, die dafür zusammengetragen und genannt werden, bleibt es doch unter dem Strich eine subjektive Angelegenheit. Und speziell die Mucker unter euch kennen das: die Diskussionen darüber, welcher Musiker warum einen Heldenstatus genießt und ob er diesen zurecht hat und ob Gitarrist Dingsbums nicht vielleicht doch „innovativer“ oder „wichtiger“ ist als Gitarrist XYZ lassen sich endlos auswalzen.

Deshalb lasse ich der Subjektivität an dieser Stelle freien Lauf und werde in diesem Post nur einige wenige Musiker aufs Podest stellen, die mich (!) persönlich (!) enorm beeindruckt und teils auch beeinflusst haben, und die an dieser Stelle mehr oder weniger exemplarisch für meiner Meinung nach bemerkenswerte Musiker aus dem Metal und verwandten Musikbereichen stehen sollen. Es ist denkbar, eigentlich sogar sehr wahrscheinlich, dass ich dem einen oder anderen Einzelmusiker oder einer speziellen Band mal einen Extra-Abfeier-Post widme. Hier und jetzt gibt es aber eine Art Schnelldurchlauf. Besonders viel Raum bekommen die Sänger und Gitarristen, da ich in diesen beiden Bereichen eigene praktische Erfahrungen gesammelt habe bzw. immer noch sammle.

Aufgrund der vielen Links, eingebetteten Videos und im Dienste der Übersicht splitte ich die Heldenverehrung in zwei Teile auf. Ich beginne mit den Gitarristen, im nächsten Blogpost sind die Sänger an der Reihe, zusammen mit den Bassisten und Drummern.

So, jetzt lasst erst mal die Gitarren sprechen!

Nein, ich werde nicht zu rockhistorisch und schreibe jetzt nicht kilometerlang über Jimi Hendrix, ohne dessen innovatives Spiel die Rockmusik insgesamt, wie wir sie heute kennen, nicht die selbe wäre. Zu ihm muss man nichts mehr sagen oder schreiben.

Ich könnte über Jimmy Page (Led Zeppelin) schreiben. Pages Gitarrenspiel war sicher enorm wichtig für die Entwicklung der härteren Rockmusik. Nur würde ich Led Zeppelin nicht als frühe Metal-Band bezeichnen, was mir diverse „Alt-Fans“ sicher danken werden. Und wahrscheinlich auch Jimmy Page.

Ich könnte über Eddie van Halen schreiben, der die Rockgitarre mit seiner virtuosen Spielweise und Techniken wie dem Tapping für alle Zeiten verändert und geprägt hat. Im Falle Van Halen kann man übrigens durchaus davon sprechen, dass die ersten beiden Alben sicher zum Genre Hard Rock/Heavy Metal zu zählen sind.

Tatsächlich anfangen müsste und werde ich aber mit dem anerkannten Godfather der Metal-Gitarre, Tony Iommi (Black Sabbath). Inzwischen gilt es als allgemein anerkannte musikhistorische Tatsache, dass Heavy Metal mit Black Sabbath seinen eigentlichen Anfang nahm. Und dass der Metal seinen Ursprung zu einem großen Teil einem Unfall verdankt, in dem ausgerechnet schweres Metall bzw. Stahl eine im wahrsten Sinne des Wortes gewichtige Rolle spielten.

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Tony Iommi – der Godfather der Metal-Gitarre.

Im Alter von 17 – er spielte zu der Zeit bereits seit ca. 3 Jahren Gitarre – arbeitete Tony Iommi in einer Stahlfabrik und geriet mit der Hand in eine Maschinenpresse. Iommi zog reflexartig die Hand zurück, und dabei wurden seine Fingerkuppen an Mittel- und Ringfinger seiner rechten Hand abgetrennt. Zu allem Überfluss passierte dieser Unfall auch noch an Iommis letztem regulären Arbeitstag in der Fabrik.

Iommi war Linkshänder, griff deshalb beim Gitarre spielen also mit den nun schwerst lädierten Fingern der rechten Hand die Saiten und hatte nun ein gewaltiges Problem, dass für die meisten Menschen wohl das Ende ihrer musikalischen Tätigkeit bedeutet hätte.

Nicht so bei Iommi.

Er entschied sich dagegen, sich mühsam auf rechtshändiges Spiel umzustellen, und stellte stattdessen, als Schutzmaßnahme und Erweiterung der Finger, improvisierte Prothesen, praktisch „Fingerhüte“, für seine abgetrennten Fingerkuppen her. Das Material seinerzeit: eingeschmolzene Plastikflaschen. Problem dabei: Iommi konnte die Saiten unter den „Fingerhüten“ natürlich nicht fühlen, was dazu führte, dass er sie sehr fest herunterdrückte bzw. herunterdrücken musste. Als Gegenmaßnahme machte sich Iommi auf die Suche nach dünneren Gitarrensaiten, die zu dieser Zeit – wir schrieben 1965 – aber nirgends hergestellt wurden. Als Alternative – bis 1970 vom Hersteller Picato Strings erstmals Abhilfe geschaffen wurde – zog Iommi dünne Banjo-Saiten auf seine Gitarre.

Zudem stimmte man bei Black Sabbath Gitarre und Bass häufig um drei Halbtöne herab (von E auf Cis). Man höre als Beispiel u.a. „Children Of The Grave“. Somit waren die Saiten weniger gespannt und für Iommis Finger leichter zu drücken und zu ziehen. Obwohl Iommi später angab, dass das Herunterstimmen primär zu einem „bigger, heavier sound“ führen sollte, kam es seinem Spiel entgegen.

Iommis Handicap und die sich daraus ergebenden Konsequenzen hatten also einen nicht gerade unwesentlichen Anteil daran, dass Metal heute so klingt, wie wir ihn kennen. Speziell das Herunterstimmen der Gitarren ist heute nicht nur für die härteren Bands des Genres quasi eine Selbstverständlichkeit. Man muss sich also fragen, welche Entwicklung die Rockmusik im Allgemeinen und ihre härtere Ausprägung im Speziellen genommen hätte, wenn Tony Iommis Arbeitsunfall nie passiert wäre. Der Meister selbst dürfte sich diese Frage ebenfalls schon mehr als einmal gestellt haben. Sei es, wie es sei: Tony Iommi und Black Sabbath brachten den Metal praktisch auf die Welt.

Kurz, düster, in Moll gehalten, viele Wiederholungen in verschiedenen Variationen: die Gitarrenriffs, die Tony Iommi schuf, sind streng genommen immer noch die Basis dessen, was heutige Metal-Bands ihrer Hörerschaft um die Ohren hauen. Und ich unterschreibe folgendes: es gibt keine Metal-Band, deren Werk nicht auf dem fußt, was Iommi und Black Sabbath Ende der 60er/Anfang der 70er aus der Taufe hoben – ob sie Black Sabbath nun bewusst oder unbewusst zitieren, oder in welchem Umfang, spielt dabei keine Rolle.

Wer heute Metal hört, sollte Tony Iommi in jedem Fall Respekt zollen… und ihm verdammt dankbar sein.

 

Und was kam danach?

Die großen „Guitar Heroes“ z.B., die aus dem schon erwähnten, hart rockenden „Dunstkreis“ kommen, und die unzählige Gitarristen im Metal beeinflusst, inspiriert und teilweise sogar Auge in Auge unterrichtet haben.

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Steve Vai – der „Stunt-Gitarrist“

Über allen schwebt da für mich der geradezu überirdische Steve Vai. Zuerst als Gitarrist in der Band von Frank Zappa bekannt geworden, der Vai gerne als „Stunt-Gitarrist“ bezeichnete, war der Ehrendoktor des Berklee College of Music unter anderem in der Band von David Lee Roth aktiv. Berühmt wurde z.B. der „Dialog“ zwischen Vais Gitarre und Roths Gesang im Song „Yankee Rose“.  Steve Vai verschmilzt gerne Elemente aus Rock, Fusion, Jazz, Klassik und Blues, setzt gerne auf für das eher ungeübte Ohr abgedrehte Effekte, mit denen er praktisch ganze Klangwelten erzeugen kann, die mir jedes Mal aufs Neue die Kinnlade herunterklappen lassen. Dazu nehmen wir noch seine unglaubliche Bühnenpräsenz, und wir haben einen veritablen Gitarrengott auf Erden. Unglaublich, der Mann.

Nein, ich höre nicht jeden Tag Steve Vai und habe auch keinen ihm gewidmeten Altar irgendwo in meiner Behausung. Aber die Virtuosität und Musikalität von Vai sind einfach überwältigend. Ausgerechnet das teilweise heftig kritisierte Album „Sex & Religion“ z.B. trage ich immer noch täglich in MP3-Form mit mir herum. Und Songs von diesem Album landen immer noch häufig in meinen persönlichen Playlists.

Horcht selbst.

 

 

"Satriani 2010 13 12 1112" by Shape Prior - Own work. Licensed under CC BY-SA 3.0 via Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Satriani_2010_13_12_1112.jpg#/media/File:Satriani_2010_13_12_1112.jpg

Joe Satriani

Dann haben wir Joe Satriani, der u.a. kurzzeitig den von mir gerade ausführlich beweihräucherten Steve Vai und eine ganze Reihe von Metal-Gitarristen wie z.B. Rick Hunolt (Exodus), Alex Skolnick (Testament) oder Kirk Hammett (Metallica) und auch Tom Morello (Rage Against The Machine), auf den ich noch zu sprechen komme, zu seinen Gitarrenschülern zählte.

Satriani mag weit weniger glamourös erscheinen als z.B. ein Steve Vai, ist aber ein mindestens ebenso anerkannter Virtuose, bei dem besonders sein Einsatz von Legato und Tapping-Techniken hervorstechen.

Es ist mir jedenfalls immer wieder ein Fest, Joe Satriani zu lauschen, vor allem, weil er sich bei aller Kunstfertigkeit immer wieder dem Vorwurf entzieht, ein reiner „Dudler“ zu sein, da er nie die Melodik aus den Augen verliert bzw. aus den Fingern gibt. Ist natürlich nur meine bescheidene Meinung. Hört selbst.

 

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John Petrucci: kann alles, ausser seine Fähigkeiten durch Händeschütteln auf eifrige Gitarrenschüler zu übertragen. Schade. 😉

Werden wir wieder etwas metallischer. Oh, dieser John Petrucci (Dream Theater).

Neben seinem über alle Zweifel erhabenen Gitarrenspiel an sich ist es auch die Tatsache, dass er bei all seiner Klasse immer noch so ein Sympath ist, die ich sehr schätze. Klar, ich kenne ihn nicht privat, aber Petrucci scheint mir alles andere als ein abgehobener, selbstverliebter Gitarrengott zu sein. Ich kann mich noch daran erinnern, wie es mir gelang – damals war ich noch Gitarrenschüler – Petrucci nach einem Dream Theater-Konzert in Düsseldorf die Hand zu schütteln, und dass ich meine so gesegnete rechte Hand nicht mehr waschen wollte, in der vagen Hoffnung, des Gitarrenhelden Superkräfte wären auf mich übergegangen. Ich vergaß in meiner Euphorie ganz, dass meine linke Hand den Petrucci-Touch wesentlich nötiger gehabt hätte.

Wie auch immer, aus Rücksichtnahme auf Freundin und restliches Umfeld gab ich meine Verweigerung der Handhygiene nach einem halben Tag auf. Was soll ich sagen… kurze Zeit später stieg ich bei Noisegate ein. Als Sänger. 😉

 

Und weiter geht’s sehr metallisch.

Eines schönen Tages entschloss sich eine britische Band aus Birmingham, einen zweiten Gitarristen in ihre Reihen aufzunehmen. Der Wunsch nach mehr Druck im Rhythmusbereich und die Möglichkeit, zweistimmige Läufe oder Soli in die Songs einflechten zu können, führte zur Bildung eines der wirklich legendären Gitarrenduos im Metal. Die Band: Judas Priest. Die Gitarristen: Glenn Tipton und KK Downing.

Die „twin guitars“ waren zur damaligen Zeit (anno 1974) tatsächlich noch eher unüblich, speziell im Rock- und Metal-Bereich. Was Tipton und Downing schließlich bei Judas Priest darboten, hatte enormen Einfluß auf die Gitarrenarbeit im Metal und deren Aufteilung in Bands dieses Genres.  Tipton/Downing prägten viele Bands, die zu meinen „Einstiegsdrogen“ in Sachen Metal zählten. Ich habe zugegebenermaßen erst später zu Priest gefunden als zu vielen von ihnen beeinflussten Bands, aber das tut dem von mir ehrlich empfundenen Bedürfnis, diese beiden Gentlemen hier ausdrücklich lobend zu erwähnen, keinen Abbruch, da ich um ihre Bedeutung für das ganze Genre inzwischen nur zu gut weiß. KK Downing hat Priest zwar inzwischen verlassen und das scheinbar unzertrennliche Duo ist damit gesprengt, sein Erbe aber bleibt. Amen.

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KK Downing und Glenn Tipton (Judas Priest). Twin guitars rule!

 

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Dave Mustaine: stets zwischen Genie, Wahnsinn und Springteufel, aber eben ein grandioser Musiker.

Dave Mustaine (Megadeth) mag ein mürrischer Kotzbrocken sein, der sich im Laufe seiner Karriere so einiges an Verfehlungen geleistet hat – als Gitarrist, speziell als Rhythmusgitarrist, ist er eine Klasse für sich. Es war sicher nicht gesund für ihn, Megadeth in den frühen Jahren speziell als Werkzeug seiner Rache an seinen ehemaligen Kollegen von Metallica zu betreiben, die ihn kurz vor den Aufnahmen zu ihrem Debut feuerten. Was aus Metallica ohne Mustaine an Bord wurde, ist bekannt. Dass Mustaine nicht zuletzt deshalb angepisst war, ist verständlich. Dass er über lange Zeit nie so ganz verwunden hat, dass er an seinem Rauswurf bei Metallica selbst die Schuld trug, kann ich nur zu gut nachvollziehen.

Und trotzdem, und trotz der Tatsache, dass ich zu der kleinen, oft verständnislos beäugten Fraktion gehöre, die Metallica jederzeit für Megadeth links liegen lassen würde, hätte ich Mustaine für die eine oder andere öffentliche Aktion oder Äußerung in all den Jahren immer wieder würgen können. Er ist und bleibt ein schwieriger Charakter, der heute unter anderem mit der, sagen wir mal, sehr unlockeren Auslegung seiner irgendwann entdeckten christlichen Gesinnung (Mustaine bezeichnet sich als wiedergeborenen Christen und zählt sich seit einigen Jahren zur christlichen Erweckungsbewegung) und bedenkliche Nähe zur berühmt-berüchtigten US-amerikanischen National Rifle Association (NRA) irritiert. Über den Menschen Mustaine kann man trefflich streiten, als Musiker habe ich ihn immer bewundert.

 

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Dimebag zu Pantera-Zeiten

Unvergessen ist Dimebag Darrell (verstorben 2004), der nicht nur grundsätzlich ein fantastischer Gitarrist war, sondern mit seinem bei Pantera kultivierten Stil dem Metal endgültig etwas verlieh, das ihm zuvor weitestgehend fehlte, nämlich den Groove – und dessen tragischer Tod eine Lücke hinterließ, die meiner Meinung nach bis heute niemand im Metal-Bereich mehr füllen konnte.

Die Umstände seines Todes und die Folgen werden in einem späteren Blogpost ebenfalls noch einigen Raum einnehmen, da sie auch nach mehr als 11 Jahren Fragen aufwerfen, die weit über den Metal-Tellerrand hinausgehen. Über Dimebag werde ich in jenem Rahmen noch wesentlich mehr schreiben, deshalb hier die Kurzform – und als Beispiele für seine Kunst u.a.„Cemetary Gates“ (ausgerechnet, ich weiß…) und gesammelte Soli. We still miss you, Dimebag.

 

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Chuck Schuldiner: Härte und Extraklasse müssen sich nicht gegenseitig ausschließen.

Chuck Schuldiner (Death, verstorben 2001) gehört definitiv in diese Heldenparade.

Wenn es jemand geschafft hat, in einem extremen Bereich des Metal, nämlich dem Death Metal, den unwiderlegbaren Beweis anzutreten, dass sich extreme Härte und Musikalität eben nicht gegenseitig ausschließen und dafür auch die verdiente Anerkennung einzufahren, dann war das Charles Michael „Chuck“ Schuldiner mit seiner Band Death.

Schuldiner zementierte zuächst mit den Death-Alben „Scream Bloody Gore“ und „Leprosy“ seinen Ruf als einer der Urväter des Death Metal in seiner heute hinreichend bekannten Form. Auf besagten Alben regierten brutale musikalische Härte und sehr genretypische, gore-lastige Texte.

Mit dem dritten Album „Spiritual Healing“ vollzog Schuldiner dann den großen musikalischen Wandel, der ihn zum anerkannten Pionier speziell im Death Metal-Bereich avancieren ließ. Die Songs auf „Spritual Healing“ waren komplexer und technisch anspruchsvoller als das frühere Death-Material, vor allen Dingen, was Schuldiners Gitarrenspiel betraf. Von „Spiritual Healing“ an verzichtete Schuldiner auf ein festes Bandgefüge und heuerte Studio- und Sessionmusiker für Aufnahmen und Konzerte an. Auch textlich entfernte sich Schuldiner von den genreüblichen Klischees und bevorzugte religions- und gesellschaftskritische sowie politische Themen.

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Dieses Meme würde wohl der Großteil der Metalheads unterschreiben. Chuck Schuldiners musikalisches Erbe genießt höchste Wertschätzung.

Mit den nachfolgenden Alben „Human“, „Individual Thought Patterns“ und „Symbolic“ setzte der Mastermind die mit „Spiritual Healing“ begonnene Entwicklung konsequent fort. Hohe Musikalität und komplexe, progressive Songstrukturen, getragen speziell von Chuck Schuldiners herausragendem Gitarrenspiel, liessen die Bezeichnung „Death Metal“ höchstens noch durch den noch genretypischen Gesang gerechtfertigt erscheinen.

Schuldiner hatte noch einiges vor – er schloss sich Philip Boas Metal-Projekt Voodooclub an und gründete mit Control Denied quasi die Death-Nachfolgeband, in der er sich auf das Gitarrenspiel konzentrierte und damit die Fesseln des limitierten Gesangs/Gebrülls, der im Death Metal vorherrscht, ablegte. Leider konnten die Zukunftspläne Schuldiners nur wenige, viel zu wenige, Früchte tragen.

Chuck Schuldiner verstarb am 13. Dezember 2001 an einem Gehirntumor.

Die Anerkennung für sein Schaffen ist allerdings ungebrochen, und das nicht nur in der Metal-Szene.

 

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Großer Innovator und Grenzensprenger: Tom Morello

Dringend zu erwähnen ist noch jemand, der aus einem anderen Bereich des „Dunstkreises“ kommt als Vai oder Satriani, und der für die gesamte modernere, harte Gitarrenmusik enorm wichtig war und ist – Tom Morello (Rage Against The Machine), ein echter Innovator.

Morello vereint in seinem Spiel u.a. Punk-, Metal-, Funk- und Hip-Hop-Einflüsse, die er mit außergewöhnlicher Technik und dem Einsatz von verschiedensten Effekten zu einem einzigartigen, unverkennbaren Stil formt. Für mich war es – neben dem bereits erwähnten Dimebag Darrell im Metal-Bereich – vor allem Tom Morello, der gezeigt hat, dass sich Härte und geradezu tanzbarer und trotzdem heftiger Groove sehr wohl vereinen lassen. Morello versteht es, der Gitarre außergewöhnliche Klangteppiche zu entlocken, die er auf brilliante Weise mit klassichem Riffing fusioniert.

Hip-Hop-artiges Scratching auf den sechs Saiten, gefolgt von Polizeisirenen-Sounds, die quasi nahtlos in Riffs überfließen, die ins Hirn und in die Beine gehen – gerade in letzter Zeit, wenn wir mit Green Ink Machine z.B. „Bulls On Parade“ oder „Killing In The Name“ von Rage Against The Machine spielen,  spüre ich förmlich körperlich, wie Morellos Gitarrenspiel funktioniert, wie innovativ es war und wie großartig es nach wie vor ist.

Dass Morello so ganz nebenbei noch eine interessante Persönlichkeit ist und nicht nur als Musiker, sondern auch – wie seinerzeit Rage Against The Machine als gesamte Gruppe – als politischer Aktivist von sich reden macht, rundet das Bild noch zusätzlich ab. Morello ist übrigens studierter Politikwissenschaftler – und für mich einer der wichtigsten Rock-Gitarristen aller Zeiten. Punkt.

 

Im nächsten Blogpost geht es, wie angekündigt, mit „meinen“ Sängern weiter.

Sep 082015
 

mann_ueber_wort_ballad_icon_300Ja, ja. Das Leben. Diese alte Drecksau.

Speziell ab einem gewissen Alter fühlt man sich als Mensch ohne feste Partnerschaft nur zu oft als Schiffbrüchiger, als menschliches Treibgut, das immer wieder gegen die Klippen geschmettert wird und einfach nie das ersehnte Ufer erreicht, während der Rest der Welt gleichzeitig selig lächelnd von der Reling eines üppig ausgestatteten Luxusliners herüberwinkt und unbeeindruckt von schwerem Seegang fröhlich durchs Glück schippert.

Ui, großes Pathos! Was soll man von so einer Einleitung halten?

Verzerrte Wahrnehmung? Rückgratloses Gejammer? Alles selbst schuld?

Die Antworten lauten „Ja“, „Teilweise“, und wieder „Teilweise“. Über verzerrte Wahrnehmung, rückgratloses Gejammer und Eigenverschulden werde ich mich in dieser Blog-Kategorie noch zur Genüge auslassen. Also schön der Reihe nach. Nicht alles auf einmal im ersten Post. Ist ja nur so ’ne Art Intro. Durchatmen. Man wird ja nicht jünger.

Halten wir mal für den Moment einfach fest, dass folgendes Fakt ist: speziell für ältere Single-Säcke wird es mit der vorbeihuschenden Zeit nicht gerade leichter.

Vor allen Dingen dann nicht, wenn es ihnen offenbar schwerfällt, aus Fehlern zu lernen und die richtigen Konsequenzen zu ziehen. Und dann noch das Anstrengendste: das Gelernte und die im Kopf längst gezogene Konsequenz dann auch noch in die Tat umzusetzen! Mann, das Leben verlangt wirklich verdammt viel! Drecksau.

Dabei sollte die angesammelte Lebenserfahrung doch eigentlich dafür sorgen, dass sich irgendwann eine gewisse Souveränität einstellt. Beziehungen hat man geführt, lange und kurzlebige. Man hat doch seine Lehren daraus gezogen. Denkt man. Es gab Phasen, in denen man das Singledasein sogar in vollen Zügen genossen hat. Angeblich. Freundschaft Plus? Ist auch nicht die Lösung für die Ewigkeit, aber das geht okay, man hat Spaß. Meistens. Und das Leben abseits des Beziehungskarussells hat man doch eigentlich voll im Griff. Job, Hobbies, Kumpels – alles im Lack. Wo liegt dann bitte das gottverdammte Problem?

Könnte es am Ende sogar sein, dass das Leben gar keine so üble alte Drecksau und deswegen nicht zwangsläufig an allem Schuld ist, sondern man nur das erntet, was man sät, wenn man sich nicht wie eine Dreck-, aber wie eine ziemlich dumme Sau verhält? Fragen, Fragen, Fragen.

Die Irrungen und Wirrungen und die Tragikomik eines immer-wieder-Single-Daseins im fortgeschrittenen Alter, die Unfähigkeit zur Umsetzung guter Vorsätze, falsche Beuteschemata und das Unvermögen von diesen abzulassen, Torschlusspanik und emotionale Krampfzustände, beste Absichten, die im verhaltenspsychologischen Desaster enden, Hoffnungsschimmer und bäuch- wie rücklings auf dem blanken Wohnzimmerboden liegend verbrachte schlaflose Nächte, gefühlte Nuklearexplosionen im Brustkorb und mögliche Auswege aus all diesem Bullshit, den man eigentlich zu 0,0% nötig hätte, in den man aber immer wieder mit traumwandlerischer Sicherheit hineinstolpert – aus diesem Stoff liesse sich eine epische Ballade schmieden. Ich versuche eine Annäherung daran in sporadischen Schreibdurchfällen zu dieser heiklen Thematik.

Oh, und Moment mal… wer zum Henker ist eigentlich dieser Johnny Crock?!?

Ach ja, der. Der ist die allerärmste Sau. Und oft obendrein auch noch eine ziemlich dumme. Wartet’s ab und lest selbst, wenn’s soweit ist, mit der ersten „richtigen“ Folge zu starten.

Sep 082015
 

mann_ueber_wort_nacktgedanken_icon_300Ich denke ziemlich gerne. Und ich denke beinahe immer zuviel. Ich denke auch über Zeugs nach, das gar nicht von mir verlangt, das ich darüber nachdenke. Und über Zeugs, das eigentlich erfordern würde, eben mal NICHT darüber nach- und es damit doch bitteschön nicht kaputtzudenken. Das ist sozusagen mein Fluch.

Eine von mehreren Maßnahmen zur Bändigung des Gedankentornados, der nur zu gerne in ungünstigsten Momenten durch meinen Schädel tobt, wird nun sein, all das Gewirbel zu kanalisieren und als Schreibdurchfall in die Welt zu entlassen.

Alles davon, was nichts in einer der anderen Kategorien zu suchen hat, aber meiner Meinung nach für den Restmüll  zu schade oder zu gehaltvoll (muahahaha!) ist, findet man in den „Nacktgedanken“.

Warum dieser Titel für diese Kategorie des Blogs? Kulenkampff ist doch schon lange tot (damals gab es noch einen Sendeschluss bei den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten!!!) und das Wortspiel versteht somit heute niemand mehr?

Na ja, als ständiges Beitragsbildchen für die Kategorie fiel mir gleich Rodins „Le Penseur“ ein. Und dieser bronzene Denker sitzt eindeutig restlos nackig auf seinem Sockel.

Das „nackt“ darf in diesem Zusammenhang auch gerne so verstanden werden, dass ich mich in dieser Kategorie ziemlich unverblümt zu äußern gedenke, also „nackige“ Gedanken abfeuere, die durchaus auch mal anecken dürfen. Oder auch mal sollen. Ich Teufel, ich.

Passend ist irgendwie auch, dass der Mann, der für Rodins berühmte Plastik Modell stand bzw. saß, kein ausgewiesener Intellektueller, sondern ein Preisboxer, Ringer und hauptberuflicher Holzbauer war. Ich habe nämlich keinesfalls den Anspruch, in dieser Kategorie intellektuelle Höchstleistungen zur Schau zu stellen, die selbst hochrangige Mensa-Mitglieder sprachlos machen würden. Das nur als Warnung an all jene, die hier aufgrund des Logos ein „Kulturmagazin Aspekte“ hoch 25 in schriftlicher Form erwarten. Es wird wohl eher auf einen recht bunten Themenmix herauslaufen, bei dem nicht zwangsläufig in abgehobene Gefilde abgedriftet wird. Wenn überhaupt.

Es könnte sein, dass diese Kategorie zunächst mal „leersteht“, weil sich die Muse (das launische Stück!) zum Start des Blogs erst mal auf andere Themenbereiche stürzt. Wartet’s einfach ab. Auf den Tornado ist grundsätzlich Verlass. Der liefert. 😉

Sep 082015
 

mann_ueber_wort_zock_icon_300Seitdem ich mit zarten 8 Jahren meine erste Begegnung mit einem „Space Invaders“-Automaten hatte und diesen sofort für die großartigste technische Leistung der Menschheit hielt (ich war nun mal noch SEHR jung und relativ leicht zu beeindrucken), hat mich das Gaming (dass damals übrigens noch gar nicht offiziell so hieß) nie wirklich losgelassen.

Vom Atari VCS 2600 über C64 und Amiga bis zum PC und diversen Konsolen habe ich die Entwicklung des Mediums die letzten Jahrzehnte hindurch bei (meist) vollem Bewusstsein miterlebt. Und ja: ich zocke immer noch – was bei nicht wenigen Mitmenschen für Reaktionen sorgt, die von mitleidigem Lächeln bis hin zu spontaner Gottesanrufung reichen. Wobei mich der Spott von Menschen, die Gaming als Kinderkram abqualifizieren, um sich dann – ohne schamesrot zu werden – Abend für Abend dem geballten geistigen Dünnschiss von RTL & Co. hinzugeben, schon lange nicht mehr trifft.

Als Veteran des elektronischen Zockens habe ich quasi zwangsläufig eine andere Sicht auf das Medium als ein 14-jähriger „Assassin’s Creed“-Fähnchensammel-Achievement-Junkie. Viele der Begleiterscheinungen des Aufstiegs des Gaming zum Multimilliarden-Business gehen mir nicht nur dezent, sondern sogar extrem auf den Beutel. Und auch beim Zocken an sich liegen meist Welten zwischen meinen Prioritäten und denen der Kids.

mann_ueber_wort_zock_spaceinvaders_cabinet

„Mama, ich habe Gott gesehen!“ – „Echt? Hatte er weißes Haar und ’nen Rauschebart?“ – „Nö, ’nen Joystick und ’nen Fire-Button!“ Ich war erst Acht. Nicht vergessen. 😉

In „For Those About To Zock“ werde ich in unregelmäßigen Abständen sowohl Loblieder auf Perlen des Gaming als auch wüste Schimpftiraden in Richtung Spiel gewordener Spaßbremsen und nervtötender Auswüchse auf der Business-Seite abliefern. Alles natürlich streng subjektiv aus der Sicht des Alt-Gamers. Und ja, ich besitze zwar so eine Art Konsolen-Museum und habe eine Playsie, aber ich bin ein grundsätzlich überzeugter und eingefleischter PC-Gamer. Das kann nämlich, entgegen der scheinbar landläufigen Meinung, auch den einen oder anderen Vorteil haben. Hmmm, dazu sollte ich wohl auch mal einen Schreibdurchfall provozieren. 😉

Ich will dem von mir hochverehrten Senior Gamer-Blog hier keinesfalls Konkurrenz machen – das wäre meiner Meinung nach sowieso ein recht sinnloses Unterfangen (jawohl, dies ist ein Ausdruck der Bewunderung, Herr Kollege harzzach!). Ich finde nur, dass noch viel mehr alte Gamer-Säcke mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg halten sollten. Und sei es nur, um dem pausenlosen „Awesome!“-Gekreische der Marketing-Cheerleader und den über weite Strecken gänzlich von Ecken und Kanten befreiten Ergüssen der Fachpresse etwas entgegenzusetzen. Respect your elders! 😉

Sep 082015
 

mann_ueber_wort_restmuell_icon_300Simpelste Kategorie von allen.

Alles, was zum Schreibdurchfall wird und nicht in eine der anderen Kategorien passt, wird hier endgelagert. Hoffentlich muss ich diese Kategorie nicht irgendwann wegen Überfüllung schließen. 😉

Im „Restmüll“ können auch mal nur ein Bild, ein Link oder auch im Affekt heruntergetippte Schimpftiraden landen. Wir werden sehen. 😉

Sep 082015
 

mann_ueber_wort_midde_band_icon_300Spielste inner Band, kannste wat erleben.

Über die mal mehr, mal weniger glorreiche Vergangenheit, als ich bei Soultrip bzw. Noisegate das Mikro schwang, und die Erlebnisse mit halb-französisch nuschelnden Bühnentechnikern am Rande des Nervenzusammenbruchs, an kuriosen Orten vergessenen Instrumenten, fehlgeschlagenen Salti mit Gitarre oder grandiosen Auftritten als Salami im Hausflur könnt ihr euch in Kürze auf der Soultrip Memorial-Website amüsieren.

In „Midde Band“ geht’s ausschließlich um die Gegenwart und absehbare Zukunft, und die heißt Green Ink Machine.

Wann auch immer in meinem Bandleben mit meinen Rockbrüdern irgendetwas passiert, was einen Schreibdurchfall verursacht, wird dieser hier zu finden sein: ich denke da an Kuriositäten, Blicke hinter die meist gar nicht vorhandenen Kulissen oder ganz persönliche Betrachtungen von bandmäßigen Groß- und Kleinereignissen.

Warnhinweis: es kann durchaus vorkommen, dass die Beiträge in „Midde Band“ Muckerslang, Muckerhumor oder andere muckerspezifische Textelemente enthalten. Dies ist zu jeder Zeit und in jedem Fall volle und bewusst rücksichtslose Absicht. \m/